Energiewende

Doppelte Ernte am BER: Größte Agri-PV-Anlage mit Ackerbau ist am Netz

Auf rund 70 Hektar der Berliner Stadtgüter liefern 74.064 Solarmodule jetzt Strom, dazwischen wird weiter geackert. Doch ausgerechnet jetzt will der Bund die Agri-PV-Förderung kürzen. Was das für weitere Projekte bedeutet.

Christian Buck
Landwirtschaftliches Feld mit goldgelbem Getreide, mehreren Solarpanelreihen und einem Traktor in der Bildmitte, rechts ein Solarpanel auf einem Blumenbeet, blauer Himmel mit Wolken.

Agri-PV kombiniert Landwirtschaft und Solarstromerzeugung

Es ist ein Leuchtturmprojekt, und seit Anfang September 2026 liefert es Strom. Im Schönefelder Ortsteil Selchow hat der Berliner Projektentwickler Elysium Solar gemeinsam mit Goldbeck Solar auf rund 70 Hektar 74.064 bewegliche Solarmodule errichtet. Sie folgen dem Sonnenstand von Ost nach West.

Mit einer Leistung von rund 48 Megawatt erzeugt die Anlage genug Grünstrom, um rechnerisch 16.500 Haushalte zu versorgen. Das spart jährlich etwa 21.500 Tonnen CO₂. Die Fläche neben dem Hauptstadtflughafen gehört der Berliner Stadtgüter GmbH, Eigentümerin der Anlage ist der Fonds klimaVest der Commerz Real.

Foto von Katrin Stary, Geschäftsführerin der Berliner Stadtgüter GmbH

Katrin Stary, Geschäftsführerin der Berliner Stadtgüter

Agri-PV: Wie aus Flächenkonkurrenz ein Sowohl-als-Auch wird

Das Besondere an dem Projekt: Es zeigt, wie sich ein gesellschaftlicher Konflikt lösen lässt, und zwar mit Agri-PV, der Kombination von Landwirtschaft und Solarstromerzeugung. „Böden sind eine begrenzte und umkämpfte Ressource“, sagt Katrin Stary, Geschäftsführerin der Berliner Stadtgüter.

Agri-PV löse dieses Dilemma auf elegante Weise: „Aus einem Entweder-oder wird ein Sowohl-als-Auch“, so Stary. Nach Angaben der Projektbeteiligten ist Selchow die größte Agri-PV-Anlage Deutschlands, auf der zwischen den Modulreihen durchgehend Ackerbau betrieben wird.

Foto von Thomas Müller, von der Berliner Stadtgüter GmbH.
„Wir verbauen keine Standardlösung, bei der der Acker unter der Technik verschwindet.“
Thomas K. Müller Projektleiter

Berliner Stadtgüter GmbH: Landwirtschaft zwischen den Modulen

Mit dem Pilotprojekt bricht die Berliner Stadtgüter GmbH mit dem klassischen Bild von Solarparks, die wertvolle Ackerflächen versiegeln und der Nahrungsmittelproduktion entziehen. Die landeseigene Gesellschaft verwaltet rund 17.000 Hektar rund um Berlin. Hier in Selchow geschieht beides gleichzeitig.

„Wir verbauen keine Standardlösung, bei der der Acker unter der Technik verschwindet“, erklärt Thomas K. Müller, Projektleiter bei den Berliner Stadtgütern. Die Module sind 3,50 Meter hoch aufgeständert, die Reihen stehen elf Meter auseinander. „Das ermöglicht es, dass die Landwirtschaft nicht nur am Rand, sondern zwischen den Modulen möglich ist“, so Müller.

Neun Meter bleiben als Arbeitsbreite für Traktor und Erntemaschine. Unter den Modultischen wachsen Wildblumenstreifen aus regionalem Saatgut. So bleiben mindestens 90 Prozent der Fläche landwirtschaftlich nutzbar.

Was ist eigentlich Agri-PV?

Agri-Photovoltaik nutzt dieselbe Fläche gleichzeitig für Landwirtschaft und Solarstrom. Was als Agri-PV gilt, regelt in Deutschland die Norm DIN SPEC 91434. Die Landwirtschaft muss dabei Hauptnutzung bleiben, und die Technik darf nur einen kleinen Teil der Fläche beanspruchen.

Unterschieden werden hoch aufgeständerte Anlagen, unter denen bewirtschaftet wird, und bodennahe Anlagen mit Bewirtschaftung zwischen den Modulreihen. Weil die Bauweise teurer ist als ein klassischer Solarpark, gibt es im EEG einen Bonus. Seine Höhe wird gerade mit der EEG-Novelle 2027 neu verhandelt.

Bio-Landwirt Sven Geelhaar bewirtschaftet die Fläche

Hier kommt Sven Geelhaar ins Spiel. Der Bio-Landwirt aus Chorin bewirtschaftet seit über zehn Jahren rund 250 Hektar nach Bioland-Richtlinien und hat die Fläche in Selchow übernommen. „Als Landwirte brauchen wir innovative Lösungsansätze für die Landverknappung und die Auswirkungen des Klimawandels“, erklärt Geelhaar.

