Berliner Wirtschaft April 2026

Sozialpartnerschaft statt Feindbild Das Bild von Unternehmern als „Herren im Maßanzug“ hat mit der Realität in Deutschland wenig zu tun – denn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind zwei Seiten derselben Medaille B undesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende Bärbel Bas sprach nach ihrem Auftritt beim Arbeitgebertag davon, ihr sei „deutlich geworden, gegen wen wir ... kämpfen müssen“, und zeichnete dabei ein Bild von „Herren“ in „bequemen Sesseln“ und „im Maßanzug“. Diese Aussage hat viele Unternehmerinnen und Unternehmer irritiert, weil sie völlig aus der Zeit gefallen ist. Ich wünsche mir, dass wir diese Diskussion bewusst drehen. Denn Arbeitgeber sind nicht nur „die da oben“. Arbeitgeber sind in Berlin vor allem Mittelstand, Familienbetriebe, Start-ups, Dienstleister, Hotels und Gastronomen, Agenturen, Logistiker, Pflege- und Bildungsträger – Menschen, die morgens aufschließen, Schichten organisieren, Löhne zahlen, ausbilden, investieren und Verantwortung tragen. In Berlin arbeiten rund 1,69 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Hinter jedem dieser Arbeitsplätze stehen Arbeitgeber in all ihrer Vielfalt. Die IHK Berlin zählt rund 340.000 Mitgliedsunternehmen, vom Kiezbetrieb und dem „Eck-Späti“ bis zum Tech-Giganten, vom Traditionshaus bis zum Start-up. Deutschland lebt zudem ganz wesentlich von familiengeprägtem Unternehmertum: Rund 90 Prozent der Unternehmen sind Familienbetriebe. In Stadtstaaten wie Berlin liegt der Anteil bei rund 82 Prozent aller Unternehmen. Das heißt: Arbeitgeber sind so vielfältig wie Familien selbst: mal groß, klein, laut, leise, mal jung, mal alt. Aber fast immer geprägt von Verantwortung, Fürsorge und dem Wunsch, etwas aufzubauen. Diese Betriebe stehen für einen großen Teil der Beschäftigung und sind eine tragende Säule der Ausbildung. Rund 80 Prozent der ausbildenden Betriebe sind familiengeführt. Das ist keine PR-Zahl, sondern die Grundlage dafür, dass morgen Fachkräfte da sind. Das passt nicht zum Klischee vom „Maßanzug im bequemen Sessel“. Viele von uns sind nah dran an Alltag und Sorgen ihrer Teams. Klar, wir brauchen faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen. Aber wir brauchen auch eine Sprache, die verbindet, und eine Politik, die Sozialpartnerschaft ernst nimmt: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind keine Gegner, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Wenn wir wirklich „kämpfen“ müssen, dann bitte gegen Fachkräftemangel, Bürokratie-Stau, Standortnachteile und eine Stimmung, die Leistung und Verantwortung gegeneinander ausspielt. Berlin kann nur dann sozial stark bleiben, wenn es wirtschaftlich stark ist. Und wirtschaftlich stark bleibt es nur, wenn Unternehmertum, in all seiner Vielfalt, nicht zum Feindbild erklärt wird. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Jessyca Staedtler ist Geschäftsführerin der documentus GmbH Berlin und Mitglied des IHK-Präsidiums FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 15 Berliner Wirtschaft 04 | 2026

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