Infrastruktur Neue Baustellen bremsen den Verkehr auf Straßen und Schienen aus Seite 10 Ausbildung Bewerbungsstart für das Projekt TalentsBridge in Namibia Seite 46 Abwehrbereit Drohnen, Software, KI: Berlins Unternehmen liefern passende Lösungen für neue Bedrohungslagen. Die Wirtschaft ist offen für das Thema Verteidigung, sagt Tacticaltrim-Chef Sebastian Stutte Seite 18, Interview Seite 26 Start-ups Neu in Berlin Mit welchen Ideen junge Unternehmen an den Start gehen Seite 38 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 04/2026 ihk.de/berlin
Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Sicherheit ist längst ein Standortfaktor. Nicht zuletzt angesichts der geopolitischen Spannungen spielen Unternehmen aus dem Defence-Tech- Bereich eine zunehmend größere Rolle. Wie Berlin die Zukunftsbranche Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft ausbaut und damit den Standort stärkt, lesen Sie ab Seite 18. Als Hauptstadt resilient zu sein, bedeutet auch, sich zukunftsfest aufzustellen. Internationalisierung ist dabei kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob es uns gelingt, internationale Talente zu gewinnen, globale Wertschöpfung nach Berlin zu holen und unsere Unternehmen dabei zu unterstützen. Ganz konkrete Lösungen für die Bedarfe der Wirtschaft bietet dabei das Fachkräfte-Projekt TalentsBridge (S. 46). Klar ist: Es braucht dafür verlässliche politische Rahmenbedingungen, damit die Berliner Wirtschaft erfolgreich agieren kann. Entsprechende Positionen zur Wahl des Abgeordnetenhauses hat die IHK-Vollversammlung verabschiedet (S. 14). Ihr Infrastruktur Auto- und Bahnfahrer in Berlin brauchen auch in diesem Jahr Geduld. Die Deutsche Bahn AG plant einschneidende Maßnahmen, die Autobahn GmbH des Bundes kündigt zahlreiche neue Baustellen an, hinzu kommt eine Reihe von Stadtstraßenbrücken, die erneuert werden müssen. Seite 10 Widerstandsfähige Wirtschaft berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 04 | 2026 Editorial | 03
Kreativwirtschaft „Berlin lebt von einer Vielzahl an Disziplinen“, sagt Angelika Müller, Herausgeberin des Designmagazins „H.O.M.E.“ 30 18Defence Bedrohungsszenarien hatte Deutschland lange Zeit nicht auf dem Radar, doch die Zeiten haben sich geändert BRANCHEN 30 Kreativwirtschaft Berlin feiert seine Rolle als globales Zentrum des Designs 33 Standort Aus den Galeries Lafayette werden hochmoderne Büros 37 Gründerstory Das Start-up Arewa optimiert Schwangerschaftsvorsorge 38 Start-ups Blick auf die Konzepte neuer Berliner Unternehmen 40 Start-up Shoba Purushothaman von Hardskills im Kurzinterview 41 Robotik Unternehmer Matthias Krinke über das Potenzial von humanoiden Robotern 42 Elektrogroßhandel Familienunternehmen Obeta setzt weiterhin auf Stabilität 44 Inklusion Autisten sind bei Auticon gefragte IT-Fachkräfte 45 Historie Die Brüder Schwarz lieferten Propeller aus Waidmannslust AGENDA 10 Infrastruktur Die Baustellen bleiben Berlin auch in diesem Jahr erhalten 12 Vollversammlung Die Wirtschaft fordert von der Politik konkrete Maßnahmen zur Stärkung des Standorts 13 Ausbildungsplatzabgabe Wirtschaft lehnt Gesetz auch nach Änderung weiterhin ab 14 Bürokratie Zunehmende Regulierung bremst Unternehmen aus 15 Kolumne Jessyca Staedtler kritisiert das unzeitgemäße Feindbild einer Arbeitgeberschaft 16 Vergaberecht Öffentliche Auftragsvergabe schreckt Unternehmen ab – was sich ändern muss FOKUS 18 Defence Berlins Stärken bei Software, KI und Dual Use können den Aufbau eines DefTech- Ökosystems in der Hauptstadt begünstigen 22 Unternehmenspraxis Promethion, Project Q, Stark Defence – drei Start-ups im Einsatz für Verteidigung 26 Interview Sebastian Stutte, der seit 18 Jahren mit Stoffen für Militär, Polizei und Feuerwehr handelt, über Wirtschaft in der Zeitenwende Sebastian Stutte Geschäftsführer der Tacticaltrim Trading GmbH 26 Wir sind in der Lage, die Anforderungen des Militärs in die Sprache der Industrie zu übersetzen. Inhalt | 04
Internationale Talente Sebastian Stietzel, IHK-Präsident, und Geschäftsführerin Anke Fredericksen-Alde (r.) in Namibia 46 FACHKRÄFTE 46 Internationale Talente Ausbildungsprojekt TalentsBridge in Namibia gestartet 48 Berufsorientierung „Volleyball meets Ausbildung“ brachte Jugendliche und Unternehmen zusammen 50 Weiterbildung Fachschulen profitieren vom Netzwerk „Kinder forschen“ 51 Förderung Stipendium für Talente, die persönlichen Einsatz zeigen 53 Verbundausbildung Künftige Eventprofis werden im Verbund ausgebildet SERVICE 56 Geldverkehr Welche Vorteile der digitale Euro haben könnte 58 Resilienz IHK-Checkliste gibt Betrieben Tipps für den Ernstfall 59 Biodiversität Bündnis lädt Ende April zur Jubiläumsveranstaltung und präsentiert seine Projekte 60 Beratung Neue zollrechtliche Regelung bei E-Commerce-Sendungen 61 Außenwirtschaft Mit Blick auf neue Chancen durch Mercosur reist eine Delegation nach Brasilien 62 Luftfahrtbranche CAPA Airline Leader Summit erneut zu Gast in Berlin 03 Editorial | 06 Entdeckt | 36 Impressum | 52 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de FOTOS: ADOBE STOCK, H.O.M.E./AHEAD MEDIA GMBH, JULIA RUNGE, AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 04 | 2026 Inhalt | 05
Thomas Meyer hat aus seinem Hobby ein Unternehmen gemacht. Er bietet Zuchtstämme von Korallen für die Aquaristik an. 2018 gründete der Mediendesigner, der im Automotive- Bereich tätig ist, Toms Korallen und züchtet in seiner Korallenfarm gut 200 Arten der farbenprächtigen Nesseltierchen. Der Aufwand ist beträchtlich, die Korallen wachsen in insgesamt 11.000 Litern Meerwasser, verteilt auf etliche Aquarien. Die stehen im Goerzwerk in Berlin-Lichterfelde. Der tagelange Stromausfall am Standort Anfang des Jahres wäre Meyers energieintensivem Betrieb fast zum Verhängnis geworden, in letzter Minute rettete ihn ein leistungsstarkes Stromaggregat. Der Verkauf von Korallen und Wirbellosen – Schnecken, Seeigel und andere natürliche Schädlingsbekämpfer – läuft fast ausschließlich online. Dabei ist der Besuch in der geheimnisvoll leuchtenden Farm fast wie ein Tauchgang im Ozean. Riff im Goerzwerk Entdeckt | 06
FOTOS: ULRICH SCHUSTER
