Berliner Wirtschaft Mai 2026

B erlin ist eine Stadt der Brücken. Sie verbinden Straßen, Flüsse und Schienen und sind prägende Elemente des Stadtbilds und oftmals Symbole für die Ingenieurbaukunst. Von der historischen Oberbaumbrücke bis zu modernen Bauwerken über den Spreebogen: Jede Brücke erzählt eine Geschichte, sichert die Mobilität vieler Menschen und gewährleistet die Ver- und Entsorgung der Stadt. Gern vergleicht man Berlin mit Venedig, wenn es um die Anzahl der Brücken geht. Doch eigentlich ist das ein Vergleich zwischen David und Goliath. Denn die deutsche Hauptstadt zählt aktuell 1.047 Brückenbauwerke und damit mehr als doppelt so viele wie die italienische Lagunenstadt (rund 400). Allerdings kämpfen beide Städte mit ähnlichen Problemen. Zahlreiche Brücken sind marode und müssen dringend saniert oder neu gebaut werden. Dabei sind die Probleme in der Bundeshauptstadt immens größer als die in Venedig, wo es meist um Rutschfestigkeit oder Barrierefreiheit geht. In Berlin müssen laut einem vom Senat beschlossenen Masterplan 2025-2040 in den kommenden Jahren insgesamt 175 marode Brücken abgerissen und neu gebaut werden. Darüber hinaus besteht bei weiteren 125 Brückenbauwerken ein „signifikanter Erhaltungsbedarf“. Der Masterplan basiert auf einer umfassenden Bestandsanalyse der Brückenbauwerke des Landes Berlin und enthält zehn Handlungsfelder mit insgesamt 54 Handlungsvorschlägen. Als Frage bleibt, woher das Geld kommt Vor dem Hintergrund der gravierenden Finanzprobleme des Landes stellt sich aber die Frage, wie realistisch diese Planung ist und woher das Geld kommt. Im Masterplan heißt es dazu: „Die Investitionskosten für Ersatzneubauten und Erhaltungsmaßnahmen werden auf insgesamt rund 1,84 Mrd. Euro geschätzt. Bereits mit dem Doppelhaushalt 2026/2027 wurde das Investitionsvolumen für den Brückenbau angepasst. Mit der laufenden Fortschreibung der Investitionsplanung bis 2030 sollen die erforderlichen Mittel für die notwendigen Brückenbaumaßnahmen bereitgestellt werden. Hierbei sollen die bestehenden Möglichkeiten zur Inanspruchnahme von Fördermitteln der EU und des Bundes genutzt, ausgebaut und durch öffentlich-private Partnerschaftsmodelle ergänzt werden.“ Die IHK Berlin war an der Ausarbeitung des Masterplans nicht beteiligt, sieht aber den Senat bei einer Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen auf einem richtigen Weg. „Es ist schon mal ein Fortschritt, dass alle brückenbaulichen Defizite benannt wurden“, betont IHK-Verkehrs- experte Dr. Lutz Kaden. Nunmehr müssten für den Brückenneubau Prioritäten festgelegt und entsprechende Beschleunigungsmaßnahmen erarbeitet werden, um schnell und effizient bauen zu können. Aus Sicht der IHK sei es dabei zwingend notwendig, auch den Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs Rechnung zu tragen, um die Wirtschaft der Stadt jederzeit am Laufen zu halten. Prozesse müssen optimiert werden Zu den zehn vom Berliner Senat beschlossenen Handlungsfeldern gehört zum Beispiel der Bürokratieabbau. Ziel ist es unter anderem, administrative Hürden zu reduzieren und die Vergabeplattform des Landes Berlin zu evaluieren, um Vergabe- und Genehmigungsprozesse effizienter zu gestalten. Beim Thema Verwaltungsmanagement ist vorgesehen, Genehmigungsverfahren zu bündeln sowie Aufgaben der Fachaufsicht zur Straßenentwässerung und Ingenieurgeodäsie neu zu ordnen. Weiterhin sollen digitale Instrumente und Verfahren konsequent genutzt werden, um Planungs-, Prüf- und Bauprozesse zu optimieren. Dies umfasst die Evaluation der Prozessabläufe der E-Akte, die Einführung digitaler Planlauf- und Planprüfungssysteme, den Einsatz von E-Signatur und E-Siegel, Building-Information-Modeling und digitale Projektkommunikationssysteme. Zudem sollen Abstimmungs- und Kooperationsstrukturen zwischen Verwaltungen, Bauherren und externen Partnern verbessert werden. Vorgeschlagen werden partnerschaftliche Planungs- und Bauprozesse, neue Vertragsmodelle sowie Rahmenvereinbarungen mit anderen Bauherren und Versorgungsunternehmen. Bei der Optimierung der Projektabläufe zielen die Vorschläge auf die Entwicklung korridor- und streckenbezogener Projektstrategien, die Konzentration auf die Kernaufgabe Brückenbau und die klare Abgrenzung von Aufgaben wie der Straßenentwässerung im Brückenbereich. Vorgesehen sind außerdem die Evaluierung der Ersatzbaustoffverordnung im Land Berlin, der Einsatz innovativer und modularer Bauverfahren sowie die Standardisierung von Brückenkonstruktionen und Detaillösungen. Hinzu kommt ein zentrales Verkehrs- und Baustellenmanagement mit Leitbaustellen und temporären Vollsperrungen während Ersatzneubauten. ■ Dr. Lutz Kaden, IHK-Experte für Verkehr und Mobilität Tel.: 030 / 315 10-415 lutz.kaden@ berlin.ihk.de 175 Berliner Brücken müssen in den Jahren bis 2040 abgerissen und neu gebaut werden. ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/KIT8 Infrastruktur | 15

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