IHK-Wahl Vollversammlung wird 2027 vollständig digital gewählt Seite 12 Nachhaltigkeit Neue EU-Vorgaben gegen Greenwashing in der Werbung Seite 58 Die Stadt braucht ein Zielbild Berlin wählt. IHK-Präsident Sebastian Stietzel über notwendiges Wachstum, Bürokratie-Frust und die Erwartungen der Wirtschaft an den nächsten Senat Seite 22, Interview Seite 28 IHK-Event Festival der Berliner Wirtschaft Globale Impulse für die Fachkräftezukunft des Standorts Seite 48 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 07-08/2026 ihk.de/berlin
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Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Ist der Berliner Politik klar, dass eine starke Wirtschaft das Fundament dieser Stadt ist? Die scheidende Legislatur brachte von der Verwaltungs- reform über Bildung bis zum Bauen zweifellos Fortschritte. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Ausbildungs- platzabgabe ist ein kontraproduktives Bürokratie- Monster, das Vergabegesetz verunglückt, und Enteignungsdebatten senden fatale Signale an Investoren. Bei Letzterem will nun der Bund für Klarheit sorgen. In dieser Ausgabe spiegeln wir die Positionen der Parteien an den Forderungen der Berliner Wirtschaft, geben einen Ausblick, was in der Sommerpause nicht liegen bleiben darf und was nach der Wahl als Erstes auf die Agenda gehört. Beim IHK-Zukunftsforum am 2. September schreiben wir dann der Politik den wirtschaftspolitischen Kompass ins Stammbuch. Die Erwartung an die Wahlkämpfer ist klar: Wirtschaft zur obersten Priorität machen und nach der Wahl zügig verhandeln und ins Umsetzen kommen. Ihr Wohnungsbau Praktiker aus Wohnungswirtschaft, Immobilienbranche und Stadtentwicklung diskutierten in der IHK über das Thema „Wohnungsbau im Stau: Wer blockiert das Bauen in Berlin?“. Das Ziel: Es muss schneller gebaut werden. Dazu wurden interessante Lösungs- ansätze erarbeitet. Seite 14 Wirtschaft muss die oberste Priorität sein berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026 Editorial | 03
AGENDA 10 Sommerfest Rund 2.000 Gäste feierten mit der IHK das Event der Hauptstadt-Wirtschaft 12 Vollversammlung Vollversammlungswahl der IHK 2027 stand im Blickpunkt 13 Kolumne Roman Kaupert empfiehlt der Politik einen klaren Kurs 14 Wohnungsbau Expertenrunde diskutierte auf IHK-Veranstaltung Lösungen für schnelleres Bauen 16 Delegationsreise Berliner Wirtschaftsvertreter und -vertreterinnen knüpften Kontakte in Brasilien 17 Stadtentwicklung Berliner ICC soll Ort für Kultur und Kreativität werden 18 Innovation Berlin will Transfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft mit neuen Strategien fördern 20 Politikgespräch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder bei der IHK 21 Standort Berlin und Brandenburg proben den Schulterschluss FOKUS 22 Abgeordnetenhauswahl Die Berliner Wirtschaft erwartet von der Politik Rahmenbedingungen zur Stärkung des Standorts 26 Positionen Die Wahlprogramme der Parteien im Spiegel wichtiger wirtschaftspolitischer Themenkomplexe 28 Interview IHK-Präsident Sebastian Stietzel im Gespräch über Erwartungen an die Politik und den Frust der Wirtschaft über mangelnde Unterstützung Wir brauchen Wachstum, damit die Menschen wieder Jobs finden. BRANCHEN 32 Medizintechnik Melag beweist Erfindergeist mit globaler Strahlkraft 36 Klimaschutz Bündnis für Biodiversität zu Gast im Knauer-Firmengarten 38 Standortentwicklung Berliner Zentrengipfel nimmt lokale Initiativen in den Blick 40 Gründungen Neue Unternehmen der Hauptstadt kurz vorgestellt 42 Gartenbau Generationswechsel in den Späth’schen Baumschulen 45 Historie Ein Parfümerie-Gründer mit dem richtigen Riecher Sommerfest IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner begrüßte die Gäste des Wirtschaftstreffs 10 22 Abgeordnetenhauswahl Im September entscheidet sich, wer in Berlin künftig regiert. Die Erwartungen der Wirtschaft an die Landespolitik sind klar Sebastian Stietzel Präsident der IHK Berlin Inhalt | 04
03 Editorial | 06 Entdeckt | 56 Impressum | 57 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt FACHKRÄFTE 48 Festival IHK-Jahresevent lieferte neue Impulse für die Arbeitswelt 50 Internationale Talente Erster Ausbildungsjahrgang in Namibia ist gestartet 51 Fachkräftegewinnung Neue Talente finden mit „African Skills 4 Germany“ 52 Diversity Nihat Sorgeç baut Brücken für mehr Potenzial und Vielfalt 54 Digitale Bildung Gründerin Katharina Haverich im Kurzinterview 56 Ausbildungsbeginn IHK begleitet Betriebe mit Beratung und Kontakten SERVICE 58 Umweltwerbung Wer mit Nachhaltigkeit wirbt, braucht dafür jetzt Nachweise 60 Unterstützung IHK bietet zielgerichtete Beratung für Einzel- und Kleinstunternehmen 61 Energiegewinnung IHK-Event zur Nutzung von Tiefengeothermie für Berlin 62 Beratung Rechnungsstellung einer deutschen Agentur an ein Schweizer Unternehmen 63 Sachverständige IHK dankt Rainer Ahlberg für 50 Jahre als Sachverständiger Gartenbau Susanne Schmohl, Laura Lichtenheldt und Karoline Leu (v. l.) sind die neuen Chefinnen der Späth’schen Baumschulen 42 Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN, AMIN AKHTAR, IMAGO/JOKO, SPÄTH’SCHE BAUMSCHULEN/DANIELA INCORONATO Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026 Inhalt | 05
FOTO: GÜNTER WICKER/FLUGHAFEN BERLIN BRANDENBURG GMBH Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026 Entdeckt | 06
Der Flughafen Berlin Brandenburg baut sein Langstreckennetz weiter aus: Air Canada verbindet die Hauptstadtregion nun direkt mit dem Drehkreuz Montreal. Die neue Route stärkt die Anbindung an Nordamerika und wird dreimal wöchentlich – mittwochs, freitags und sonntags – bedient. „Ein sichtbarer Erfolg der gemeinsamen Arbeit im Connectivity Board von BER, visitBerlin und den Industrie- und Handelskammern“, betonte IHK-Vizepräsident Robert Rückel (Foto, 5. v. r.). Direktverbindungen sind für die exportorientierte Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Kanada gilt als verlässlicher Partner – wirtschaftlich wie technologisch. Zwischen Berlin und Montreal bestehen enge Kooperationen, etwa in Forschung, künstlicher Intelligenz und Kreativwirtschaft. Auch sportlich gibt es Schnittmengen: Kanadas Eishockeytradition trifft auf die Berliner Eisbären, die zur Premiere die erste Maschine in Berlin empfingen. Die Strecke wird vorerst bis September bedient; für den Sommer 2027 sind erweiterte Frequenzen geplant. Eisbären für Montreal Entdeckt | 07 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
