Mit Ortswechseln kennt sich Hannes Trettin bestens aus. „Ich bin in den vergangenen Jahren für den Job elfmal umgezogen, unter anderem nach Stuttgart, in die USA und sogar nach China“, sagt der Geschäftsführer der Berliner Softwareagentur Snazz UG, die kleine und mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung begleitet. Das wäre aber gar nicht notwendig gewesen, um die jeweilige Aufgabe zu erfüllen. Als Arbeitgeber dreht der 35-Jährige das Prinzip um. „Wir möchten, dass die Leute da arbeiten, wo sie leben wollen.“ Während die wirtschaftliche Lage in Deutschland immer schlechter wird und die Unternehmen zunehmend Mitarbeitende entlassen, wirkt Trettins Ansage fast anachronistisch. Doch der Wirtschaftsingenieur ist überzeugt: „Wir binden nicht unsere Mitarbeiter und finden erst recht nicht die besten Fachkräfte, indem wir sie aus dem Homeoffice ins Büro zurückholen.“ Mit seiner zweiten Firma, der Project Bay, betreibt Trettin Workation-Spaces, etwa auf Rügen, wo der Unternehmer aufwuchs, auf Sylt, in Dresden, Spanien, Italien, Albanien oder etwa der Slowakei. Seine Idee: Die eigenen Beschäftigten, aber auch die von anderen Firmen können an den Standorten nicht nur arbeiten, sondern auch leben, einige Tage, mehrere Wochen oder länger, in einem Hotelzimmer oder Apartment. Co-Working-Living im Hotel „Die Idee entstand, weil wir als Softwarefirma nicht mit den Gehältern der großen Wettbewerber mithalten können. Wir bieten deshalb flexible Arbeitsmodelle an und setzen daneben auf gemeinsame Team-Events, Workshops und Retreats, um die Beschäftigten zu binden“, sagt der Chef, für den die „Zeit der Obstkörbe und Kicker“ definitiv vorbei ist. Um die Zahl der Co-Working-Living-Standorte von heute 20 auf 160 zu erhöhen, arbeitet Project Bay mit Hotels zusammen, die die Infrastruktur bereits aufgebaut haben und so ihre Auslastung erhöhen können – eine Win-win-Situation. Trettin, der in seinem Firmenverbund aktuell rund 50 Mitarbeitende beschäftigt und zum Ende des Jahres 90 anstrebt, nutzt für sein Geschäftsmodell auch geschickt den Wunsch nach Vernetzung. „Wir haben viele Kollegen, für die der Aufbau neuer Netzwerke entscheidend ist.“ Über eine App könne man künftig erfahren, an welchem Standort gerade Co-Worker mit welchem Schwerpunkt sitzen würden. Gleichzeitig sei es kein Problem, nur im Homeoffice zu arbeiten. ■ Hannes Trettin ist Gründer und Geschäftsführer der Snazz UG Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Unternehmer auf LinkedIn: Die Softwareagentur Snazz setzt auf größtmögliche Flexibilität, um Mitarbeiter zu finden und zu binden. Team-Events ersetzen den gemeinsamen Büroalltag Arbeiten, wo man leben will Hannes Trettin Wir finden nicht die besten Fachkräfte, indem wir sie aus dem Homeoffice ins Büro zurückholen. FOTOS: STEFAN POCHA, CHRISTIAN KIELMANN FOKUS | Fachkräfte gewinnen | 24 Berliner Wirtschaft 05 | 2026
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