„Auch wenn das Rahmengesetz selbst keine unmittelbaren Eingriffe ermöglicht und frühestens in zwei Jahren in Kraft tritt – allein die Debatten über Enteignungen senden ein fatales Signal an den Wirtschaftsstandort. Damit geraten genau jene Faktoren unter Druck, die für die Berliner Wirtschaft und private Investitionen entscheidend sind: der Schutz von Eigentum, Planungs- und Rechtssicherheit sowie die Verlässlichkeit wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen.“ CDU und SPD haben einen Entwurf für ein Vergesellschaftungsrahmengesetz vorgelegt Ein fatales Signal gesagt 3,914 Mio. Einwohner waren am 31.12.2025 in Berlin gemeldet. Die Zahl ist um rund 16.500 Personen oder 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg setzt sich das Wachstum damit in moderatem Tempo fort. kopf oder zahl Marc Hermann Axel Eschment ist neuer Vorstand für Technik und Infrastruktur bei den Berliner Verkehrs- betrieben. Mit dem neuen Vorstandsressort soll die technische Basis der BVG nachhaltig gefestigt werden. Hermann war zuletzt Gesamtprojektleiter bei der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH. Dort verantwortete der Bauingenieur den Bau eines neuen ICE- Instandhaltungswerks in Cottbus. wird neuer Geschäftsführer Personal und Arbeitsdirektor der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg. Er wird auch für die Themen Schallschutz und Umwelt sowie die Umlandarbeit zuständig sein. Eschment kommt von der BVG, wo er Bereichsleiter für Businesspartner Personal sowie Geschäftsführer des Ausbildungscampus war. Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin FOTOS: GÜNTER WICKER/FLUGHAFEN BERLIN BRANDENBURG GMBH, BVG, PHILIPP ARNOLDT, ISTOCKPHOTO (2) Berliner Wirtschaft 04 | 2026 Kompakt | 08
2010 , Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Millionen 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 , , , , , , , , , , , , , , , Weniger Gäste in Berlin Die Zahl der Hauptstadt-Besucher ist erstmals nach vier Jahren und der Corona-Krise wieder leicht zurückgegangen berliner wirtschaft in zahlen Simone Blömer, IHK-Expertin für Tourismus Tel.: 030 / 315 10-432 simone.bloemer@berlin.ihk.de weniger Gäste besuchten im vergangenen Jahr die Bundeshauptstadt. 2,7 % Der Pankower Smiley hat ausgelächelt. Mit sogenannten Lebensmittel-Smileys hatte das Bezirksamt Betriebe – gastronomische und Händler – nach Kontrollen online bewertet. Nun ist die zugehörige Website offline, vorerst, aus finanziellen, technischen und rechtlichen Gründen. Ein Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht läuft noch. Gerade ist ein 2021 verabschiedetes Berliner Lebensmittelüberwachungstransparenzgesetz ausgelaufen. Umgesetzt worden war es mangels Kapazitäten nie. Der Pankower Alleingang stand stets in der Kritik, auch die IHK Berlin pochte auf Gleichbehandlung von Unternehmen. Gastronomen können von bezirklichem Regelwirrwarr manches Lied singen. Eines ist erst mal verklungen. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Wer zuletzt lacht typisch berlin Grafiken: BW Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Kompakt | 09
In Berlin muss auch in diesem Jahr viel gebaut werden, bei der Bahn und bei der Autobahn. Das wird nicht ohne Sperrungen gehen von Dr. Lutz Kaden Neue Nadelöhre voraus Eine Vielzahl von Baustellen wird auch in diesem Jahr den Autoverkehr in Berlin zur Geduldsprobe machen 63 Mio. Euro will die Autobahn GmbH des Bundes für die Instandsetzung von Autobahnabschnitten und Brücken in Berlin investieren. agenda
Das Jahr 2026 dürfte zu einer Belastungsprobe für die Mobilität der Hauptstadt- region werden. Die Vielzahl der Baustellen ist aber nötig, um zentrale Straßen- und Schienenachsen zukunftsfähig zu machen und damit langfristig die Wettbewerbsfähigkeit Berlins zu sichern. Es wird darauf ankommen, stabile Ausweichrouten zu gewährleisten, um die Mobilität von Personen und Gütern zu erhalten. Die Autobahn GmbH des Bundes ist weiter mit Hochdruck dabei, zwei neue Stadtautobahnbrücken über die Ringbahn am Dreieck Funkturm zu errichten. Nun hat sie das weitere Bauprogramm 2026 veröffentlicht: Bis August wird auf der A100 die Hohenzollerndammbrücke zwischen den Anschlussstellen Hohenzollerndamm und Schmargendorf instandgesetzt. Die seit 2024 laufende Fahrbahnerhaltung zwischen Tempelhofer Damm und Gradestraße soll im April fertig werden. Dafür wird von Mai bis Juli die Fahrbahn zwischen Innsbrucker Platz und Alboinstraße in beiden Richtungen saniert. Und auf der Avus entsteht noch bis Ende nächsten Jahres eine neue Fahrbahn zwischen der Spanischen Allee und der Landesgrenze. Zudem wird der Tunnel der A103 an der Feuerbachstraße von Juni bis Oktober instandgesetzt. Und dann ist da auch noch der Britzer Tunnel der A100. An seiner technischen Nachrüstung wird bis 2028 gearbeitet werden, allerdings möglichst eingriffsarm. Autobahn-Baumaßnahmen in Berlin 2026: • Instandsetzung Hohenzollerndammbrücke 03/26–08/26 • Technische Nachrüstung Tunnel der A100, OT Britz 10/25–10/28 • Instandsetzung Tunnel A103, Feuerbachstraße 06/26–10/26 • Instandsetzung A100, zwischen Innsbrucker Platz und Alboinstraße 05/26–07/26 • Instandhaltung A100, zwischen Tempelhofer Damm und Gradestraße 10/24–04/26 • Erneuerung A115, zwischen Grenze B/BB und Spanischer Allee 09/24–12/27 Dafür wird die Bundesgesellschaft in Berlin 63 Mio. Euro investieren – in das gesamte Gebiet Nordost zwischen Lausitz und Ostsee rund 320 Mio. Euro. Denn auch in Brandenburg werden Fahrbahnen erneuert. Dazu gehören der Abschnitt zwischen Freienbrink und Königs Wusterhausen auf dem Berliner Ring sowie die A12 bei Fürstenwalde-West und die A13 bei Freiwalde. Auf dem Berliner Ring werden zudem auch Brücken erneuert, bei Werder, bei Phöben sowie die lange Mühlenfließbrücke bei Rüdersdorf. Doch es sind auch vor allem viele Stadtstraßenbrücken, die dringend ersetzt werden müssen. Bis 2040 müssen 175 Brücken fertiggestellt werden, also eine neue Brücke pro Monat. Auf dem Programm für 2026 stehen bereits die Mühlendammbrücke, die Dunckerbrücke, die Neue Gertraudenbrücke und die Köpenicker-Allee-Brücke, allesamt kaum verzichtbar. Voran geht es derweil am Marzahner Knoten im Zuge der Landsberger Allee, einem Mammutprojekt, bei dem bis 2029 in neun Phasen zahlreiche Brücken neu gebaut werden. Und eigentlich sollte der erste Teil der Treptower Elsenbrücke im Winter fertiggestellt sein, doch der Frost hat nicht nur diesen Plan verzögert, sondern auch weitere Schäden und