Wärmeversorgung

Wie Tiefengeothermie investierbar wird

Neue Förderinstrumente, bessere Untergrunddaten und konkrete Projektvorhaben bringen Bewegung in die Tiefengeothermie in Berlin. Für den Markthochlauf kommt es nun darauf an, die Bausteine zusammenzuführen.

Von: Larissa Scheu
Geothermische Bohrung in einem Wohngebiet.

Tiefengeothermie soll Berlins Wärmeversorgung klimafreundlich machen.

Unter Berlins Straßen könnte eine der wichtigsten Wärmequellen der Zukunft liegen. Tiefengeothermie kann einen bedeutenden Beitrag zur Dekarbonisierung der Fernwärme leisten und Gebäude langfristig mit erneuerbarer Wärme versorgen. Der Weg dorthin ist jedoch kapitalintensiv und mit Unsicherheiten verbunden: Millionenbeträge fließen bereits in Erkundung, Planung und Bohrungen, bevor feststeht, ob die geologischen Voraussetzungen tatsächlich den Erwartungen entsprechen. Genau dieses frühe Risiko hat den Ausbau bislang gebremst. Mit besseren Untergrunddaten, dem Berliner Wärmeplan sowie neuen Förder- und Garantieinstrumenten verbessern sich nun die Voraussetzungen, um aus Potenzial konkrete Projekte werden zu lassen.

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Berlin bereitet den Einstieg vor

Berlin schafft derzeit die Voraussetzungen für den Einstieg in die Tiefengeothermie. Beim Fachkongress „Tiefengeothermie – Revolution oder Evolution der Wärmewende?“ der IHK Berlin und CO₂Zero-Initiative stellte Senatorin Ute Bonde den Fahrplan des Landes vor. Im Zentrum steht eine stadtweite 3D-Seismik, die ab 2027 beginnen soll. Mit den wesentlichen Ergebnissen wird 2028 gerechnet. Sie sollen die Grundlage für Explorationsbohrungen und die Erschließung geeigneter Reservoirs bilden. 

Auch die Berliner Energie und Wärme (BEW) bereitet am Heizkraftwerk Marzahn ihre erste eigene Explorationsbohrung vor. Die Erkundungsphase ist gestartet; die Fachplanung und weitere vorbereitende Beschaffungen laufen. Nach dem Dekarbonisierungsfahrplan der BEW ist die Inbetriebnahme erster tiefengeothermischer Anlagen ab 2031 vorgesehen. Bis 2045 könnte Tiefengeothermie nach Einschätzung des Unternehmens bis zu 15 Prozent der Fernwärmeversorgung beitragen. Ob dieses Potenzial gehoben werden kann, hängt von den geologischen Voraussetzungen, verfügbaren Flächen, der Netzinfrastruktur und verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen ab. 

 

 

Wärmeplanung schafft Orientierung

Unternehmen, Energieversorger und Wohnungswirtschaft brauchen Klarheit darüber, welche Wärmeinfrastruktur entsteht, wann sie verfügbar sein wird und unter welchen Bedingungen investiert werden kann. Der Berliner Wärmeplan soll dafür den räumlichen Orientierungsrahmen liefern. Er zeigt, welche Versorgungsoptionen in den Stadtgebieten grundsätzlich infrage kommen und wo Wärmenetze ausgebaut oder erweitert werden sollen. Für Energieversorger, Wohnungsunternehmen und andere große Abnehmer ist diese Perspektive wichtig, weil Investitionen in Gebäude und Infrastruktur über Jahrzehnte wirken. Ob ein Vorhaben sich wirtschaftlich letztendlich trägt, entscheidet sich entlang der gesamten Kette, von der Exploration über die Erschließung bis zur Netzintegration.

Modell einter Entnahmestelle für Tiefengeothermie.

Bevor Tiefengeothermie eingesetzt werden kann, bedarf es einer komplexen Untersuchung des Untergrundes

Neue Förderkulisse soll mehr Investitionssicherheit schaffen

Die Finanzierung bleibt der Engpass. Tiefengeothermie verursacht hohe Anfangskosten, bevor die erste Kilowattstunde verkauft ist. In einer Befragung zum Kongress nannten 54 Prozent der Teilnehmenden Finanzierung und Investitionsrisiken als größte Ausbauhürde. Um den Ausbau der Tiefengeothermie zu beschleunigen, hielten 61 Prozent Genehmigungen, 46 Prozent eine verlässliche Förderkulisse und 37 Prozent eine öffentliche Risikoabsicherung für die wichtigsten Hebel.

