Ausbildung Umfragen zeigen Probleme beim Matching und im Wohnungsmarkt Seite 44 KI-Verordnung Kennzeichnungspflicht: Was Unternehmen jetzt beachten müssen Seite 56 Schöpferische Schwerindustrie Berlins Kreativwirtschaft ist für Christian Bräuer von der Yorck Kinogruppe ein Wachstumsmotor. Dafür müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen. Seite 18, Interview Seite 26 Positionen Wirtschaft zur Berlin-Wahl Bürokratieabbau bringt eine Milliarde Euro für den Standort Seite 14 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 09/2026 ihk.de/berlin
The Tower of Love. Berlin liebt TXL. In Zukunft sogar noch ein wenig mehr. Denn jetzt entsteht ein Innovationsstandort mit internationaler Strahlkraft. Hier werden 1.000 Unternehmen, 20.000 Mitarbeitende und 5.000 Studierende an Technologien arbeiten, die Städte von morgen lebenswerter machen. Join.UrbanTechRepublic.de KI-generiert
Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Berlin braucht ein Zielbild, das größer ist als der nächste Haushalt, die nächste Zuständigkeitsdebatte und der nächste Kompromiss im Koalitionsvertrag. Und wie antwortet die Berliner Politik? Teils mit neuen Belastungen oder den ideologischen Enteignungsideen von gestern. Die Erwartungen der Berliner Wirtschaft liegen auf der Hand: Unternehmen brauchen endlich wieder mehr Luft zum Atmen. Weniger Bürokratie. Weniger Stillstand und vor allem mehr Tempo bei der Umsetzung. Dabei gilt es, den Standort durch Investitionen in Wohnungsbau und Infrastruktur zu stärken. Gleichzeitig kommt es darauf an, die Ausbildung zu modernisieren und Fachkräfte zu sichern. (S. 14) Vor allem aber braucht es mehr Vertrauen in diejenigen, die investieren, ausbilden und täglich Verantwortung übernehmen. Wirtschaft ist vielleicht nicht alles, aber ohne Wirtschaft läuft eben auch nichts. Zur Zukunft unserer Stadt haben Sie die Wahl am 20. September. Mein abschließender Appell: Gehen Sie wählen! Ihr Energiewende Das Energiewende- barometer 2026 sendet klare Signale aus den Unternehmen an die Politik: Investitionen werden zurückgestellt, weil hohe Energiekosten und Standortsorgen die Wirtschaft belasten. Die Rahmenbedingungen müssen dringend verbessert werden. Seite 10 Wirtschaft wächst mit Vertrauen berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITELFOTO: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 09 | 2026 Editorial | 03
Getränkeherstellung Saif Rudi, Co-CEO der Kukki GmbH, hat Cocktails aus der Flasche auf den Markt gebracht – mit Erfolg 40 18 Kreativwirtschaft Die Szene zeigt sich in Berlin bunt und einfallsreich. Dabei sind die Teilbranchen sehr gut untereinander vernetzt BRANCHEN 30 Logistik In Grünau wurde ein effizienter Umschlagplatz für Schwergut geschaffen 35 E-Mobilität Berliner Firmenflotten sind zunehmend und erfolgreich elektrisch unterwegs 36 Standortentwicklung Neue Studie offenbart die Vielfalt der Hauptstadt bei Unternehmensgründungen 38 Gründungen Neue Unternehmen in Berlin stellen ihre Konzepte vor 40 Getränkeherstellung Wie aus Gründergeist und einer Schnapsidee die Kukki-Cocktails wurden 42 Gesundheitswirtschaft Vom Apothekenbetrieb zum Pharmahersteller: Dr. Kade feiert 140. Firmenjubiläum 43 Historie Der Erfolg der Papiertüte nahm mit neuartigen Beutelmaschinen Fahrt auf AGENDA 10 Energiewendebarometer IHK-Umfrage zeigt, dass hohe Kosten und Standortsorgen Investitionen ausbremsen 12 Kolumne Birol Becer über Sicherheit, ohne die es keine Freiheit gibt 14 Abgeordnetenhauswahl Erste Ergebnisse einer Studie bekräftigen die Forderungen der Wirtschaft an die Politik 16 Großereignisse Ende September entscheidet sich, welche deutsche Stadt ins Olympia-Rennen geht FOKUS 18 Kreativwirtschaft Die Berliner Kreativbranche ist vielfältig und vernetzt. Damit das so bleibt, braucht sie gute Rahmenbedingungen 22 Unternehmenspraxis Blick auf die Konzepte von Budde Music, Playing History und der Agentur Rysm 26 Interview Dr. Christian Bräuer über die Berliner Kreativszene, die Filmbranche und die Attraktivität von Kinos Dr. Christian Bräuer Co-Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH 26 Die Filmbranche und die Kreativwirtschaft insgesamt expandieren in der Stadt. Das ist ein Wachstumsmotor für Berlin. FOTOS: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR, JOHANNA WITTIG, JENS AHNER; ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/BOEVTREE Inhalt | 04