„Der Volksentscheid war gestern, die Wohnungsnot ist heute. Wer bezahlbare Mieten will, muss endlich bauen. Es ist erfreulich, dass wenigstens die Berlinerinnen und Berliner in der Frage lösungsorientiert denken. Höchste Zeit, dass die politischen Akteure dem Wählerwillen folgen, anstatt ruinöse Vergesellschaftungsdebatten zu führen. Bezahlbarer Wohnraum entsteht nicht durch Ideologie, sondern durch Bagger.“ Fast zwei Drittel der Berliner stimmten bei einer IHK-Umfrage für eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes Endlich bauen gesagt Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin 3 700 577 Menschen lebten Ende 2025 in Berlin. Damit wurde erstmals die Marke von 3,7 Millionen überschritten. Im Vergleich zu 2024 stieg die Zahl um 0,4 Prozent. Das ist ein Zuwachs von 15.312 Personen. Der Anteil der Deutschen in Berlin beträgt 77 Prozent. kopf oder zahl Werner Gatzer Dr. Doris Radatz wurde einstimmig zum neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) gewählt. Er folgt auf Vorschlag der Anteilseignervertreter des Landes Brandenburg im Aufsichtsrat auf Jörg Simon. Gatzer ist Jurist und war früher Bundesfinanzstaatssekretär. Er ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender bei der Deutschen Bahn AG. ist von der Deutschen Bahn zur Stromnetz Berlin GmbH gewechselt. Sie nimmt dort als Arbeitsdirektorin und Geschäftsführerin Personal eine neu eingerichtete Geschäftsführungsposition ein. Bei der Bahn war sie 13 Jahre lang tätig, zuletzt in der gleichen Position. Radatz ist Juristin. Nach ihrem Studium in Passau arbeitete sie zunächst als Rechtsanwältin. Weitere Informationen zum Thema „Wohnungsbau im Stau“ auf Seite 14 FOTOS: STROMNETZ BERLIN, PABLO CASTAGNOLA/FLUGHAFEN BERLIN BRANDENBURG, PHILIPP ARNOLDT, GETTY IMAGES, GLOW 25/BENJO ARWAS Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026 Kompakt | 08
Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Tausend 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 , , , , , , , , , , , 28 % weniger Wohnungen wurden 2025 in Berlin fertiggestellt. Peter Rau, IHK-Experte für Wohnungsbau Tel.: 030 / 315 10-608 peter.rau@berlin.ihk.de Weniger neue Wohnungen Im vergangenen Jahr sind die Fertigstellungen in Berlin deutlich gesunken. Noch geringer war die Zahl zuletzt 2015 berliner wirtschaft in zahlen Berlin zieht Promis an – trotz unzulänglicher Langstreckenverbindungen. Das ist auch gut fürs Geschäft. Gerade hat das Start-up Glow25 Hollywood-Mimin Sarah Jessica Parker (Foto) als Chief Creative Officer für seine Kollagen-Produkte ins Management geholt. Schon seit den 1990ern verbindet sich Brad Pitts Name mit dem Architektenbüro Graft. Neuerdings wirbt der US-Star zudem für die Online-Bank Trade Republic – wortlos, in einem vom Unternehmen selbst kreierten Spot. Fußballer Lukas Podolski will seine Döner-Kooperation bald am Alexanderplatz wieder beleben. Aufs Drehspieß-Business setzt auch Schauspieler Frederic Lau. Der allerdings ist so berlinisch wie der Döner selbst. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Business mit Promis typisch berlin Grafiken: BW Quelle: Statistik Berlin-Brandenburg Kompakt | 09
Rund 2.000 Gäste feierten das Sommerfest der IHK – bei dem es auch einige deutliche Botschaften an die Adresse der Berliner Politik gab von Holger Lunau Flaniermeile Fasanenstraße 4 1 2 3 agenda
1 Auch Regenschauer konnten den Gästen die Freude am Sommerfest nicht verderben 2 Kai Wegner hob in seiner Rede wirtschaftsfreundliche Positionen hervor 3 Lisa Janßen, Referentin in der Senatswirtschaftsverwaltung, und Stefan Franzke, CEO von Berlin Partner 4 Hier wurden Aufgaben für die nächste Legislatur notiert, für Verkehrssenatorin Ute Bonde ist die Entbürokratisierung ein zentraler Punkt Das IHK-Sommerfest vor dem Ludwig Erhard Haus hat sich zu einem äußerst beliebten Event der Berliner Wirtschaft gemausert. In diesem Jahr flanierten am 1. Juli rund 2.000 geladene Gäste über die Festmeile in der Fasanenstraße. IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner konnte als Hausherrin fast alle Senatsmitglieder, viele Abgeordnete und Vertreter aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen begrüßen. Auch kleinere Regenschauer konnten den Feiernden die gute Laune und den Appetit nicht verderben, man konnte jeweils kurzzeitig in die Passage des IHK-Domizils ausweichen. Für die Unternehmerinnen und Unternehmer, ehrenamtlich tätigen IHK-Ausschussmitglieder oder Prüferinnen und Prüfer gab es die Gelegenheit, bekannte Gesichter zu treffen oder die Veranstaltung für das Knüpfen neuer Kontakte zu nutzen. Wann gibt es schon mal die Gelegenheit, unkompliziert und ohne Terminanmeldung miteinander ins Gespräch zu kommen? Dabei musste sich die Politik aber durchaus unangenehme Dinge anhören. IHK-Präsident Sebastian Stietzel betonte in seiner Eröffnungsrede die Rolle der Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer für den wirtschaftlichen Erfolg und die gesellschaftliche Stabilität der Stadt. Mit Blick auf die Wahlen zum Abgeordnetenhaus im September forderte er deshalb die klare Priorisierung einer wirtschaftsfreundlichen Politik. „Die Unternehmerinnen und Unternehmer dieser Stadt halten den Laden am Laufen. Dafür brauchen sie aber Luft zum Atmen. Ausbildungsplatzabgabe, die verunglückte Novellierung des Vergabegesetzes und vor allem aber der riskante Flirt mit Vergesellschaftungen sind das exakte Gegenteil“, sagte er. Insbesondere die „irrige Idee, mit einem staatlich erzwungenen Eigentümerwechsel könne man die Wohnungskrise lösen, droht nicht nur der Berliner Wirtschaft die Luft abzuschnüren“, warnte er. Der Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt würde Schaden nehmen. Deutschland riskiere einen der letzten und gleichzeitig wichtigsten Vorteile gegenüber anderen Ländern – Rechts- und Investitionssicherheit. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner versuchte dann, die Wogen etwas zu glätten. Der Senat wolle gemeinsam mit der IHK die wirtschaftlichen Chancen der Stadt ergreifen, Berlin nach vorn bringen und zu einem attraktiven Innovations- und Investitionsstandort entwickeln, betonte er. Es dürfe nicht der Fehler der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM wiederholt werden, die Bälle nur von links nach rechts zu spielen. Der Fokus müsse auf der Mitte liegen mit dem Bezug zum Tor. Heißt: Es braucht Pragmatismus in der Mitte der Gesellschaft, um voranzukommen, und keine Spielereien am rechten und linken Rand. Dass dies gelingen könne, zeige zum Beispiel die Verwaltungsreform. Den Bestrebungen in Berlin, Wohneigentum großer Immobilienfirmen zu vergesellschaften, erteilte Wegner eine klare Absage. „Mit mir wird es Enteignungen niemals geben“, betonte der Regierungschef. 