Zukunftsforum IHK Berlin präsentiert Hebel für mehr Wachstum in der Hauptstadt Seite 10 Initiative Berliner Wirtschaft hilft: Resilienz für Unternehmen im Krisenfall Seite 58 Hydra Bürokratie Warum Unternehmer Thomas Groth nicht mehr in Berlin bauen würde – und ob mit der Verwaltungsreform jetzt alles besser wird Seite 20, Interview Seite 28 Kampagne Berlin denkt weiter Nein zur Vergesellschaftung. IHK und Partner werben für Wohnungsbau Seite 17 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 10/2026 ihk.de/berlin
Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Zugegeben: Nicht alle Rahmenbedingungen, die Unternehmen einfordern, lassen sich auf Landesebene schaffen. Doch Bürokratie, Abgabenlast und Investitionsstau sind hausgemachte Probleme – und hier gibt es massiven Handlungsbedarf! Ich höre schon den Einwand: Da sind doch hauptsächlich Brüssel und der Bund zuständig, was kann das Land Berlin da schon ausrichten. Aber das Land könnte mehr, als man denkt. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen hat im Auftrag der IHK Berlin nachgerechnet: Würde Berlin die landesseitigen bürokratischen Erfüllungspflichten von Unternehmern halbieren, hätte ein typischer Mittelständler mit 20 Mitarbeitern im Jahr 35 Tage mehr für produktive Arbeit (S. 10). Endlich wieder Zeit fürs Unternehmertum! Warum machen wir es nicht wie Baden-Württemberg oder NRW: Alle speziellen Landesvorschriften zu Berichtspflichten müssen konsequent auslaufen. Wiedereingeführt wird nur, was nachweislich notwendig ist. Das ist eine der Hauptaufgaben einer neuen Berliner Regierung! Ihr Verpackungssteuer Nach Tübingen, Konstanz und Freiburg hat nun Potsdam eine Verpackungssteuer eingeführt. Auch für Berlin wird die Abgabe auf Einwegverpackungen diskutiert. Dabei ist ihre Wirkung – abgesehen vom bürokratischen Aufwand – laut einer aktuellen Studie gering. Seite 18 Eine Studie zeigt, was in Berlin möglich wäre berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 10 | 2026 Editorial | 03
Berliner Wirtschaft 10 | 2026 AGENDA 10 Zukunftsforum IHK präsentiert Szenarien für ein zukunftsfähiges Berlin 12 Abgeordnetenhauswahl Perspektiven nach dem klaren Wahlsieg der Linken 13 Kolumne Carsten Jung attestiert Berlin eine große Anziehungskraft für Gründungswillige 14 Wissenschaft Charité-Chef Heyo Kroemer zu Gast; IHK Berlin vereinbart Kooperation mit der HU 16 Vollversammlung IHK-Gremium spricht sich gegen Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen aus 17 Kampagne „Berlin denkt weiter“ macht deutlich, was die Hauptstadt wirklich braucht 18 Position Neue Studie stellt Sinn einer Verpackungssteuer infrage FOKUS 20 Bürokratieabbau Die rechtlichen Grundlagen für die Verwaltungsreform stehen, jetzt ist es Zeit für die Umsetzung 24 Unternehmenspraxis Miles, Aucoteam, OM Consult & Event und ihr Umgang mit den bürokratischen Hürden 28 Interview Bauunternehmer Thomas Groth über die Entscheidung, die Groth Gruppe stillzulegen. Auch die Bürokratie in Berlin hat daran ihren Anteil Die langen Planungsphasen kann heute kaum noch ein privater Entwickler durchstehen. BRANCHEN 32 Außenwirtschaft Auch nach dem Brexit ist das Vereinigte Königreich ein interessanter Handelspartner 38 Technologie Finetech setzt auf Präzision im Mikrometerbereich 40 Gründungen Neue Unternehmen in Berlin stellen ihre Konzepte vor 42 Kreativwirtschaft Dorian Gorr will mit LVL World of Gaming expandieren 44 Jubiläum Freiberger Lebensmittel GmbH in Reinickendorf feiert ihr 50-jähriges Bestehen 45 Historie Alles war erleuchtet mit Max Graetz’ Lampen, die weit über Berlin hinaus strahlten Wissenschaft Charité-Chef Heyo Kroemer plädiert bei der IHK für mehr privates Kapital zur Rettung des Gesundheitssystems 14 20 Bürokratieabbau Zu den zentralen Aspekten der Verwaltungsreform in Berlin gehört die konsequente Digitalisierung Thomas Groth Geschäftsführer Groth Gruppe 28 Inhalt | 04
03 Editorial | 06 Entdeckt | 48 Impressum | 55 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt FACHKRÄFTE 46 Ehrenamt IHK Berlin dankt Prüferinnen und Prüfern mit einem Fest 48 Bildung „Kinder forschen“ jetzt beim Schulversuch „FlexGanztag“ 49 Recruiting IHK unterstützt beim Finden internationaler Fachkräfte 50 Digitale Bildung Silke Ababneh, CEO von vr4content, im Kurzinterview 52 Verbundausbildung Unterstützung beim Prüfen von Förderansprüchen 53 Praktikum Im Oktober treffen Betriebe junge Berufsinteressierte 54 Fachkräftegewinnung We Academy geht bei der Personalsuche neue Wege SERVICE 56 Cybersicherheit Wie man vertrauliche Inhalte besser schützen kann 58 Online-Plattformen „Berliner Wirtschaft hilft“ und Beschaffung über die KI 60 Gesellschaftsrecht Beispiel für ein gelungenes Management-Buy-out 62 Beratung Neue Verpackungsregelungen für Händler mit eigener Marke Ehrenamt Beim Fest für die Prüferinnen und Prüfer im Ludwig Erhard Haus stand der persönliche Austausch im Mittelpunkt 46 Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de ILLUSTRATION: STOCKSY/CACTUS CREATIVE STUDIO; FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN (2), AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 10 | 2026 Inhalt | 05
Die Ursprünge eines Ausstatters für Schifffahrtsberufe auf der Berliner Fischerinsel sind sicher kein Zufall. Berlin, heißt es, wurde aus dem Kahn erbaut. Über Spree, Havel, Dahme und Kanäle kamen Güter in die Stadt, beste Voraussetzungen für entsprechende Berufskleidung. 1886 eröffnete ein aus Hamburg Zugewanderter den Hamburger Laden – der Beginn einer 140-jährigen Unternehmensgeschichte. Auch schon ein knappes Jahrhundert liegt der Umzug nach Charlottenburg zurück. Dort, in der Zillestraße, ist der Laden bis heute. Das Sortiment für Berufskleidung hat sich geweitet, die maritime Sparte blieb, nun ebenfalls für Freizeitkapitäne, wie Geschäftsführer Thomas Michutta auf unserem Foto gleich dreifach zeigt. Hinzu gekommen sind passende Accessoires. Eine weitere Besonderheit ist Pfadfinderbekleidung – aus eigener Produktion. Mehr Spezialisierung geht kaum. Seemannsgarn FOTO: ULRICH SCHUSTER Berliner Wirtschaft 10 | 2026 Entdeckt | 06