Ausbildungsbilanz IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner (M.) stellt die Ergebnisse der Studie vor 44 FACHKRÄFTE 44 Ausbildungsbilanz Fehlender Wohnraum bremst den Start ins Berufsleben aus 46 Qualifizierung IHK-Lehrgänge bereiten Ausbilderinnen und Ausbilder auf Eignungsprüfung vor 47 Kooperation Unternehmen entwickeln gemeinsam immersive Anwendungsmöglichkeiten 48 Berufsorientierung Praktikumswoche im Oktober bietet gute Matchingchancen 50 Digitale Bildung Maxim Schmitt, Mitgründer von Sokra, im Kurzinterview 52 Verbundausbildung Baubetriebe bieten stärkere Ausbildung dank Förderung SERVICE 56 KI-Verordnung Nach dem AI Act gelten für Unternehmen jetzt auch Transparenzpflichten 59 Beratung Was sich durch das neue Gaststättengesetz für Gastronomiebetriebe ändert 60 Nachhaltigkeit Die Druckerei Königsdruck setzt auf vegane Produkte und gewinnt so neue Kunden 03 Editorial | 06 Entdeckt | 34 Impressum | 53 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de Berliner Wirtschaft 09 | 2026 Inhalt | 05
FOTO: ULRICH SCHUSTER Berliner Wirtschaft 09 | 2026 Entdeckt | 06
Es ist eine der bequemsten Arten, Berliner Highlights wie den Deutschen Dom am Gendarmenmarkt zu erleben – und zweifelsohne eine der ungewöhnlichsten. Wo immer Richard Eckes (Foto) und sein knallrotes BettBike auftauchen, heißt es: Sehen und gesehen werden. Vermarktet werden die Touren im rollenden Doppelbett unter dem Firmennamen Berlin Horizontal, gebucht über die eigene Website oder Touristik-Portale wie GetYourGuide. Eckes’ Unternehmenssitz ist in Prenzlauer Berg, die Fahrten starten meist an zentralen Punkten in Mitte wie der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Seit 2013 radelt der Wahlberliner aus Köln mit seiner Rikscha durch die Hauptstadt. Erfunden hat er sie nicht, aber gefunden. Ursprünglich diente das Gefährt als Promotion-Gag für eine Hotelkette. So komfortabel das Doppelbett ist: Übernachten ist ausgeschlossen. Schöner liegen Berliner Wirtschaft 09 | 2026
„Die hohen Energiekosten gefährden die Energiewende, und zwar nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. Hier muss die Politik dringend gegensteuern! Wenn Unternehmen Investitionen zurückstellen oder ihre Produktion ins Ausland verlagern, ist das ein klares Warnsignal für den Wirtschaftsstandort Berlin. Die klimaneutrale Transformation der Wirtschaft wird nur gelingen, wenn Kosten und Bürokratie-Belastungen sinken.“ Das IHK-Energiewendebarometer zeigt, dass die Energiepreise die Substanz vieler Betriebe angreifen Dringend gegensteuern! gesagt Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin 5,9 Millionen Gäste besuchten im ersten Halbjahr 2026 die Hauptstadt. Dabei buchten sie 13,6 Millionen Übernachtungen. Die Gästezahl sank damit um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Übernachtungen verringerten sich um 2,7 Prozent. kopf oder zahl Jan-Martin Nufer Nancy Plaßmann ist seit 1. August CFO der Sefe Securing Energy for Europe GmbH. Er übernimmt neben CEO Dr. Egbert Laege die Verantwortung in der Geschäftsführung. Zuletzt war er CFO des börsennotierten Petrochemiekonzerns Borouge in Abu Dhabi. Nufer verfügt auch in den Branchen Energie, Telekommunikation, Luftfahrt, Beratung sowie im Bankensektor über Erfahrungen. wird zum 1. Juli 2027 Vorstandsvorsitzende der Berliner Sparkasse. CEO Johannes Evers wird sein Mandat zum 30. Juni 2027 auf eigenen Wunsch beenden. Er stand 17 Jahre an der Spitze des Instituts. Plaßmann arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Sparkassen-Finanzgruppe. Seit Oktober 2023 ist sie Vorstandsmitglied der Berliner Sparkasse. Weitere Informationen zum Energiewendebarometer finden Sie auf Seite 10 FOTOS: BERLINER SPARKASSE, SEFE, PHILIPP ARNOLDT, GETTY IMAGES (2)/HENRIK SORENSEN, ALINA KOSTRYTSIA Berliner Wirtschaft 09 | 2026 Kompakt | 08
