Der Paukenschlag ertönt am 23. Juni 2016 und hallt bis heute nach. Mit knapp 52 Prozent stimmen die Briten für den Austritt aus der EU. Heute, zehn Jahre später, sind viele Prophezeiungen nicht eingetroffen, andere allerdings schon. London blieb der größte Fintech-Standort Europas. Für Berlin bedeutet das: Die Hoffnung auf eine große Brexit-Dividende hat sich nicht erfüllt. „Berlin hat heute aber eine eigenständige Stärke als Fintech- und zunehmend auch als AI-Hub entwickelt“, sagt Christian Nagel, Geschäftsführer bei der Earlybird GmbH & Co. KG. „Der Brexit hat also weniger zu einer Verlagerung als zu einer stärkeren Arbeitsteilung geführt.“ Der 1997 gegründete Risikokapitalgeber gehörte zu den Ersten in Deutschland, die Geld in Start-ups steckten. London biete weiterhin eine enorme Konzentration von Finanzindustrie, Kapital, internationalem Talent und Fintech-Kompetenz. Physische Präsenz unerlässlich Berlin verbinde eine starke Gründungs- und Technologieszene mit direktem Zugang zum EU-Binnenmarkt. Für Earlybird als Investor sei deshalb nicht die Frage „London oder Berlin?“, sondern wie Unternehmen beide Ökosysteme nutzen könnten. Um Teil des britischen Ökosystems zu sein, eröffnete Earlybird im Jahr 2022 ein Londoner Büro, das unter anderem Investmentchancen entlang der gesamten AI-Wertschöpfungskette auslotet. Der Markteintritt sei zwar regulatorisch anspruchsvoller geworden, sodass Komplexität und Kosten gestiegen seien, so Nagel. Physische Präsenz hält er dennoch für unerlässlich, um Kundenbeziehungen und Netzwerke aufzubauen. „Im Brexit-Referendum sahen viele den Anfang vom Ende der Europäischen Union“, sagt Florian Kommer, Europaexperte der Bertelsmann Stiftung, die zum Jubiläum eine Studie veröffentlichte. Eine Austrittswelle in Europa wurde aber gar nicht ausgelöst. Zudem würden die Briten zunehmend erkennen, dass die Zersplitterung Europas ihren Preis habe: weniger Sicherheit, weniger Widerstandsfähigkeit und weniger Einfluss in der Welt, stellt Kommers Kollege Jake Benford fest. Laut Studie liegen die Einstellungen heute bei zentralen Fragen oft erstaunlich nah beieinander. So unterstützten 66 Prozent der Briten sowie 71 Prozent der EU-Bürger eine stärkere Rolle der EU in der Außenpolitik. Anders als beim Referendum vor zehn Jahren sprachen sich im März 2026 57 Prozent der Briten für eine Mitgliedschaft in der EU aus. Dazu dürfte beitragen, dass die anfangs optimistischen Briten ihre persönliche Zukunft heute deutlich negativer einschätzen. Kein Wunder: Der Handel mit der EU schrumpfte, das britische Wachstum sank, die Regierung wechselte gleich sechsmal. Stark gelitten haben auch die Handelsbeziehungen mit Deutschland. War das Vereinigte Königreich (UK) 2016 noch beim Warenaustausch der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands, ist der Staat zuletzt auf Rang neun gerutscht. Das 2021 geschlossene Handels- und Kooperationsabkommen mit der EU gewährt zwar unter anderem komplette Zollfreiheit, Waren müssen trotzdem angemeldet werden. „Ein erhöhter Aufwand für Zollanmeldungen, Vorgaben zu Ursprungsregeln in den Lieferketten, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen sowie das Ende der Personenfreizügigkeit setzen der Wirtschaft zu“, sagt Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in London. „Da verlieren Unternehmen an Dynamik.“ Bei neuen Investitionen deutscher Unternehmen verzeichnet die AHK aktuell das größte Interesse in den Bereichen Verteidigung, Digitalisierung und Forschung. So hat das 2024 gegründete Berliner Verteidigungs-Start-up Stark (SKD SE) in Swindon, im Südwesten Englands, Ende 2025 seine erste Drohnenfabrik in Großbritannien eröffnet. Siemens investierte zuvor mehr als 230 Mio. Euro in eine Zugfabrik, die unter anderem die Londoner U-Bahn beliefert. Trotz des Brexits bleibt Großbritannien für Hoppe ein spannender Markt mit immerhin knapp 70 Millionen Einwohnern. „Die deutschen Unternehmen profitieren nach wie vor von ihrem guten Image. Zuverlässigkeit wird von britischen Firmen sehr geschätzt.“ Anforderungen frühzeitig vorbereiten Schon seit 1870 ist Bayer, einer der größten privaten Arbeitgeber in Berlin, in Großbritannien und Irland aktiv, aktuell mit rund 800 Beschäftigten an drei Standorten mit den Bereichen Pharma, Consumer Health und Agrar. Alexander Hennig, Leiter Kommunikation UK & Irland, ist trotz der neuen Hemmnisse optimistisch. An das neue Umfeld hat Bayer sich angepasst, indem lokale Kompetenzen gestärkt, regulatorische Anforderungen frühzeitig vorbereitet und die Zusammenarbeit zwischen britischen und europäischen Aktivitäten intensiviert wurden. „Insgesamt blicken wir zuversichtlich auf das langfristige Potenzial des Vereinigten Königreichs.“ ■ Ulrich Hoppe Hauptgeschäftsführer Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer Die deutschen Unternehmen profitieren nach wie vor von ihrem guten Image. Sami Bettaieb, IHK-Public-Affairs-Manager Außenwirtschaft Tel.: 030 / 315 10-241 sami.bettaieb@berlin. ihk.de FOTOS: GETTY IMAGES/ALEXANDER SPATARI, DEUTSCH-BRITISCHE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER Außenwirtschaft | 33 Berliner Wirtschaft 10 | 2026
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