80.000 Wohnungen neu gebaut Und inzwischen ist – sicherlich zur Erleichterung des Regierenden Bürgermeisters – klar, dass der Bund angesichts der Gefahr einer Schädigung des Wirtschaftsstandortes Deutschland Vergesellschaftungsbestrebungen auf Länderebene unterbinden will. Stattdessen sollen die Anstrengungen beim Wohnungsneubau verstärkt werden. Laut Wegner sollen in Berlin am Ende der Legislaturperiode 80.000 Wohnungen neu gebaut worden sein. Mit dem „Einfacher bauen“- und dem „Schneller bauen“-Gesetz sowie der neuen Bauordnung seien dafür die Weichen gestellt worden. Bei allem politischen Dissenz und aufregenden Diskussionen, viele Gäste feierten bis spät in die Nacht hinein und probierten unter der Regie des Caterers Berlin Cuisine an 14 Foodtrucks kulinarische Köstlichkeiten von Pretty Pankow über Green Grunewald bis Super Spandau – die kulinarische Vielfalt der Berliner Kieze. Dazu sorgte die Berliner Sängerin Emily Intsiful & Band für musikalische Unterhaltung. ■ Kai Wegner Regierender Bürgermeister Es braucht Pragmatismus in der Mitte der Gesellschaft, um voranzukommen, und keine Spielereien am rechten und linken Rand. Gastgeber: IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner und IHK-Präsident Sebastian Stietzel FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN (5) Sommerfest | 11 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
Im kommenden Jahr wird die Vollversammlung der IHK Berlin neu gewählt – der Ablauf soll moderner und attraktiver gestaltet werden von Holger Lunau Weichen gestellt für die Wahl Die Wahl einer neuen IHK-Vollversammlung (VV) 2027 rückt näher. Damit verbunden sind einige Neuerungen in der Wahlordnung, die in der Sitzung am 1. Juli von der VV beschlossen wurden. Das „Parlament der Unternehmer“, das über die Leitplanken des Wirkens der IHK, deren Budget und Personal entscheidet, wird künftig nur noch digital gewählt. Zwar bekommen alle Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Wahlunterlagen per Post, aber die postalische Rücksendung der ausgefüllten Wahlzettel gehört der Vergangenheit an – der modernen Technik sei Dank. Zudem beträgt die Bewerbungsfrist für Kandidaturen künftig vier statt drei Wochen, und für sogenannte Multi-Geschäftsführer – insbesondere zahlreich vertreten in der Immobilienbranche – wird die Stimmenbündelung eingeführt. Diese ermöglicht es, dass ein Geschäftsführer nur einen Wahlzettel für alle seine Unternehmen auzufüllen braucht. Weiterhin entfallen die bisher obligatorischen drei Unterstützer-Unterschriften für eine Kandidatin beziehungsweise Kandidaten, und es soll mehr Nachrücker-Plätze geben. Letztlich sollen diese Neuerungen dazu dienen, die Beteiligung an der IHK-Wahl attraktiver und einfacher zu machen. Darüber hinaus installierte die VV den dreiköpfigen Wahlausschuss. Dem Gremium gehören der bisherige Wahlausschuss-Vorsitzende Ulrich Misgeld (langjähriges VV-Mitglied und Vorsitzender des Unternehmensnetzwerks Motzener Straße), das VV-Mitglied Thomas Dreusicke (Dreuco Verwaltungsgesellschaft mbH) und der IHK-Justiziar Daniel Fiebig an. Beide Unternehmer kandidieren selbstverständlich nicht für die nächste Vollversammlung. Auf alle Fälle wird auch die im Frühsommer 2027 zu wählende Vollversammlung ein perfektes Spiegelbild der Berliner Wirtschaft abgeben. Die 99 künftigen VV-Mitglieder werden alle Branchen vertreten – und zwar entsprechend dem jeweiligen Gewerbesteueraufkommen und der Anzahl der Unternehmen. Und es gilt weiterhin das Prinzip: ein Unternehmen, eine Stimme. Damit haben bei der Wahl große wie kleine Unternehmen die gleichen Chancen. Kooptationen bleiben nach wie vor ausgeschlossen. Derzeit hat die IHK Berlin als zweitgrößte IHK in Deutschland rund 336.000 Mitglieder. ■ IHK-Geschäftsführer Henrik Vagt erläuterte die Modalitäten für die kommende Vollversammlungswahl Bei ihrer Sitzung am 1. Juli beschloss die IHK-Vollversammlung die Wahlordnung für 2027 FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN AGENDA | Vollversammlung | 12 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
Veränderung braucht Vertrauen Berlins Kraft liegt im Wandel. Damit der zu Fortschritt führt, sind jedoch ein klarer Kurs und Verlässlichkeit vonnöten. Hier kann die Politik von starken Marken lernen Veränderung ist kein Ausnahmezustand. Sie gehört zum Leben – in der Stadt, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Damit sie gelingt, braucht es jedoch Vertrauen: in verlässliche Rahmenbedingungen, faire Abläufe und klare Ziele. Das gilt für Marken, Unternehmen und Politik gleichermaßen. Jede Transaktion beginnt mit Vertrauen. Menschen kaufen nicht nur ein Produkt. Sie investieren nicht bloß in Beton. Und sie entscheiden sich nicht nur für einen Arbeitsvertrag. Menschen entscheiden sich für ein Versprechen – und dafür, dass es eingelöst wird. Starke Marken geben in Zeiten der Veränderung Halt, weil sie mehr haben als Logos, Kampagnen oder Produkte. Sie haben ein Warum. Produkte können sich ändern, Wege auch, Kommunikation ohnehin. Aber das Warum darf nicht beliebig werden. Genau daran fehlt es Berlin derzeit zu oft. Nicht an Debatten oder Maßnahmen – sondern an einem erkennbaren Kompass. Ausbildungsplatzumlage, Vergesellschaftungsrahmengesetz, Mietenkataster, neue Belastungsdebatten: Jede Idee mag für sich begründet sein. In der Summe aber entsteht kein Vertrauen, dass Veränderung fair gestaltet wird. Es entsteht Unsicherheit. Gute Kommunikation ersetzt keine gute Politik. Sie ist Teil guter Politik. Wer führt, muss nicht nur erklären, wohin es geht. Er muss vor allem erklären, warum. Warum eine Maßnahme notwendig ist. Warum sie gerecht ist. Warum sie Zukunft schafft. Gute Politik braucht Haltung und die erkennbare Bereitschaft, für einen nachvollziehbaren Kurs einzustehen. Ohne dieses Warum, ohne Haltung und ohne Bezug zum eigenen Versprechen bleibt Politik Verwaltung von Zumutungen. Berlin steht international für Freiheit, Kreativität, Widersprüchlichkeit und Offenheit. Als Marke funktioniert die Stadt dort, wo sie Sehnsucht weckt. Schwierig wird es dann, wenn Menschen hier leben, investieren, bauen, gründen, ausbilden und Verantwortung tragen wollen und auf Politik treffen, die zu selten erklärt, wofür sie steht und die Menschen dabei nicht mitnimmt. Aus dieser Leerstelle entsteht Misstrauen. Daraus entstehen Abwehr, Rückzug und ein Elitendiskurs, der Leistungsträger behandelt, als seien sie das Problem und nicht Teil der Lösung. Berlin braucht keinen Nostalgiekurs und keine Angst vor Veränderung. Berlin braucht Glaubwürdigkeit. Ein klares Warum. Einen Kompass, der Eigentum schützt, Leistung achtet, Sicherheit ernst nimmt, Verwaltung beschleunigt und Wirtschaft als Partner versteht. Denn Zukunft entsteht nicht aus Ansagen, sondern aus Vertrauen. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Roman Kaupert ist Geschäftsführer der Zepter und Krone GmbH und Mitglied der IHK Berlin FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 13 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