Sperrungen verursacht, etwa in der Otto-Braun-Straße und im Straßentunnel Alexanderplatz. All das gilt es zu koordinieren, um den für Berlin lebenswichtigen Verkehrsfluss zu gewährleisten. Kein Zug zwischen Zoo und Ostbahnhof Auch die Deutsche Bahn AG plant 2026 einschneidende Maßnahmen. Von Mitte Juni bis Mitte Dezember müssen die Fernbahngleise der Berliner Stadtbahn total gesperrt werden. Zwischen Ostbahnhof und Bahnhof Zoo verkehren dann keine Züge mehr. Während diese zum Teil umgeleitet werden, bündelt die Bahn mehrere Bauarbeiten, erneuert Schienen, Weichen und Gleisverbindungen. Vor allem haben deren Befestigungen wegen der Belastung durch täglich 500 Regional- und Fernzüge ihre Lebensdauer erreicht. Derweil läuft der Bahnverkehr nach Süden seit Dezember auch auf der neuen Dresdner Bahn zwischen Hauptbahnhof, Südkreuz und Blankenfelde-Mahlow. Die viertelstündlichen FEX-Züge zum BER benötigen hier nur noch 23 Minuten. Allerdings musste zuletzt ein stündlicher FEX mit einem RE-Zug zusammengelegt werden, um die Strecke nicht zu überlasten. Spielraum für Verkehrswachstum gibt es also auch hier nicht. Zudem hat der harte Winter auch den Bahnbau verzögert. Die ersten Züge auf der komplett erneuerten Strecke Berlin–Hamburg werden deshalb wohl erst Mitte Juni statt planmäßig am 1. Mai fahren. Immerhin kann sich schon Ende März ein lang gehegter Traum vieler Berliner erfüllen, wenn der Hauptbahnhof endlich auch von Norden aus per S-Bahn erreicht werden kann. Dann soll die S15 regelmäßig von Gesundbrunnen direkt dorthin fahren und die zwei Jahrzehnte seit dessen Eröffnung vergessen lassen. ■ Dr. Lutz Kaden, IHK-Experte für Verkehr und Mobilität Tel.: 030 / 315 10-415 lutz.kaden@ berlin.ihk.de Verkehrs-Infos Aktuelle Verkehrslage und Baustelleninfos liefert die Verkehrsinformationszentrale Berlin unter: viz.berlin.de FOTO: ADOBE STOCK Infrastruktur | 11 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
Mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl fordert die Unternehmerschaft Investitionen, eine moderne Verwaltung und eine bessere Mobilität von Holger Lunau Politik muss Wirtschaft stärken B is zur Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September ist nicht mehr viel Zeit. Die Parteien bringen sich mit Kandidaten und Programmen langsam in Stellung. Damit ist es auch für die Wirtschaft Zeit, ihre Forderungen an eine künftige Koalition zu formulieren. Die IHK-Vollversammlung (VV) hat das am 17. März im Namen ihrer rund 331.000 Mitgliedsunternehmen getan. Hauptpunkte sind Investitionen, die Modernisierung der Verwaltung, die Schaffung von Wohnraum und die Sicherung von Gewerbe- und Industrieflächen, die Gewährleistung eines leistungsfähigen Wirtschaftsverkehrs, die Fachkräftesicherung und eine bessere Bildung. Außerdem sollen innovative Technologien und nachhaltiges Wirtschaften besser gefördert, die Infrastruktur der Stadt resilienter aufgestellt und die Außenwirtschaft gestärkt werden. Zu den einzelnen Forderungen zählt zum Beispiel, dass öffentlich-private Partnerschaften (Public Private Partnership – PPP) stärker genutzt werden, um mehr Investitionen etwa in die Infrastruktur zu ermöglichen. Nach wie vor aktuell ist die Beschleunigung der Verwaltungsdigitalisierung, um Prozesse schneller und kostengünstiger bewältigen zu können. Ein vordringliches Problem ist die Schaffung bezahlbaren Wohnraums – auch für Auszubildende und Fachkräfte aus dem Ausland. Weiterhin wird die künftige Landesregierung aufgefordert, Berlin als Messe- und Tourismusstandort zu stärken und sich neben Olympischen Spielen auch für die Weltausstellung Expo 2035 und die Internationale Bauausstellung zu bewerben. Zu den wichtigen Verkehrsprojekten zählen für die IHK der Weiterbau der Stadtautobahn A100 und die Tangentiale Verbindung Ost (TVO). Ebenfalls gefordert wird ein effizienteres Baustellenmanagement in der Stadt, um Verkehrsstörungen zu minimieren. Darüber hinaus positionierte sich die VV gegen die Initiative „Berlin autofrei“. Obwohl die Wirtschaft einige Ziele des Vorhabens teile, etwa die für mehr Verkehrssicherheit und weniger Emissionen, wird der Gesetzentwurf klar abgelehnt. Dieser gehe „mit weitreichenden negativen Folgen einher, insbesondere starke Verschlechterungen für die Erreichbarkeit, die Versorgungssicherheit und für die Leistungsfähigkeit der Berliner Wirtschaft sowie zusätzliche Belastungen für den ÖPNV und die Verwaltung“. Die Initiative „Berlin autofrei“ strebt einen Volksentscheid über ein Gesetz an, das den privaten Individualverkehr auf fast allen Straßen innerhalb des S-Bahn-Rings weitgehend einschränkt. ■ Hatten in der Vollversammlung im März wichtige Themen zu verhandeln: IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner und IHK-Präsident Sebastian Stietzel FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN AGENDA | Vollversammlung | 12 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
Die Ausbildungsplatzabgabe ist auch in ihrer veränderten Form nicht geeignet, mehr junge Menschen in Ausbildung zu bringen von Katharina Zalewski Das Gesetz bleibt falsch I n den vergangenen zwei Jahren haben Berliner Unternehmen und Betriebe fast 1.300 zusätzliche Ausbildungsverhältnisse geschaffen – trotz äußerst schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen. Aus Sicht der Politik reicht das jedoch nicht aus, um die geplante Ausbildungsplatzabgabe zu verhindern. Die Regierungsfraktionen von CDU und SPD haben nun einen Änderungsentwurf zum Gesetz vorgelegt, der am 18. März vom Hauptausschuss angenommen wurde. Damit ist der Weg für die zweite Lesung im Abgeordnetenhaus frei, in der das Gesetz endgültig beschlossen werden soll. Berlins Wirtschaft bewertet das Gesetz trotz weitreichender Änderungen kritisch: Die Ausbildungsplatzabgabe nützt weder Jugendlichen noch dem Standort. Stattdessen führt es zu mehr Bürokratie, belastet die öffentlichen Haushalte und wird letztlich von den Berlinerinnen und Berlinern über höhere Preise und Steuern getragen. Nach dem aktuellen Entwurf werden Betriebe mit unter zehn Beschäftigten von Zahlungen in die „Berliner Ausbildungskasse“ ausgenommen, ebenso wie solche mit einer höheren Ausbildungsquote als 4,6 (Anzahl der Auszubildenden im Verhältnis zur Anzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter, Teilzeitkräfte