Tennisturnier Damen-Weltelite schlägt im Grunewald auf, der Standort profitiert davon Seite 38 Krieg in Nahost Auswirkungen auf Handel und Luftverkehr auch in Berlin spürbar Seite 54 Berlin braucht Talente aus aller Welt Im Standort-Wettbewerb zählen internationale Fachkräfte. Die wollen auch herkommen, sagt Billie-Chefin Aiga Senftleben. Aber: Das muss schneller und einfacher gehen Seite 18, Interview Seite 26 Berlin-Wahl Positionen der Wirtschaft IHK-Vollversammlung formuliert Forderungen an die Politik Seite 10 Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 05/2026 ihk.de/berlin Mehr in der BW Online
Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Nicht nur aufgrund der enorm hohen Energiepreise stehen Berliner Unternehmen zunehmend unter Druck. Jetzt ist die Zeit für Entlastungen. Was macht Berlin stattdessen? Die Politik beschließt eine Ausbildungsplatz- abgabe, die Unternehmen in ohnehin schwierigen Zeiten zusätzlich belastet (S. 12). Wer den Wirtschaftsstandort sichern will, muss die richtigen Anreize setzen – und nicht zusätzliche Hürden schaffen. Das gilt auch angesichts des Arbeits- und Fachkräftemangels, der als zentrales Wachstumshemmnis in den IHK-Positionen zur Abgeordnetenhauswahl adressiert wird (S. 10). Wir müssen rechtzeitig gegensteuern und internationale Talente gewinnen, wenn wir die Wirtschaftskraft nicht gefährden wollen (S. 18). Wie Unternehmen erfolgreich handeln, wie die IHK Berlin mit Projekten wie TalentsBridge bewusst neue Wege für die langfristige Fachkräftesicherung geht und welche politischen Rahmenbedingungen dafür nötig sind, diskutieren wir beim Festival der Berliner Wirtschaft am 24. Juni. Herzliche Einladung! Ihr Stadtentwicklung Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) eröffnet sich für Berlin eine Perspektive, die deutlich über klassische Stadtplanung hinausgeht. Eine IBA ist ein strategisches Instrument, mit dem Metropolen Antworten auf grundlegende Herausforderungen entwickeln können. Seite 16 Entlastungen und Fachkräfte gesucht berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 05 | 2026 Editorial | 03
Sicherheitstechnologie Das Unternehmen Noxoon um Gründer Christopher Walter hat einen speziellen Detektor für Sprengstoff entwickelt 40 18 Fachkräfte gewinnen Zentrales Thema beim Festival: Wie Berlin anziehend für qualifizierte internationale Talente bleiben kann BRANCHEN 30 Upcycling Moot verwandelt Textilabfälle in originelle Designs 34 Netzwerk Direkter Austausch durch „Frauen.Wirtschaft.Politik“ 35 Start-up Roman Laabs über das Konzept seiner Sirius GmbH 36 Gründungen Neue Berliner Unternehmen in Kurzvorstellungen 38 Tourismus Die Vanda Pharmaceuticals Berlin Tennis Open sind auch ein Gewinn für die Wirtschaft 40 Sicherheitstechnologie Der Detektor von Noxoon spürt Sprengstoff auf 42 Social Economy Zeitzubi UG integriert soziales Engagement in die Ausbildung 43 Historie Verbrennungsmotoren waren für Berlin ein Erfolgsmodell 44 Plattformökonomie Berliner Start-up We4All denkt 3D-Druck neu AGENDA 10 Berlin-Wahl Die Politik muss liefern – für den Wirtschaftsstandort 12 Ausbildungsplatzabgabe Mit seiner Entscheidung für die Abgabe ändert der Senat nichts an den Defiziten 13 Kolumne Robert Rückel fordert mehr Konnektivität am BER 14 Infrastruktur Laut Masterplan sollen viele Berliner Brücken bis 2040 erneuert oder saniert werden 16 Stadtentwicklung Internationale Bauausstellung eröffnet neue Perspektiven für die Gestaltung Berlins FOKUS 18 Fachkräfte gewinnen Rekrutierung im In- und Ausland ist das bestimmende Thema des Festivals der Berliner Wirtschaft im Juni im Ludwig Erhard Haus 22 Unternehmenspraxis Blick auf die Strategien von Profine, der Softwareagentur Snazz und von Sumerius 26 Interview Bürokratie und fehlende Digitalisierung erschweren nach Ansicht von Aiga Senftleben die Rekrutierung Aiga Senftleben Co-Geschäftsführerin Billie GmbH 26 Wir kümmern uns etwa um Deutschkurse und geben Tipps für die Eröffnung eines Bankkontos. ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/VLADIMIR TYURIN; FOTOS: AMIN AKHTAR, NOXOON, MAURITIUS IMAGES/ALAMY STOCK PHOTOS/CLAUDIA WEINMANN Inhalt | 04
Außenwirtschaft Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr des Welthandels. Vieles hängt davon ab, wie sich die Situation dort weiterentwickelt 54 FACHKRÄFTE 48 Digitale Bildung Berliner EdTechs nachhaltig auf Wachstumskurs 50 Berufsorientierung Berufsmesse der IHK zeigte, dass kurze Ausbildungswege im Trend liegen 51 Azubi-Ticket Was Unternehmen und Azubis tun müssen, um das Angebot nutzen zu können 52 Verbundausbildung Verbundpartner bilden Immobilienkaufleute gemeinsam mit Erfolg aus SERVICE 54 Außenwirtschaft Folgen des Nahost-Konflikts für die deutsche Wirtschaft 56 Handelsabkommen Verbesserter Zugang zum australischen Markt 57 Verpackung Hohe Anforderungen durch neue EU-Verordnung 59 Cybersicherheit Digitalverband SIBB startet neuen Inkubator für Start-ups 60 Versicherungen Einsatz von KI bestimmte den diesjährigen Branchentreff 62 Beratung EU-Richtlinie verpflichtet zu Transparenz beim Entgelt 63 IHK vor Ort Austausch mit Martin Hikel im Pop-up-Office in Neukölln 03 Editorial | 06 Entdeckt | 53 Seminare | 59 Impressum 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de Berliner Wirtschaft 05 | 2026 Inhalt | 05
FOTOS: ULRICH SCHUSTER Berliner Wirtschaft 05 | 2026 Entdeckt | 06
Sein erstes Katana, ein japanisches Langschwert, erwarb Peter Janssen vor mehr als 40 Jahren. Was auf dem Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni begann, ist zu einer Sammlung mit internationaler Ausstrahlung herangewachsen. 4.000 Stücke umfasst sie, 2017 eröffnete der Bauunternehmer sein privates Samurai Museum, zunächst in Berlin-Dahlem. Fünf Jahre später zog es um: Auguststraße, beste Lage in Berlin-Mitte. Dort zeigt Direktor Alexander Jöchl (Foto) rund 1.000 Exponate – Rüstungen und Waffen, aber auch Handwerkskunst, die Kultur und Geschichte der Adelskrieger vermittelt. Neben interaktiven Stationen tragen dazu Aufführungen im traditionellen Nō-Theater und Teezeremonien bei. Wie ein Ritterschlag ist die Nominierung des Hauses für den European Museum of the Year Award. Die Spannung bleibt noch etwas erhalten, im Juni wird die renommierte Auszeichnung in Bilbao vergeben. Kultur der Kriegerkaste Entdeckt | 07