Seit dem 3. August 2026 stehen zwei neue Programme des Deutschlandfonds bereit. Für die KfW-Programme 548 und 549 stellt der Bund Garantien von 16,4 Milliarden Euro. Dadurch sollen in den kommenden zehn Jahren Kredite von bis zu 41 Milliarden Euro ermöglicht werden. Für Geothermieprojekte ist entscheidend, dass nicht nur die Erzeugungsanlage, sondern auch ihre Einbindung in Wärme- und Kältenetze, Speicher, Planungs- und Beratungskosten sowie weitere investitionsbezogene Ausgaben finanziert werden können. Der Investitionskredit 548 bietet bis zu 100 Millionen Euro je Vorhaben und Laufzeiten von bis zu 25 Jahren. Die 50-prozentige Haftungsfreistellung nimmt der Hausbank einen Teil des Risikos und kann damit den Kreditzugang insbesondere für Stadtwerke, Energieversorger und Projektgesellschaften erleichtern. Für größere und komplexere Vorhaben ermöglicht der Konsortialkredit 549 Finanzierungen von bis zu 200 Millionen Euro. Damit können umfangreiche Geothermie- und Wärmenetzprojekte auf mehrere Finanzierungspartner verteilt und langfristig strukturiert werden. Beide Programme sind grundsätzlich mit weiteren Förderungen kombinierbar; die konkrete Kumulierbarkeit ist projektbezogen zu prüfen. 

Für die besonders riskante Bohrphase ergänzt KfW 572 den Finanzierungsmix. Das Programm finanziert bis zu 100 Prozent der förderfähigen Kosten, in der Regel bis zu 25 Millionen Euro je Bohrprojekt, und verbindet den Kredit mit einer Absicherung des Fündigkeitsrisikos. Für das Instrument sind 49,5 Millionen Euro Bundesmittel über vier Jahre vorgesehen; über drei Jahre sollen mindestens 65 Projekte abgesichert werden. Hinzu kommt die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze, die grundsätzlich bis zu 40 Prozent der förderfähigen Investitionen bezuschussen kann. So greifen Zuschuss, Kredit und Risikoteilung an unterschiedlichen Stellen der Projektkette (siehe auch C02-Zero). 

Am Ende zählt der Wärmepreis

Dass hohe Anfangsinvestitionen nicht automatisch höhere Wärmepreise bedeuten, machte Gregor Heilmann von ProPotsdam auf dem Kongress deutlich. Der geothermische Anteil habe dort aktuell zu „0,0 Euro Preiserhöhung“ im Fernwärmepreis geführt. Das ist keine allgemeine Preisgarantie, aber ein wichtiges Praxissignal aus Sicht eines Wohnungsunternehmens und Wärmekunden.

Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des GdW, betonte zugleich die Anforderungen der Wohnungswirtschaft: Klimaneutralität sei nicht kostenlos. Mieterhaushalte brauchten bezahlbare Mieten, Wohnungsunternehmen langfristig belastbare Preise und alle Beteiligten eine faire Verteilung von Kosten und Risiken. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Investitionssumme, sondern welche jährliche Belastung am Ende bei Unternehmen und Haushalten ankommt.

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Vorbilder schaffen Investitionsmut

Die Kongressumfrage (n=78) macht deutlich, was neben der Finanzierung für den Markthochlauf fehlt. Nachdem über die Hälfte der Teilnehmenden Finanzierung und Investitionsrisiken als größte Ausbauhürde genannt hatten, richtete sich der Blick auch auf die Voraussetzungen für mehr Umsetzung: 51 Prozent wünschten sich mehr erfolgreiche Praxisbeispiele, 49 Prozent eine engere Vernetzung zwischen Projektentwicklern, Forschung, Energieversorgern, Wohnungswirtschaft und öffentlicher Hand. 45 Prozent nannten einen besseren Zugang zu Untergrunddaten und Erfahrungen aus laufenden oder abgeschlossenen Projekten. Förderprogramme allein ersetzen daher weder verlässliche Genehmigungen noch belastbare Daten und funktionierende Kooperationen. 

Genau darin liegt die Chance für Berlin. Die ersten Projekte können zeigen, wie Untergrunderkundung, Finanzierung, Wärmenetz und Abnahme ineinandergreifen. Jedes umgesetzte Vorhaben liefert Daten, senkt Unsicherheiten und erleichtert den nächsten Schritt. Manja Schreiners Botschaft war deshalb ebenso pragmatisch wie zuversichtlich: Es braucht Vorreiter und gute Beispiele. Die Rahmenbedingungen dafür sind noch nicht vollständig, aber sie sind heute besser als vor wenigen Jahren. Nun muss aus Förderkulisse und Potenzial eine belastbare Projektpipeline werden.