anteilig gezählt). Zahlen müssen alle Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten und einer Ausbildungsquote unter 4,6 Prozent. Die Höhe der Abgabe bleibt unklar. Die Kompensation aus der Ausbildungskasse richtet sich nach der tatsächlichen Ausbildungsvergütung und gilt nur für zusätzliche Auszubildende im Vergleich zu Ende 2024. Voraussetzung ist eine Mindestausbildungsquote von 3,1 Prozent im Betrieb. Das Ergebnis des Gesetzes: maximale Komplexität und Bürokratie. Es wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet – etwa zur Höhe der Abgabe. Unternehmen müssen deutlich mehr Daten liefern, darunter Beschäftigten- und Azubizahlen, Ausbildungs- und Teilzeitquoten, Vergütungen, Lohnsummen und Informationen zur Tarifbindung. Auch die Verwaltung ist stärker gefordert, da aufwendige Berechnungen, zahlreiche Ausnahmen und regelmäßige Anpassungen anfallen. Gleichzeitig ist das Gesetz ungerecht: Unternehmen, die nicht ausbilden können, keine Bewerber finden oder nicht weiter skalieren können, finanzieren über ihre Abgabenzahlung Großbetriebe, die ohnehin leichter Azubis gewinnen oder aufstocken können. Besonders betroffen sind Start-ups und kleine bis mittlere Unternehmen mit geringerer Sichtbarkeit, alternativen Qualifizierungswegen oder akademischem Fachkräftebedarf. ■ Im Rahmen der Vollversammlung der IHK brachten die Wirtschaftsvertreter ihre Ablehnung der Abgabe auch nach den Gesetzesänderungen zum Ausdruck FOTO: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN Ausbildungsplatzabgabe | 13 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
Zunehmende Regulierung bremst die Wirtschaft aus – die IHK Berlin fordert konkrete Schritte von Holger Lunau Endlich vom Ballast befreien kontrollrates gefordert, um Gesetzes- und Verordnungsentwürfe auf ihre bürokratischen Auswirkungen zu prüfen und Vorschläge für eine schlanke Gesetzgebung zu unterbreiten. Weiterhin fordert die VV die Implementierung einer „Bürokratiebremse“. Dabei handelt es sich um ein verbindliches Prüfverfahren für bestehende und neue Verpflichtungen. Anhand klarer Entscheidungskriterien werden Pflichten aufgehoben, vereinfacht, begrenzt oder Verfahren zusammengefasst. Ziel ist es, Belastungen systematisch zu senken und Verwaltungsleistungen effizienter und zielgenauer zu gestalten. Zu weiteren Vorschlägen gehört der Abbau von Genehmigungspflichten, die lange Verfahren und hohe Belastungen ohne erkennbaren Mehrwert schaffen. Deshalb sollten diese systematisch geprüft und in Anzeigepflichten überführt werden. Zudem sollen unnötige Beglaubigungen identifiziert und durch einfache und möglichst digitale Nachweise ersetzt werden. Eine weitere Forderung ist die Abschaffung von Kleinstgebühren, die häufig mehr Verwaltungsaufwand verursachen, als sie Einnahmen generieren. Und schließlich sollen Umweltberichte auf ein Mindestmaß reduziert werden. Denn in Berlin gehen die Auflagen zum Teil über die bundes- oder EU-rechtlichen Anforderungen hinaus. ■ Vor noch nicht allzu langer Zeit gehörten zu den Markenzeichen der deutschen Wirtschaft vor allem die Ingenieurskunst, die Robustheit der Volkswirtschaft und die stabilen rechtlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen. Viel ist davon nicht mehr geblieben. Stattdessen stöhnen viele Unternehmerinnen und Unternehmer über die ausufernde Bürokratie. Die Regelwut der Behörden scheint keine Grenzen zu kennen. Und wird an der einen Stelle mal eine Verordnung außer Kraft gesetzt, gibt es an anderer Stelle zwei neue. Die EU tut ihr Übriges. Das Ergebnis ist überall sichtbar. Große Projekte dauern nicht mehr ein, zwei Jahre, sondern Jahrzehnte. Anträge oder Dokumentationen für banale Dinge füllen Aktenordner. Die Kosten steigen. Die Krake Bürokratie schafft Rechtsunsicherheit und lähmt den Staat. Deshalb hat sich die IHK-Vollversammlung (VV) im März erneut mit diesem Thema befasst und ein Positionspapier verabschiedet. Darin werden konkrete Handlungsschritte aufgezeigt und der Senat zum Handeln aufgefordert. Dazu gehören zum einen die Einsetzung eines Abgeordnetenhaus-Ausschusses für Bürokratieabbau, der die parlamentarische Wachsamkeit bei diesem Thema sichern soll. Zum anderen wird die Einrichtung eines unabhängigen Landesnormen65 % der Unternehmen in Berlin bewerten nach einer IHK-Umfrage vom Januar 2024 die mangelnde Effizienz der Behörden als größtes Investitionshindernis. Gegenüber 2017 ist das eine Steigerung um 19 Prozent. Heike Schöning, IHK-Public-Affairs-Managerin Innovationspolitik Tel.: 030 / 315 10-331 heike.schoening@ berlin.ihk.de FOTO: STOCKSY AGENDA | Bürokratie | 14 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
Sozialpartnerschaft statt Feindbild Das Bild von Unternehmern als „Herren im Maßanzug“ hat mit der Realität in Deutschland wenig zu tun – denn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind zwei Seiten derselben Medaille B undesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende Bärbel Bas sprach nach ihrem Auftritt beim Arbeitgebertag davon, ihr sei „deutlich geworden, gegen wen wir ... kämpfen müssen“, und zeichnete dabei ein Bild von „Herren“ in „bequemen Sesseln“ und „im Maßanzug“. Diese Aussage hat viele Unternehmerinnen und Unternehmer irritiert, weil sie völlig aus der Zeit gefallen ist. Ich wünsche mir, dass wir diese Diskussion bewusst drehen. Denn Arbeitgeber sind nicht nur „die da oben“. Arbeitgeber sind in Berlin vor allem Mittelstand, Familienbetriebe, Start-ups, Dienstleister, Hotels und Gastronomen, Agenturen, Logistiker, Pflege- und Bildungsträger – Menschen, die morgens aufschließen, Schichten organisieren, Löhne zahlen, ausbilden, investieren und Verantwortung tragen. In Berlin arbeiten rund 1,69 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Hinter jedem dieser Arbeitsplätze stehen Arbeitgeber in all ihrer Vielfalt. Die IHK Berlin zählt rund 340.000 Mitgliedsunternehmen, vom Kiezbetrieb und dem „Eck-Späti“ bis zum Tech-Giganten, vom Traditionshaus bis zum Start-up. Deutschland lebt zudem ganz wesentlich von familiengeprägtem Unternehmertum: Rund 90 Prozent der Unternehmen sind Familienbetriebe. In Stadtstaaten wie Berlin liegt der Anteil bei rund 82 Prozent aller Unternehmen. Das heißt: Arbeitgeber sind so vielfältig wie Familien selbst: mal groß, klein, laut, leise, mal jung, mal