Expertendiskussion zum Thema „Wohnungsbau im Stau: Wer blockiert das Bauen in Berlin?“ von Peter Rau Wie Berlin schneller bauen kann gen, Genehmigungsverfahren und rechtliche Konflikte hätten das Projekt immer wieder verzögert. Daraufhin warb Prof. Hans Kollhoff für sein Konzept „Zuhause am Tempelhofer Feld“, das eine maßvolle Randbebauung vorsieht. So könnten rund 21.400 Wohnungen für etwa 50.000 Menschen entstehen, während die zentrale Fläche frei bleibt. Ein Erfolg versprechendes Konzept präsentierte Moritz Tonn vom Verein Transiträume. Es soll leer stehende Büro- und Gewerbeflächen temporär für Menschen nutzbar machen, die neu nach Berlin kommen. So könnte der Druck auf den Wohnungsmarkt reduziert werden – ohne Gewerbeflächen dauerhaft umzuwidmen. Welche hemmenden Auswirkungen die Vergesellschaftungsdebatte schon jetzt auf den Wohnungsmarkt hat, beleuchtete BBU-Vorständin Maren Kern. Aus Sicht der Wohnungswirtschaft braucht es vor allem Investitionssicherheit, verlässliche Rahmenbedingungen sowie schnellere Verfahren. Wie groß der Handlungsdruck insgesamt ist, wurde in der Podiumsdiskussion mit Manja Schreiner und den Referenten greifbar. Allein der Umgang mit Artenschutzthemen führe zu erheblichen Verzögerungen und/oder unkalkulierbaren Mehrkosten. Als Lösungsansätze wurden herausgearbeitet: • die Aktivierung von Leerständen, • zusätzliche Flächenpotenziale, • schnellere Verfahren, • ein Berliner Artenschutzleitfaden und • mehr Planungssicherheit. Einig waren sich die Teilnehmenden: Berlin muss wieder schneller bauen können. ■ Architekt Prof. Hans Kollhoff warb für sein Konzept „Zuhause am Tempelhofer Feld“ Edda Metz, Krieger Gruppe, berichtete vom Pankower Tor; rechts: Immobilienunternehmer Hamid Djadda Nur schnelles Bauen kann den Wohnungsmangel auflösen. Aber politische Zielkonflikte und langwierige Verfahren bremsen den Wohnungsbau in Berlin. Mögliche Lösungen diskutierten Praktiker aus Wohnungswirtschaft, Immobilienbranche und Stadtentwicklung in der IHK-Veranstaltung „Wohnungsbau im Stau: Wer blockiert das Bauen in Berlin?“. Mit seinem Auftaktplädoyer für eine neue Wohnungsbauoffensive in Berlin setzte IHK- Präsident Sebastian Stietzel den Ton. Wie schwierig die Umsetzung großer Wohnungsbauvorhaben in Berlin sein kann, zeigte Edda Metz von der Krieger Gruppe am Beispiel des Pankower Tors. Das Quartier mit rund 2.000 Wohnungen wird bereits seit 17 Jahren entwickelt. ArtenschutzfraManja Schreiner IHK-Hauptgeschäftsführerin Aktuell sind Projekte im Volumen von mindestens 10.000 Wohnungen durch Arten- schutzthemen eingeschränkt. Peter Rau, IHK-Public-Affairs-Manager Stadtentwicklung Tel.: 030 / 315 10-608 peter.rau@berlin.ihk.de IHK-Position Weitere Empfehlungen für die Bau- und Flächenpolitik in Berlin online unter: ihk.de/berlin/ bausteine-flaechenpolitik FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN AGENDA | Wohnungsbau | 14 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
ERDWÄRME UND KLIMASCHUTZ IM FOKUS. SONNENENERGIE FÜR 544 WOHNUNGEN. GASAG Solution Plus setzt auf innovative Technologien Über 100 Erdsonden in bis zu 100 Metern Tiefe sowie mehrere Wärmepumpen sorgen zukünftig im Neubauprojekt Paule Panke in sechs Gebäuden über Energiezentralen für optimale Raumtemperaturen. So versorgt GASAG Solution Plus 544 Wohnungen mit Energie und spart jährlich 272 t CO2. www.gasag-gruppe.de/energiekonzepte (c) 3D RenderMachine GmbH
Berliner Wirtschaftsdelegation knüpft wertvolle Kontakte in Rio de Janeiro und São Paulo von Bálint Wiedensohler Ortstermin in Brasilien Janeiro und São Paulo, unter anderen dabei wa- ren Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, IHK- Vizepräsident Robert Rückel und IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner. Es ging um neue Marktchancen, strategische Partnerschaften und die wirtschaftliche Diversifizierung Berlins. „Die Reise hat gezeigt, wie groß das Interesse an Kooperationen mit Berliner Unternehmen ist – insbesondere in den Bereichen Innovation, Digitalisierung, Gesundheitswirtschaft und nachhaltige Industrie“, betonte Schreiner. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten sei es wichtiger denn je, internationale Partnerschaften auszubauen und neue Märkte zu erschließen. Die Reise brachte Unternehmen aus den Bereichen Energie, Verkehr, Gesundheitswirtschaft, Industrie und digitale Wirtschaft mit politischen Entscheidern, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zusammen. Resiliente Infrastrukturen Besonders eindrucksvoll waren die Besuche des Operations- und Resilienzzentrums von Rio de Janeiro (COR) sowie des nationalen Stromnetzbetreibers ONS. Beide Institutionen zeigen, wie Brasilien digitale Technologien, Echtzeitdaten und KI nutzt, um kritische Infrastrukturen resilienter zu gestalten und Millionenstädte sicher zu steuern. Großes Interesse weckten auch Termine am Forschungszentrum RCGI der Universität São Paulo sowie am Instituto de Pesquisas Tecnológicas (IPT). Hier wurde deutlich, welche Rolle Forschung und Innovation für Energiewende, Dekarbonisierung und industrielle Transformation spielen – und wo Berliner Unternehmen anknüpfen können. Ein weiterer Höhepunkt war die Teilnahme am Web Summit Rio, einem der größten Technologie- und Innovationskongresse Lateinamerikas. Bei einer Veranstaltung zum Innovationsstandort Berlin präsentierte sich die Delegation einem internationalen Publikum aus Investoren, Startups und Unternehmen. Neben Wirtschaftsgesprächen gab es auch politische Weichenstellungen. So unterzeichnete Franziska Giffey gemeinsam mit dem Bundesstaat São Paulo ein Memorandum