Für ihn ist die Technik darum auch kein Fremdkörper auf dem Acker, sondern eine Notwendigkeit.

Solarmodule
74.064
So viele nachgeführte Module erzeugen in Selchow Strom über dem Acker.
CO₂-Einsparung
21.500 t
So viel Kohlendioxid soll die Anlage pro Jahr einsparen.
Agri-PV-Bonus
0,5 ct/kWh
Auf diesen Wert will der Bund den Förderbonus ab 2027 senken. Die Länder fordern 2,5 Cent.

Oben Strom, unten Nahrung: Was die Module für den Acker leisten

Zudem wirken die PV-Module wie eine teilweise Überdachung. „Sie können vor extremer Sonne und Starkregen schützen sowie Trockenheit abmildern“, erklärt Geelhaar. So fungieren die Solarmodule als technischer Schutzschild für empfindliche Kulturen oder Tiere.

Hühner ließen sich beispielsweise in Mobilställen zwischen den Reihen halten, geschützt vor Greifvögeln und der sommerlichen Hitze.

Wissenschaftlich begleitet wird das Konzept vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und der TU Dresden, mit Unterstützung des Bundesamts für Naturschutz. Über Jahre sollen Daten zu Ertrag, Bodenfeuchte und Biodiversität entstehen, als Grundlage für künftige Projekte.

Naturschutz und Energiewende: Ausgleichsflächen für die Feldlerche

Außerhalb der Anlage stellen die Berliner Stadtgüter 17 Hektar als Ausgleichsfläche für Brutvögel bereit, vor allem für die Feldlerche. Sie liegen in einem 370 Hektar großen Flächenpool nahe Ragow und Deutsch Wusterhausen.

Für die Stadtgüter ist Selchow das erste Agri-PV-Projekt, aber nicht der Einstieg in die Energiewende. Auf ihren Flächen stehen bereits fast 50 Wind- und Photovoltaikanlagen mit zusammen 170 Megawatt Leistung, 15 weitere sind in Planung und Genehmigung.

Bei der Inbetriebnahme lobte Staatssekretär Severin Fischer von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, dass die Stadtgüter „initiierend mit gutem Beispiel vorangegangen“ seien.

EEG-Novelle 2027: Warum die Förderung für Agri-PV unter Druck gerät

Während Selchow ans Netz geht, verschlechtern sich die Rahmenbedingungen für Agri-PV. Das Bundeskabinett hat am 29. Juli 2026 die EEG-Novelle beschlossen, die ab 1. Januar 2027 gelten soll. Der Bonus für Agri- und Moor-PV soll künftig nur noch 0,5 Cent pro Kilowattstunde betragen.

Die Länder halten das für zu wenig. Der Bundesrat forderte am 25. September einen Bonus von 2,5 Cent. Auch die Agrarministerkonferenz verlangt, die höheren Investitions- und Betriebskosten von Agri-PV gegenüber klassischen Freiflächenanlagen angemessen zu berücksichtigen.

Die Nachfrage ist da: In der Ausschreibung zum 1. März 2026 entfiel fast ein Fünftel des Zuschlagsvolumens auf besondere Solaranlagen wie Agri-PV, nämlich 59 Zuschläge mit 439 Megawatt. Laut Bundesnetzagentur war das ein Höchststand.

Kann Agri-PV zum Standard auf Brandenburgs Feldern werden?

Selchow selbst ist nach Angaben von Elysium Solar ohne EEG-Förderung realisiert worden, getragen von der Fondsfinanzierung der Eigentümerin. Für viele andere Vorhaben gilt das nicht. Wie der Bundestag die Novelle am Ende ausgestaltet, dürfte mitentscheiden, wie viele Projekte dieser Art folgen.

Für Sven Geelhaar ist Selchow erst der Anfang: Die Ernte auf zwei Ebenen, Energie und Nahrung, könnte zum neuen Standard auf Brandenburgs Feldern werden. Oder wie Katrin Stary es formuliert: „Mit dem Projekt fördern wir die regionale Landwirtschaft, die Energiewende und die Biodiversität gleichermaßen.“

  • Fläche: rund 70 Hektar der Berliner Stadtgüter GmbH
  • Leistung: rund 48 Megawatt, 74.064 nachgeführte Module
  • Strom für rechnerisch 16.500 Haushalte, rund 21.500 t CO₂-Einsparung pro Jahr
  • Reihenabstand elf Meter, davon neun Meter Arbeitsbreite
  • Mindestens 90 Prozent der Fläche bleiben landwirtschaftlich nutzbar (Bio-Anbau)
  • Beteiligt: Elysium Solar (Entwicklung), Goldbeck Solar (Bau), klimaVest (Eigentümerin), Landgut Geelhaar (Landwirtschaft)
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