alt. Aber fast immer geprägt von Verantwortung, Fürsorge und dem Wunsch, etwas aufzubauen. Diese Betriebe stehen für einen großen Teil der Beschäftigung und sind eine tragende Säule der Ausbildung. Rund 80 Prozent der ausbildenden Betriebe sind familiengeführt. Das ist keine PR-Zahl, sondern die Grundlage dafür, dass morgen Fachkräfte da sind. Das passt nicht zum Klischee vom „Maßanzug im bequemen Sessel“. Viele von uns sind nah dran an Alltag und Sorgen ihrer Teams. Klar, wir brauchen faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen. Aber wir brauchen auch eine Sprache, die verbindet, und eine Politik, die Sozialpartnerschaft ernst nimmt: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind keine Gegner, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Wenn wir wirklich „kämpfen“ müssen, dann bitte gegen Fachkräftemangel, Bürokratie-Stau, Standortnachteile und eine Stimmung, die Leistung und Verantwortung gegeneinander ausspielt. Berlin kann nur dann sozial stark bleiben, wenn es wirtschaftlich stark ist. Und wirtschaftlich stark bleibt es nur, wenn Unternehmertum, in all seiner Vielfalt, nicht zum Feindbild erklärt wird. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Jessyca Staedtler ist Geschäftsführerin der documentus GmbH Berlin und Mitglied des IHK-Präsidiums FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 15 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
Öffentliche Aufträge werden in Berlin viel zu bürokratisch vergeben – oft verzichten Unternehmen lieber gleich. Besserung ist bisher nicht in Sicht von Heike Schöning und Holger Lunau Umständliche Administration AGENDA | Vergaberecht | 16
Nadine Bortscheller die veranstaltungsmacher GmbH Wir erleben regelmäßig einen unverhältnis- mäßigen administrativen Aufwand. André Richter queonext/queo GmbH Vergabe muss einfacher und schneller werden. Das öffentliche Vergaberecht regelt, wie staatliche Stellen Aufträge für Bau-, Liefer- und Dienstleistungen an Unternehmen vergeben. Ziel ist laut Bundeswirtschaftsministerium ein transparenter, wettbewerblicher und wirtschaftlicher Einkauf. So weit, so gut. Doch für das Land Berlin hat die KI noch einen anderen Passus parat: Das Vergaberecht in der Bundeshauptstadt „stellt hohe Anforderungen an Tariftreue, soziale Nachhaltigkeit und Umweltstandards“. Konsequenz: Unternehmen meiden oftmals öffentliche Beschaffungsverfahren, und so bleiben manche Projekte lange Zeit liegen. Warum hinkt Berlin beim Vergaberecht zum Schaden des Standorts hinter anderen Bundesländern hinterher?, fragt sich IHK-Präsident Sebastian Stietzel und verweist auf das Nachbarland Brandenburg. Das gehört zu den Vorreitern bei Direktaufträgen und vereinfachten Verfahren. In fünf Bundesländern kann die Verwaltung bis zu einem Wert von 100.000 Euro Aufträge direkt vergeben. In sechs Bundesländern sind vereinfachte Verfahren bis zum EU-Schwellenwert zulässig. In vier Bundesländern sind Experimentierklauseln für die Beteiligung innovativer Unternehmen beziehungsweise Start-ups bereits wirksam oder in Vorbereitung. So funktioniere Standortförderung und Bürokratieabbau in der Praxis, betont Stietzel. Dagegen leiste Berlin sich die Extravaganz, das Vergaberecht als parteipolitisches Spielfeld zu nutzen. Dadurch seien Unternehmen von unnötiger Bürokratie frustriert und mieden, wenn möglich, öffentliche Aufträge. Stadt und Verwaltung versperrten sich selbst den Weg zu Innovationen aus der Wirtschaft und verhinderten zukunftsfähige Investitionen. Problematischer Fokus auf Angebotspreis Davon kann auch die geschäftsführende Gesellschafterin von die veranstaltungsmacher GmbH, Nadine Bortscheller, ein Lied singen. „Als bundesweit tätige Agentur für die Konzeption und Umsetzung von Veranstaltungen erleben wir im Rahmen öffentlicher Ausschreibungen regelmäßig einen erheblichen administrativen Aufwand durch die Vielzahl beizubringender Nachweise, deren tatsächlicher Prüf- und Mehrwert oftmals nicht im angemessenen Verhältnis zum Ressourcenaufwand steht“, kritisiert sie. Zugleich führe die starke Fokussierung auf den Angebotspreis dazu, dass qualitative Aspekte, kreative Konzeptionen sowie innovative und nachhaltige Lösungsansätze in der Wertung nicht ausreichend berücksichtigt werden. Stietzel verweist darauf, dass Berlin laut Koalitionsvertrag bei der Vergabe Bürokratie abbauen und den Fokus stärker auf Qualität und Wirtschaftlichkeit richten will, aber nur, solange die sozialen und ökologischen Vorgaben davon unberührt bleiben. Leider machten die einen erheblichen Teil der bestehenden Komplexität aus, kritisiert der IHK-Präsident. „Ich befürchte, dass sich das bekannte Muster fortsetzt: Reformschritte werden vertagt oder verwässert – und das oft nicht aus fachlichen Gründen, sondern mutmaßlich aus parteitaktischem Kalkül. Ein Teil der politischen Akteure missversteht das Vergaberecht als Hebel, um soziale und ökologische Ziele zu erreichen, ungeachtet der wirtschafts- und investitionspolitischen Auswirkungen. Der andere Teil will innerparteilichen Streit vermeiden und hält sich raus. Was bleibt, ist der Eindruck, die für Wirtschaft zuständige Verwaltung würde hier Rücksicht auf die Parteikollegen im Abgeordnetenhaus nehmen – zulasten der Wirtschaft und des Standorts.“ Die Politik ist jetzt am Zug Was genau müsste sich ändern? André Richter, Director New Business der Agentur queonext, bringt es auf den Punkt: „Vergabe muss einfacher und schneller werden. Es gibt genügend Unterneh- men, die in der Lage sind, ausgeschriebene Leistungen kompetent zu erbringen – und die dennoch die hohen Anforderungen an Ausschreibungen scheuen. Höhere Wertgrenzen für Direktaufträge und vereinfachte Vergaben bergen ein erhebliches Entlastungspotenzial für beide Seiten. Unternehmen können sich wieder stärker ihren Kernaufgaben und dem innovativen Potenzial widmen.“ Die Wirtschaft erwartet den spürbaren politischen Willen, das Vergabewesen zum Investitionsbeschleuniger und Innovationstreiber zu entwickeln, fordert der IHK-Präsident. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner habe beim letztjährigen IHK-Verwaltungsforum deutlich gemacht, dass er diese Einstellung teilt. Nun müssten die zuständigen Fachverwaltungen liefern – abgestimmt und rasch, um hinter dieses Thema noch vor Beginn der heißen Phase des Wahlkampfes einen Haken machen zu können. ■ Heike Schöning, IHK-Public-Affairs-Managerin Innovationspolitik Tel.: 030 / 315 10-331 heike.schoening@berlin.ihk.de FOTOS: STOCKSY/CACTUS CREATIVE STUDIO, MARKUS NASS, PRIVAT Vergaberecht | 17 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