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„Wir können Krisen nicht vorhersagen, aber wir können und müssen uns besser wappnen. Wie notwendig das ist, haben die Angriffe auf Umspannwerke und die digitale Infrastruktur gezeigt. Für ein resilientes Berlin müssen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenarbeiten und jeweils ihre Möglichkeiten und Netzwerke einbringen. ‚Berliner Wirtschaft hilft‘ bündelt dafür verfügbare Ressourcen und Angebote von Berliner Firmen.“ IHK Berlin, Handwerkskammer Berlin und UVB haben die Plattform „Berliner Wirtschaft hilft“ gestartet Berlin besser wappnen gesagt Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin 3,5 % mehr Abschlussprüfungen wurden im Prüfungsjahr 2025 an Berliner Hochschulen und externen Prüfungsämtern bestanden. Absolut waren es 35.473 beziehungsweise 1.187 mehr als im Vorjahr. Dabei wurde jede vierte Prüfung von ausländischen Studierenden absolviert. kopf oder zahl Nicole Kassel & Cornelius Fink Alexander Bonk sind neu in den Vorstand der aap Implantate AG berufen worden. Cornelius Fink wurde zum Chief Operating Officer ernannt, Nicole Kassel verantwortet als Chief Financial Officer das Finanzressort. Mit den Personalien leitet das Unternehmen die Nachfolge für CEO Rubino Di Girolamo ein, der zum Jahresende aus dem Vorstand ausscheiden wird. ist in den Vorstand der Dussmann Group berufen worden. Er übernimmt die Verantwortung für das deutsche Facility-Management- und Food-Services- Geschäft. Bonk wird zugleich den Vorsitz der Geschäftsführung der Dussmann Service Deutschland GmbH innehaben. Bonk war zuvor Deutschland-Geschäftsführer des Industrie-Dienstleisters Leadec. Weitere Informationen zu „Berliner Wirtschaft hilft“ finden Sie ab Seite 58. FOTOS: DUSSMANN GROUP, AAP IMPLANTATE AG, DENNIS KÖNIG FOTOGRAFIE, PHILIPP ARNOLDT, GETTY IMAGES/FSTOP IMAGES, STOCKSY/CACTUS CREATIVE STUDIO Kompakt | 08 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Förderung einer nachhaltigen Unternehmenskultur (Bewusstseinsbildung) , % Begrünung (Dach, Fassade, Grundstück) , % Teilnahme an Netzwerken und/ oder Initiativen , % Eziente Wasserressourcennutzung , % Durchführung von Klimarisikobewertungen , % , % Keine , % Setzen Sie bereits Maßnahmen zur Klimaanpassung um? Finanz-und Versicherungsstrategien 52 % der Berliner Unternehmen fordern von der Politik mehr Transparenz in Gesetzgebungsverfahren zum Klimaschutz. Ronja Schoenau, IHK-Expertin für Klimaschutz Tel.: 030 / 315 10-704 ronja.schoenau@berlin.ihk.de Sorgen vor dem Klimawandel Rund zwei Drittel der Berliner Unternehmen setzen laut einer Umfrage der IHK bereits Klimaanpassungsmaßnahmen um berliner wirtschaft in zahlen Bringen öffentliche Hand und Privatwirtschaft etwas gemeinsam voran, heißt das Public Private Partner- ship (PPP) – so wie beim „Berlin WC Kooperationsprogramm“. Die Idee: Gastronomie und Geschäfte ermöglichen den kostenfreien Zugang zu ihren Toiletten und erhalten mindestens 140 Euro monatliche Aufwandspauschale vom Land – je nach Ausstattung des stillen Örtchens. Was Berlin nun als Pilotprojekt gestartet hat, gibt es genau so als „Nette Toilette“ schon, ins Leben gerufen vor 25 Jahren im baden-württembergischen Aalen. Hunderte Kommunen sind mittlerweile dabei. Passte der Name etwa nicht zu Berlin? bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Von PP zu PPP typisch berlin Grafiken: BW Quelle: IHK Berlin Kompakt | 09
Beim IHK-Zukunftsforum 2026 ging es um Leitlinien für eine erfolgreiche Stadtentwicklung – auf der Grundlage einer Studie, die zeigt, was möglich wäre von Patrick Schulze Gute Szenarien für Berlin agenda
Zukunftsforum im Ludwig Erhard Haus: IHK-Präsident Sebastian Stietzel begrüßte Teilnehmer und Teilnehmerinnen Unternehmen wirtschaften nicht im luftleeren Raum. Sie sind einerseits auf Ressourcen und Arbeitskräfte angewiesen, anderseits sind sie abhängig von Rahmenbedingungen, die der Standort ihnen vorgibt. Doch was wäre, wenn zentrale Standortbedingungen deutlich besser wären? Was wäre, wenn es nur noch halb so viel Stau auf Berliner Straßen gäbe, was, wenn Berlin weitere internationale Direktflüge hätte oder wenn nur noch halb so viel Bürokratie anfiele? Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen hat im Auftrag der IHK Berlin solche Szenarien entworfen und nachgerechnet: Würde Berlin zum Beispiel die landesseitigen bürokratischen Erfüllungspflichten von Unternehmern halbieren, hätte ein typischer Mittelständler mit 20 Mitarbeitern im Jahr 35 Tage mehr für produktive Arbeit. Auf dem IHK-Zukunftsforum 2026 Anfang September wurden die Studie „Strategie für eine starke Wirtschaftsmetropole“ vorgestellt und die Auswirkungen der Szenarien untersucht. Unter anderem ging es darum, wie sich Wertschöpfung und Beschäftigtenzahlen entwickeln würden. Die Ergebnisse überzeugen. Wie IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner bei der Vorstellung der Studie zusammenfasste: „Erstmals sehen wir schwarz auf weiß, welche Effekte die richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für die gesamte Stadt haben. Wir reden hier von Hebeln, die Milliarden an Bruttowertschöpfung entfalten und damit die Zukunftsfähigkeit Berlins stärken können.“ Die Studie demonstriere, wie konsequentes und zielgerichtetes politisches Handeln Wirkung für die Stadt entfalten könne und die finanziellen Vorteile den Aufwand überwögen. Die Studie war Grundlage für die Diskussion, wie Berlin die vorgeschlagenen Ziele in Stadtentwicklung, Bildung und Verwaltung erreichen kann, und lieferte auch die solide Basis für die sich anschließende Diskussion mit den Berliner Spitzenkandidaten (siehe Seite 12). Ergänzt um internationale Beispiele, die zeigen, wie andere Metropolen mit den Herausforderungen einer wachsenden Stadt umgegangen sind. Den Konferenzauftakt gestaltete Dr. Tim Moonen, Co-Founder und Managing Director von The Business of Cities. In seiner Keynote ordnete er Berlin in den Wettbewerb der großen Metropolen ein und zeigte, dass erfolgreiche Stadtentwicklung heute mehr verlangt als gewachsene Attraktivität und einzelne Leuchtturmprojekte. Entscheidend sei vielmehr, ob eine Stadt ihre Stärken bewusst weiterentwickelt, ihre Grundlagen verlässlich erneuert und politische Prioritäten konsequent auf Wachstum, Innovation und Lebensqualität ausrichtet. Aus dem Blick auf andere internationale Städte wurde deutlich: Berlin verfügt über viele Voraussetzungen einer Weltmetropole – muss diese aber entschlossener in strategisches Handeln übersetzen. In drei parallelen Foren wurde dieser Blick an den Ergebnissen der Studie entlang auf zentrale Handlungsfelder Berlins übertragen. Unter den Schlagworten „Berlin: Your Skills – Your City“, „Berlin: Built for Change – Moving Forward“ und „Berlin: Turning Innovation into Public Impact“ ging es um Bildung und Fachkräfte, Verkehr und Stadtentwicklung sowie Innovation und Verwaltung. Deutlich wurde dabei noch einmal, dass Berlins Zukunftsfähigkeit nicht an einem einzelnen Hebel hängt, sondern am Zusammenspiel von Bildung, Infrastruktur, Verwaltung und wirtschaftlicher Dynamik. Den Abschluss des Fachprogramms bildete der Talk „Why Berlin?