of Understanding zur Vertiefung der wirtschaftlichen Kooperation. ■ Handelsstatistiken Zahlen zum Handel mit den Mercosur-Staaten auf der IHK-Seite unter: ihk.de/berlin/aussenhandelszahlen-bw B rasilien gewinnt für die Berliner Wirtschaft spürbar an Bedeutung. Mit dem EU-Mercosur-Abkommen verbessern sich die Rahmenbedingungen für Handel und Investitionen deutlich. Gleichzeitig entwickelt sich Brasilien in zahlreichen Zukunftsfeldern – von künstlicher Intelligenz (KI) über GreenTech bis hin zu Gesundheitswirtschaft und urbaner Resilienz – dynamisch weiter. Anfang Juni reiste deshalb eine rund 30-köpfige Berliner Wirtschaftsdelegation nach Rio de Bálint Wiedensohler, IHK-Public-Affairs- Manager Außenhandel Tel.: 0151 / 15 96 37 56 balint.wiedensohler@ berlin.ihk.de Auf diplomatischem Parkett: IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner mit dem deutschen Generalkonsul in Rio de Janeiro, Jan Freigang FOTO: LUKE GARCIA AGENDA | Delegationsreise | 16 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
Nach zwölf Jahren Leerstand und Zwischennutzung liegt eine Empfehlung für die Vergabe des ICC vor von Dr. Mateusz Hartwich Ort für Kultur und Kreativität zept für das ICC ein gutes Ende genommen.“ Wie Rückel ausführte, bringe das Konsortium, das diese in jeder Hinsicht anspruchsvolle Transformation realisieren will, Erfahrungen bei ähnlich komplexen Herausforderungen mit. „Wir freuen uns darauf, das ICC in einigen Jahren wieder als lebendigen Teil der Stadt nutzen zu können.“ Nun soll das ausgewählte Bieterkonsortium in einer zweijährigen Übergangsphase zentrale Fragen zum Umbau der denkmalgeschützten Bestandsimmobilie und zum Finanzierungskonzept klären. Die kulturelle Bespielung macht eine öffentliche Förderung zumindest möglich, das ICC wurde auch schon als Ausweichspielstätte für die Berliner Philharmoniker ins Spiel gebracht, da ihr Stammhaus am Kulturforum ab 2032 saniert wird. Teil des Gesamtkonzepts für das Kongresszentrum sind auch zwei Neubauten rund um das ICC – die Grundstücke sind Teil der Vereinbarung mit dem Land Berlin, sie sollen für die Querfinanzierung des Betriebs sorgen. Das frühere Kongresszentrum im Berliner Westen wird seit 2014 nicht mehr für seine ursprünglichen Zwecke genutzt, da der Betrieb nicht wirtschaftlich war. Mehrere Anläufe zur Umgestaltung und Veräußerung an kommerzielle Betreiber sind seitdem im Sande verlaufen. Ende 2028 soll dann das Abgeordnetenhaus über einen Erbbauvertrag mit MIB und dem Konsortium entscheiden. ■ Saal 1 könnte, wenn die Akustik es hergibt, als Ausweichquartier für die Philharmoniker dienen Blick in die Zukunft: So sollen die zwei Neubauten am Südeingang des ICC aussehen E in Konsortium aus Architekturbüros, Bauunternehmen und dem Leipziger Projektentwickler MIB AG wird das Gebäude auf dem Messegelände transformieren, so die Entscheidung des Berliner Senats. Zu den bekanntesten Referenzprojekten von MIB gehört die historische Baumwollspinnerei in der sächsischen Hauptstadt. Das zwölf Hektar große Gelände mit verschiedenen Bestandsgebäuden wurde zu einem Kulturort mit Galerien, Ateliers und Betrieben unterschiedlicher Branchen entwickelt. Auch das ehemalige ICC wurde zwischenzeitlich als Ausstellungs- und Eventfläche bespielt. Franziska Giffey hatte noch als Regierende Bürgermeisterin von einem „deutschen Centre Pompidou“ als Zielbild gesprochen, als heutige Wirtschaftssenatorin durfte sie das Ergebnis des Verfahrens bekannt geben. IHK-Vizepräsident Robert Rückel kommentierte: „Eine architektonische Ikone Berlins wird aus ihrem Dornröschenschlaf geholt. Damit hat das jahrelange Ringen um ein NachnutzungskonRobert Rückel Vizepräsident IHK Berlin Eine architektonische Ikone Berlins wird aus ihrem Dornröschenschlaf geholt. Tobias Rühmann, IHK-Key-Account-Manager Finanz- & Versicherungswirtschaft, Bau- & Immobilienbranche Tel.: 030 / 315 10-621, tobias.ruehmann@berlin.ihk.de VISUALISIERUNGEN: GRAFT GMBH/MAX DUDLER GMBH Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026 Stadtentwicklung | 17
Wissenschaftsverwaltung Forschungspolitische Strategie (FoStra) ➜ Besserer Zugang zu Berlins Forschungsstärken ➜ Mehr Möglichkeiten für Innovationspartner- schaften und gemeinsame Forschungsinfrastrukturen ➜ Stärkere Anerkennung von Kooperation, Auftragsforschung, Ausgründung, Normung und Standardisierung Berlin richtet seine Innovationspolitik neu aus. Das Ziel: Forschungsergebnisse in zukunftsweisende Unternehmenskonzepte verwandeln von Tim Schneider Strategien für den Wohlstand Das Werner-von-Siemens Centre in Spandau weist den Weg: Start-ups, Forschungseinrichtungen und KMU entwickeln und testen hier gemeinsam neue Lösungen in Reallaboren. Diese Transferarbeit soll auf Grundlage der neuen Berliner Strategien an deutlich mehr Standorten in der Stadt stattfinden. So können technologische Entwicklungen schneller in die Breite der Berliner Wirtschaft getragen und insbesondere KMU frühzeitig eingebunden werden. Dementsprechend richtet Berlin seine Innovationspolitik mit drei Strategien neu aus: der Transfer Bridge, der forschungspolitischen Strategie und der Deep Tech Berlin Agenda (DTBA) als berlinspezifische Ergänzung der Innovationsstrategie der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg 2035 (InnoBB 2035). Alle drei setzen auf mehr Transfer, stärkere Ausgründungen, bessere Infrastruktur und engere Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Für Unternehmen kommt es nun darauf an, dass aus strategischen Leitlinien konkrete Angebote werden: einfacher Zugang zu Technologien, Laboren, Testumgebungen, Förderprogrammen und passenden Partnern. Die Deep Tech Berlin Agenda bündelt Berlins technologieorientierte Innovationspolitik. Im Fokus stehen Schlüsseltechnologien wie KI, Biotechnologie, Software, Mikroelektronik, Photonik, Quantentechnologien sowie neue Materialien und Produktionsverfahren. Auch Ausgründungen und industrielle Anwendungspartner sollen gezielter unterstützt werden. Für die Berliner Wirtschaft ist entscheidend, die Angebote konsequent aus Unternehmenssicht umzusetzen: mit klaren Ansprechpartnern, schnellen Förderentscheidungen, unbürokratischem Zugang zu Testflächen und aktivem Matching zwischen Unternehmen, Start-ups und Forschung. Gerade KMU brauchen niedrigschwellige Einstiege, damit Deep-Tech-Anwendungen schneller aus dem Labor in Pilotprojekte, Produkte und Wertschöpfung überführt werden können. Die Transfer Bridge soll die Lücke zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und wirtschaftlicher Anwendung schließen. Für Unternehmen werden zentrale Anlaufstellen, digitale Navigationsangebote sowie bessere Zugänge zu Forschungsinfrastrukturen angekündigt. Aus Sicht der IHK ist es wichtig, dass Bedarfe aus der Wirtschaft systematisch in Forschung und Entwicklung einfließen. Dafür braucht es verbindliche Schnittstellen und standardisierte IP-Prozesse. Sonja Jost, CEO Dude Chem und Vizepräsidentin der IHK Berlin, bewertet die neuen Berliner Sonja Jost CEO Dude Chem Entscheidend ist jetzt, dass daraus konkrete Angebote für die Wirtschaft entstehen. Forschung AGENDA | Innovation | 18
