Berliner Wirtschaft Juli/August 2026

Sebastian Stietzel IHK-Präsident Seit Juni 2022 ist Sebastian Stietzel im Ehrenamt Präsident der IHK Berlin. Mitglied des Präsidiums ist er seit September 2017. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH. Sein erstes Unternehmen hat Stietzel bereits als Schüler gegründet. Große Fortschritte bei der Verwaltungsreform und bei Maßnahmen zur Berufsorientierung an den Schulen sind die größten Pluspunkte auf der Habenseite des aktuellen Senats, bilanziert IHK-Präsident Sebastian Stietzel. Auch die Gesetze zum schnelleren und vereinfachten Bauen gehen in die richtige Richtung. Ausbildungsplatzabgabe, Vergesellschaftungsdebatten und eine weiterhin überbordende Bürokratie sorgen jedoch für großen Unmut in der Wirtschaft. Wirtschaft werde noch immer zu wenig als Fundament für eine lebendige und lebenswerte Stadt erkannt. Berliner Wirtschaft: Die Wirtschaft befindet sich in einer schweren Strukturkrise. Haben Wirtschaftsthemen vor diesem Hintergrund im Wahlkampf einen angemessenen Anteil? Sebastian Stietzel: Ich hoffe sehr stark, dass in der heißen Phase des Wahlkampfes endlich über Konzepte für mehr Wachstum gesprochen wird. Was Berlin braucht, ist eine Politik, die sich darauf fokussiert, Unternehmen wieder Raum zum Wachsen zu geben – damit sie für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sorgen können. Rund 220.000 Menschen sind in Berlin arbeitslos. Wir brauchen Wachstum, damit die Menschen wieder Jobs finden. Aber gleichzeitig sind mehrere Zehntausend Stellen unbesetzt. Richtig. Das beweist, dass wir uns in einer umfangreichen Transformation befinden, welche die Unternehmen nicht allein bewältigen können. Unserer Ansicht nach muss der Senat jetzt drei Themen klar in den Mittelpunkt seiner Politik stellen: Unternehmen brauchen erstens weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und nicht noch höhere Steuern und Abgaben. Zweitens muss der Standort wieder attraktiver für Investitionen werden. Dazu gehört zwingend ein klares Bekenntnis zum Schutz von Eigentum und fairem Wettbewerb. Enteignungsdebatten sind Gift für Investitionen. Und drittens? Unseren Berechnungen zufolge werden in den nächsten zehn Jahren aufgrund des demografischen Wandels mehr als 100.000 Stellen unbesetzt bleiben, wenn wir nicht frühzeitig gegensteuern. Dafür braucht es endlich eine strukturierte Verzahnung der Arbeitsmärkte Berlin und Brandenburg sowie eine zielgerichtete Anwerbung von internationalen Fachkräften. Mit mehr staatlichen Eingriffen, Bürokratie und höheren Abgaben erreichen wir nicht das notwendige Wachstum. Damit wird der Kuchen immer kleiner, und es entstehen Verteilungskämpfe. Auch die Politik muss verstehen: Eine wachsende Wirtschaft dient dem sozialen Frieden, sie ist das Fundament einer lebendigen und lebenswerten Stadt. Was sind die konkreten Forderungen, die Sie erarbeitet haben? An erster Stelle steht für mich die konsequente Umsetzung der Verwaltungsreform. Die Politik „Die Empörung ist weiterhin groß“ IHK-Präsident Sebastian Stietzel über Erwartungen an die Politik und den Frust der Berliner Wirtschaft über mangelnde Unterstützung, die neue Ausbildungsplatzabgabe und Vergesellschaftungspläne von Michael Gneuss » FOTO: AMIN AKHTAR FOKUS | Abgeordnetenhauswahl | 28 Berliner Wirtschaft 07-08 | 2026

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