„Der Beschluss ist endlich einmal eine gute Nachricht aus der Politik für die Berliner Wirtschaft. Denn damit steht eine weitere wichtige Säule der Verwaltungsreform. Die Bezirke tragen einen großen Teil der bürger- und unternehmensnahen Verwaltung. Sie können aber nur gute Arbeit leisten, wenn neue Aufgaben mit entsprechenden Mitteln hinterlegt werden. Ohne eine Einigung auf diesen Grundsatz wäre die Reform ernsthaft gefährdet gewesen.“ Der Senat hat mit dem Konnexitätsgesetz eine wichtige Säule der Verwaltungsreform beschlossen Endlich eine gute Nachricht gesagt Sebastian Stietzel, Präsident IHK Berlin 1.916 Insolvenzverfahren wurden in Berlin im vergangenen Jahr eröffnet, das sind 176 weniger als 2024. Damit hat Berlin sich vom Bundestrend gelöst. In Deutschland lag der Zuwachs bei Firmenpleiten mit 24.064 Insolvenzen bei mehr als neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. kopf oder zahl Heiko Büttner Bozena Sommerwerk- Zieminski ist neuer Vorsitzender der Geschäftsführung der S-Bahn Berlin GmbH. Büttner arbeitet seit 30 Jahren für die Deutsche Bahn. Seit 2017 leitete er die S-Bahn München. Nach dem Tod des langjährigen Geschäftsführers Peter Buchner im November 2025 hatte Karsten Preißel, Geschäftsführer Produktion, zunächst zusätzlich den Vorsitz übernommen. ist neue kaufmännische Geschäftsführerin der Berliner Stadtwerke. Sie folgt auf Andreas Schmitz und wird das landeseigene Unternehmen gemeinsam mit Chris Werner führen. Zuvor hat sie unter anderem beim WWF Deutschland und bei Alba gearbeitet. Ihr Fokus liegt auf Strategie, Digitalisierung, Organisationsentwicklung und Wirtschaftlichkeit. FOTOS: BENJAMIN PRITZKULEIT/BERLINER STADTWERKE, DEUTSCHE BAHN AG, CHRISTIAN KIELMANN, GETTY IMAGES (2)/ISTOCKPHOTO/MARIOGUTI; ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/DOYATA Berliner Wirtschaft 05 | 2026 Kompakt | 08
Quellen: Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder", Amt für Statistik Berlin-Brandenburg , , , , , ,5 ,4 ,3 -, -, -, -, , -, -, -,9 , Deutschland Saarland Baden-Württemberg Rheinland-Pfalz Sachsen-Anhalt Sachsen Hessen Brandenburg Nordrhein-Westfalen Thüringen Bayern Niedersachsen Hamburg Schleswig-Holstein Berlin Mecklenburg-Vorpommern Bremen Berlin wächst überdurchschnittlich Nur zwei Bundesländer konnten 2025 preisbereinigt einen höheren Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verzeichnen als Berlin berliner wirtschaft in zahlen Patrick Schulze, IHK-Experte für Statistik Tel.: 030 / 315 10-226 patrick.schulze@berlin.ihk.de BIP-Wachstum wurden im vergangenen Jahr in Berlin verzeichnet. 1,1 % Fahren Sie mit teuren Musikinstrumenten zur Arbeit? Ab einem Wert von 10.000 Euro berechtigt das zu einer Ausnahmegenehmigung für bewirtschaftete Parkzonen. Nicht die einzige Kuriosität im Regelwerk. Von einer ins Spiel gebrachten einheitlichen Flatrate ist Berlin weit entfernt. Besonders niedrig ist im Vergleich bislang der übliche Preis für eine Anwohner-Vignette: 10,20 Euro pro Jahr. In vielen anderen Städten ist es zehnmal so viel. Auch in Berlin sollte 2026 erhöht werden, im Wahljahr aber verhindert das nun eine sogenannte Fachverfahrensruhe. Seit Mitte 2020 haben die Länder die Gebührenhoheit. Bei dem Thema wollte wohl niemand die erste Geige spielen. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Verfahren geparkt typisch berlin Grafiken: BW Kompakt | 09
Im September wird ein neues Abgeordnetenhaus gewählt – es geht dabei um eine grundlegende Richtungsentscheidung für den Standort Berlin von Eike Paulun Die Politik muss liefern Der Wahlkampf zur Abgeordnetenhauswahl 2026 hat begonnen – und für die Berliner Wirtschaft geht es dabei um mehr als Programme und Versprechen. Es geht um eine grundlegende Richtungsentscheidung: Schafft es Berlin, wieder ein Standort zu sein, der wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht – oder bleibt es bei Ankündigungen? Mit der Verabschiedung ihrer Positionen hat die Vollversammlung der IHK Berlin Mitte März die Erwartungen der Wirtschaft klar formuliert. Sie sind kein theoretisches Papier, sondern spiegeln die Realität in den Betrieben wider. „Berlin hat enorme Potenziale – aber wir sehen auch, dass viele Unternehmen an strukturelle Grenzen stoßen“, sagt IHK-Präsident Sebastian Stietzel. „Wenn wir wollen, dass Investitionen in unserer Stadt stattfinden, müssen wir die Rahmenbedingungen spürbar verbessern.“ Das größte Problem ist längst bekannt: Unternehmen Forderungen Die Positionen der IHK zur Abgeordnetenhauswahl unter: ihk.de/ berlin/agh-wahl-bw FOTOS: GETTY IMAGES/MOREISO, DPA PICTURE-ALLIANCE/CHRISTOPH SOEDER Berliner Wirtschaft 05 | 2026 agenda
haben zu wenig Spielraum – und zu viele Hürden. Genehmigungsverfahren dauern zu lange, Anforderungen sind komplex, Zuständigkeiten unklar. Für viele Betriebe bedeutet das: Projekte verzögern sich, Investitionen werden verschoben – oder gar nicht erst begonnen. Mit der Novellierung des Landesorganisationsgesetzes ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung erfolgt. Entscheidend wird jetzt aber sein, dass die Reform auch umgesetzt wird – konsequent und schnell. Denn die Probleme entstehen nicht im Gesetzestext, sondern im Alltag der Verfahren. Gleichzeitig kommen auf die Berliner Wirtschaft immer wieder neue zusätzliche Belastungen zu – etwa durch die Ausbildungsplatzabgabe (s. S. 12). Solche Ansätze sind Ausdruck eines grundlegenden Misstrauens gegenüber den Unternehmen und gehen an der betrieblichen Realität vorbei. Während Wirtschaft andern- orts als Partner gestärkt wird, setzt Berlin auf zusätzliche Belastungen. Das verengt den Handlungsspielraum der Unternehmen weiter, statt ihn zu erweitern – und schafft keine zusätzlichen Ausbildungsplätze. Wachstum braucht bestimmte Voraussetzungen Die entscheidende Frage lautet: Ist die Politik bereit, Unternehmen tatsächlich zu entlasten – oder bleibt es bei Einzelmaßnahmen? Berlin kann sich weiteren Zeitverlust nicht leisten. Die Wirtschaft erwartet spürbaren Bürokratieabbau, schnellere Verfahren und eine Verwaltung, die Entscheidungen ermöglicht. Berlin diskutiert viel über Wachstum – schafft aber oft nicht die Voraussetzungen dafür. Gerade vor dem Hintergrund des gemeinsamen Bekenntnisses der Berliner Wirtschaft zur „Zukunftsdekade“ braucht es jetzt eine klare, verlässliche und langfristig