Wirtschaftsverwaltung InnoBB und Deep Tech Berlin Agenda (DTBA) ➜ Mehr Optimierung durch Schwerpunktsetzung auf Schlüsseltechnologien ➜ Besserer Zugang zu Laboren, Testflächen, Reallaboren, Förderung und Entwicklungspartnern ➜ Neue Kooperationschancen mit Deep-Tech-Start-ups und Ausgründungen Innovationsstrategien sehr positiv: „Sie setzen die richtigen Schwerpunkte: mehr Transfer, bessere Zugänge zu Forschungsinfrastrukturen und Reallaboren. Entscheidend ist jetzt, dass daraus konkrete Angebote für die Wirtschaft entstehen.“ Und sie betont: „Besonders für Zukunftsfelder wie die Grüne Chemie kann Berlin damit einen wichtigen Schritt machen: Wenn nachhaltige Verfahren, neue Materialien und klimafreundliche Produktionsprozesse frühzeitig gemeinsam mit der Wirtschaft getestet werden, entstehen schneller marktfähige Lösungen, neue Wertschöpfung und zusätzliche Innovationsimpulse für Berlin.“ Neben der DTBA ist die forschungspolitische Strategie die zweite Säule der Innovation. Sie definiert Berlins Profil- und Chancenfelder, darunter Life Sciences, nachhaltige Technologien – wie etwa Grüne Chemie –, KI und gesellschaftlicher Wandel. Für Unternehmen plant sie bessere Zugänge zu Forschungsinfrastrukturen, Experimentierräumen und Reallaboren sowie stärkere Innovationspartnerschaften mit Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen. Bei der Umsetzung kommt es nun darauf an, die wirtschaftliche Anwendung von Beginn an in der Forschung mitzudenken. Die Strategien setzen wichtige Impulse für den Innovationsstandort Berlin. Entscheidend ist nun die Umsetzung: Unternehmen brauchen verlässliche Ansprechpartner, schnelle Verfahren, nutzbare Infrastrukturen, transparente Förderwege und Mitgestaltung. Nur wenn Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung dauerhaft kooperieren, wird aus Forschung schneller Wertschöpfung – und aus einer guten Ideen neue Produkte, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit. ■ Position IHK-Forderungen und Umsetzungsschritte unter: ihk.de/berlin/position- hochschul-transfer Tim Schneider, IHK-Public-Affairs-Manager Innovationspolitik Tel.: 030 / 315 10-530 tim.schneider@ berlin.ihk.de Wirtschaft Berlin Transfer Bridge als Operationalisierungskonzept der FoStra und der DTBA ➜ Stärkere Einbindung unternehmerischer Bedarfe in F&E ➜ Schnellerer Zugang zu Ansprechpartnern, Laborkapazitäten, IP-Kompetenz und Förderung ➜ Mehr Planungssicherheit durch kuratierte Konsortien, standardisierte Schutzrechtsprozesse und Weiterbildung ILLUSTRATION: STOCKSY/SERGEI KRESTININ; FOTO: AMIN AKHTAR Innovation | 19 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
Zu Gast bei der IHK: Patrick Schnieder, Bundesverkehrsminister, über BER, A100 und Artenschutz von Milena Fritzsche Regeln müssen zur Praxis passen vieler Bauvorhaben: der Artenschutz. Ein Beispiel brachte der Minister aus seiner Heimatregion, der Eifel, mit: Beim Lückenschluss der A1 reichte der bloße Nachweis von Haselhuhn-DNA, um ein 60 Mio. Euro teures Umfahrungsprojekt auszulösen – obwohl kein Exemplar der seltenen Vogelart auf der geplanten Strecke gesichtet worden sei. Dieses „Haselhuhn-Erwartungsland“ zeige für ihn, warum Regeln praxistauglicher werden müssen. Das wenige Wochen nach der IHK-Veranstaltung vom Bundestag beschlossene Infrastruktur-Zukunftsgesetz soll nun ähnliche Blockaden verhindern und wichtige Bauvorhaben als „überragendes öffentliches Interesse“ priorisieren. Zurück nach Berlin – und seinem Hauptstadtflughafen: Im Gespräch mit IHK-Vizepräsident Robert Rückel und -Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner zeigte sich Patrick Schnieder offen für weitere Landerechte am BER, „aber nicht zu jedem Preis“. Er verwies darauf, dass es kein Level Playing Field – also faire Wettbewerbsbedingungen für alle – gebe. Deutlicher sprach er sich nach der Senkung der Luftverkehrsteuer für weitere Entlastungen aus, konkrete Zusagen gab es allerdings nicht. ■ Konkrete Zusagen für Verbesserungen am BER gab es von Bundes- verkehrsminister Patrick Schnieder nicht Nicht alle Berliner Baustellen seien auch seine Baustellen, betonte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) zu Beginn des Wirtschaftspolitischen Frühstücks der IHK Berlin am 26. Mai. Denn „nicht alles, was bröckelt in Berlin, ist Bundesangelegenheit“. Dennoch wurden etliche Infrastruktur-Projekte der Hauptstadt vor rund 150 Gästen im Ludwig Erhard Haus besprochen. Ein Jahr zuvor hatte Schnieder in Berlin den 16. Bauabschnitt der A100 eröffnet. Damals habe er deutlich gemacht, dass dieser Abschnitt nur sinnvoll sei, wenn auch der 17. vollendet werde – „und daran arbeiten wir mit Hochdruck“, versicherte Schnieder. Die Vorzugsvariante für die rund vier Kilometer lange Strecke „ist am Entstehen“, sie abzuschließen, sei noch „eine Sache von Wochen und Monaten“. Auch die Instandhaltung von Infrastruktur wurde in den Blick genommen. Um bundesweit kaputte Straßen und Schienen zu retten, investiere der Bund bis 2029 knapp 170 Mrd. Euro. Angesichts dieser Summe verwies IHK-Präsident Sebastian Stietzel auf ein Umsetzungsproblem, zu viel Geld versickere in Verfahren. Eine Herausforderung Patrick Schnieder Bundesverkehrsminister Nicht alles, was bröckelt in Berlin, ist Bundesangelegenheit. FOTO: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN AGENDA | Wirtschaftspolitisches Frühstück | 20 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