Zeitenwende an der Spree Berlin baut ein DefTech-Ökosystem auf und kann Stärken bei Software, KI und Dual Use ausspielen. Experten und Wirtschaft drängen darauf, politische Ankündigungen mit Leben zu füllen von Christian Buck Dass die Transformation der Industrie bereits in vollem Gange ist, zeigt sich unter anderem in Moabit. Die frühere Pierburg GmbH, eine Tochter des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall, produzierte dort bislang Autoteile – künftig werden es Patronenhülsen sein. Für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner ist dieser pragmatische Ansatz auch eine Frage der Beschäftigungssicherung: „Ohne diese Transformation wären die Arbeitsplätze weg“, so Wegner in der „Berliner Morgenpost“. Die eigentliche Stärke des Berliner Standorts liegt jedoch weniger in der klassischen industriellen Fertigung als vielmehr in den Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts: künstliche Intelligenz, Cyber-Security, Drohnentechnologie, Photonik und Sensorik. Dieses Potenzial will der Senat für den Wirtschaftsstandort noch effektiver nutzen. Die Schnittmenge bildet der Dual-Use-Sektor. Mehr als 400 Unternehmen in der Region L ange wurde in Berliner Wirtschaftskreisen eher hinter vorgehaltener Hand über das Thema Rüstungs- und Verteidigungsindustrie gesprochen. Angesichts der veränderten geopolitischen Weltlage vollzieht sich in der Hauptstadt nun jedoch ein Paradigmenwechsel: Der Senat hat Pläne vorgestellt, um die Stadt als Innovationsstandort für Sicherheitstechnologien zu positionieren. Der Aufbau des „Defence-Technology-Ökosystems“ (DefTech) soll nicht nur einen Beitrag zur nationalen und europäischen Sicherheit leisten, sondern auch wirtschaftliche Potenziale heben. Bei der Umsetzung setzt die Landesregierung auf bewährte wirtschaftspolitische Akteure: Die landeseigene Fördergesellschaft Berlin Partner übernimmt die Vernetzung und Ansiedlungsförderung in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsverwaltung, unterstützt von der Wista Management GmbH in Adlershof und der Investitionsbank Berlin (IBB). » fokus
INHALT 22 Abwehr statt Offshore Promethion hat sein Geschäftsfeld verlagert 24 Ideales Umfeld in Berlin Project Q schützt kritische Infrastrukturen 25 Drohnen vom Einhorn Rüstungs-Start-up vor Multimillionenauftrag 26 „Die Industrie ist jetzt offener für Verteidigung“ Sebastian Stutte von Tacticaltrim im Interview Drohnen sind vom Spezialgerät zum Taktgeber im Rüstungsbereich geworden ILLUSTRATION: GETTY IMAGES Defence | 19 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
arbeiten bereits heute an Produkten und Softwarelösungen, die für zivile Zwecke entwickelt, aber zunehmend auch für militärische Aufgaben adaptiert werden können. Die Verfügbarkeit von innovativen Startups und KMU ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die weitaus größere Herausforderung besteht darin, diese zivilen Technologien schnell und effizient in die Streitkräfte zu bringen. Genau an dieser Nahtstelle arbeitet der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) in Berlin. Unter der Leitung von Sven Weizenegger fungiert er als agile Schnittstelle zwischen der Start-up-Szene und der Truppe. Die Arbeitsweise unterscheidet sich fundamental von klassischen Rüstungsprojekten, die oft Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „Unsere Aufgabe ist es, konkrete militärische Herausforderungen mit kommerziell bereits verfügbaren Technologien zu lösen“, erklärt Weizenegger. Der Prozess beginnt stets beim Endanwender: Soldaten melden dem Hub ein spezifisches Problem aus ihrem Dienstalltag. Das Team des CIHBw scannt daraufhin den Markt nach Start-ups, die eine funktionierende Basisversion einer Lösung anbieten können. In einem engen Zeitfenster von maximal zwölf Monaten und mit Pilotbudgets zwischen 100.000 und 500.000 Euro wird die Technologie dann direkt in der militärischen Praxis validiert. Software-Kompetenz besonders wichtig Für Weizenegger bietet Berlin als Standort für diese Vermittlungsarbeit herausragende Voraussetzungen. Die Dichte an Entwicklern, die Nähe zum Bundesministerium der Verteidigung und die Präsenz spezialisierter IT-Firmen erleichterten den Austausch. „Wir sind hier extrem stark im Bereich der Software aufgestellt. Da kann uns keiner was vormachen“, betont Weizenegger. Software-Kompetenz ist besonders wichtig, weil sich innerhalb der Streitkräfte gerade ein wichtiger Technologiesprung vollzieht – Stichwort: „Software Defined Defence“. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass die Leistungsfähigkeit militärischer Systeme künftig maßgeblich durch Code statt durch Hardware bestimmt wird. So lässt sich ein klassischer Panzer beispielsweise schnell durch Software-Updates mit neuen autonomen Fahrfunktionen oder besserer Datenverarbeitung ausstatten. Gerade auf diesem Gebiet könne Berlin seine Trümpfe als Tech-Metropole voll ausspielen, glaubt Weizenegger. Drehkreuz Richtung Nord- und Osteuropa Wie wichtig es ist, diese technologischen Vorteile nun auch klug auszuspielen, weiß Martin Wolff. Als Leiter des Internationalen Clausewitz-Zentrums (ICZ) an der Führungsakademie der Bundeswehr und Vorsitzender des Clausewitz-Netzwerks blickt er aus einer „strategischen Vogelperspektive“ auf den Standort. Sein Netzwerk widmet sich dem Wissens- und Kompetenztransfer und bringt dafür zivile Führungskräfte mit militärischen Entscheidern an einen Tisch. Wolff sieht die Hauptstadt in einer herausragenden Ausgangslage. „Berlin verfügt als politisches Machtzentrum über einen extremen Standortvorteil. Hier bündeln sich die Ministerien, die internationalen Botschaften, die diplomatischen Vertretungen und eine herausragende Wissenschaftslandschaft.