ausgerichtete Standortpolitik, die Berlin bis 2035 als wettbewerbsfähige, innovative und international sichtbare Wirtschaftsmetropole stärkt – etwa durch gezielte Investitionen, schnellere Verfahren und ambitionierte Projekte zu internationalen Großveranstaltungen. Investitionen brauchen Planungssicherheit, verlässliche Verfahren und eine klare politische Linie. Doch genau daran fehlt es häufig. Es gibt zu viele Zielkonflikte, zu wenig Verlässlichkeit, zu lange Prozesse. Das zeigt sich insbesondere beim Wohnungsbau: Ohne ausreichend Wohnraum wird es nicht gelingen, Fachkräfte in der Stadt zu halten. Gleichzeitig werden Investitionen durch Unsicherheit und langwierige Verfahren ausgebremst. Hinzu kommen Debatten, die Investitionen zusätzlich verunsichern – weil sie grundlegende Rahmenbedingungen infrage stellen und Unternehmen keine verlässliche Perspektive bieten –, etwa über Vergesellschaftung, über Einschränkungen von Mobilität („Berlin autofrei“) oder über Eingriffe in bestehende Geschäftsmodelle („Berlin werbefrei“). Solche Diskussionen senden falsche, gar fatale Signale an Unternehmen und Investoren. Flächen werden nicht ausreichend entwickelt Auch bei Infrastruktur, Industrie- und Gewerbeflächen bleibt Berlin hinter seinen Möglichkeiten zurück. Flächen gehen verloren oder werden nicht ausreichend entwickelt – dabei sind sie eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und industrielle Wertschöpfung. Berlin muss sich entscheiden: Will die Stadt ein attraktiver Wirtschaftsstandort sein – oder weiter durch strukturelle Defizite und widersprüchliche Signale ausgebremst werden? Der Fachkräftemangel ist längst Realität – und er wird sich weiter verschärfen. Trotzdem fehlt es häufig an Konsequenz. Berufliche Bildung wird zu oft nachrangig behandelt, Verfahren zur Fachkräftezuwanderung dauern zu lange, vorhandene Potenziale bleiben ungenutzt. Dabei ist klar: ohne Fachkräfte kein Wachstum. Gefragt sind jetzt konkrete Maßnahmen: eine stärkere berufliche Orientierung, eine moderne duale Ausbildung und deutlich schnellere, unbürokratische Zugänge für internationale Fachkräfte. Neue Umlageinstrumente sind dabei nicht die Lösung. Entscheidend ist vielmehr, bestehende Potenziale zu aktivieren und die Rahmenbedingungen für Ausbildung und Beschäftigung zu verbessern. „Wirtschaftspolitik entscheidet sich nicht auf dem Papier, sondern im Alltag der Unternehmen“, betont IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner. „Wir brauchen eine Politik, die Reformen nicht nur ankündigt, sondern spürbar umsetzt.“ Wahljahr als Bewährungsprobe Die Abgeordnetenhauswahl 2026 ist damit mehr als ein politischer Wettbewerb. Sie ist ein Test, ob Berlin wirtschaftspolitisch handlungsfähig ist. Die Herausforderungen sind seit Jahren bekannt. Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Jetzt geht es darum, ob die Politik bereit ist, sie auch umzusetzen. Der Wahlkampf hat begonnen. Für den Wirtschaftsstandort Berlin ist das eine Chance – aber nur, wenn auf Worte endlich Taten folgen. ■ Mehr Dynamik gefragt: Wer auch immer ab Herbst im Abgeordnetenhaus sitzen wird, trägt Verantwortung für den Standort Eike Paulun, IHK-Politikmanager Tel.: 030 / 315 10-873 eike.paulun@ berlin.ihk.de Berlin-Wahl | 11 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Mit der Ausbildungsplatzabgabe bekämpft der Senat Symptome und belastet die Unternehmen, obwohl sie engagiert ausbilden von Lukas Bülter Die Ursachen werden ignoriert Die Entscheidung des Abgeordnetenhauses zur Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe markiert eine Zäsur in der Berliner Ausbildungspolitik – mit weitreichenden Folgen für die Unternehmen. Der Abstimmung am 26. März ging ein kurzfristiger Änderungsantrag der Regierungskoalition aus CDU und SPD voraus. Bereits einen Tag später stimmte der federführende Hauptausschuss dem Gesetz mehrheitlich zu. Noch bevor eine mögliche Zielerreichung öffentlich bekannt war, wurde der politische Beschluss gefasst. Kurz darauf verkündete der Regierende Bürgermeister, dass das Ziel von 2.000 zusätzlichen Ausbildungsverträgen seit 2023 nicht erreicht wurde. Das klingt wie eine Verfehlung, ist aber angesichts von rund 1.300 zusätzlichen Ausbildungsverträgen durch die Berliner Wirtschaft das Gegenteil. In Zeiten schwacher Konjunktur macht dieses Ergebnis das Engagement der Betriebe besonders deutlich. Die Leistung verdient Anerkennung. Stattdessen hält die Koalition an der Abgabe fest. Der zeitliche Ablauf der Entscheidungen lässt keinen Zweifel: Die Sorgen der Betriebe werden nicht ernst genommen, das Signal an sie ist eindeutig: mehr Bürokratie und zusätzliche finanzielle Belastungen. Auch nach den Änderungen bleibt die grundsätzliche Kritik der IHK bestehen. Die Anpassungen korrigieren nicht die Fehlannahmen des Gesetzes: dass Unternehmen nicht ausbilden wollten, dass alle Unternehmen ausbilden könnten und dass ausreichend passende Bewerbungen zur Verfügung stünden. Vom Gesetz betroffen sind zunächst alle Berliner Arbeitgeber, unabhängig von ihrer Größe, denn meldepflichtig ist immer die Mitarbeiterzahl, inklusive Inhaber. Für Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten greift anschließend ein gestaffeltes Abgabesystem: Liegt die Ausbildungsquote unter 3,1 Prozent, fällt eine Abgabe ohne Rückerstattung an. Bei einer Quote zwischen 3,1 und 4,6 Prozent wird die Abgabe erhoben, jedoch anteilig für neu geschaffene Ausbildungsplätze erstattet. Erst ab einer Quote von über 4,6 Prozent entfällt die Abgabe vollständig. Doch jahrzehntelange Defizite in Berufsorientierung und Matching lassen sich nicht kurzfristig und nicht allein durch die Wirtschaft beheben. Statt politisch gesetzter Quoten braucht Berlin Antworten auf zentrale Fragen – etwa wie unbesetzte Ausbildungsplätze besetzt und notwendige Basiskompetenzen bei Schulabgängern verlässlich vermittelt werden können. Das Gesetz bekämpft Symptome, nicht Ursachen. ■ Für noch mehr Bürokratie wird das neue Gesetz in jedem Fall sorgen, von finanziellen Belastungen ganz zu schweigen Lukas Bülter, IHK-Public-Affairs-Manager Bereich Wirtschaft & Politik neinzurabgabe@berlin.ihk.de FOTO: GETTY IMAGES/MIRAGEC AGENDA | Ausbildungsplatzabgabe | 12 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Mehr Konnektivität wagen Wer Weltmetropole sein will, darf sich auch bei den Flugverbindungen nicht mit einem Provinzniveau arrangieren Der Namensgeber des BER, Willy Brandt, hat einst gefordert: „Mehr Demokratie wagen“. Ohne Brandt zu widersprechen, heißt es aus wirtschaftspolitischer Sicht für die Hauptstadtregion heute: „Mehr Konnektivität wagen.