Nadine Bortscheller die veranstaltungsmacher GmbH Wir erleben regelmäßig einen unverhältnis- mäßigen administrativen Aufwand. André Richter queonext/queo GmbH Vergabe muss einfacher und schneller werden. Das öffentliche Vergaberecht regelt, wie staatliche Stellen Aufträge für Bau-, Liefer- und Dienstleistungen an Unternehmen vergeben. Ziel ist laut Bundeswirtschaftsministerium ein transparenter, wettbewerblicher und wirtschaftlicher Einkauf. So weit, so gut. Doch für das Land Berlin hat die KI noch einen anderen Passus parat: Das Vergaberecht in der Bundeshauptstadt „stellt hohe Anforderungen an Tariftreue, soziale Nachhaltigkeit und Umweltstandards“. Konsequenz: Unternehmen meiden oftmals öffentliche Beschaffungsverfahren, und so bleiben manche Projekte lange Zeit liegen. Warum hinkt Berlin beim Vergaberecht zum Schaden des Standorts hinter anderen Bundesländern hinterher?, fragt sich IHK-Präsident Sebastian Stietzel und verweist auf das Nachbarland Brandenburg. Das gehört zu den Vorreitern bei Direktaufträgen und vereinfachten Verfahren. In fünf Bundesländern kann die Verwaltung bis zu einem Wert von 100.000 Euro Aufträge direkt vergeben. In sechs Bundesländern sind vereinfachte Verfahren bis zum EU-Schwellenwert zulässig. In vier Bundesländern sind Experimentierklauseln für die Beteiligung innovativer Unternehmen beziehungsweise Start-ups bereits wirksam oder in Vorbereitung. So funktioniere Standortförderung und Bürokratieabbau in der Praxis, betont Stietzel. Dagegen leiste Berlin sich die Extravaganz, das Vergaberecht als parteipolitisches Spielfeld zu nutzen. Dadurch seien Unternehmen von unnötiger Bürokratie frustriert und mieden, wenn möglich, öffentliche Aufträge. Stadt und Verwaltung versperrten sich selbst den Weg zu Innovationen aus der Wirtschaft und verhinderten zukunftsfähige Investitionen. Problematischer Fokus auf Angebotspreis Davon kann auch die geschäftsführende Gesellschafterin von die veranstaltungsmacher GmbH, Nadine Bortscheller, ein Lied singen. „Als bundesweit tätige Agentur für die Konzeption und Umsetzung von Veranstaltungen erleben wir im Rahmen öffentlicher Ausschreibungen regelmäßig einen erheblichen administrativen Aufwand durch die Vielzahl beizubringender Nachweise, deren tatsächlicher Prüf- und Mehrwert oftmals nicht im angemessenen Verhältnis zum Ressourcenaufwand steht“, kritisiert sie. Zugleich führe die starke Fokussierung auf den Angebotspreis dazu, dass qualitative Aspekte, kreative Konzeptionen sowie innovative und nachhaltige Lösungsansätze in der Wertung nicht ausreichend berücksichtigt werden. Stietzel verweist darauf, dass Berlin laut Koalitionsvertrag bei der Vergabe Bürokratie abbauen und den Fokus stärker auf Qualität und Wirtschaftlichkeit richten will, aber nur, solange die sozialen und ökologischen Vorgaben davon unberührt bleiben. Leider machten die einen erheblichen Teil der bestehenden Komplexität aus, kritisiert der IHK-Präsident. „Ich befürchte, dass sich das bekannte Muster fortsetzt: Reformschritte werden vertagt oder verwässert – und das oft nicht aus fachlichen Gründen, sondern mutmaßlich aus parteitaktischem Kalkül. Ein Teil der politischen Akteure missversteht das Vergaberecht als Hebel, um soziale und ökologische Ziele zu erreichen, ungeachtet der wirtschafts- und investitionspolitischen Auswirkungen. Der andere Teil will innerparteilichen Streit vermeiden und hält sich raus. Was bleibt, ist der Eindruck, die für Wirtschaft zuständige Verwaltung würde hier Rücksicht auf die Parteikollegen im Abgeordnetenhaus nehmen – zulasten der Wirtschaft und des Standorts.“ Die Politik ist jetzt am Zug Was genau müsste sich ändern? André Richter, Director New Business der Agentur queonext, bringt es auf den Punkt: „Vergabe muss einfacher und schneller werden. Es gibt genügend Unterneh- men, die in der Lage sind, ausgeschriebene Leistungen kompetent zu erbringen – und die dennoch die hohen Anforderungen an Ausschreibungen scheuen. Höhere Wertgrenzen für Direktaufträge und vereinfachte Vergaben bergen ein erhebliches Entlastungspotenzial für beide Seiten. Unternehmen können sich wieder stärker ihren Kernaufgaben und dem innovativen Potenzial widmen.“ Die Wirtschaft erwartet den spürbaren politischen Willen, das Vergabewesen zum Investitionsbeschleuniger und Innovationstreiber zu entwickeln, fordert der IHK-Präsident. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner habe beim letztjährigen IHK-Verwaltungsforum deutlich gemacht, dass er diese Einstellung teilt. Nun müssten die zuständigen Fachverwaltungen liefern – abgestimmt und rasch, um hinter dieses Thema noch vor Beginn der heißen Phase des Wahlkampfes einen Haken machen zu können. ■ Heike Schöning, IHK-Public-Affairs-Managerin Innovationspolitik Tel.: 030 / 315 10-331 heike.schoening@berlin.ihk.de FOTOS: STOCKSY/CACTUS CREATIVE STUDIO, MARKUS NASS, PRIVAT Vergaberecht | 17 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
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