Köpfe der Berliner Wirtschaft

Vorgestellt: Jasper Böckel, Myosotis

Jasper Böckel hat 2018 das Care-tech Unternehmen Myosotis mit Sitz am Hackeschen Markt gegründet. Myosotis ist ist der lateinische Name der „Vergiss mein Nicht“-Pflanze. Passend; denn mittlerweile 35 Mitarbeitende treten bei Myosotis an, die Kommunikation in der Altenpflege zu revolutionieren. Mit uns spricht Böckel über seinen Weg zu „myo“, sein neuestes Projekt „formfix“ und die Zustände in deutschen Pflegeheimen.

Ulrike Menn
Ein Mann in einem khaki-farbenden Pullover sitzt an einem Holztisch. Die Ellenbogen hat er auf dem Tisch abstützt und hat die Hände ineinander gefaltet

Jasper Böckel hat 2018 das Care-tech Unternehmen Myosotis mit Sitz am Hackeschen Markt gegründet.

Aus welcher Motivation heraus haben Sie ihr Start-up, das auf digitale Lösungen im Pflegebereich spezialisiert ist, gegründet? 

Vom Ursprung her bin ich eigentlich pflegefremd, habe BWL in England studiert, als Unternehmensberater gearbeitet und mich dann entschlossen, mal etwas Gehaltvolleres mit meiner Zeit anzustellen und ein sechsmonatiges Pflegepraktikum primär im stationären Bereich gemacht. Dabei habe ich einen sehr externen Blick auf die Situation in Pflegeeinrichtungen gewinnen dürfen und festgestellt: Die Arbeit der Mitarbeiten wird kaum wertgeschätzt, Familienangehörige wissen zu wenig vom Leben ihrer Liebsten dort und letztlich werden die Ältesten der Gesellschaft schlichtweg vergessen. Das hat mich dazu veranlasst, die App „myo“ zu entwickeln, die es Mitarbeitenden von Einrichtungen erlaubt, sehr niederschwellig und datenschutzkonform mit Angehörigen von Pflegebedürftigen zu kommunizieren und sie am Leben und Alltag in der Einrichtung teilhaben zu lassen. Wir wollten eine digitale Brücke bauen zu den Bewohnern, die selbst nicht mehr kommunizieren können. Ein simples Praxisbeispiel: 

Eine Bewohnerin, die nicht gut trinkt, die aufgrund von Demenz auch mit der Tatsache zu kämpfen hat, dass es eben vermeintlich Fremde sind, die sie zum Trinken auffordern, kriegt über „myo“ ein Video vorgespielt von ihren Enkelkindern, die mit ihr anstoßen. Und siehe da: Sofort trinkt sie ein Glas. 

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Mit ihrem neuesten Produkt „formfix“ wollen Sie Verwaltungsvorgänge beschleunigen. Was genau kann diese Web-Applikation?

Mit formfix bieten wir eine innovative digitale Lösung, die den Antragsprozess auf Hilfe zur Pflege optimiert und die Qualität der Anträge nachhaltig verbessert. Indem wir den Prozess beschleunigen, stärken wir die Wirtschaftlichkeit von Pflegeeinrichtungen und -diensten und reduzieren Ausstände. Wir haben in Deutschland die immer teurer werdende Pflege, die mittlerweile bei horrenden Eigenanteilen von bis zu 4000 Euro liegt und statistisch können sich das leider nur noch knapp über die Hälfte aller Pflegebedürftigen aus eigener Tasche leisten. Die andere Hälfte ist auf Staatsmittel angewiesen. Der Prozess dieser Beantragung ist total papierbasiert und ohne irgendwelche Hilfestellungen und trifft auf überlastete Ämter, die in diesem Papierwust so untergehen, dass die im Schnitt zehn Monate brauchen, um diese Anträge zu prüfen und zu bescheiden. Und das sind zehn Monate, in denen ein Antragsteller in absoluter Ungewissheit lebt und die Dienstleister dazu zwingt, in Vorleistung zu gehen. Die größten Liquiditätsengpässe und Rückstände ergeben sich, weil Pflegebetreiber auf Gelder von Sozialämtern warten, auf die sie eigentlich Anspruch haben. Und das ist dem Prozess geschuldet. 

Wir haben nichts anderes gemacht, als diesen analogen Prozess in die digitale Welt zu übersetzen, um eine Vorprüfung aller Anträge zu machen mit dem Resultat, dass diese Anträge vollständig und richtig sind, wenn sie bei den Ämtern eingehen.

Ein Mann steht hinter einem weißen Rednerpult und hinter ihm ist eine blaue Wand mit einer Präsentation

Jasper Böckel, Gründer des Berliner Care-Tech-Unternehmens Myosotis, spricht über digitale Innovationen in der Pflege und sein neues Projekt „formfix“.

Damit sind Sie seit März 2026 Teil des Agentic-AI Hub des Digitalministeriums. Gibt es da schon erste Erhebungen?

Im Agentic-AI Hub ist „formfix“ auf Herz und Nieren in vier unterschiedlichen Kommunen geprüft worden. Und es wurde statistisch erhoben, dass wir damit in der Bewilligung der Anträge fast doppelt so schnell sind im Vergleich zum Papierantrag, und dass das Ganze auch noch mit über 30 Prozent Arbeitsreduktion seitens der Amtsmitarbeiter passiert. Ein so überzeugendes Ergebnis hätte ich selber gar nicht erwartet. Das ist eine wirklich coole Sache, auf die ich auch stolz bin, denn das kann für die Branche überlebenswichtig sein.

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