“, bei dem Vertreterinnen von Bayer und Delivery Hero sowie IHK-Präsident Sebastian Stietzel noch einmal deutlich machten, warum Unternehmen trotz aller Herausforderungen auf Berlin setzen. Die Gesprächsrunde zeigte den Standort nicht als fertige Erfolgsgeschichte, sondern als Stadt mit großer Anziehungskraft: Internationale Talente, exzellente Wissenschaft, Start-ups, etablierte Unternehmen und Kreativwirtschaft kommen hier in einer Dichte zusammen, die Berlin besonders macht. ■ Manja Schreiner IHK-Hauptgeschäftsführerin Erstmals sehen wir schwarz auf weiß, welche Effekte die richtigen wirtschafts- politischen Rahmenbedingungen für die gesamte Stadt haben. Patrick Schulze, IHK-Senior-Public- Affairs-Manager Konjunktur, Wirtschaftsdaten Tel.: 030 / 315 10-226 patrick.schulze@ berlin.ihk.de In seiner Keynote ordnete Dr. Tim Moonen Berlin in den Wettbewerb der großen Metropolen ein Studie Die acht Szenarien und ihre Auswirkungen online unter: ihk.de/ berlin/studie FOTOS: IHK BERLIN/INES HASENAU Zukunftsforum | 11 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Sonstige AfD Linke Grüne SPD CDU 18,8 12,1 14,3 25,7 16,3 12,8 Quelle: Der Landeswahlleiter für Berlin, vorläufiges Ergebnis Zweitstimmen in Prozent Linke gewinnen die Wahl zum Abgeordnetenhaus – jetzt müssen die Parteien an den Gesprächstisch von Holger Lunau und Eike Paulun Aus drei mach eins tum generieren. Vor diesem Hintergrund fordert IHK-Präsident Sebastian Stietzel „alle Beteiligten auf, zügig mit den Sondierungsgesprächen zu beginnen. Dabei muss allen klar sein: Egal, welche Wahlversprechen am Ende umgesetzt werden sollen, die Voraussetzung dafür ist eine starke und wachsende Wirtschaft. Investitionssicherheit und mehr unternehmerische Freiheit gehören daher ins Zentrum der Koalitionsverhandlungen“. Das wurde kurz vor der Abgeordnetenhauswahl auch bei einer Veranstaltung mit den fünf Spitzenkandidierenden im Ludwig Erhard Haus deutlich. Bei der gemeinsamen Wahlarena von IHK, Handwerkskammer, UVB und VBKI stellten sich Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD), Werner Graf (Grüne), Elif Eralp (Linke) und Kristin Brinker (AfD) den Fragen von Moderator Volker Wieprecht. Die Debatte zeigte: An wirtschaftspolitischen Konfliktlinien mangelt es nicht. Besonders deutlich wurde das auch hier bei der Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen. Während Evers und Krach sie ablehnten, hielten Graf und Eralp daran fest. Auch bei Verkehr und Infrastruktur gingen die Vorstellungen auseinander. Mehr Einigkeit gab es beim Fachkräftemangel: Schnellere Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse sind längst keine Detailfrage mehr, sondern Voraussetzung dafür, dass Berliner Unternehmen wachsen können. ■ Die Linken haben die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September gewonnen, brauchen jedoch für die Besetzung des Chefsessels im Roten Rathaus die Unterstützung von Grünen und SPD. Aber die Sozialdemokraten, die ihr schlechtestes Ergebnis ever eingefahren haben, stehen zumindest in einem Punkt, dem wichtigsten Punkt der Linken, quer. Sie lehnen die Vergesellschaftung privaten Wohnungseigentums ab. Das könnte der Knackpunkt sein, der eine mögliche rot-grünrote Koalition nicht zustande kommen lässt. Dann könnte die Stunde der CDU schlagen, die wie Grüne und SPD viele Wählerstimmen im Vergleich zu 2023 verloren hat. Rein rechnerisch würde es auch für eine „Koalition der Verlierer“ reichen, allerdings tendieren die Grünen nach Aussagen ihres Spitzenmannes Werner Graf eher zu den Linken. Dass es eine Regierungsalternative überhaupt gibt, liegt daran, dass nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis das BSW den Einzug ins Landesparlament verpasst hat. Wie auch immer, Berlin kann sich keine Regierungspause leisten. Zu viele Probleme beschäftigen auch die Wirtschaft. Chaotische Verkehrsverhältnisse, zu wenig Wohnungsbau, zu viel Bürokratie behindern wirtschaftliches Handeln. Hinzu kommt die Verschwendung von Steuergeldern für Projekte, die keinerlei WachsEike Paulun, IHK-Politikmanager Tel.: 030 / 315 10-873 eike.paulun@berlin.ihk.de FOTO: GETTY IMAGES/MOOR STUDIO AGENDA | Abgeordnetenhauswahl | 12 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Warum Menschen in Berlin gründen Die Hauptstadt ist ein Magnet für Unternehmerinnen und Unternehmer aus aller Welt. Ein Blick auf diese Anziehungskraft ist ein wertvoller Kompass für die Zukunft Wer über Berlin spricht, spricht meist über das, was nicht funktioniert. Über fehlende Wohnungen. Über Staus. Über lange Genehmigungen, Baustellen und Formulare. All das gibt es. Und vieles davon muss besser werden. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf eine andere Frage: Warum kommen jedes Jahr Menschen aus aller Welt nach Berlin, um hier ihr Unternehmen zu gründen und ihr Geld zu investieren? Berlin zieht Unternehmerinnen und Unternehmer aus aller Welt an. Aber diese Anziehungskraft ist kein Selbstläufer. Berlin bietet etwas, das viele Standorte gerne hätten: hervorragende Hochschulen, eine lebendige Gründerszene, starke mittelständische Unternehmen und viele Köpfe mit guten Ideen. Wissenschaft trifft hier auf Unternehmertum. Wer gründen will, findet Menschen, die neue Wege gehen. Hier kommen unterschiedliche Erfahrungen, Kulturen und Perspektiven zusammen. Dieser internationale Geist bringt Wissen, Talente und neue Ideen in die Region. Hinzu kommt etwas, das wir oft als selbstverständlich betrachten. Wir leben in einem Land, in dem Eigentum geschützt ist, Gerichte unabhängig entscheiden und Verträge gelten. In einer vielerorts unsichereren Welt sind das keine Nebensächlichkeiten. Sie geben Unternehmen die Sicherheit, langfristige Entscheidungen zu treffen. Berlin lebt zudem von seiner Offenheit. Offene Märkte brauchen offene Köpfe. Genau das begeistert Menschen, die Neues wagen, Unternehmen gründen oder Forschungsergebnisse in Geschäftsmodelle übersetzen. Nicht zuletzt ist auch Berlins Kultur- und Kreativszene weltweit ein Magnet. Entscheidend ist, was wir daraus machen. Wie werden aus Forschung Unternehmen, aus Gründerideen Arbeitsplätze und aus Investitionen Einkommen und Wohlstand? Wer Fachkräfte gewinnen will, braucht Wohnraum. Wer investieren will, braucht Planungssicherheit. Wer bauen will, darf nicht zehn Jahre auf Entscheidungen warten. Berlin hat die Menschen, die Hochschulen, die Unternehmen und die Ideen. Jetzt braucht die Stadt klare Prioritäten. Wir müssen Wachstum ermöglichen, Arbeitsplätze schaffen und den Wohnungsbau voranbringen. Dafür braucht es Investitionen in Bildung und Infrastruktur sowie eine Politik, die Lösungen möglich macht, statt neue Hürden aufzubauen. Ich bin überzeugt: Berlin hat gute Voraussetzungen. Nicht weil hier alles perfekt läuft. Sondern weil diese Stadt seit Jahrzehnten Menschen anzieht, die etwas aufbauen wollen. Berlin ist Schmelztiegel und Schrittmacher zugleich. Wenn Politik, Verwaltung und Wirtschaft gemeinsam Hindernisse abbauen, wird Berlin auch künftig viele gute Gründe liefern, hier zu investieren und zu wachsen. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Carsten Jung ist Präsidiumsmitglied der IHK Berlin und Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank eG FOTO: MARCEL SCHWICKERATH Auf den Punkt | 13 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Charité-Chef Professor Heyo Kroemer warnt vor einem Zusammenbruch des deutschen Gesundheitssystems von Holger Lunau Grundlegender Wandel nötig Ohne Veränderungen in allen Bereichen der Gesundheitswirtschaft – von den Krankenhäusern über die Forschung bis hin zur Wertschöpfung – bricht das jetzige Gesundheitssystem zusammen, warnte Professor Heyo Kroemer, Chef der Berliner Charité, am 9. September bei einer Veranstaltung der IHK Berlin. Er forderte deshalb eine umfassende Digitalisierung, die Lockerung von Datenschutzregeln und den Einsatz von mehr privatem Kapital durch entsprechende Kooperationen zwischen Gesundheitswesen und Wirtschaft. Blieben diese strukturellen Maßnahmen aus, so der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größter Universitätsklinik, könne das jetzige medizinische Versorgungsniveau nicht mehr gewährleistet werden. Zudem verliere Deutschland den Anschluss an die internationale Forschung. Die anstehende Krankenhausreform sei nicht geeignet, die Probleme zu lösen, kritisierte Kroemer, der auch Sprecher des Exzellenzverbunds Berlin University Alliance ist. Das geplante Zu Gast bei der IHK Berlin: Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN, STEFAN KLENKE AGENDA | Wissenschaft | 14 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Sparmodell nach der Rasenmäher-Methode werde für viele Häuser problematisch. So verliere die staatlich finanzierte Charité ab nächstem Jahr 80 Mio. Euro. Kroemer verwies beispielhaft darauf, dass die Charité in der nächsten Dekade rund 30 Prozent ihres Personals aus Altersgründen ersetzen müsste. Aufgrund des demografischen Wandels sei es aber kaum möglich, diese Lücke zu schließen. Deshalb sei es notwendig, so viele Arbeitsprozesse wie möglich zu digitalisieren. Dadurch könnten nach internen Berechnungen die rund 25.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Charité rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit wieder für den Dienst am Menschen nutzen. Die Charité durchforste deshalb gegenwärtig alle Möglichkeiten und habe auch ein Institut für künstliche Intelligenz in der Medizin gegründet. Außerdem kämen aus der Belegschaft selbst viele Hinweise, wie sich Abläufe in allen Bereichen effizienter gestalten lassen. Bessere Bedingungen für Risikokapital Medizinischer Fortschritt koste, aber er soll dennoch möglichst allen Menschen zugutekommen, betonte Kroemer. Doch die „obere Grenze“ der Finanzierbarkeit sei erreicht. Beispielsweise koste ein gentechnischer „Schuss“ zur Bekämpfung der Sichelzellkrankheit zwei Mio. Euro. Und die Forschung bringe immer neue Präparate und Methoden auf den Markt, um Krankheiten zu heilen. Und hier setze die Verantwortung der Politik ein. Es müssten bessere Rahmenbedingungen für Risikokapital geschaffen werden. „Ideen gibt es in Deutschland viele, aber sie werden mangels Kapitals häufig exportiert, meist in die USA“, beklagte der Charité-Chef. Ein weiteres großes Hindernis zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen seien die datenschutzrechtlichen Regulierungen, kritisierte Kroemer. Es seien unbedingt Lockerungen notwendig, um zum Beispiel Patientendaten zusammenzuführen – natürlich komplett anonymisiert. Dies sei zum Vorteil der Betroffenen, weil sich dadurch beispielsweise Fehlmedikationen vermeiden ließen, aber man so auch seltenen Krankheiten auf die Spur komme. Ein erster guter Schritt in diese Richtung sei eine entsprechende digitale Plattform aller Universitätskliniken. Die Gesundheitswirtschaft in Berlin spielt eine gewichtige Rolle. In dem Bereich sind eine Viertelmillion Menschen beschäftigt. Die jährliche Bruttowertschöpfung beträgt rund 22 Mrd. Euro. ■ Die IHK Berlin und die Berliner Humboldt-Universität (HU) wollen künftig noch enger kooperieren, Wirtschaft und Wissenschaft stärker verzahnen. Dazu wurde eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Konkretes Beispiel für die Zusammenarbeit ist die neue KI-basierte Plattform PatentPlus, die die HU mit Unterstützung der IHK entwickelt hat. Mit PatentPlus macht die Universität ihr gesamtes Patent-Portfolio erstmals als durchsuchbares Technologieangebot öffentlich zugänglich. Damit wird eine der zentralen Lücken im Wissenstransfer geschlossen – die Verbindung von der Erfindung hin zur Verwertung. Das Angebot richtet sich an Unternehmen und Investoren, die gezielt nach lizenzierbaren Technologien oder Forschungskooperationen suchen. „Unternehmen brauchen einen leichteren Zugang zu Forschung, Talenten und Patenten, damit aus wissenschaftlicher Exzellenz Innovationen, Wettbewerbsvorteile und Arbeitsplätze werden“, betonte IHK-Präsident Sebastian Stietzel. Deshalb habe die IHK Berlin in den vergangenen vier Jahren bereits Kooperationen mit der FU, der TU, der HWR und der HTW geschlossen. „Gemeinsam schaffen wir kurze Wege für mehr Wertschöpfung ‚Made in Berlin‘“, so Stietzel. lun Wertschöpfung made in Berlin Vereinbarung von IHK Berlin und HU soll dazu dienen, Patente schneller verwerten zu können HU-Präsidentin Professorin Julia von Blumenthal und IHK-Präsident Sebastian Stietzel bei der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung Stefanie Dümmig, IHK-Public-Affairs- Managerin Wissenschaftsstandort Tel.: 030 / 315 10-328 stefanie.duemmig@ berlin.ihk.de Ideen gibt es in Deutschland viele, aber sie werden mangels Kapital häufig exportiert, meist in die USA. Heyo Kroemer Vorstandvorsitzender der Charité Wissenschaft | 15 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
