Wie international ist Ihr Geschäft? Im zivilen Bereich verkaufen wir 70 Prozent im deutschsprachigen Raum. Die restlichen 30 Prozent kommen aus der ganzen Welt – von Amerika bis Neuseeland. Bei dem professionellen Kundenkreis ist es eher andersherum. Die Konfektionäre, an die wir verkaufen, beliefern zu 70 Prozent europäische Nato-Armeen, 30 Prozent bleiben in Deutschland. Das kann aber auch stark schwanken. Wenn die Bundeswehr beispielsweise neue Westen einführt, erstreckt sich die Beschaffung über fünf bis acht Jahre. Dann ist das wieder vorbei, und es kommt vielleicht ein ähnliches Projekt aus einem anderen europäischen Land. Was hat sich für Sie seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine verändert? Wir werden heute ganz anders wahrgenommen. Früher standen wir bei Banken auf einer Stufe mit Waffenhändlern oder Prostitution. Man wollte uns keine Kredite geben. Inzwischen hat die Rüstungsindustrie ihren schlechten Ruf größtenteils verloren. Die Leute verstehen jetzt, dass es um Verteidigung geht. Auch Partner aus der zivilen Industrie, die früher nichts mit dem Militär zu tun haben wollten, rufen uns heute an. Die Nachfrage ist seit Kriegsausbruch enorm gestiegen. In den ersten Wochen wurde unser Lager regelrecht leer gekauft, weil ukrainische Firmen händeringend Material für Schutzausrüstung suchten. Konnten Sie die Kapazitäten erweitern? Die Nachfrage aus der Ukraine hat sich nach der Anfangszeit des Krieges auch wieder etwas beruhigt, nachdem man sich dort einen Überblick über die Beschaffungsmärkte verschafft hat. Die Planung verläuft jetzt koordinierter. Mittlerweile spüren wir aber die Nachfrage aus dem Sondervermögen der Bundesregierung. Unsere Partner aus der produzierenden Industrie, die Weber zum Beispiel, sind sehr stark ausgelastet. Es fehlen Kapazitäten. Die Textilindustrie ist zu großen Teilen aus Europa abgewandert. Es gibt zu wenig Webstühle und zu wenig Personal. Auch die Lieferzeiten für Garne werden länger. Entstehen da Märkte für Neugründungen? Ich sehe keine Neugründungen bei Webern oder ähnlichen Produzenten, weil das eine sehr kostspielige Industrie ist. Eine Weberei ist nicht so einfach zu gründen, das Know-how ist schwer zu finden. Ich weiß auch nicht, ob die Bereitschaft von Banken vorhanden ist, mehr Textilindustrie aufzubauen. Die bestehenden Weber investieren natürlich und kaufen Maschinen, sofern sie den Platz und Personal haben. Gibt es die Anforderung, dass Ihre Lieferanten aus Deutschland oder Europa sein müssen? Bisher war es der Bundeswehr oder den anderen europäischen Armeen meistens egal, woher die Materialien kommen. Wir haben selbst darauf geachtet, dass so nah wie möglich produziert wird, am liebsten regional, wenn das nicht möglich ist, national, und wenn das nicht möglich ist, in Europa. Aber das ist unsere eigene Philosophie, das war keine Anforderung von Kunden. Tatsächlich ändert sich jetzt die Lage. Die Lieferkette rückt in den Blickpunkt, um den Nachschub zu gewährleisten. Sie haben inzwischen mit der Spree Concepts GmbH eine weitere Firma gegründet, die sich mit der Entwicklung von Flug-, Land- und maritimen Drohnen beschäftigt. Wie eignet sich ein Experte für textile Komponenten Know-how für das Thema Drohnen an? Es ist so ähnlich wie bei den Textilien. Wir haben den militärischen Hintergrund, sind mit vielen Soldaten und Polizisten befreundet und stehen durch unseren Beruf ständig in Kontakt mit Spezialeinheiten, die besondere Lösungen suchen. Wir sind deshalb in der Lage, die Anforderungen des Militärs in die Sprache der Industrie zu übersetzen. Wir wissen, dass Soldaten im Feld oft keinen Zugriff auf Ersatzteile haben und Geräte brauchen, die einfach zu bedienen und zu reparieren sind – auch unter widrigsten Bedingungen. So haben wir vor acht Jahren angefangen, über Drohnen nachzudenken. Also noch deutlich vor dem Ukraine-Krieg. Ja. Es geht darum, dass Spezialeinheiten andere Aufgaben haben als eine große Armee. Wir haben an kleinen Drohnen gearbeitet, mit denen Soldaten schnell in Gebäude reinschauen können, um die Lage zu beurteilen. Leider waren Armeen noch nicht so weit, solche Geräte zu beschaffen, zum Beispiel, weil es keine Ausbildungskonzepte für Piloten gab. Das ändert sich, und wir können nun aktiv werden. Im Bereich der Polizei und der Feuerwehr war der Einsatz autonomer Drohnen aufgrund der Gesetzgebung bisher nicht möglich. Auch das hat sich geändert. Sie entwickeln aber nur und brauchen Technologie-Partner aus der Industrie, oder? Ja, aber die Suche ist einfacher geworden, weil die produzierende Industrie jetzt offener ist, auch für die Verteidigung zu arbeiten. Wir wollen zivile Unternehmen als Partner an unsere Seite bekommen, weil der Drohnenbau auch skalierbar sein muss. Bis vor Kurzem waren die meisten Drohnenhersteller noch Gut vernetzt Kontakt zu Sebastian Stutte auf LinkedIn über den QR-Code: Henrik Holst, IHK-Public-Affairs- Manager Digitalpolitik und Unternehmens- sicherheit Tel.: 030 / 315 10-623 henrik.holst@ berlin.ihk.de FOTOS: AMIN AKHTAR FOKUS | Defence | 28 Berliner Wirtschaft 04 | 2026
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