Berliner Wirtschaft Mai 2026

Der Nahe Osten hat eine strategische Bedeutung für Energie und Handel. Er gehört aufgrund von großen Reserven und Produktionskapazitäten an Öl und Erdgas weltweit zu den bedeutendsten Energielieferanten und ist ein wichtiger Exporteur von raffinierten Erdölprodukten. Die Meerengen Bab al-Mandab/Suezkanal und die Straße von Hormus sowie die Golf-Hubs stellen darüber hinaus strategisch wichtige See- und Luftfrachtrouten für den Welthandel dar. Anders als andere Länder ist Deutschland von Energie-Importen aus der Region gering abhängig; lediglich 6,1 Prozent des Rohöls wurden im Jahr 2025 aus dem Nahen Osten importiert. Nichtsdestotrotz entstehen durch die jüngsten Preissteigerungen auf globalen Rohstoff- und Energiemärkten, die sich wiederum auf Preise in Deutschland auswirken, nachgelagerte Effekte für die deutsche Wirtschaft. Da Öl und Gas rund 40 Prozent des industriellen Energieverbrauchs in Deutschland darstellen, erhöhen die steigenden Energiepreise unmittelbar die Produktionskosten. Zudem steigen seit dem Beginn des Konflikts die Spritpreise, die insbesondere mittlere und kleine Unternehmen in vielen Branchen wie etwa Transport, Logistik oder Handel belasten. Bei der Gasversorgung sind die direkten Auswirkungen derzeit überschaubar, denn hier sichern sich Unternehmen oft über langfristige Verträge ab. Ein länger andauernder Konflikt könnte jedoch auch hier zu Preissteigerungen bei neu abgeschlossenen Verträgen führen. Golfregion auch für Berlin relevanter Markt Laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) beträgt das Handelsvolumen mit der Golfregion rund 30 Mrd. Euro. Deutsche Exporte beliefen sich im Jahr 2025 auf 24,8 Mrd. Euro, Importe auf 4,3 Mrd. Euro. Die deutsche Wirtschaft unterhält also relevante wirtschaftliche Beziehungen mit den Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC). Das gilt auch für Berliner Unternehmen. Der Anteil der Golfregion an den Berliner Gesamtausfuhren lag im Jahr 2025 bei 4,7 Prozent mit Ausfuhren in Höhe von insgesamt 850 Mio. Euro. Dabei exportierten Berliner Unternehmen größtenteils an Saudi-Arabien (380 Mio. Euro), das Platz 13 der wichtigsten Berliner Exportmärkte belegt. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) nehmen mit 209 Mio. Euro Platz 19 ein. Gemeinsam stehen die beiden Länder für 70 Prozent des Berliner Exports in die Region. Dabei werden insbesondere Maschinen, elektrische Ausrüstungen sowie pharmazeutische Erzeugnisse in die Staaten am Golf exportiert. Für betroffene Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen zur Region unterhalten, zeigen sich die kurzfristigen unmittelbaren Auswirkungen des derzeitigen Konflikts insbesondere im Hinblick auf die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden bei den Reisen und Entsendungen in die Region sowie bei Logistikproblemen, gestörten Lieferketten und damit verbundenen Handelsrisiken. Längere Lieferzeiten durch Umfahrungen In diesem Zusammenhang stellen insbesondere die Blockaden der wichtigen Handelsrouten, wie der Straße von Hormus, Unternehmen vor große operative Herausforderungen. Nach Angaben der DIHK läuft etwa ein Prozent des deutschen Außenhandels über die Straße von Hormus, rund zehn Prozent über die Meerenge Bab al-Mandab/Suezkanal. Zudem fungiert die Region als ein wichtiger globaler Luftfrachthub – rund 65 Prozent der Luftfracht im Nahen Osten werden über Dubai und Doha abgewickelt, überwiegend als Transitfracht zwischen Europa und Asien. Durch die Sperrung der Straße von Hormus und die teilweise geschlossenen Luftwege müssen Routen im See- und Lufttransport nun angepasst werden. Die Umfahrungen um Afrika führen zu längeren Lieferzeiten. Auch Verzögerungen beim Containerumschlag an Häfen sind möglich, wenn Schiffe beispielsweise später ankommen oder die zusätzlichen Frachtkapazitäten nicht ausreichen, damit die geplante Taktung aufrechterhalten wird. Darüber hinaus kann es durch längere Transportwege zur Senkung der verfügbaren logistischen Kapazitäten kommen. Auch haben die geänderten Transportrouten steigende Transport- und Versicherungskosten, etwa durch Kriegsrisikoversicherungszuschlag, sowie steigende Frachtraten zur Folge. Für Unternehmen können sich – insbesondere vor dem Hintergrund der gestörten Lieferketten – auch mittelfristig Risiken ergeben. Diese betreffen insbesondere mögliche Engpässe bei Industriegütern, Vorprodukten oder Hightech-Komponenten. Am 8. April haben sich die Konfliktparteien auf eine zweiwöchige Waffenruhe verständigt, erste Gespräche zwischen den USA und dem Iran führten jedoch zu keinem Ergebnis. Wie sich die Situation weiterentwickelt und welche Auswirkungen sie künftig für die deutsche Wirtschaft mit sich bringt, bleibt abzuwarten. ■ Vesna Mokorel Kalusa, IHK-Rechtsreferentin Energie- und Umweltrecht, Außenwirtschaft Tel.: 030 / 315 10-249 vesna.mokorel-kalusa@ berlin.ihk.de Mahshid Daryabegi, IHK-Referentin Außenwirtschaft & Fachkoordination Team Exportdokumente Tel.: 030 / 315 10-304 mahshid.daryabegi@ berlin.ihk.de IHK-Service Informationen zu Unternehmenssicherheit und Resilienz unter: ihk.de/berlin/ cybersicherheit-bw DIHK-Service Informationen der DIHK zu den Folgen des Nahost-Kriegs unter folgendem QR-Code: bitly.cx/uSmL FOTO: MAURITIUS IMAGES/ ALAMY STOCK PHOTOS/ CLAUDIA WEINMANN Außenwirtschaft | 55 Berliner Wirtschaft 05 | 2026

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