IHK-Vollversammlung spricht sich vehement gegen Vergesellschaftung privater Wohnungsbestände aus von Holger Lunau Es drohen immense Schulden tung privatwirtschaftlicher Wohnungsbestände schadet aus Sicht der Wirtschaft dem Standort, ohne die strukturellen Ursachen der Wohnungsknappheit zu lösen. Vergesellschaftung schafft keine einzige zusätzliche Wohnung. Stattdessen bremst sie den Neubau aus und ist ungerecht gegenüber Wohnungssuchenden und Mietenden in Beständen, die nicht betroffen wären. (Siehe auch Seite rechts.) Ein Eingriff in privates Eigentum untergräbt zudem die Säulen der sozialen Marktwirtschaft. Damit sind zentrale Voraussetzung für Investitionen, Innovationen und Arbeitsplätze in Gefahr. Die fiskalischen Risken sind erheblich. Jeder Euro, der für Entschädigungen verwendet wird, fehlt für wichtige Zukunftsinvestitionen. Als erstmalige Anwendung von Art. 15 GG hätte der Eingriff eine enorme Signalwirkung. Berlin droht an Attraktivität als Wirtschaftsstandort zu verlieren. Darüber hinaus beschädigt eine Löschung von Grundpfandrechten das Bankensystem und die Kreditvergabe. Dadurch wird die künftige Immobilienfinanzierung gehemmt. Es droht ein Konflikt zwischen bezahlbarem Wohnen und energetischen Sanierungen. Die Klimaschutzziele des Landes drohen dadurch unter Druck zu geraten. Nach Ansicht der IHK-Vollversammlung braucht es Kooperation statt Konfrontation. Die Probleme am Wohnungsmarkt lassen sich nur mit der Wirtschaft lösen. Berlin braucht dafür politisch Verantwortliche, die in der schwierigen Interessenabwägung konsequente Entscheidungen für mehr Wohnungsbau treffen. ■ IHK-Präsident Sebastian Stietzel in der Sitzung der Vollversammlung am 10. September I n Berlin wird über die Vergesellschaftung privater Wohnungsbestände diskutiert. Die Wirtschaft unterstützt das Ziel, mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu schaffen. Aus Sicht der IHK-Vollversammlung sind Eingriffe in Eigentumsrechte jedoch nicht der geeignete Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Stattdessen setzt die Wirtschaft auf schnelleres Planen und Bauen, die Aktivierung von Wohnungsbaupotenzialen, vereinfachte Standards, mehr Bauland, zügigere Genehmigungsverfahren sowie Unterstützung für bedürftige Haushalte. In einem Positionspapier erläutert das Parlament der Berliner Unternehmerschaft seinen Standpunkt ganz konkret. Eine VergesellschafStandpunkt Die Position der Berliner Wirtschaft unter: ihk.de/berlin/position- vergesellschaftung FOTO: IHK BERLIN/JENS AHNER AGENDA | Vollversammlung | 16 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Der Stadt fehlen Wohnungen – daran ändert Vergesellschaftung nichts, wie die Kampagne „Berlin denkt weiter“ deutlich macht von Milena Fritzsche Berlin braucht mehr Wohnraum Sebastian Stietzel. Deshalb startete die IHK Berlin Anfang August gemeinsam mit der Handwerkskammer Berlin, den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg und dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller die Kampagne „Berlin denkt weiter“. Sie informiert über die wirtschaftlichen Folgen einer Vergesellschaftung und macht deutlich, welchen Beitrag Unternehmen für die Stadt leisten. Unterstützt wird die Kampagne von 20 weiteren Organisationen und Verbänden, und sie war bis in den September hinein auf Großflächenplakaten, digitalen Screens sowie in Online- und Printmedien präsent, um zu zeigen: Statt neuen Wohnraum zu schaffen, verändert eine Vergesellschaftung lediglich die Eigentumsverhältnisse. Die finanziellen Risiken sind dagegen erheblich: Für Berlin stehen Entschädigungskosten von bis zu 36 Mrd. Euro im Raum. Milliarden, die an anderer Stelle fehlen und nicht in die tatsächliche Erweiterung des Wohnungsangebots fließen können. Für mehr Wohnraum braucht Berlin Investitionen, wirtschaftliche Dynamik und verlässliche Rahmenbedingungen. Die Berliner Unternehmen leisten dazu einen entscheidenden Beitrag: IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner verweist auf 1,7 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und mehr als drei Mrd. Euro allein an Gewerbesteuer, die Berliner Unternehmen zahlen. „Eine funktionierende und wachsende Wirtschaft ist das Fundament für eine funktionierende und wachsende Stadt“, sagt Schreiner. Welche Weichen Berlin dafür stellt, wird auch in den anstehenden Koalitionsverhandlungen entschieden. ■ E s sollte Konsens darüber bestehen, dass Berlin dringend mehr Wohnraum braucht. Der Wahlkampf in der Hauptstadt hat jedoch gezeigt, wie groß die Uneinigkeit über den Weg dorthin ist. Bereits im Juli erteilte der Bundeskanzler Vergesellschaftungen eine klare Absage: „Wir werden die Verstaatlichung privater Wohnungsbaugesellschaften und Mietwohnungen durch Vergesellschaftungsgesetze unterbinden.“ Sind damit Vergesellschaftungsdiskussionen vom Tisch? Mitnichten. Im Berliner Wahlkampf war es eines der Hauptthemen. Für die Berliner Wirtschaft ist das mehr als eine wohnungspolitische Frage. Es geht um Privateigentum, unternehmerische Freiheit und die Verlässlichkeit Berlins als Investitionsstandort. „Die Vergesellschaftungsdebatte setzt wirtschaftspolitisch ein höchst riskantes Signal und schreckt Investoren ab“, sagt IHK-Präsident Sebastian Stietzel IHK-Präsident Die Vergesellschaftungs- debatte setzt wirtschaftspolitisch ein höchst riskantes Signal und schreckt Investoren ab. IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner vor einem der Plakate zur Kampagne „Berlin denkt weiter“ FOTO: IHK BERLIN/FABIAN NESTLER Kampagne | 17 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Mit Potsdam hat die vierte deutsche Stadt eine Verpackungssteuer eingeführt – eine aktuelle Studie stellt deren Sinn infrage von Andreas Kubala Nicht nur der Müll kann weg Kurz gesagt: Die Wirkung wäre gering, der Aufwand hoch. Auf Betriebe rollt eine weitere Welle an Bürokratie zu, während die Verwaltungskosten auf zehn bis 15 Prozent des Steueraufkommens geschätzt werden. Die damit verbundenen Mehrkosten dürften in vielen Fällen an die Kundschaft weitergegeben werden. Hinzu kommt die Gefahr eines kommunalen Flickenteppichs mit zusätzlichem Verwaltungsaufwand. Dabei ist Einweg bereits umfassend reguliert. Mehrwegangebotspflicht, Verpackungsgesetz, duale Systeme und Einwegkunststofffonds dienen der Reduzierung von Verpackungsabfällen. Statt neue kommunale Abgaben einzuführen, sollten diese bereits bestehenden Kreislaufsysteme gestärkt werden. Die Debatte macht deutlich: Gute Umweltpolitik misst sich nicht an der Zahl neuer Abgaben, sondern an ihrer Wirkung. Bleibt der ökologische Nutzen minimal, während Kosten und Bürokratie steigen, droht aus einem gut gemeinten Ansatz eine zusätzliche Belastung für Betriebe, Verwaltung und Verbraucher zu werden. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten sollten neue Regulierungen deshalb besonders konsequent an ihrem tatsächlichen Nutzen gemessen werden. ■ Einwegverpackungen und -bestecke fallen unter die Steuer Weniger Müll und mehr Kreislaufwirtschaft sind unstrittige Ziele. Ob eine Verpackungssteuer einen sinnvollen Beitrag dazu leisten kann, wird derzeit kontrovers diskutiert. Nach Tübingen, Konstanz und Freiburg hat nun Potsdam zum 1. Oktober eine Verpackungssteuer eingeführt. Das Bundesverfassungsgericht hat die Zulässigkeit kommunaler Verpackungssteuern bestätigt. Doch rechtlich möglich bedeutet nicht automatisch sinnvoll. Auch im Berliner Wahlkampf spielte das Thema eine Rolle: Soll Verhalten über Abgaben oder über Anreize und Mehrwegsysteme gesteuert werden? Eine im August veröffentlichte Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung und des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Selbst bei einer deutschlandweiten Einführung der Steuer würde das gesamte Verpackungsaufkommen nur um 0,04 Prozent sinken. Die Auswirkungen auf die deutschen Treibhausgasemissionen lägen sogar nur bei 0,0013 Prozent. Zudem erfasst die Steuer nur einen Bruchteil des Verpackungsverbrauchs. Andreas Kubala, IHK-Public-Affairs- Manager Energie- und Klimaschutzpolitik Tel.: 030 / 315 10-758 andreas.kubala@ berlin.ihk.de Studie Die Ergebnisse zur Wirkung einer Verpackungssteuer unter folgendem QR-Code: FOTO: GETTY IMAGES/IULIIA PILIPEICHENKO AGENDA | Position | 18 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
INHALT 24 Bürokratisch ausgebremst Große Flotte, hoher Aufwand bei Miles 26 Digital Kosten senken Aucoteam kennt die Verwaltung von innen und außen 27 Gleiche Regeln berlinweit OM Consult & Event will mehr Einheitlichkeit 28 „Es macht keinen Spaß mehr“ Thomas Groth, Groth Gruppe, im Interview Die konsequente Digitalisierung von Verwaltungsaufgaben ist ein zentraler Punkt der Reformen Berliner Wirtschaft 10 | 2026 fokus
Projekt Umsetzung Die rechtlichen Grundlagen für die Verwaltungsreform stehen. Die IHK Berlin und ihre Mitstreiter haben klare Erwartungen, wie es nun auf Senats- und Bezirksebene weitergehen muss von Jens Bartels Die Wahl ist entschieden, jetzt beginnt die Arbeit. Die nächste Koalition erbt eine Verwaltungsreform, deren rechtliche Grundlagen stehen: Landesorganisations- und das Konnexitätsausführungsgesetz sind verabschiedet, die Zuständigkeitsverordnung mit vollständigem Aufgabenkatalog ist in Kraft. Nun muss sich zeigen, ob daraus schnellere Verfahren und spürbare Entlastungen entstehen. Robert Knappe, Professor für Betriebswirtschaftslehre der öffentlichen Verwaltung an der HWR Berlin und Direktor des Instituts für Verwaltungsforschung und Verwaltungsinnovation, spricht von einem Jahr der strukturellen Veränderungen: „All dies schafft einen wichtigen, nunmehr reformierten und modernisierten Rahmen. Die Implementierung im Verwaltungshandeln und damit die Wirkungsentfaltung des neuen Rahmens stehen jedoch noch bevor.“ Viele Detailfragen sind offen, das ressort- und ebenenübergreifende Implementierungsprojekt läuft bis mindestens 2029. „Im Jahr 2026 können die Früchte der Verwaltungsreform also noch nicht geerntet werden, aber der Samen wurde ausgesät, und der ‚Acker‘ muss nun gut bestellt werden“, so Knappe. Der Weg dorthin birgt ein Paradox. „Es muss zunächst neue Bürokratie in Form von konkretisierenden Regeln und Verfahrensabläufen aufgebaut werden, damit diese später zu einem Abbau älterer Regeln und Verfahrensabläufen führen kann“, sagt der Experte. Ein wesentliches Risiko sieht er darin, dass dieser Prozess unterfinanziert und unzulänglich gesteuert wird und die Reform so ihre eigenen Ziele verfehlt. Messbar wäre der Fortschritt durchaus, etwa an Durchlaufzeiten in Antragsverfahren, an der Zahl medienbruchfreier Verfahren oder an der Quote erfolgreicher Klagen gegen Behördenentscheidungen, zusammengeführt in einem Dashboard, das auch die Bezirke vergleichbar macht. Allerdings ordnet die Reform bislang vor allem Zuständigkeiten neu. Als Nächstes müsse die inhaltliche Aufgabenkritik folgen: „Welche Aufgaben können verschlankt werden oder sogar entfallen, ohne das Gemeinwohl zu gefährden?“ Die verbleibenden Aufgaben seien zugleich zu vereinfachen, zu digitalisieren und zu automatisieren. Denn: „Es reicht nicht mehr aus, einen gesetzlichen Auftrag zu vollziehen“, betont Knappe. „Auf die tatsächliche Ergebniswirkung für die Zielgruppen und den wirtschaftlichen Vollzug kommt es an.“ Ob der neue Rahmen diese Wirkung entfalten kann, entscheidet sich auch an einer alten Berliner Bruchstelle: dem Verhältnis von Senat und Bezirken. Genau » ILLUSTRATION: STOCKSY/CACTUS CREATIVE STUDIO Bürokratieabbau | 21 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
dort setzt das kurz vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus veröffentlichte Papier „Gesamtstädtische Steuerung und starke Bezirke“ an (siehe Randspalte rechte Seite). 19 Organisationen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, darunter die IHK Berlin und die Stiftung Zukunft Berlin, fordern darin eine Fortsetzung der Reform. Ihr Kernargument: Der neue Rechtsrahmen ermöglicht zwar eine einheitliche Steuerung, beseitigt aber noch nicht die strukturellen Brüche zwischen Senat und Bezirken. Zahnräder müssen ineinandergreifen Seit Inkrafttreten des Landesorganisationsgesetzes können die Fachleute der Hauptverwaltung für alle Bezirke einheitlich regeln, wie eine bestimmte Frage zu beantworten ist. Christophe Knoch, Vorstandsmitglied der Stiftung Zukunft Berlin, hält das für richtig. Allerdings treffen die Vorgaben auf Bezirke, deren Ressortzuschnitt nicht dem der Hauptverwaltung entspricht. „Die Bezirksstadträte sind niemandem Rechenschaft schuldig, sie können nicht bindend angewiesen werden, weder vom zuständigen Senator auf Hauptverwaltungsebene noch vom Bezirksbürgermeister oder von der Bezirksverordnetenversammlung“, sagt er. Daraus folgt seine Forderung: „Die Fortsetzung der Verwaltungsreform erfordert eine intensive Beschäftigung mit der bezirklichen Verfasstheit, damit die organisatorischen Zahnräder beider Ebenen wieder sauber ineinandergreifen.“ Auch die Auswahl der Bezirksstadträte gehöre auf den Prüfstand. „Grundsätzlich sollte ja jede mit Entscheidungsbefugnis ausgestattete Funktion von Menschen geführt werden, die inhaltlich in der Lage sind, das Fach und die Folgen ihrer Entscheidung zu verstehen“, meint Knoch. Anforderungsprofile, Ausschreibungen und vergleichbare Auswahlverfahren müssten in diesem Zusammenhang zumindest diskutiert werden und könnten die fachliche Eignung gegenüber dem Parteiproporz stärken. Zugleich soll der kooperative Reformprozess fortbestehen. „Die Berliner Verwaltung hat mehr als 25 Jahre um ihre Reform gerungen“, so der Stiftungsvorstand. Workshops über Hierarchiegrenzen hinweg, parteiübergreifende Zusammenarbeit und die Beteiligung der Zivilgesellschaft hätten diesmal zum Erfolg beigetragen. Diese bislang nur vorübergehend geschaffenen Strukturen müssten verstetigt werden, vorausgesetzt, die nächste Regierung bringt den politischen Willen dafür auf. Ob die neue Ordnung trägt, misst die Wirtschaft am Alltag. 