Berlin und Brandenburg betonten bei ihrer Metropolraumkonferenz die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Karina Stolte Die Region als Ganzes denken und Brandenburg gilt: Vieles funktioniert bereits als gemeinsamer Wirtschaftsraum – nur die politischen und administrativen Strukturen halten oft nicht Schritt. Genau hier setzten die Diskussionen an. In interaktiven Formaten tauschten sich Unternehmen, Politik und Verwaltung zu Fachkräften, Flächen und Großprojekten aus – praxisnah und lösungsorientiert. Immer wieder wurde deutlich: Die zentralen Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Beim Thema Fachkräfte forderte die Wirtschaft eine abgestimmte Strategie beider Länder – von der gemeinsamen Anwerbung bis hin zu besseren Rahmenbedingungen für Wohnen, Mobilität und Infrastruktur. Auch die Flächenentwicklung rückte in den Fokus: Gewerbe und Wohnen müssen künftig stärker zusammengedacht werden, begleitet von einer koordinierten Planung und einem schnelleren Ausbau der Energieinfrastruktur. Gleichzeitig lenkten die Diskussionen den Blick nach vorn: Großveranstaltungen wie eine Expo 2035 gelten als Chance, Investitionen anzustoßen, Innovation sichtbar zu machen und die Region international klarer zu positionieren. Flankiert wurde die Konferenz durch Beiträge von Stefan Evers, Bürgermeister und Senator für Finanzen des Landes Berlin, sowie Martina Klement, Ministerin für Wirtschaft, Energie, Klimaschutz und Europa des Landes Brandenburg. Das Fazit der Teilnehmenden fiel eindeutig aus: Die Metropolregion braucht verbindlichere Zusammenarbeit, schnellere Abstimmungen und klare Zuständigkeiten. Die Ergebnisse werden in einem gemeinsamen White Paper gebündelt – als konkrete Erwartung der Wirtschaft an die Landesregierungen. ■ Schulterschluss: Dr. Christian Herzog, Hauptgeschäftsführer IHK Potsdam, Sebastian Stietzel, IHK-Präsident Berlin, seine Potsdamer Amtskollegin, Ina Hänsel, Martina Klement, Wirtschaftsministerin Brandenburg, Monique Zweig, Hauptgeschäftsführerin IHK Ostbrandenburg, Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin, und ihr Amtskollege aus Cottbus, André Fritsche (v. l.) Wie kann die Hauptstadtregion ihre wirtschaftliche Stärke besser entfalten? Diese Frage bestimmte die Metropolraumkonferenz Berlin-Brandenburg am 22. Juni in Schönefeld. Das gemeinsame Format der Industrie und Handelskammern beider Länder fand zum vierten Mal statt und zeigte: Die Notwendigkeit enger Zusammenarbeit wird zunehmend drängender. Schon zu Beginn wurde deutlich, wohin die Reise gehen muss. Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt Wien, machte deutlich, wie andere Metropolregionen durch klare Strukturen, integrierte Planung und abgestimmtes Handeln an Schlagkraft gewinnen. Ein Impuls, der gut zur Stimmung im Saal passte. Denn auch in Berlin Karina Stolte, IHK-Public-Affairs-Managerin Stadtentwicklung Tel.: 030 / 315 10-446 karina.stolte@ berlin.ihk.de Metropolraum IHK-Positionen zum Thema online unter: ihk.de/berlin/metropolregion-bb FOTO: IHK COTTBUS/ROBERT KALTSCHMIDT Standort | 21 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
INHALT 26 Positionen der Parteien im IHK-Check Was zu wichtigen Themen in Wahlprogrammen steht 28 „Die Empörung ist weiterhin groß“ IHK-Präsident Sebastian Stietzel im Interview zur Abgeordnetenhauswahl fokus
B erlins Unternehmer sind schwer genervt. Pandemie, Kriege, Inflation, Zollchaos: Kaum ist eine Krise bewältigt, folgt schon die nächste. Damit nicht genug. Statt der Wirtschaft den Alltag zu erleichtern, setzt die Politik noch eins drauf. Eine der größten Bremsen für mehr Wachstum und damit auch Beschäftigung ist die Bürokratie, egal ob für Industrie, Handel, Handwerk oder Dienstleister. Gebetsmühlenartig kündigen Bund und Länder zwar den Abbau zeitraubender, oftmals schwer verständlicher, Vorschriften an, aber es passiert gar nichts – oder es kommt sogar noch schlimmer. Kerstin Ehrig-Wettstaedt bringt es auf den Punkt: „Mich nervt, dass trotz versprochener Entbürokratisierung jedes Jahr diverse neue Vorschriften beachtet und umgesetzt werden müssen, die keine Wertschöpfung bringen, zum Beispiel die Ausbildungsplatzumlage.“ Mit ihrer Kritik adressiert die Geschäftsführerin der Ehrig Wachstum wählen Die Wirtschaft der Hauptstadt erwartet von der Politik Rahmenbedingungen, die den Standort stärken. Was die Unternehmen nicht brauchen, sind neue Belastungen von Eli Hamacher » Abgeordnetenhauswahl | 23
GmbH, einem IT-Spezialisten für Bürosysteme und IT-Netzwerke, einen der größten Aufreger der jüngsten Zeit in der Hauptstadtwirtschaft. In einer Umfrage der IHK Berlin aus dem März sagten 66 Prozent der Befragten, dass eine Ausbildungsplatzumlage die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes schwächen und nicht das eigentliche Problem am Ausbildungsmarkt lösen würde, nämlich fehlende Berufsorientierung, verbesserungsfähige Schulqualität und mangelhaftes Matching. Klar ist für die Wirtschaft: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Der Countdown läuft. Am 20. September hat Berlin die Wahl, welche Parteien künftig die Geschicke des Landes lenken sollen. Erst vor gut dreieinhalb Jahren, am 12. Februar 2023, hatten die Berlinerinnen und Berliner ihre Stimmen abgegeben, nachdem der Berliner Verfassungsgerichtshof wegen erheblicher Wahlfehler eine vollständige Wiederholung angeordnet hatte. Positionspapier der IHK Berlin „Ich hoffe sehr stark, dass in der heißen Phase des Wahlkampfes endlich über Konzepte für mehr Wachstum gesprochen wird, damit Unternehmen für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sorgen können“, fordert Sebastian Stietzel, Präsident der IHK Berlin. Dafür brauche es „weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und nicht noch höhere Steuern und Abgaben“, so Stietzel weiter. Der Standort müsse wieder attraktiver für Investitionen werden. „Dazu gehört zwingend ein klares Bekenntnis zum Schutz von Eigentum und fairem Wettbewerb. Enteignungsdebatten sind Gift für Investitionen“, betont der IHK-Präsident. Wichtig sei zudem eine konsequente Strategie zur Sicherung von Fachkräften. „Auch die Politik muss verstehen: Eine wachsende Wirtschaft dient dem sozialen Frieden, sie ist das Fundament einer lebendigen und lebenswerten Stadt.