Berliner Wirtschaft Mai 2026

haben zu wenig Spielraum – und zu viele Hürden. Genehmigungsverfahren dauern zu lange, Anforderungen sind komplex, Zuständigkeiten unklar. Für viele Betriebe bedeutet das: Projekte verzögern sich, Investitionen werden verschoben – oder gar nicht erst begonnen. Mit der Novellierung des Landesorganisationsgesetzes ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung erfolgt. Entscheidend wird jetzt aber sein, dass die Reform auch umgesetzt wird – konsequent und schnell. Denn die Probleme entstehen nicht im Gesetzestext, sondern im Alltag der Verfahren. Gleichzeitig kommen auf die Berliner Wirtschaft immer wieder neue zusätzliche Belastungen zu – etwa durch die Ausbildungsplatzabgabe (s. S. 12). Solche Ansätze sind Ausdruck eines grundlegenden Misstrauens gegenüber den Unternehmen und gehen an der betrieblichen Realität vorbei. Während Wirtschaft andern- orts als Partner gestärkt wird, setzt Berlin auf zusätzliche Belastungen. Das verengt den Handlungsspielraum der Unternehmen weiter, statt ihn zu erweitern – und schafft keine zusätzlichen Ausbildungsplätze. Wachstum braucht bestimmte Voraussetzungen Die entscheidende Frage lautet: Ist die Politik bereit, Unternehmen tatsächlich zu entlasten – oder bleibt es bei Einzelmaßnahmen? Berlin kann sich weiteren Zeitverlust nicht leisten. Die Wirtschaft erwartet spürbaren Bürokratieabbau, schnellere Verfahren und eine Verwaltung, die Entscheidungen ermöglicht. Berlin diskutiert viel über Wachstum – schafft aber oft nicht die Voraussetzungen dafür. Gerade vor dem Hintergrund des gemeinsamen Bekenntnisses der Berliner Wirtschaft zur „Zukunftsdekade“ braucht es jetzt eine klare, verlässliche und langfristig ausgerichtete Standortpolitik, die Berlin bis 2035 als wettbewerbsfähige, innovative und international sichtbare Wirtschaftsmetropole stärkt – etwa durch gezielte Investitionen, schnellere Verfahren und ambitionierte Projekte zu internationalen Großveranstaltungen. Investitionen brauchen Planungssicherheit, verlässliche Verfahren und eine klare politische Linie. Doch genau daran fehlt es häufig. Es gibt zu viele Zielkonflikte, zu wenig Verlässlichkeit, zu lange Prozesse. Das zeigt sich insbesondere beim Wohnungsbau: Ohne ausreichend Wohnraum wird es nicht gelingen, Fachkräfte in der Stadt zu halten. Gleichzeitig werden Investitionen durch Unsicherheit und langwierige Verfahren ausgebremst. Hinzu kommen Debatten, die Investitionen zusätzlich verunsichern – weil sie grundlegende Rahmenbedingungen infrage stellen und Unternehmen keine verlässliche Perspektive bieten –, etwa über Vergesellschaftung, über Einschränkungen von Mobilität („Berlin autofrei“) oder über Eingriffe in bestehende Geschäftsmodelle („Berlin werbefrei“). Solche Diskussionen senden falsche, gar fatale Signale an Unternehmen und Investoren. Flächen werden nicht ausreichend entwickelt Auch bei Infrastruktur, Industrie- und Gewerbeflächen bleibt Berlin hinter seinen Möglichkeiten zurück. Flächen gehen verloren oder werden nicht ausreichend entwickelt – dabei sind sie eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und industrielle Wertschöpfung. Berlin muss sich entscheiden: Will die Stadt ein attraktiver Wirtschaftsstandort sein – oder weiter durch strukturelle Defizite und widersprüchliche Signale ausgebremst werden? Der Fachkräftemangel ist längst Realität – und er wird sich weiter verschärfen. Trotzdem fehlt es häufig an Konsequenz. Berufliche Bildung wird zu oft nachrangig behandelt, Verfahren zur Fachkräftezuwanderung dauern zu lange, vorhandene Potenziale bleiben ungenutzt. Dabei ist klar: ohne Fachkräfte kein Wachstum. Gefragt sind jetzt konkrete Maßnahmen: eine stärkere berufliche Orientierung, eine moderne duale Ausbildung und deutlich schnellere, unbürokratische Zugänge für internationale Fachkräfte. Neue Umlageinstrumente sind dabei nicht die Lösung. Entscheidend ist vielmehr, bestehende Potenziale zu aktivieren und die Rahmenbedingungen für Ausbildung und Beschäftigung zu verbessern. „Wirtschaftspolitik entscheidet sich nicht auf dem Papier, sondern im Alltag der Unternehmen“, betont IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner. „Wir brauchen eine Politik, die Reformen nicht nur ankündigt, sondern spürbar umsetzt.“ Wahljahr als Bewährungsprobe Die Abgeordnetenhauswahl 2026 ist damit mehr als ein politischer Wettbewerb. Sie ist ein Test, ob Berlin wirtschaftspolitisch handlungsfähig ist. Die Herausforderungen sind seit Jahren bekannt. Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Jetzt geht es darum, ob die Politik bereit ist, sie auch umzusetzen. Der Wahlkampf hat begonnen. Für den Wirtschaftsstandort Berlin ist das eine Chance – aber nur, wenn auf Worte endlich Taten folgen. ■ Mehr Dynamik gefragt: Wer auch immer ab Herbst im Abgeordnetenhaus sitzen wird, trägt Verantwortung für den Standort Eike Paulun, IHK-Politikmanager Tel.: 030 / 315 10-873 eike.paulun@ berlin.ihk.de Berlin-Wahl | 11 Berliner Wirtschaft 05 | 2026

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