98 Prozent der Unternehmen wollen die Verwaltungsreform verbindlich umgesetzt sehen, heißt es im Positionspapier der IHK Berlin zur Abgeordnetenhauswahl. Sebastian Stietzel unterscheidet dabei zwei Blickwinkel: struktureller politischer Reformwille und praktischer Alltagseffekt. „Reformwillen haben Politik und Verwaltung bewiesen“, sagt der IHK-Präsident. Im Betriebsalltag sei davon aber noch nichts angekommen. „Noch drückt der Schuh also weiterhin an diversen Stellen, von der Erreichbarkeit der Verwaltung über die mangelnde Digitalisierung bis hin zu unnötigen Mehrfachabfragen für die immer gleichen Unternehmensdaten.“ Die IHK Berlin fordert deshalb für die nächste Legislaturperiode ein Paket aus konsequenter Umsetzung und dauerhaftem Bürokratieabbau. „Es gibt nicht das eine Allheilmittel, aber ein Ausschuss im Abgeordnetenhaus, der sich explizit diesem Thema widmet, wäre von zentraler Bedeutung“, sagt Stietzel. Das Thema müsse dorthin, wo Regeln gemacht und kontrolliert werden. Ein Ziel nennt er auch: „Zu Ende 2027 sollten Pläne vorliegen für eine Streichung von mindestens einem Drittel der unternehmerischen Berichtspflichten.“ Spürbare Reformeffekte nachhalten Beim Bürokratieabbau sieht der IHK-Präsident Berlin ganz am Anfang. „Wir stehen praktisch bei null, andere Bundesländer gehen seit Jahren voran.“ Daneben brauche es einen Strauß spezifischer Korrekturen: Anzeigepflicht statt Genehmigung, Textform statt Schriftform oder der Wegfall von Berichtspflichten. „Gemeinsam mit den Unternehmen werden wir bis zum Ende der Legislaturperiode sehr genau nachhalten, welche Reformeffekte spürbar werden“, betont Sebastian Stietzel. Das CityLAB-Projekt erprobt im Einzelfall, was Daniela Hensel grundsätzlich fordert: Verwaltungsleistungen nicht vom Formular, sondern vom Anliegen der Menschen her zu entwickeln. Die Professorin der HTW Berlin arbeitet an Service Design für staatliche Angebote und ist unter Prof. Robert Knappe HWR Berlin Welche Aufgaben können verschlankt werden oder sogar entfallen, ohne das Gemeinwohl zu gefährden? ILLUSTRATION: STOCKSY/CACTUS CREATIVE STUDIO; FOTOS: OANA POPA-COSTEA, IHK BERLIN/AMIN AKHTAR FOKUS | Bürokratieabbau | 22 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
anderem Gründerin der Agentur why does robin. Für sie steht am Anfang eine andere Frage: „Was wollen Menschen eigentlich erledigen – und wie können wir ihnen dabei möglichst einfach helfen?“ Wer ein Papierformular nur als PDF oder Eingabemaske ins Netz stellt, digitalisiert aus ihrer Sicht nur die bestehende Bürokratie. Bleibe das Verfahren kompliziert, bleibe es auch digital kompliziert und schließe zusätzlich jene aus, die digital unsicher sind. Die Kosten solcher Hürden werden in Deutschland bislang kaum erfasst. Zwar wird der gesetzliche Erfüllungsaufwand berechnet, die Reibungsverluste im einzelnen Verfahren wie unvollständige Anträge, Rückfragen oder Korrekturarbeit bleiben aber meist außen vor. Hensel bringt die Folgen auf den Punkt: „Schlechtes Design ist nicht nur ein Komfortproblem, sondern insbesondere ein Produktivitätsproblem, und zwar auf beiden Seiten des Schalters.“ Statt nur digitale Angebote zu zählen, plädiert sie für eine konsequentere Messung der sogenannten First-Time-Right-Quote: „Wie viele Anliegen werden beim ersten Mal erfolgreich und vollständig erledigt?“ Woran sie nach der nächsten Legislaturperiode im Jahr 2031 erkennen wird, ob Verwaltungsreform und Bürokratieabbau in Berlin gelungen sind? „Wenn Menschen weniger Zeit mit Anträgen, Nachweisen und Rückfragen verbringen, wenn Unternehmen schneller zu verlässlichen Entscheidungen kommen und wenn Verwaltungsmitarbeitende weniger Energie in vermeidbare Routinen und mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben haben, dann wäre viel erreicht.“ Ihr wichtigster Maßstab lautet deshalb: Ist die Berliner Verwaltung nicht nur reformiert worden, sondern ist sie reformfähig geworden? ■ Ende 2027 sollten Pläne vorliegen zur Streichung von mindestens einem Drittel der unter- nehmerischen Berichts- pflichten. Sebastian Stietzel Präsident IHK Berlin Fahrplan für die Verwaltungsreform Unter dem Titel „Gesamtstädtische Steuerung und starke Bezirke“ haben 19 Organisationen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, darunter die IHK Berlin, ihre Forderungen zur Fortsetzung der Verwaltungsreform zusammengefasst. Der QR-Code führt zum Papier: Bürokratieabbau | 23 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
Carsharing-Anbieter Miles Mobility GmbH stößt in Berlin mehr als andernorts auf Hürden bei Flottenmanagement und Parkregelungen Bürokratisch ausgebremst Das Carsharing-Angebot in der Hauptstadt wächst. Aktuell integriert die Miles Mobility GmbH 500 neue Toyota Yaris Cross in ihre Berliner Flotte. Für den Anbieter ist das nicht nur Wachstum, sondern auch Verwaltungsvorgang in Serie. „Wie viele An-, Um- und Abmeldungen bei uns anfallen, hängt vom jeweiligen Flottenausbau ab und kann im dreistelligen Bereich pro Woche liegen“, sagt Michael Fischer, Leiter der Abteilung Public & Governmental Affairs bei Miles. „Bei solchen Größenordnungen sind vollständig digitale und skalierbare Prozesse für uns entscheidend.“ Neue Bedingungen für Zulassungen Bislang lässt das Berliner Unternehmen seine Fahrzeuge über Dienstleister digital in Wiesbaden zu, für Fischer der effizienteste und schnellste Weg. Angesichts der veränderten RahmenbedinFOKUS | Bürokratieabbau | 24 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
