Berliner Wirtschaft April 2026

arbeiten bereits heute an Produkten und Softwarelösungen, die für zivile Zwecke entwickelt, aber zunehmend auch für militärische Aufgaben adaptiert werden können. Die Verfügbarkeit von innovativen Startups und KMU ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die weitaus größere Herausforderung besteht darin, diese zivilen Technologien schnell und effizient in die Streitkräfte zu bringen. Genau an dieser Nahtstelle arbeitet der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) in Berlin. Unter der Leitung von Sven Weizenegger fungiert er als agile Schnittstelle zwischen der Start-up-Szene und der Truppe. Die Arbeitsweise unterscheidet sich fundamental von klassischen Rüstungsprojekten, die oft Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „Unsere Aufgabe ist es, konkrete militärische Herausforderungen mit kommerziell bereits verfügbaren Technologien zu lösen“, erklärt Weizenegger. Der Prozess beginnt stets beim Endanwender: Soldaten melden dem Hub ein spezifisches Problem aus ihrem Dienstalltag. Das Team des CIHBw scannt daraufhin den Markt nach Start-ups, die eine funktionierende Basisversion einer Lösung anbieten können. In einem engen Zeitfenster von maximal zwölf Monaten und mit Pilotbudgets zwischen 100.000 und 500.000 Euro wird die Technologie dann direkt in der militärischen Praxis validiert. Software-Kompetenz besonders wichtig Für Weizenegger bietet Berlin als Standort für diese Vermittlungsarbeit herausragende Voraussetzungen. Die Dichte an Entwicklern, die Nähe zum Bundesministerium der Verteidigung und die Präsenz spezialisierter IT-Firmen erleichterten den Austausch. „Wir sind hier extrem stark im Bereich der Software aufgestellt. Da kann uns keiner was vormachen“, betont Weizenegger. Software-Kompetenz ist besonders wichtig, weil sich innerhalb der Streitkräfte gerade ein wichtiger Technologiesprung vollzieht – Stichwort: „Software Defined Defence“. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass die Leistungsfähigkeit militärischer Systeme künftig maßgeblich durch Code statt durch Hardware bestimmt wird. So lässt sich ein klassischer Panzer beispielsweise schnell durch Software-Updates mit neuen autonomen Fahrfunktionen oder besserer Datenverarbeitung ausstatten. Gerade auf diesem Gebiet könne Berlin seine Trümpfe als Tech-Metropole voll ausspielen, glaubt Weizenegger. Drehkreuz Richtung Nord- und Osteuropa Wie wichtig es ist, diese technologischen Vorteile nun auch klug auszuspielen, weiß Martin Wolff. Als Leiter des Internationalen Clausewitz-Zentrums (ICZ) an der Führungsakademie der Bundeswehr und Vorsitzender des Clausewitz-Netzwerks blickt er aus einer „strategischen Vogelperspektive“ auf den Standort. Sein Netzwerk widmet sich dem Wissens- und Kompetenztransfer und bringt dafür zivile Führungskräfte mit militärischen Entscheidern an einen Tisch. Wolff sieht die Hauptstadt in einer herausragenden Ausgangslage. „Berlin verfügt als politisches Machtzentrum über einen extremen Standortvorteil. Hier bündeln sich die Ministerien, die internationalen Botschaften, die diplomatischen Vertretungen und eine herausragende Wissenschaftslandschaft.“ Zudem fungiere Berlin logistisch und sicherheitspolitisch längst als entscheidendes Drehkreuz in Richtung Nord- und Osteuropa. „Diese Verdichtung als Cluster ist phänomenal“, urteilt der Experte. Den jüngsten Beschluss des Berliner Senats bewertet Wolff grundsätzlich als dringend notwendigen Schritt. Gleichzeitig mahnt er jedoch an, dass die reine Willensbekundung nun zügig mit handfesten Strukturen unterlegt werden müsse. Es gelte, das „Delta“ zwischen politischer Absicht und operativer Umsetzung schnell zu schließen. Und statt viele Themenfelder gleichzeitig bespielen zu wollen, solle sich Berlin auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Resilienz, Open Source Intelligence (Datenauswertung) und den Schutz kritischer Infrastrukturen. Zudem drängt er zur Eile. Berlin bewege sich nicht im luftleeren Raum, sondern stehe im direkten europäischen Wettbewerb mit anderen Innovationsclustern wie München, Paris oder London. Und auch auf Nato-Ebene formieren sich derzeit europaweit neue Zentren zur Technologieentwicklung. „Wenn Berlin seinen einmaligen Standortvorteil als politisches Zentrum und Tech-MetroSven Weizenegger Leiter Cyber Innovation Hub der Bundeswehr Unsere Aufgabe ist es, konkrete militärische Herausforde- rungen mit kommerziell verfügbaren Technologien zu lösen. 400 Unternehmen in der Region arbeiten an Produkten und Softwarelösungen im zivilen Bereich, die für militärische Aufgaben adaptiert werden können. ILLUSTRATION: GETTY IMAGES; FOTOS: CIHBW, IHK BERLIN/PHILIPP ARNOLDT FOKUS | Defence | 20 Berliner Wirtschaft 04 | 2026

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