“ Berlin ist Bundeshauptstadt, Tourismusmagnet und Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturmetropole. Die Verbindungen in die Welt sind dagegen nicht auf dem Niveau einer Metropole. Wer aus Asien oder Amerika nach Berlin, an die Ostsee oder nach Dresden will, muss meist in Frankfurt, München, Istanbul oder London umsteigen. Das erhöht den CO2-Ausstoß, kostet Zeit und mindert die Wettbewerbsfähigkeit. Im Beschluss der Konferenz der ostdeutschen Ministerpräsidenten heißt es treffend: Die Anbindung des BER sei „im internationalen Vergleich untragbar“. Wer Investitionen, Fachkräftezuwanderung, Kongresse, Tourismus und Neuansiedlungen wie eine Weltmetropole will, darf bei der Konnektivität nicht Provinzniveau akzeptieren. Langstreckenverbindungen sind keine symbolischen Prestigeprojekte, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Die schnelle Genehmigung zusätzlicher Start- und Landerechte für internationale Carrier ist ein wichtiger Baustein. Nicht nur Emirates, sondern auch andere Airlines würden gerne nach Berlin fliegen, wenn das Bundesverkehrsministerium sie lässt. Es kann nicht sein, dass westdeutsche Luftverkehrsstandorte geschützt werden, indem neue Langstreckenverbindungen in Ostdeutschland politisch und regulatorisch ausgebremst werden. Kern des Problems sind die hohen Standort- kosten in Deutschland. Die versprochene Reduzierung der Luftverkehrsteuer im Juli ist erfreulich, aber lange nicht ausreichend: Deutschland ist durch Luftverkehrsteuer, Luftsicherheitsgebühren und Kerosinvorgaben der teuerste Luftverkehrsstandort überhaupt: Einen Jumbo in Prag statt in Frankfurt oder Berlin landen zu lassen, spart einer Airline Millionen! Hier muss die Bundesregierung endlich nachsteuern, denn einen internationalen Verkehrsträger kann man nicht national besteuern. Der BER hat ein Einzugsgebiet von rund zehn Millionen Menschen, Berlin entwickelt sich wirtschaftlich dynamisch und wächst seit Jahren stärker als der Bundesdurchschnitt. Hinzu kommen große Zukunftsperspektiven – mit der Internationalen Bauausstellung (s. S. 16), der Expo 2035, den Olympischen Spielen 2040, dem 800. Stadtjubiläum und dem 50. Jahrestag des Mauerfalls. Wer Berlin international sichtbar machen will, muss Berlin international erreichbar machen. Deshalb brauchen wir politischen Rückenwind statt kleinteiliger Begrenzungen. Berlin und Ostdeutschland brauchen keine Sonderbehandlung, aber sie haben Anspruch auf faire Bedingungen. Es ist Zeit, mehr Konnektivität zu wagen. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Robert Rückel ist Geschäftsführer der Deutsches Spionage Museum DSM GmbH und Vizepräsident der IHK Berlin FOTO: AMIN AKHTAR/IHK BERLIN Auf den Punkt | 13 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Der Bedarf an Neubau und Sanierung ist gewaltig. Jetzt hat der Senat einen Masterplan beschlossen, nach dem dieses Infrastrukturproblem bis 2040 gelöst sein soll von Holger Lunau Frischzellenkur für Berlins Brücken Berliner Wirtschaft 05 | 2026 AGENDA | Infrastruktur | 14
B erlin ist eine Stadt der Brücken. Sie verbinden Straßen, Flüsse und Schienen und sind prägende Elemente des Stadtbilds und oftmals Symbole für die Ingenieurbaukunst. Von der historischen Oberbaumbrücke bis zu modernen Bauwerken über den Spreebogen: Jede Brücke erzählt eine Geschichte, sichert die Mobilität vieler Menschen und gewährleistet die Ver- und Entsorgung der Stadt. Gern vergleicht man Berlin mit Venedig, wenn es um die Anzahl der Brücken geht. Doch eigentlich ist das ein Vergleich zwischen David und Goliath. Denn die deutsche Hauptstadt zählt aktuell 1.047 Brückenbauwerke und damit mehr als doppelt so viele wie die italienische Lagunenstadt (rund 400). Allerdings kämpfen beide Städte mit ähnlichen Problemen. Zahlreiche Brücken sind marode und müssen dringend saniert oder neu gebaut werden. Dabei sind die Probleme in der Bundeshauptstadt immens größer als die in Venedig, wo es meist um Rutschfestigkeit oder Barrierefreiheit geht. In Berlin müssen laut einem vom Senat beschlossenen Masterplan 2025-2040 in den kommenden Jahren insgesamt 175 marode Brücken abgerissen und neu gebaut werden. Darüber hinaus besteht bei weiteren 125 Brückenbauwerken ein „signifikanter Erhaltungsbedarf“. Der Masterplan basiert auf einer umfassenden Bestandsanalyse der Brückenbauwerke des Landes Berlin und enthält zehn Handlungsfelder mit insgesamt 54 Handlungsvorschlägen. Als Frage bleibt, woher das Geld kommt Vor dem Hintergrund der gravierenden Finanzprobleme des Landes stellt sich aber die Frage, wie realistisch diese Planung ist und woher das Geld kommt. Im Masterplan heißt es dazu: „Die Investitionskosten für Ersatzneubauten und Erhaltungsmaßnahmen werden auf insgesamt rund 1,84 Mrd. Euro geschätzt. Bereits mit dem Doppelhaushalt 2026/2027 wurde das Investitionsvolumen für den Brückenbau angepasst. Mit der laufenden Fortschreibung der Investitionsplanung bis 2030 sollen die erforderlichen Mittel für die notwendigen Brückenbaumaßnahmen bereitgestellt werden. Hierbei sollen die bestehenden Möglichkeiten zur Inanspruchnahme von Fördermitteln der EU und des Bundes genutzt, ausgebaut und durch öffentlich-private Partnerschaftsmodelle ergänzt werden.