Energiewende

Nur jedes zehnte Ökostrom-Unternehmen ist noch optimistisch: Was das für Berlins Wirtschaft bedeutet

Vor einem Jahr rechneten zwei Drittel der Wind- und Solarunternehmen in Brandenburg mit besseren Geschäften, heute ist es nur noch jedes zehnte. Auch die Berliner Wirtschaft blickt so kritisch auf die Energiewende wie lange nicht. Was beide Seiten verbindet und was Betriebe jetzt tun können.

Von: Jana Illhardt
Panorama von Berlin-Mitte bei blauem Himmel mit dem Fernsehturm in der Bildmitte, dem Berliner Dom und dem Roten Rathaus, links die Spree und der Bahnhof Friedrichstraße.

Blick über Berlin-Mitte mit Spree, Fernsehturm und Berliner Dom: Beim Strom ist die Hauptstadt auf Lieferungen aus Brandenburg angewiesen.

Nur noch 11 Prozent der Ökostrom-Unternehmen in Brandenburg erwarten bessere Geschäfte, im Vorjahr waren es zwei Drittel. Das ist das Ergebnis des aktuellen Branchenindex des Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE) Berlin Brandenburg.

Auf der anderen Seite, bei den Unternehmen, die den Strom verbrauchen, sieht es kaum besser aus. Hohe Energiepreise, unklare Regeln, verschobene Investitionen: Die Berliner Wirtschaft blickt so kritisch auf die Energiewende wie lange nicht. Laut Energiewendebarometer der IHK Berlin sehen 38 Prozent der Berliner Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch die Energiewende geschwächt, nur 25 Prozent gestärkt. Vor einem Jahr war das Verhältnis noch umgekehrt.

Neue Klarheit ist vorerst nicht in Sicht. Eigentlich sollte der Bundestag Mitte Oktober über die EEG-Novelle und das Netzpaket abstimmen. Aber die Fraktionen brauchen mehr Zeit, ein neuer Termin steht noch nicht fest.

Planbarkeit wird für Berliner Unternehmen zur Kernfrage

Laut IHK-Energiewendebarometer 2026 sehen 41 Prozent der Berliner Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiepreise beeinträchtigt. 34 Prozent stellen Investitionen in ihre Kernprozesse zurück, 21 Prozent verlagern Kapazitäten ins Ausland oder schränken die Produktion ein.

Als Hemmnis nennen 57 Prozent die fehlende Planbarkeit der Energiepolitik. Häufiger wird nur die Bürokratie genannt. Genau dieses Problem sieht auch Sebastian Haase, Geschäftsführer des Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE) Berlin Brandenburg, bei seinen Mitgliedern: „Das, was die Unternehmen momentan am Allermeisten umtreibt, ist tatsächlich die fehlende Planbarkeit.“

Auch David Budde vom B2B-Energieunternehmen Trawa bestätigt die derzeitige Stimmung: „Die Verunsicherung bei Unternehmen ist extrem hoch“, sagt er. Umso wichtiger sei eine vorausschauende Beschaffungsstrategie.

Porträt von Sebastian Haase. Er lächselt in die Kamera.
„Ich will nicht davon sprechen, dass die Versorgungssicherheit nicht mehr gegeben wäre. Aber es wird definitiv auch auf Berlin Auswirkungen haben.“
Sebastian Haase Geschäftsführer des Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE) Berlin Brandenburg

Was Wind- und Solarunternehmen an den Gesetzesplänen kritisieren

Im Branchenindex des LEE rechnen drei Viertel der Befragten damit, dass EEG-Novelle und Netzpaket ihnen schaden.

Besonders umstritten ist der Redispatch-Vorbehalt: Neue Anlagen in überlasteten Netzgebieten sollen keine oder nur eine eingeschränkte Entschädigung mehr erhalten, wenn sie abgeregelt werden. Damit werden ihre Einnahmen schwerer kalkulierbar – und genau darauf achten wiederum die Geldgeber. „Die Banken reagieren darauf äußerst sensibel“, sagt Haase. Die Finanzierung neuer Projekte werde damit „deutlich schwieriger“.

