Was erwarten Sie von der Politik? Ich wünsche mir, dass die Behördenkultur verbessert wird. Ich erlebe immer wieder, dass Fachkräfte wie Bittsteller und nicht wie Kunden behandelt werden. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, dass auf Englisch verfasste Zeugnisse teilweise nicht anerkannt werden. Die Leute registrieren sehr genau, wie sie in den Ämtern behandelt werden. Die Behörden sind ein wichtiger Bestandteil einer Willkommenskultur. Aber das ist es nicht allein. Was kommt noch dazu? Die Berliner Fachkräftestrategie ist eigentlich gar keine Strategie. Es gibt kein Zielbild und demzufolge keine zielgerichteten Maßnahmen, keinen Plan. Es werden einfach Maßnahmen aufgelistet. Das ist mir zu wenig. Es sind drei Phasen, in denen wir Fachkräfte integrieren: die Einwanderung, die Ankunft und die Bindung. In den ersten beiden Phasen können Unternehmen sehr viel selbst machen. Für die dritte Phase brauchen wir die Politik. Warum? Weil die Menschen in einer funktionierenden und sauberen Stadt wohnen wollen. Sie wollen attraktiven Wohnraum und gute Schulen und Kitas, einen gut angebundenen Flughafen. Und wir müssen darauf achten, dass die Neu-Berliner Deutsch lernen. Sonst misslingt die Integration, und tüchtige Fachkräfte ziehen zum Beispiel nach London weiter. ■ dere wenn es um potenzielle neue Mieter mit einem fremdländisch klingenden Namen geht. Es geht so weit, dass wir für unsere Leute auch schon Wohnungen in Leipzig besorgt haben. Da gibt es wenigstens eine gute Zugverbindung. Wie beliebt ist es denn heute noch bei inter- nationalen Fachkräften, in Berlin zu arbeiten? Berlin hat immer noch eine enorme Strahlkraft, die ziemlich gut Talente anzieht. Es ist im Ausland bekannt, dass hier ein Ökosystem für innovative Unternehmen besteht. Für junge Menschen ist die Stadt cool. Allerdings wird der Rechtsruck in Deutschland auch sehr stark von ihnen wahrgenommen. Das ist glücklicherweise in Berlin insgesamt noch kein so großes Thema. Aber wir sollten uns nicht allzu sicher sein, dass unsere Stadt auch auf Dauer attraktiv genug für internationale Fachkräfte sein wird. Warum haben Sie Bedenken? Ich habe zunächst nicht das Gefühl, dass in der Berliner Politik überall verstanden wird, wie wichtig Fachkräfte aus dem Ausland für die Berliner Wirtschaft sind. Unser Wachstum ist nicht zuletzt deshalb höher als in vielen anderen Regionen Deutschlands, weil wir attraktiv für Einwanderer sind. Und es wird auch nicht verstanden, dass wir da in einem harten Wettbewerb mit Standorten wie München, London oder Stockholm stehen. Gut vernetzt Kontakt zu Aiga Senftleben auf LinkedIn über den QR-Code: Fachkräfte gewinnen | 29
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