gungen bezüglich der Großkundenschnittstelle der Berliner Verwaltung prüft Miles, ob es am bisherigen Zulassungsweg festhält. Der Zulassungsaufwand zeigt, welche Dimensionen aus einer kleinen Berliner Flotte geworden sind. 2016 startete Miles mit 25 Fahrzeugen. Heute ist das Unternehmen in 14 Städten aktiv; allein in Berlin nutzen mehr als 600.000 Menschen rund 6.000 Autos des Unternehmens. Zum Angebot gehören neben Pkw auch Transporter, Langzeitmieten und Auto-Abos. Im Kerngeschäft, dem Free-Floating-Carsharing, werden die Fahrzeuge per App gebucht und nach der Fahrt auf einem öffentlichen Parkplatz im Geschäftsgebiet abgestellt. Feste Stationen gibt es nicht. Das Wachstum liegt nicht allein im Interesse des Unternehmens. „Free-Floating-Carsharing ist ein wichtiger Bestandteil des urbanen Mobilitätsmixes“, erklärt Fischer. „Es ergänzt Bus, Bahn und Fahrrad um flexible individuelle Mobilität, ohne dass dafür ein eigenes Auto notwendig ist.“ Studien aus den Jahren 2025 und 2026, die das Unternehmen anführt, kommen zu dem Ergebnis, dass ein Miles-Fahrzeug je nach Stadt ein Vielfaches an privaten Pkw ersetzt. In München sind es danach bis zu 23, in Stuttgart mit 27 Fahrzeugen sogar noch mehr. Auch für Berlin ist eine solche Studie in Vorbereitung. „Entscheidend für einen solchen wünschenswerten Effekt ist es jedoch, dass ausreichend viele Fahrzeuge eines Anbieters wie Miles in der Stadt verfügbar sind, damit die Menschen die Sicherheit haben, immer dann ein Carsharing-Fahrzeug zu finden, wenn sie eins brauchen“, erläutert Fischer. „Nur so kann Carsharing Relevanz erzeugen.“ Jeden Parkvorgang einzeln bezahlen Doch gerade beim Parken trifft der mögliche Nutzen auf hohe Kosten und kleinteilige Abläufe. Zwar zahlt stationsloses Carsharing in Berlin seit 2023 ermäßigte Parkgebühren, bei E-Kennzeichen halbieren sie sich noch einmal. Im August verlängerte der Senat die Regelung bis Ende 2029. An der Abrechnung ändert das aber nichts: In bewirtschafteten Gebieten muss das Unternehmen in Berlin jeden Parkvorgang einzeln digital zahlen. Andere Großstädte befreien Carsharing davon oder erheben einen pauschalen Jahresbetrag. „In der Summe zahlen Carsharing-Fahrzeuge so pro Monat ein Vielfaches dessen, was Anwohner für ihren privaten Pkw zahlen müssen“, beklagt Fischer. „Hinzu kommt: Etwaige Strafzettel erreichen uns physisch und müssen trotz einer Flotte unserer Größe manuell geprüft, zugeordnet und bearbeitet werden.“ Die hohen Kosten verhindern nicht zuletzt eine wirtschaftlich nachhaltige Ausweitung des Geschäftsgebietes in die Außenbereiche der Stadt. Entsprechend fordert Fischer von der Politik in der nächsten Legislaturperiode durchgängig digitale Verfahren und standardisierte Schnittstellen. „Berlin sollte zudem ein einfaches und anreizorientiertes Parkgebührenmodell für Carsharing-Fahrzeuge schaffen, wie es beispielsweise in Hamburg und München bereits praktiziert wird“, fügt er hinzu. Dabei könnte die Gebührenhöhe beispielsweise an die Größe des Geschäftsgebiets gekoppelt werden und damit als Anreiz, auch Außenbezirke zu versorgen. Bis dahin bleibt die Flotte dort, wo sie sich rechnet. ■ Michael Fischer leitet bei Miles die Abteilung Public & Governmental Affairs 6 000 Fahrzeuge nutzen die Kunden von Miles in Berlin. Angefangen hat das Unternehmen vor zehn Jahren mit 25 Autos. Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Manager auf LinkedIn: Michael Fischer Strafzettel erreichen uns physisch und müssen trotz einer Flotte unserer Größe manuell geprüft, zugeordnet und bearbeitet werden. FOTO: CHRISTIAN KIELMANN Bürokratieabbau | 25 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
CleanTech Business Park Marzahn selbst erlebt. „Mit dem geplanten Batterie-Testzentrum wollten wir einen Beitrag zur Energiewende und zur technologischen Entwicklung des Industriestandortes Berlins leisten“, erzählt Seidel. Doch allein die Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse rund um den Grundstückskauf erstreckten sich über einen Zeitraum von rund 20 Monaten. „Besonders herausfordernd war anschließend die Situation, dass trotz einer rechtskräftigen Baugenehmigung unterschiedliche Bewertungen naturschutzrechtlicher Fragestellungen zu einem gerichtlichen Baustopp führten“, so der Geschäftsführer. „Für Unternehmen entstehen in solchen Fällen erhebliche Planungs- und Investitionsunsicherheiten.“ Am Ende scheiterte das Vorhaben in Berlin. Auch die auf den Weg gebrachte Verwaltungsreform in Berlin würde einen vergleichbaren Fall aus Sicht des Unternehmens vorerst nicht verhindern. „Dennoch ist die Verwaltungsreform aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz und klareren Verantwortlichkeiten“, betont Seidel. „Entscheidend erscheint uns darüber hinaus eine Kultur, die Zusammenarbeit, Lösungsorientierung und wirtschaftliche Entwicklung aktiv unterstützt.“ Die Frage „Wie kann ich Unternehmen und Investitionen bestmöglich unterstützen?“ sollte dabei stärker in den Mittelpunkt rücken. „Gleichzeitig möchten wir ausdrücklich betonen, dass wir in der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Verwaltung auch zahlreiche positive Erfahrungen gemacht haben“, fügt Seidel hinzu. Konsequent automatisieren Für die kommende Legislaturperiode nennt er drei Prioritäten beim Bürokratieabbau. Erstens: Verwaltungsprozesse konsequent automatisieren. „Viele Verwaltungen stehen aufgrund zusätzlicher Aufgaben, Fachkräftemangels und knapper Ressourcen unter erheblichem Druck“, sagt Seidel. Praxiserprobte Lösungen dafür gebe es längst. Zweitens: Datensilos abbauen. Identische Angaben werden nach seiner Erfahrung in verschiedenen Fachverfahren immer wieder neu erfasst, statt zwischen den Systemen zu wandern. Und drittens: digitale Kommunikation vollständig ermöglichen. „Trotz vieler Fortschritte werden Anträge, Bescheide und Nachweise teilweise noch auf Papier oder in parallelen Kommunikationswegen versendet“, so der Geschäftsführer. Durchgängig digitale Prozesse, sagt der Unternehmer, würden Zeit sparen, Kosten senken und die Servicequalität für alle Beteiligten verbessern. ■ Aucoteam kennt viele Facetten von Verwaltung und Bürokratie. Auf der einen Seite entwickeln die 108 Mitarbeitenden innovative Lösungen für Kunden aus der Wirtschaft und für öffentliche Auftraggeber. So unterstützen die Berliner zum Beispiel Verwaltungen dabei, Bürgern moderne, digitale und effiziente Dienstleistungen anzubieten. „Unsere Fachverfahren für Elterngeld, Wohngeld und das Wohnungswesen beschleunigen die Bearbeitung von Anträgen, reduzieren Fehler und entlasten gleichzeitig die Mitarbeitenden in den Verwaltungen“, sagt Geschäftsführer Jan Frederik Seidel. Wie mühsam Verwaltung umgekehrt sein kann, hat Aucoteam bei einem eigenen Projekt im Jan Frederik Seidel ist Geschäftsführer der Aucoteam GmbH mit Sitz in Prenzlauer Berg Gut vernetzt Der Unternehmer auf LinkedIn unter dem QR-Code: Die Aucoteam GmbH kennt die Verwaltung als Dienstleister und Antragsteller. Das schärft den Blick für Notwendigkeiten Digital Kosten senken Jan Frederik Seidel Die Verwaltungs- reform ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz und klareren Verantwortlichkeiten. FOTOS: BENJAMIN PRITZKULEIT, CHRISTIAN KIELMANN Berliner Wirtschaft 10 | 2026
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