“ Zudem fungiere Berlin logistisch und sicherheitspolitisch längst als entscheidendes Drehkreuz in Richtung Nord- und Osteuropa. „Diese Verdichtung als Cluster ist phänomenal“, urteilt der Experte. Den jüngsten Beschluss des Berliner Senats bewertet Wolff grundsätzlich als dringend notwendigen Schritt. Gleichzeitig mahnt er jedoch an, dass die reine Willensbekundung nun zügig mit handfesten Strukturen unterlegt werden müsse. Es gelte, das „Delta“ zwischen politischer Absicht und operativer Umsetzung schnell zu schließen. Und statt viele Themenfelder gleichzeitig bespielen zu wollen, solle sich Berlin auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Resilienz, Open Source Intelligence (Datenauswertung) und den Schutz kritischer Infrastrukturen. Zudem drängt er zur Eile. Berlin bewege sich nicht im luftleeren Raum, sondern stehe im direkten europäischen Wettbewerb mit anderen Innovationsclustern wie München, Paris oder London. Und auch auf Nato-Ebene formieren sich derzeit europaweit neue Zentren zur Technologieentwicklung. „Wenn Berlin seinen einmaligen Standortvorteil als politisches Zentrum und Tech-MetroSven Weizenegger Leiter Cyber Innovation Hub der Bundeswehr Unsere Aufgabe ist es, konkrete militärische Herausforde- rungen mit kommerziell verfügbaren Technologien zu lösen. 400 Unternehmen in der Region arbeiten an Produkten und Softwarelösungen im zivilen Bereich, die für militärische Aufgaben adaptiert werden können. ILLUSTRATION: GETTY IMAGES; FOTOS: CIHBW, IHK BERLIN/PHILIPP ARNOLDT FOKUS | Defence | 20 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
pole nutzen will, muss das Ökosystem jetzt zügig und robust institutionalisiert werden, bevor sich Zeitfenster wieder schließen“, so Martin Wolff. „Andere Bundesländer wie Bayern oder Schleswig-Holstein sind bereits fertig. Um mitzuhalten, muss Berlin den Senatsbeschluss mit Leben füllen und konkrete personelle, finanzielle und rechtliche Taten folgen lassen. Einfach von sich überzeugt zu sein, reicht nicht mehr.“ Enorme wirtschaftliche Chancen Dass Berlin mit dem Senatsbeschluss einen neuen Weg einschlägt, wird von der Berliner Wirtschaft begrüßt. Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin, bewertet die Initiative als „wichtige und notwendige Antwort auf die aktuelle geopolitische Lage“. Gleichzeitig verweist sie auf die enormen wirtschaftlichen Chancen für Innovation und Beschäftigung, die sich durch Landes-, Bundes- und EU-Investitionen in Dual-Use-Technologien ergeben. Die IHK sieht dabei gerade in der Zusammenarbeit mit Brandenburg und den ostdeutschen Bundesländern großes Potenzial. Berlin könne als Hauptstadt eine koordinierende Rolle übernehmen und seine Nähe zu Bundesebene, Bundeswehr und internationalen Partnern gezielt nutzen. Dies sei jedoch nur dann glaubwürdig, wenn das Land selbst signifikante Strukturen und eigene Ressourcen für den Aufbau des DefTech-Ökosystems bereitstelle. „Entscheidend ist, dass wir unsere Vorteile als Hauptstadt ausspielen und die Bedarfsseite – Bundesebene, Verteidigungsministerium, Bundeswehr sowie internationale Partner – als institutionellen Eckpfeiler des DefTech-Ökosystems von vornherein einbinden“, fordert Schreiner. Nur durch diese enge Verknüpfung mit den realen Beschaffungsstrukturen der Streitkräfte entstehe die notwendige Attraktivität für Start-ups und andere Unternehmen im Sicherheitsbereich. Der Fahrplan für Berlin steht damit. Der politische Rahmen ist mit dem Senatsbeschluss gesteckt, und die wirtschaftliche sowie technologische Substanz ist in der Stadt unbestreitbar vorhanden. Die kommenden Monate werden zeigen, wie schnell es gelingt, die geschaffenen Schnittstellen zu aktivieren und die Berliner Innovationskraft fest in die Beschaffungsprozesse des Bundes und Europas zu integrieren. ■ Manja Schreiner Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin Entscheidend ist, dass wir unsere Vorteile als Hauptstadt ausspielen. Positionspapier: Innovativ. Vernetzt. Verantwortungsvoll Mit einem Positionspapier zum Defence-Standort legt die IHK Berlin 25 Handlungsempfehlungen vor, wie die Hauptstadt ihren Beitrag zu Deutschlands Resilienz und Verteidigungsfähigkeit stärken kann. Ein zentrales Element dafür ist der Aufbau eines „TechHub SVI Ost“. Darüber sollen Berlin und die ostdeutschen Bundesländer ihre techno- logische Stärke – etwa in KI, Robotik, Cyber- Security oder industrieller Fertigung – enger mit den Innovations‑, Bedarfs‑ und Beschaffungsstrukturen von Bundeswehr und Sicherheitsakteuren verzahnen. Das Papier wurde unter Federführung des IHK-Themenausschusses „Innovative und wissensgetriebene Stadt“ erarbeitet. Zudem wurden konkrete Bedarfe und Maßnahmen im Austausch mit Industrieunternehmen und Start-ups aus dem Defence-Bereich diskutiert. IHK-Veranstaltung zu Sicherheit und Verteidigung Am 27. April bringt die IHK Berlin Unternehmen, Politik und Bundeswehr im Ludwig Erhard Haus zusammen. Bei der Veranstaltung wird diskutiert, wie die Hauptstadt ihre technologische Stärke noch gezielter für Resilienz und Verteidigungsfähigkeit einsetzen kann. Vorgestellt werden innovative Berliner Lösungen aus Bereichen wie KI, Cyber-Security und Raumfahrt. Weitere Informationen Mehr zum Thema Sicherheit unter ihk.de/berlin/ unternehmenssicherheit Defence | 21
Unternehmen, das autonome Aufklärungs- und Abwehrsysteme für die moderne Verteidigung entwickelt. Es sollte ein agiles Start-up werden, das vollautonome Aufklärungs- und Abwehrdrohnen mit hoch entwickelten KI-Steuerungen für die moderne Verteidigungsindustrie entwickelt. Ein technologisches Alleinstellungsmerkmal der Berliner ist die Wiederverwendbarkeit der Systeme. Während im Ukraine-Krieg massenhaft Einweg-Kamikaze-Drohnen eingesetzt werden, geht Promethion einen ganz anderen Weg. Das Unternehmen baut Spezialdrohnen, die autonom ins Kampfgebiet fliegen, dort selbstständig Bedrohungen wie andere Drohnen oder Gleitbomben Die Drohnen-Technologie des Start-ups Promethion sollte Windparks überwachen. Doch der Krieg gegen die Ukraine hat alles verändert Abwehr statt Offshore Kasimir von Finck ist Gründer und CEO des Start-ups Promethion F ür Kasimir von Finck kam der Wendepunkt im Februar 2022. Als russische Panzer in Richtung Kiew rollten, überdachte der Gründer sein bisheriges Geschäftsmodell fundamental. Bis dahin hatte sich sein Start-up auf zivile maritime Überwachung konzentriert – etwa auf die Inspektion von OffshoreWindparks oder das Aufspüren von Tankern, die illegal Öl ablassen. Der Kriegsbeginn veränderte die Perspektive schlagartig. „Wir wollten Systeme entwickeln, die Bedrohungen abfangen und neutralisieren – nicht selbst als Angriffswaffe eingesetzt werden“, erinnert sich von Finck an den entscheidenden Moment. Daraus entstand die Idee zu Promethion – einem technologiegetriebenen Kasimir von Finck Wir brauchen dringend Flächen, wo Start-ups und die Bundeswehr gemeinsam testen können. FOTO: CHRISTIAN KIELMANN FOKUS | Defence | 22 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
