Berliner Wirtschaft Juli/August 2026

Diese Passanten schnuppern vielleicht an „Maiglöckchen“, „Veilchen“ oder „Roter Mohn“. Links: Gründersohn Lutz Lehman führte die Geschäfte mit den Düften fort Vor 100 Jahren gründete Harry Lehmann mit Ideen und Kapital seines Vaters Eduard die Parfümerie Harry Lehmann. 1926 war hierfür ein gutes Jahr: Berlin blühte in den Goldenen Zwanzigern auf, Luxus und Lebensgefühl wurden nicht mehr nur aus Frankreich oder den USA importiert, sondern hier selbst hergestellt. Das Know-how brachte Harrys Vater mit, der mit fast 60 Jahren unternehmerisch tätig werden wollte. Vater und Sohn entwickelten noch eine Geschäftsidee, die später nicht unüblich werden sollte – Parfüm nach Gewicht zu verkaufen. Die Kundschaft konnte auf diese Weise animiert werden, sich auch kleinere Mengen abfüllen zu lassen, mal diesen oder mal jenen Duft zu probieren und öfter zu kommen. Die goldglänzende Waage zum Abwiegen der Parfüms folgte der Parfümerie von Laden zu Laden und wurde zum Markenzeichen. Es gibt sie noch heute. Das erste Geschäft lag an der Potsdamer Straße, „Maiglöckchen“, „Veilchen“ und „Roter Mohn“ waren Kreationen zum Start – feilgeboten nicht nur als Parfüm, sondern auch als floraler Raumduft. Als Duftträger bot Harry Lehmann künstliche Blumen an, deren Komponenten er weit bis in die deutsche Teilung hinein von sächsischen Spezialzulieferern bezog. „Parfüms nach Gewicht und künstliche Blumen“ stand über den üppig dekorierten Schaufenstern auch aller folgenden Läden: nach dem erzwungenen Umzug in der Friedrichstraße 80, nach der Bombenzerstörung zunächst dort in den Trümmern, dann im Westteil der Stadt an der Joachimsthaler Straße am Bahnhof Zoo und schließlich in der Kantstraße 106, wo die Parfümerie noch heute ihren Sitz hat. 41 Jahre leitete Harry Lehmann das Geschäft und bezog seine Inspirationen aus seinen ausgedehnten Reisen. Kenner konnten sich nach allen Künsten des Handwerks auch eigene Düfte kreieren lassen, die in einer Kundenkartei über Jahrzehnte festgehalten wurden. 1967 übernahm Harrys Frau Edith Lehmann das Geschäft und führte es ebenfalls 41 Jahre, bis nach ihrem Tod Sohn Lutz die Parfümerie fortführte. Die Tradition aber lebt nach dem Besitzwechsel weiter. Nur künstliche Blumen gibt es nicht mehr – und auch den „Tropfer“ nicht: Schon an der Fassade des ersten Ladens lud der mit Gratistropfen Passanten zum Hereinschnuppern ein. ■ Vor 100 Jahren gründete Harry Lehmann in Berlin seine Parfümerie. Das Erfolgsrezept: kleine erschwingliche Mengen, die zum Wiederkommen animierten von Björn Berghausen (BBWA) Düfte nach Gewicht Zum 100. Geburtstag schenkte sich die Parfümerie Harry Lehmann ein eigenes Unternehmensarchiv. Das BBWA bewertete, sicherte und erschloss Geschäftsunterlagen, Korrespondenzen und rund 4.000 Fotografien. Teile des Bestands werden digitalisiert und über die Deutsche Digitale Bibliothek zugänglich gemacht. Für Geschäftsführer Björn Berghausen war die Sichtung besonders angenehm: „Es war der am besten duftende Aktenbestand meiner Laufbahn.“ Das Beispiel zeigt: Auch kleinere Unternehmen können ihre Geschichte professionell bewahren und für Markenpflege nutzen. Das BBWA berät und unterstützt dabei. Das BBWA unterstützt beim History-Marketing Zugang zum Wirtschaftsarchiv Die Bestände des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA) können nach Vereinbarung eingesehen werden. Kontakt und Infos: bb-wa.de FOTOS: BBWA Historie | 45 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026

RkJQdWJsaXNoZXIy MzQwNTQxOQ==