“ (Siehe Interview S. 28.) In einem Positionspapier zur Abgeordnetenhauswahl hat die IHK die Top-Forderungen der Wirtschaft detailliert aufgelistet. Berlin verzeichnete 2025 zwar ein überdurchschnittliches Wachstum von 1,1 Prozent (bundesweit plus 0,2 Prozent) und lag damit im Ländervergleich auf dem dritten Platz. Gleichzeitig verfügt die Stadt über wettbewerbsfähige Unternehmen, eine starke Wissenschaft und innovative Technologien. Die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum sind also da. Doch die lange Liste der Forderungen zeigt: Es brennt an vielen Ecken. „Die Unternehmen brauchen mehr Luft zum Atmen, der Standort muss gestärkt und Fachkräfte müssen gesichert werden“, heißt es im IHK-Positionspapier. Damit verbunden ist eine klare Absage an höhere Steuern, neue Steuern oder zusätzliche Abgaben wie die Ausbildungsplatzumlage. Bürokratieabbau und die rasche Umsetzung der Verwaltungsreform sollten Priorität haben. Die Standortqualität könne unter anderem durch einen beschleunigten Wohnungsbau, stärkeren Wissenstransfer, den Ausbau der Investitionen, ein ausreichendes Angebot an Industrie- und Gewerbeflächen sowie eine bessere internationale Einbindung der Wirtschaft steigen. Dazu gehört für die IHK auch eine bessere internationale Anbindung des Flughafens. „Um den Fachkräftemangel als zentrales Wachstumshemmnis für die Berliner Wirtschaft zu bekämpfen, müssen Matching zwischen Unternehmen und Bewerbenden durch die Arbeitsagentur optimiert, flexible Arbeitszeitmodelle unterstützt und Betreuungsangebote ausgebaut werden“, so eine weitere Forderung. Welche Aufgaben die neue Regierung priorisieren solle, das wissen die Unternehmen genau. Neben einer digitalen, leistungsfähigen und bürokratiearmen Verwaltung (65 Prozent) und dem Bau von mehr Wohnraum (40 Prozent) nannten 35 Prozent den Schutz kritischer Infrastruktur als vorrangig, so die Umfrage aus dem März 2026. Wie katastrophal die Folgen von mangelndem Schutz etwa der Stromnetze sind, erlebte Berlin in kurzer Zeit gleich zweimal. Im September 2025 führte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Bezirk Treptow-Köpenick dazu, dass zeitweise rund 50.000 Haushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe im Südosten Berlins ohne Strom waren. Der Ausfall dauerte etwa 60 Stunden. Im Januar 2026 legte ein weiterer Brandanschlag Teile des Berliner Südwestens lahm. Rund 45.000 Haushalte und mehr als 2.000 Gewerbebetriebe waren bis zu 62 Stunden ohne Strom. Der Stromausfall gilt als der bislang längste der Nachkriegsgeschichte. Was sich Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer konkret wünschen, reicht von großen Reformen Kerstin Ehrig-Wettstaedt Geschäftsführerin Ehrig GmbH Trotz versprochener Entbüro- kratisierung müssen neue Vorschriften umgesetzt werden, die keine Wertschöpfung bringen. Kevin Kreker Geschäftsführer Kreker Consulting Die Politik sollte mehr Anreize schaffen, in die Selbstständigkeit zu gehen, anstatt Hürden aufzubauen. FOTO VORHERIGE DOPPELSEITE: GETTY IMAGES/GOLERO; FOTOS: EHRIG GMBH, KREKER CONSULTING, VANESSA SEIFERT FOKUS | Abgeordnetenhauswahl | 24 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026
bis hin zu ganz praktischen Vorschlägen, die ihren Alltag erleichtern. Kevin Kreker, Geschäftsführer Kreker Consulting, findet, „dass die Politik mehr Anreize schaffen sollte, in die Selbstständigkeit zu gehen, anstatt Hürden aufzubauen. Es gibt so viele junge Menschen mit Träumen und Visionen, aber sie werden ausgebremst. Zusammenfassend würde ich sagen: mehr Tempo, weniger Bürokratie“. Reformen bei der Förderung Jürgen Arbter, Geschäftsführer Re’public – Agentur für Finanzkommunikation und Qomunity, sieht bei der Förderlandschaft Reformbedarf. „Wir verzichten komplett auf alle öffentlichen Förderungen. Sie dauern zu lange. Und dann sagen die Sachbearbeiter auch noch, dass sie private Bürgschaften brauchen. Das ist doch unsinnig. Dann kann ich ja gleich alles ohne Hilfen finanzieren.“ Darüber hinaus brauche es auch Risikokapital, das hier neue, innovative Ideen ermögliche. Kerstin Ehrig-Wettstaedt plädiert für eine zentrale Ablage aller relevanten Gewerbeinformationen, damit man nicht immer wieder alles neu beantragen, bereitstellen oder angeben muss. Dazu gehört auch eine Vernetzung der Behörden.“ Wie die Politik die Zukunft der Stadt gestalten will, haben die im Berliner Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien in ihren Wahlprogrammen dargestellt. Die Berliner Wirtschaft vergleicht die für die Unternehmen wichtigsten Pläne (siehe folgende Doppelseite). Konkrete wirtschaftspolitische Impulse für die kommende Legislaturperiode wird auch das Zukunftsforum „Weltmetropole Berlin“ am 2. September 2026 setzen. Die kostenfreie Veranstaltung richtet sich an Unternehmerinnen und Unternehmer, Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und internationalen Organisationen. Sie findet in der IHK Berlin von 12 bis 16 Uhr statt. Vorgestellt wird eine Studie zu den Perspektiven für eine starke Wirtschaftsmetropole. In Fachsessions geht es um internationale Praxisbeispiele und Lösungsansätze zu den Themen „Berlin: Your Skills – Your City“, „Berlin: Built for Change – Moving Forward“ sowie „Berlin: Turning Innovation into Public Impact“. Auch internationale Unternehmen bringen ihre Sichtweisen ein, warum sie am Standort investieren. (Siehe S. 31.) Die in der Hauptstadt stark vertretenen kleinen und mittelständischen Unternehmen hoffen vor allem auf ein investitionsfreundlicheres Klima. Mareen Eichinger, Inhaberin macheete - Agentur für Marken- und Kommunikationsberatung, wünscht sich eine spürbare Entlastung bei Steuern und Abgaben. „Wer Arbeitsplätze schafft, investiert und Verantwortung übernimmt, sollte dafür bessere Rahmenbedingungen vorfinden. Gerade kleine Unternehmen brauchen mehr finanziellen Spielraum, um wirklich zu wachsen, Mitarbeitende fair zu bezahlen und Innovationen voranzutreiben.“ Manchmal hat Eichinger das Gefühl, dass vergessen werde, wer dieses Land tagtäglich am Laufen halte: die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen. ■ Mareen Eichinger Inhaberin Macheete Wer Arbeits- plätze schafft, investiert und Verantwortung übernimmt, sollte bessere Rahmen- bedingungen vorfinden. Eike Paulun, IHK-Experte für Public Affairs Tel.: 030 / 315 10-873 eike.paulun@ berlin.ihk.de Abgeordnetenhauswahl | 25 IHRE FEIER AUF SCHLOSS WACKERBARTH Jeden Tag öffnet eines der schönsten deutschen Weingüter seine Tore für Sie: Schloss Wackerbarth – idyllisch zwischen Dresden und Meißen gelegen. Lassen Sie sich auf Europas erstem Erlebnisweingut verzaubern. Ob private oder geschäftliche Veranstaltungen mit außergewöhnlicher Note, romantische Abende, spannende Weinproben, prickelnde Feste oder Traum-Hochzeiten – auf Schloss Wackerbarth wird jedes Event zum einmaligen Erlebnis. Wir verwandeln Zeit in Genuss – gern auch Ihre! Wir beraten Sie gern. WWW.SCHLOSS-WACKERBARTH.DE Erlesene Wein- und Sektpräsente finden Sie unter shop.schloss-wackerbarth.de
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