“ Die IHK Berlin war an der Ausarbeitung des Masterplans nicht beteiligt, sieht aber den Senat bei einer Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen auf einem richtigen Weg. „Es ist schon mal ein Fortschritt, dass alle brückenbaulichen Defizite benannt wurden“, betont IHK-Verkehrs- experte Dr. Lutz Kaden. Nunmehr müssten für den Brückenneubau Prioritäten festgelegt und entsprechende Beschleunigungsmaßnahmen erarbeitet werden, um schnell und effizient bauen zu können. Aus Sicht der IHK sei es dabei zwingend notwendig, auch den Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs Rechnung zu tragen, um die Wirtschaft der Stadt jederzeit am Laufen zu halten. Prozesse müssen optimiert werden Zu den zehn vom Berliner Senat beschlossenen Handlungsfeldern gehört zum Beispiel der Bürokratieabbau. Ziel ist es unter anderem, administrative Hürden zu reduzieren und die Vergabeplattform des Landes Berlin zu evaluieren, um Vergabe- und Genehmigungsprozesse effizienter zu gestalten. Beim Thema Verwaltungsmanagement ist vorgesehen, Genehmigungsverfahren zu bündeln sowie Aufgaben der Fachaufsicht zur Straßenentwässerung und Ingenieurgeodäsie neu zu ordnen. Weiterhin sollen digitale Instrumente und Verfahren konsequent genutzt werden, um Planungs-, Prüf- und Bauprozesse zu optimieren. Dies umfasst die Evaluation der Prozessabläufe der E-Akte, die Einführung digitaler Planlauf- und Planprüfungssysteme, den Einsatz von E-Signatur und E-Siegel, Building-Information-Modeling und digitale Projektkommunikationssysteme. Zudem sollen Abstimmungs- und Kooperationsstrukturen zwischen Verwaltungen, Bauherren und externen Partnern verbessert werden. Vorgeschlagen werden partnerschaftliche Planungs- und Bauprozesse, neue Vertragsmodelle sowie Rahmenvereinbarungen mit anderen Bauherren und Versorgungsunternehmen. Bei der Optimierung der Projektabläufe zielen die Vorschläge auf die Entwicklung korridor- und streckenbezogener Projektstrategien, die Konzentration auf die Kernaufgabe Brückenbau und die klare Abgrenzung von Aufgaben wie der Straßenentwässerung im Brückenbereich. Vorgesehen sind außerdem die Evaluierung der Ersatzbaustoffverordnung im Land Berlin, der Einsatz innovativer und modularer Bauverfahren sowie die Standardisierung von Brückenkonstruktionen und Detaillösungen. Hinzu kommt ein zentrales Verkehrs- und Baustellenmanagement mit Leitbaustellen und temporären Vollsperrungen während Ersatzneubauten. ■ Dr. Lutz Kaden, IHK-Experte für Verkehr und Mobilität Tel.: 030 / 315 10-415 lutz.kaden@ berlin.ihk.de 175 Berliner Brücken müssen in den Jahren bis 2040 abgerissen und neu gebaut werden. ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/KIT8 Infrastruktur | 15
Die Internationale Bauausstellung soll Antworten auf Herausforderungen der wachsenden Stadt geben von Peter Rau Neue Perspektiven für Berlin Für den Wirtschaftsstandort Berlin ist dieser Ansatz von zentraler Bedeutung. Fehlender bezahlbarer Wohnraum und knappe Flächen für Gewerbe, Handwerk und Innovation wirken zunehmend als Standorthemmnis. Die IBA kann hier als Reallabor dienen – etwa für schnellere Planungs- und Genehmigungsprozesse, neue Bauformen, serielle Verfahren und einen effizienteren Umgang mit vorhandenen Flächen. Für die IHK steht die IBA im Kontext einer größeren Vision: der Zukunftsdekade 2034–2044. Gemeint ist ein langfristiger Orientierungsrahmen, in dem internationale Großvorhaben wie Expo und Olympia strategisch zusammengedacht werden – als Impulsgeber für Investitionen, Innovationen und nachhaltige Stadtentwicklung. Die Zukunftsdekade ist Ausdruck des Anspruchs, dass Berlin wieder den Mut haben sollte, positive Veränderung aktiv zu gestalten. Berlin hat diese Haltung bereits zweimal bewiesen. Die anstehende IBA kann daran anknüpfen – mit Mut und einer klaren Vision für die Zukunft der Stadt. „Eine Internationale Bauausstellung ist kein Schaufenster, sondern ein Werkzeug“, sagt Robert Rückel, Vizepräsident der IHK Berlin. „Sie eröffnet der Stadt die Chance, zu zeigen, dass bezahlbarer Wohnraum, wirtschaftliche Nutzung und Klimaschutz zusammengedacht und umgesetzt werden können.“ ■ Wohnraum ist ein zentraler Punkt bei der Ausgestaltung der nächsten IBA Der Berliner Senat hat im März die Durchführung einer Internationalen Bauausstellung (IBA) für die Jahre 2034 bis 2037 beschlossen. Damit eröffnet sich für Berlin ein Zeitfenster, das über klassische Stadtplanung hinausgeht. Eine Internationale Bauausstellung ist ein strategisches Instrument, mit dem Städte Antworten auf grundlegende Herausforderungen entwickeln und sichtbar machen. Berlin hat mit diesem Format Erfahrung. Die Interbau 1957 stand nach dem Krieg für den Neuanfang der modernen Stadt. Das Hansaviertel wurde zu einem international beachteten Symbol eines offenen, demokratischen Berlins. Rund drei Jahrzehnte später setzte die IBA 1984/87 andere Schwerpunkte: behutsame Stadterneuerung, Sanierung statt Abriss und die Rückgewinnung historischer Strukturen. Viele Quartiere tragen diese Handschrift bis heute. Beide Ausstellungen waren geprägt von klaren Leitbildern und wirkten weit über ihre Laufzeit hinaus. Die neue IBA knüpft an diese Tradition an. Vorgesehen sind Modellprojekte vor allem entlang des S‑Bahn-Rings und der großen Radialen, mit einem Schwerpunkt auf Umbau, Weiterentwicklung des Bestands und gezieltem Neubau. Es geht um zentrale Herausforderungen der wachsenden Stadt: Wohnungsmangel, Nutzungskonflikte, infra- strukturelle Engpässe und soziale Balance. Peter Rau, IHK-Public-Affairs- Manager Stadtentwicklung Tel.: 030 / 315 10-608 peter.rau@berlin.ihk.de Robert Rückel Vizepräsident IHK Berlin Eine Internationale Bauausstellung ist kein Schaufenster, sondern ein Werkzeug. FOTO: GETTY IMAGES/REINHARD KRULL Berliner Wirtschaft 05 | 2026 AGENDA | Stadtentwicklung | 16
INHALT 22 Ausbildung mit Teamspirit Profine GmbH setzt auf frühe und enge Bindung 24 Arbeiten, wo man leben will Snazz UG: Flexibilität ist bei Fachkräften Trumpf 25 Dem Mangel trotzen Sumerius GmbH: externe Finanzexpertise für KMUs 26 „Manchmal ist es wie in einem Labyrinth“ Aiga Senftleben, Billie GmbH, im Interview So bleibt Berlin anziehend Um international wettbewerbsfähig zu sein, braucht der Standort qualifizierte Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Darum geht es auch beim Festival der Berliner Wirtschaft im Juni im Ludwig Erhard Haus von Eli Hamacher F ür Personalchefs brechen einfachere Zeiten an. „Wir haben einen Arbeitgebermarkt, da wir wegen der schlechten Wirtschaftslage aus immer mehr Bewerbungen wählen können als zu guten Zeiten“, sagt Silvia de Grandis. Zurücklehnen kann sich die Expertin für Human Resources (HR) trotzdem nicht. Für den Berliner Spieleentwickler Wooga GmbH mit seinen aktuell 280 Beschäftigten sucht sie national und international Mitarbeitende. Nur ein Drittel kommt aus Deutschland, der Löwenanteil aus 50 weiteren Ländern, etwa aus Russland, Indien oder den USA. „Unsere Teams sind so spezialisiert, dass die Suche zwar einfacher, aber nicht einfach geworden ist. Es ist sehr wichtig für uns, dass wir die Möglichkeit haben, Leute aus dem Ausland zu finden.“ Zudem könne sich die Konjunktur auch zügig wieder erholen. Um die besten Fachkräfte zu locken, bietet das Berliner Unternehmen, das heute zur israelischen Playtika-Gruppe gehört, deshalb zahlreiche Benefits an. Für Neuankömmlinge und sogar die Familie übernimmt Wooga die Kosten der Flugtickets, hilft bei der Suche eines Apartments, kooperiert mit einer Krankenkasse und einem Kindergarten, bietet den Mitarbeitenden und der Familie Sprachkurse an. » fokus
ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/VLADIMIR TYURIN Fachkräfte gewinnen | 19 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Großer Pluspunkt aus der Sicht von de Grandis: Das von vielen Arbeitgebern kritisierte komplizierte Anwerben ausländischer Fachkräfte, insbesondere aus Drittstaaten außerhalb der EU, sei einfacher geworden, seitdem die Bundesregierung Ende 2023 das Fachkräfteeinwanderungsgesetz reformiert habe. Trotz der zunehmenden Kritik an der Standortqualität übe Berlin zudem immer noch einen großen Reiz auf internationale Fachkräfte aus, weil es viele internationale Arbeitsplätze und eine große Offenheit gegenüber internationalen Talenten gebe. Demografische Entwicklung verschlechtert Auch wenn sich die Situation bei den Fachkräften aktuell etwas entspannt, gibt es keinen Grund für Entwarnung. Allen voran, weil sich die demografische Entwicklung deutlich verschlechtern wird. Laut Fach-und Arbeitskräftemonitor der IHK Berlin gehen bis zum Jahr 2035 etwa 412.000 Beschäftigte beziehungsweise rund 520.000 Erwerbstätige in den Ruhestand. Schon heute blieben etwa 45.000 Arbeitsstellen unbesetzt, so der Monitor. Die IHK Berlin rechnet damit, dass diese Zahl bis zum Jahr 2035 auf mehr als 163.000 steigen könnte. Wie Unternehmen vorausschauend gegensteuern, berichten Experten und Firmen beim Festival der Berliner Wirtschaft am 24. Juni in der IHK Berlin. Das Festival wird in Workshops, Austauschformaten und bei Unternehmenspräsentationen interaktiv und praxisnah beleuchten, wie internationale Fachkräfte gewonnen, Fachkräftepotenziale im Inland gehoben und die Standortattraktivität gestärkt werden können. Dank zahlreicher Best Practices können Unternehmen von anderen lernen und innovative Ideen für die eigene Praxis mitnehmen. Anders als bei klassischen Fachveranstaltungen stehen beim Festival der Berliner Wirtschaft praktische Einblicke in die Unternehmen, internationale Perspektiven und politische Impulse im Mittelpunkt. Mehr internationale Fachkräfte für Berlins Unternehmen, das gehört für Sebastian Stietzel, Präsident der IHK Berlin, ganz oben auf die Agenda. „Wenn wir international wettbewerbsfähiger werden wollen, müssen wir qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland schneller und gezielter gewinnen.“ Internationale Fachkräftepartnerschaften mit Drittstaaten seien dafür ein zentraler Hebel: Sie ermöglichten es, Talente frühzeitig zu identifizieren und bereits im Herkunftsland auf den Berliner Arbeitsmarkt vorzubereiten – fachlich, sprachlich und kulturell. „Mit Projekten wie ,TalentsBridge‘ in Namibia zeigen wir, wie es gehen kann. Jetzt braucht es den politischen Willen, solche Ansätze zu verstetigen und zu skalieren.“ Stille Reserven heben Um Fachkräftepotenziale im Inland zu heben, muss Berlin aus Sicht von Nicole Korset-Ristic, Vizepräsidentin der IHK Berlin, „die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit weder Unternehmen noch Beschäftigte im Wandel zurückbleiben“. Für sie heißt das: „Wir müssen ältere Beschäftigte durch starke Anreize gezielt im Beruf halten, Eltern durch verlässliche Betreuung ihrer Kinder auch in Randzeiten entlasten und allen Zugang zu Bildung ermöglichen – von der frühkindlichen Bildung bis zur Nachqualifizierung im Job.“ So würden die vielen „stillen Reserven“ gehoben, die heute in weiten Teilen noch ungenutzt seien. „Unternehmen, die heute in flexible Arbeitszeiten, digitale Lernformate und moderne Ausbildungswege investieren, sichern die Fachkräftebasis von morgen und stärken den Wirtschaftsstandort Berlin nachhaltig“, so Korset-Ristic. Wie wichtig große Flexibilität ist, wissen vor allem die Chefs kleinerer Unternehmen. Zu ihnen gehört Maya Loerzer, Geschäftsführerin der Globalnorm GmbH. Der Dienstleister und Softwareanbieter sorgt mit gut 20 Mitarbeitenden dafür, dass Produkte alle Vorschriften, Gesetze und Standards beziehungsweise Normen einhalten, bevor sie auf den Markt kommen. „Wir haben von Anfang an sehr viel investiert in unsere eigenen Nicole Korset-Ristic IHK-Päsidiumsmitglied Unternehmen, die in flexible Arbeitszeiten, digitale Lernformate und moderne Ausbildungs- wege investieren, sichern die Fachkräfte- basis von morgen. 412 000 Beschäftigte gehen bis 2035 in Berlin in den Ruhestand. Bis zu 163.000 Stellen könnten dann unbesetzt bleiben. ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/VLADIMIR TYURIN; FOTOS: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR FOKUS | Fachkräfte gewinnen | 20 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Mitarbeiter, weil es für unsere Dienstleistungen keine Ausbildung und kein Studium gibt.“ Offen zeigt sich der 2002 gegründete Mittelständler, der sich als Pionier in der Branche sieht, deshalb auch für Quereinsteiger. Ein Mitarbeiter, der für ein Software-Tool verantwortlich ist, war zum Beispiel zuvor stellvertretender Filialleiter bei einer Supermarktkette. Das Marketing verantwortet eine Sozialpädagogin. „Als ein kleines Unternehmen können wir viel direkter auf unsere eigenen Mitarbeiter eingehen, sie direkt leiten und führen“, findet Loerzer. Flexibel zeigt sich Globalnorm auch beim Arbeitsort. Der Wohnraum in der Stadt wird knapper und teurer, der Arbeitsweg nach Umzügen oftmals länger. „Will ein Kollege an den Stadtrand ziehen, Berlin verlassen oder erst gar nicht in die Hauptstadt ziehen, finden wir eine Lösung. So bleiben wir für Fachkräfte attraktiv.“ Kontakt zu Bewerbern halten Auch für IHK-Präsident Stietzel steht fest, dass Berlin im Wettbewerb um Fachkräfte nur bestehen kann, wenn der Standort attraktiv ist. „Das heißt: mehr bezahlbarer Wohnraum für Auszubildende und Beschäftigte sowie ein leistungsfähiger Nahverkehr, der Menschen zuverlässig zur Arbeit bringt“, führt er an. Ohne diese Grundlagen werde es schwer, Fachkräfte zu gewinnen – und noch schwerer, sie zu halten. Über einen Mangel an Bewerbungen muss sich auch Nora Feist, Geschäftsführerin der Berliner PR und Brand Storytelling Agentur Mashup Communications, keine Sorgen machen. „Wir schauen uns auch Bewerber an, wenn wir gerade nicht aktiv suchen, und halten bei guten Profilen Kontakt.