Das könnte auch die Stromkunden treffen, warnt Budde: „Der geplante Vorbehalt macht die Erlöse neuer Wind- und Solaranlagen in den betroffenen Netzgebieten schwerer kalkulierbar und das kann sich auch auf die Preise auswirken.“

Auch für Berlin ist das relevant: Laut Amt für Statistik ist die Hauptstadt beim Strom auf Brandenburg angewiesen, vor allem im Sommer. Die Versorgungssicherheit sieht Haase trotzdem nicht in Gefahr: „Aber es wird definitiv auch auf Berlin Auswirkungen haben.“

Berliner Solarziele hängen an den Regeln des Bundes

Etwa beim Solarausbau. Photovoltaik deckt rund 6 Prozent der Berliner Bruttostromerzeugung, bis 2035 sollen es 25 Prozent sein. Als zentralen Hebel nennt der Senat große Gewerbedächer.

Die geplanten neuen Vergütungsregeln könnten solche Projekte verteuern. Wer aus der EEG-Vergütung fällt, muss laut Haase mehr Eigenkapital einbringen. Das gilt für Unternehmen genauso wie für öffentliche Träger mit knappen Haushalten.

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Strom direkt vom Windpark: Was Berliner Unternehmen davon hätten

Die IHK Berlin fordert, Eigenversorgung, Mieterstrom und Direktlieferverträge zu erleichtern. Schon heute setzen 29 Prozent der Berliner Betriebe auf langfristige Lieferverträge. Haase sieht darin eine verpasste Chance der EEG-Novelle. Er wünscht sich Gewerbegebiete, an die ein Windpark direkt angeschlossen werden kann. „Wenn das möglich wäre, dann ist das ein absoluter Standortfaktor“, sagt er. Das gelte auch für Berlin und für Unternehmen am Berliner Stadtrand.

Direkte Stromlieferverträge mit Erzeugern, sogenannte PPAs, hält er derzeit noch für „sehr risikobehaftet“. Würden die Regeln besser, seien sie aber eine sehr gute Gelegenheit für Berliner Unternehmen. Eine eigene Solaranlage mit Speicher helfe ebenfalls, reiche allein aber meist nicht.

Porträt von Trawa Co-Gründer David Budde
„Entscheidend ist nicht, den günstigsten Einkaufszeitpunkt zu treffen, sondern die Beschaffung so aufzustellen, dass Unternehmen unterschiedliche Marktphasen gezielt nutzen können.“
David Budde Co-Gründer und CEO Trawa

David Budde sieht weiterhin Chancen für solche Verträge: „PPAs können weiterhin ein sinnvoller Baustein der Beschaffungsstrategie sein, vorausgesetzt sie passen zum individuellen Verbrauchsprofil.“

Unternehmen sollten deshalb nicht versuchen, den perfekten Einkaufszeitpunkt zu treffen, sondern ihre Strombeschaffung breiter aufstellen. Budde empfiehlt: „Dazu gehört, mindestens zwei Jahre im Voraus mit einem gestaffelten Einkauf zu beginnen und langfristige Preisabsicherungen mit flexiblen Spotmarktanteilen zu kombinieren.“

Entscheidend wird, was Bundestag und Bundesrat beschließen. Haase warnt: Ohne Korrekturen riskiere die Politik einen „Fadenriss“ bei einer Entwicklung, die gerade erst gut angelaufen sei.

Was die Branche jetzt von der Politik fordert

Der LEE Berlin Brandenburg hat konkrete Nachbesserungen an EEG-Novelle und Netzpaket vorgelegt. Für die Berliner Wirtschaft sind vor allem diese Punkte wichtig:

 

  • Redispatch-Vorbehalt streichen, damit neue Wind- und Solarparks finanzierbar bleiben
  • Direktbelieferung erleichtern, damit Unternehmen Strom direkt aus Wind- und Solarparks in der Region beziehen können
  • Einspeisevergütung für kleine Dachanlagen erhalten, die laut Haase auch für das Handwerk wichtig ist
  • Netzausbau verbindlich beschleunigen – klare Vorgaben dafür vermisst Haase in den Entwürfen

 

Von den Ländern wünscht sich Haase mehr Druck auf den Bund. Es sei wichtig, dass sie sich in Bundesrat und Bundestag „sehr, sehr deutlich“ für Nachbesserungen einsetzen. „Das darf an mancher Stelle auch noch viel, viel lauter sein.“