gehen. Da zahlreiche Venture-Capital-Fonds nicht in den Verteidigungssektor investieren wollten, lief Promethion dreieinhalb Jahre im Bootstrapping-Modus, wuchs also organisch aus eigener Kraft. Hinzu kam die Unterstützung einiger deutscher Business Angels. Der Berliner Hauptsitz ist strategisch bewusst gewählt. Die Nähe zur Bundesregierung, zu Ministerien und internationalen Botschaften ist für den Netzwerkaufbau äußerst wertvoll. Dennoch sieht von Finck im Berliner DefTech-Ökosystem noch strukturellen Nachholbedarf. Berlin verfügt bislang kaum über Infrastruktur, die den Sicherheitsanforderungen moderner Verteidigungs-Start-ups entspricht. Besonders drängend sei zudem das Raumproblem: „Autonome Drohnen lassen sich nicht über dem städtischen Raum testen. Denn anders als Softwareunternehmen benötigen Robotik-Start-ups physische Testumgebungen. Wir brauchen dringend dedizierte Flächen, wo Start-ups und die Bundeswehr unbürokratisch und gemeinsam hochiterativ und regional testen können, das hätten wir mit dem Flughafen Tegel“, so der Gründer. Für die nächsten Schritte blickt man bei Promethion über die Stadtgrenzen hinaus. Geplant ist eine Fabrikationshalle samt Testgelände im Umland. Gelingt das, könnte Berlin-Brandenburg zu einem der wichtigsten Standorte für autonome Verteidigungsrobotik in Europa werden. ■ Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Unternehmer auf LinkedIn: 2021 gründete Kasimir von Finck Promethion. Russlands Krieg gegen die Ukraine verschob den Unternehmens- fokus auf Verteidigungs- technologie. erkennen und sie dann nach der Freigabe durch einen Menschen zum Absturz bringen – ohne selbst dabei zerstört zu werden. Anders als Einwegdrohnen sind die Promethion-Systeme darauf ausgelegt, nach dem Einsatz zur Basis zurückzukehren und erneut eingesetzt zu werden. Eine zentrale Rolle bei den Einsätzen spielt künstliche Intelligenz für die Flugsteuerung. Hier kommt das zweite Alleinstellungsmerkmal von Promethion ins Spiel: Die Drohnen-KI wird in hochkomplexen Simulationen mit synthetischen Daten trainiert. Das macht die Systeme unabhängig von externen Datensätzen – und die Entscheidungswege der KI lückenlos nachvollziehbar. Vom Gefechtsfeld direkt in die Forschung Promethion operiert bereits in einem realen Konflikt: Das Start-up befindet sich im engen Austausch mit Einheiten in der Ukraine. Was in traditionellen Rüstungskonzernen oft Jahre dauert, passiert bei Promethion im Zeitraffer: Erkenntnisse vom Gefechtsfeld fließen direkt in die Forschung und Entwicklung ein. Hinter diesem Tempo steht ein hochgradig vernetztes Team. Das Unternehmen betreibt sein Entwicklungslabor auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel. Finanziell musste von Finck, der in München Finanzen, Marketing und Ethik studierte und sich die Technik autodidaktisch aneignete, unkonventionelle Wege Defence | 23
Russlands Angriff auf die Ukraine veränderte vieles – auch die Karriereplanung von Leonard Wessendorff, Geschäftsführer des Start-ups Project Q. Der Reservist, seit Jahren in der Verteidigungsbranche tätig, sah akuten Handlungsbedarf. Gemeinsam mit Chief Operating Officer Philipp Bartkowski gründete er 2024 sein Unternehmen. Das ehrgeizige Ziel: den Schutz kritischer Infrastrukturen auf ein neues technisches Level heben. Das Kerngeschäft liegt in der Entwicklung modularer Sensor- und Aufklärungslösungen, vor allem für Streitkräfte, Sicherheitsbehörden und andere Betreiber entsprechender Infrastrukturen. Das Alleinstellungsmerkmal von Project Q ist „Hydris“, ein sogenannter Orchestration Layer – eine übergeordnete Software-Schicht, die verschiedenste Fähigkeiten und Hardware-Sensoren vernetzt. Die Besonderheit: Hydris ist eine Open-Source-Plattform. „Wir befähigen den Nutzer, modular sein eigenes System zu gestalten und damit jederzeit auf eine sich ändernde Bedrohungslage reagieren zu können“, erklärt Wessendorff. „Der kontinuierliche Austausch mit der Bundeswehr sowie die Erfahrungen aus der Ukraine haben die Entwicklung unserer Lösungen entscheidend geprägt.“ Hydris ist bereits im operativen Einsatz, einzelne Systeme wurden bei Kunden ausgerollt. Zudem wird die Sensorik derzeit live auf dem Testbed in der Tegeler Urban Tech Republic betrieben. Dort intensiviert das Start-up seine Entwicklungsaktivitäten, denn die nächsten Meilensteine stehen fest: Noch vor dem Sommer ist ein größeres Software-Release geplant. Project Q ist fremdfinanziert und schloss 2025 eine Seed-Finanzierungsrunde über 7,5 Mio. Euro ab – getragen ausschließlich von europäischen Investoren. Berlin bietet ein ideales Umfeld mit kurzen Wegen zu politischen Entscheidern und Ministerien sowie einem hervorragenden Investoren- und Partnernetzwerk. „Außerdem ist Berlin für unsere Lösungen ein wichtiger Gradmesser. Nirgendwo sonst in Deutschland haben wir geballt so viel schützenswerte Infrastruktur“, betont Wessendorff. Das lokale Defence-Tech-Ökosystem entwickele sich mit beeindruckender Dynamik. Er lobt die Kombination von Innovationskultur und wachsendem politischem Willen, die Branche als Wirtschaftsmotor zu begreifen: „Der Aufbau eines DefTech-Ökosystems kann dazu beitragen, die Rahmenbedingungen weiter zu verbessern, und hoffentlich künftige Gründer ermutigen, sich bewusst für den Standort zu entscheiden.“ ■ Geschäftsführer und einer der zwei Gründer von Project Q: Leonard Wessendorff Gut vernetzt Der Unternehmer auf LinkedIn unter dem QR-Code: Project Q schützt mit Open-Source-Software kritische Infrastrukturen. Die gibt es in der Hauptstadt geballt. Und dazu ein Netzwerk aus Investoren und Partnern Ideales Umfeld in Berlin Leonard Wessendorff Wir befähigen den Nutzer, jederzeit auf eine sich ändernde Bedrohungslage reagieren zu können. FOTOS: PROJECT Q, KONRAD STÖHR FOKUS | Defence | 24 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
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