“ Wenn sie jemand nach drei Monaten wieder anschreibe, seien die meisten immer noch verfügbar. „Viele gut ausgebildete Kräfte finden zurzeit keinen Job, nicht nur wegen der wirtschaftlichen Lage, sondern auch, weil die KI Aufgaben übernimmt.“ Aus dem Bereich KI und GEO – der Optimierung von Inhalten für KI-gestützte Maschinen wie ChatGPT oder Google Gemini – bekommt auch ihre Agentur aktuell die meisten Aufträge. Dass Unternehmen der Technologie vertrauen, ohne Fachwissen intern aufzubauen, hält Feist für riskant. Ausbildung spielt für sie deshalb eine zentrale Rolle. Für die Trainees hat Mashup deshalb eine zehnmonatige maßgeschneiderte Ausbildung entwickelt, um die jungen Leute fit zu machen. ■ Sebastian Stietzel Präsident IHK Berlin Wir müssen qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland schneller und gezielter gewinnen. Elisabeth Wilhelm, IHK-Fachkräfte- referentin Tel.: 030 / 315 10-877 elisabeth.wilhelm@ berlin.ihk.de IHK-Netzwerk: Wie Berlin internationale Fachkräfte gewinnt Im Netzwerk „Unternehmen für ein internationales Berlin“ verbindet die IHK Berlin engagierte Betriebe, die talentierte internationale Mitarbeitende gewinnen, fördern und langfristig binden möchten. Sie können Erfahrungen austauschen, neue Chancen für ihr Recruiting entdecken und gemeinsam mit der IHK Berlin als dynamischen, internationalen Wirtschaftsstandort stärken. Jetzt über den Link oder den QR-Code anmelden und über aktuelle Themen rund um internationale Fachkräfte sowie alle Veranstaltungen informiert bleiben: ihk.de/berlin/ international-talents Festival der Berliner Wirtschaft Am 24. Juni geht es in der IHK Berlin praxisnah um das Thema Fachkräftegewinnung. Weitere Infos und Anmeldung über diesen QR-Code: Berliner Wirtschaft 05 | 2026 | 21
Stefanie Werner ist Ausbilderin, Marcel Schneider Leiter Ausbildung bei der Profine GmbH Bereits ab der siebten Klasse positionieren wir uns als Arbeitgeber bei Schülern. Stefanie Werner Besonders beliebt sind die Zuschüsse zum BVG-Ticket und zu den Mahlzeiten in unserer Kantine. Marcel Schneider FOKUS | Fachkräfte gewinnen | 22
Wie der Funke bei jungen Menschen überspringt, das wissen Marcel Schneider und Stefanie Werner sehr gut. Bei Besuchen von Schulen geben der Leiter Ausbildung und die Ausbilderin der Berliner Profine GmbH Einblicke in die Ausbildung und zeigen, wie der Arbeitsalltag beim Hersteller von Kunststoff-Profilen für Fenster und Haustüren aussieht. „Bereits ab der siebten Klasse positionieren wir uns als Arbeitgeber bei den Schülern und bieten Praktika im Unternehmen an, sei es für einen Tag oder auch länger“, sagt Werner. Nach dem Halbjahreszeugnis der zehnten Klasse können Schüler mit ihnen konkret über Ausbildungsberufe sprechen, die sie interessieren, und sogar in der Schule Bewerbungsgespräche führen. „Das senkt die Hemmschwelle enorm, weil viele in dem Alter vor Vorstellungsgesprächen in einer Firma noch Angst haben oder den Aufwand scheuen“, berichtet die Ausbilderin. Gleichzeitig nutze man die Chance, um frühzeitig auf Einstellungshürden wie unentschuldigte Fehltage, Fehlstunden und Verspätungen hinzuweisen. Die innovative Idee kommt bei den Schülern gut an. Von 17 Stellen, die Profine im vergangenen Jahr mit Azubis besetzen konnte, wurden sieben an den Schulen direkt rekrutiert. Von den rund 450 Mitarbeitenden in Berlin sind zehn Prozent in der Ausbildung – etwa zu Kunststofftechnologen, Elektronikern für Betriebstechnik, Mechatronikern, Fachkräften für Lagerlogistik, Industriekaufleuten, Werkzeugmechanikern und schließlich auch duale Studenten. Sehr genau schauen sich die Personaler die angehenden Fachkräfte in der viermonatigen Probezeit an. „Wir sehen das als Testlauf für beide Seiten“, unterstreicht Schneider. Auch die Azubis können feststellen, dass Unternehmen oder Lehrberuf doch nicht gut zu ihnen passen. Um die hohe Übernahmequote von 80 Prozent stabil zu halten, wird nicht nur sorgfältig ausgewählt, sondern auch die Ausbildung eng begleitet. So treffen sich alle Auszubildenden des ersten Lehrjahres vom Hauptsitz in Pirmasens und vom Berliner Produktionsstandort auf halber Strecke, um eine Woche lang im Team-Camp Präsentationstrainings zu üben oder auch durch Teamspiele enger zusammenzuwachsen. Gleichzeitig lernen sie den Eigentümer kennen, der viel Wert auf den Austausch mit dem Nachwuchs legt. „Wir möchten eine enge Bindung an das Unternehmen aufbauen“, so Werner. Zum Abschluss des Camps setzen die Azubis gemeinsam ein nachhaltiges Projekt um, zuletzt legten sie am Firmensitz in Marienfelde eine große Blumenwiese an. Einmal im Monat treffen sich zudem alle Azubis, um aktuelle Themen und Probleme zu besprechen. Viel Zeit investiert Profine schließlich in die Unterstützung bei der Vorbereitung zur Prüfung. Dazu gehören zum Beispiel zahlreiche Inhouse-Seminare und Kooperationen mit anderen Firmen. Azubia-Area zum Lernen und Kickern Wie alle Mitarbeitenden profitieren die Auszubildenden von umfangreichen Benefits. „Besonders beliebt sind die Zuschüsse zum BVG-Ticket und zu den Mahlzeiten in unserer Kantine“, so Schneider. Gut angenommen wird auch die Azubi-Area, ein Raum mit Lernbereichen, Arbeitsplätzen und Kicker, der bewusst eine jugendliche Atmosphäre schafft. Hier finden interne Azubikonferenzen, Workshops und Seminare statt. Zudem empfängt Profine hier Schulklassen. Last but not least betreibt Profine eine Ausbildungswerkstatt, in der die Azubis aus den gewerblich-technischen Berufen eine Grundausbildung im Schleifen, Bohren et cetera erhalten. Nur bei einem Thema muss Profine passen. Mobiles Arbeiten bietet das Industrieunternehmen den Schulabgängern nicht an. Das Lernen zu Hause sei weniger effektiv, nur im Unternehmen könne man die Azubis richtig anleiten. „Außerdem geht die Bindung zum Unternehmen verloren“, sagt Stefanie Werner. Nach Ende der Ausbildung sei mobiles Arbeiten jedoch möglich, sofern es die Aufgabe zulässt. ■ Die Profine GmbH stellt Kunststoff-Profile für Fenster her. Seinen Fachkräftenachwuchs bindet das Unternehmen frühzeitig eng an sich Ausbildung mit Teamspirit Gut vernetzt Der QR-Code führt zu Stefanie Werner auf LinkedIn: 17 Ausbildungsplätze hat Profine im vergangenen Jahr in Berlin besetzt, davon sieben durch direkte Schulkontakte. FOTO: CHRISTIAN KIELMANN Fachkräfte gewinnen | 23 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Mit Ortswechseln kennt sich Hannes Trettin bestens aus. „Ich bin in den vergangenen Jahren für den Job elfmal umgezogen, unter anderem nach Stuttgart, in die USA und sogar nach China“, sagt der Geschäftsführer der Berliner Softwareagentur Snazz UG, die kleine und mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung begleitet. Das wäre aber gar nicht notwendig gewesen, um die jeweilige Aufgabe zu erfüllen. Als Arbeitgeber dreht der 35-Jährige das Prinzip um. „Wir möchten, dass die Leute da arbeiten, wo sie leben wollen.“ Während die wirtschaftliche Lage in Deutschland immer schlechter wird und die Unternehmen zunehmend Mitarbeitende entlassen, wirkt Trettins Ansage fast anachronistisch. Doch der Wirtschaftsingenieur ist überzeugt: „Wir binden nicht unsere Mitarbeiter und finden erst recht nicht die besten Fachkräfte, indem wir sie aus dem Homeoffice ins Büro zurückholen.“ Mit seiner zweiten Firma, der Project Bay, betreibt Trettin Workation-Spaces, etwa auf Rügen, wo der Unternehmer aufwuchs, auf Sylt, in Dresden, Spanien, Italien, Albanien oder etwa der Slowakei. Seine Idee: Die eigenen Beschäftigten, aber auch die von anderen Firmen können an den Standorten nicht nur arbeiten, sondern auch leben, einige Tage, mehrere Wochen oder länger, in einem Hotelzimmer oder Apartment. Co-Working-Living im Hotel „Die Idee entstand, weil wir als Softwarefirma nicht mit den Gehältern der großen Wettbewerber mithalten können. Wir bieten deshalb flexible Arbeitsmodelle an und setzen daneben auf gemeinsame Team-Events, Workshops und Retreats, um die Beschäftigten zu binden“, sagt der Chef, für den die „Zeit der Obstkörbe und Kicker“ definitiv vorbei ist. Um die Zahl der Co-Working-Living-Standorte von heute 20 auf 160 zu erhöhen, arbeitet Project Bay mit Hotels zusammen, die die Infrastruktur bereits aufgebaut haben und so ihre Auslastung erhöhen können – eine Win-win-Situation. Trettin, der in seinem Firmenverbund aktuell rund 50 Mitarbeitende beschäftigt und zum Ende des Jahres 90 anstrebt, nutzt für sein Geschäftsmodell auch geschickt den Wunsch nach Vernetzung. „Wir haben viele Kollegen, für die der Aufbau neuer Netzwerke entscheidend ist.“ Über eine App könne man künftig erfahren, an welchem Standort gerade Co-Worker mit welchem Schwerpunkt sitzen würden. Gleichzeitig sei es kein Problem, nur im Homeoffice zu arbeiten. ■ Hannes Trettin ist Gründer und Geschäftsführer der Snazz UG Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Unternehmer auf LinkedIn: Die Softwareagentur Snazz setzt auf größtmögliche Flexibilität, um Mitarbeiter zu finden und zu binden. Team-Events ersetzen den gemeinsamen Büroalltag Arbeiten, wo man leben will Hannes Trettin Wir finden nicht die besten Fachkräfte, indem wir sie aus dem Homeoffice ins Büro zurückholen. FOTOS: STEFAN POCHA, CHRISTIAN KIELMANN FOKUS | Fachkräfte gewinnen | 24 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
Monika Freimuth ist Geschäftsführerin der Sumerius GmbH in Berlin-Mitte Aus dem Fachkräftemangel im Finanz- und Rechnungswesen hat die Sumerius GmbH ein gut laufendes Geschäftsmodell gemacht. Die gut 20 Mitarbeitenden übernehmen für ihre Kunden, die oftmals aus dem Mittelstand kommen, kaufmännische Prozesse im Accounting, in der Buchhaltung und im Controlling. „Die Komplexität im Finanz- und Rechnungswesen ist immens gestiegen, auch wegen erhöhter regulatorischer Anforderungen“, sagt Monika Freimuth. Geschäftsführerin der Sumerius GmbH mit Hauptsitz in Berlin-Mitte sowie weiteren Standorten in Köln und Magdeburg. Diese Situation habe erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen, von verspäteten Jahresabschlüssen über erhöhte steuerliche Risiken bis hin zur Überlastung der verbleibenden Teams. Mehr Effizienz kann die Digitalisierung bringen, doch gerade kleineren Unternehmen fehlen oftmals die Kapazitäten, um die Technologie nicht nur einzuführen, sondern auch kontinuierlich zu begleiten. Für sie könne Sumerius automatisierte Workflows einrichten und sicherstellen, dass wichtige Aufgaben nicht liegen bleiben, etwa weil die zuständige Fachkraft ausfällt oder sogar kündigt. „Wenn die Kreditorenbuchhaltung brachliegt, ist die ganze Produktion gefährdet“, so Freimuth. Auf Digitalisierung setzt Freimuth auch bei der Suche von Fachkräften. „Ich habe meinen Bewerberprozess so weit wie möglich digitalisiert, etwa für das Terminmanagement.“ Musterprofile für Lebensläufe würden ihr helfen, geeignete Kandidaten auszuwählen, die sie zum Beispiel über die großen Plattformen wie Indeed anspricht. Ihnen schickt Freimuth via KI ein Standardschreiben mit einem Link zur Terminbuchung für ein halbstündiges Interview. Über Fachkräftemangel macht sich die Sumerius-Chefin aktuell keine Sorgen. „Aufgrund der wirtschaftlichen Situation schätze ich die Fachkräfteentwicklung zurzeit sehr gut ein. Ich bekomme alle offenen Stellen binnen zwei bis drei Monaten gut besetzt.“ Da die Geschäfte gut laufen, wird Freimuth ihr Team im laufenden Jahr weiter aufstocken. Und ist dabei auch offen für internationale Fachkräfte, vorausgesetzt, sie beherrschen Deutsch auf dem sogenannten C1-Niveau, bringen also fachkundige Sprachkenntnisse mit. Um den Pool der Kandidaten groß zu halten, muss auch Sumerius flexible Arbeitsmodelle anbieten. Die Mitarbeitenden können vier Tage im Homeoffice arbeiten und müssen nur einen Tag ins Büro kommen. „Flexibilität ist ein Muss. Es gibt junge Leute, die sonst sagen, dann verdiene ich lieber ein bisschen weniger und bin mehr im Homeoffice.“ ■ Gut vernetzt Der QR-Code führt zur Unternehmerin auf LinkedIn: Die Sumerius GmbH ist im Finanz- und Rechnungswesen für Mittelständler tätig. Denen fehlen oftmals selbst die Fachkräfte dafür Dem Mangel trotzen Monika Freimuth Aufgrund der wirtschaftlichen Situation schätze ich die Fachkräfte- entwicklung derzeit als sehr gut ein. Fachkräfte gewinnen | 25 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
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