*Summe jeweils von Januar bis Juli *4364 *4294 *3713 *3373 *630 *1046 0 200 400 600 800 2024 2023 2022 2025 2026 2021 20 Megawatt Leistung haben die von Januar bis Juli installierten Batteriespeicher. Andreas Kubala, IHK-Experte für Energie Tel.: 030 / 315 10-758 andreas.kubala@berlin.ihk.de Rekord bei Batteriespeichern In den ersten sieben Monaten haben Berliner Haushalte und Firmen 4.364 Anlagen zum Speichern erneuerbarer Energien installiert berliner wirtschaft in zahlen Temperaturrekorde schmelzen, die Zahl der Hitze- tage steigt – kurzum: Berlin läuft heiß. Ein Sommer wie in diesem Jahr verlangt der Stadt einiges ab. Und der 2025 beschlossene Hitzeaktionsplan des Landes? Ändert erst mal wenig, weil vieles darin langfristig ist. Auf dem Hauptstadtportal berlin.de sorgt die Kampagne „Bärenhitze“ kaum für Abhilfe. Und nun: Darauf setzen, dass Großereignisse ihre Schatten vorauswerfen? Für mehr Sonnenfinsternisse kämpfen? Schwimmbäder bauen, die die Gemüter eher erhitzen? Besser wären pragmatische Ansätze: Klimaanlagen mit Solarstrom etwa. Und in jedem Fall: Mit kühlem Kopf einfach mal ins Machen kommen. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Heißzeit typisch berlin BER Weniger Passagiere Im ersten Halbjahr 2026 starteten und landeten 84.762 Flugzeuge am Hauptstadt-Airport BER. Das waren 4,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das Passagieraufkommen sank um 1,2 Prozent auf 11,9 Millionen. Im Rekordjahr 2019, vor der Pandemie, nutzten mehr als 17,4 Millionen Fluggäste die Flughäfen Tegel und Schönefeld. An Fracht und Post wurden in den ersten sechs Monaten 22.386 Tonnen über den Berliner Airport befördert, das waren 6,0 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2025. bw Grafiken: BW Quelle: www.speicherbranche.de Kompakt | 09 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Investitionen in ihre betrieblichen Kernprozesse zurück. Auch Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen sowie Forschung und Innovation werden verschoben. Damit geraten nicht nur aktuelle Transformationsprojekte ins Stocken, sondern auch die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit vieler Betriebe. Und wenn Investitionen in Modernisierung, Innovation und Dekarbonisierung zurückgestellt werden, verliert auch der Wirtschaftsstandort Berlin an Dynamik. Aus Sicht vieler Unternehmen wird die Energiewende deshalb zunehmend zur Investitions- und Standortfrage. Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung bei Standortentscheidungen. Mehr als jedes fünfte Berliner Unternehmen erwägt oder realisiert bereits Produktionsverlagerungen ins Ausland beziehungsweise Produktionseinschränkungen im Inland. Dieser Wert liegt deutlich über den Vorjahren und zeigt, dass die wirtschaftliHohe Energiekosten und Standortsorgen belasten die Wirtschaft: Das Energiewendebarometer 2026 zeigt, dass Investitionen zurückgestellt werden von Larissa Scheu Warnsignale aus Unternehmen Nach der leichten Erholung im Vorjahr bewerten Berliner Unternehmen die Energiewende deutlich kritischer. Der Barometerwert sinkt von +2,6 Punkten auf -12,6 Punkte und liegt damit sogar leicht unter dem bundesweiten DIHK-Wert. Besonders auffällig: 38 Prozent der Unternehmen bewerten die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit negativ oder sehr negativ. Positive Einschätzungen liegen nur noch bei 25 Prozent. Die Betriebe stellen die Energiewende damit nicht grundsätzlich infrage – sie bezweifeln jedoch zunehmend, dass die aktuellen Rahmenbedingungen eine wirtschaftlich tragfähige Umsetzung ermöglichen. Besonders alarmierend ist die Wirkung der Energiepreise auf Investitionsentscheidungen. 41 Prozent der Berliner Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiekosten beeinträchtigt. Gleichzeitig stellen 34 Prozent 61 38 21 7 Nutzung von Wasserstoff Nutzung von Abwärme Überwiegende Nutzung erneuerbarer Energien Wechsel auf CO -ärmere Wärmeerzeuger oder Strom Maßnahmen zur Wärmeversorgung Maßnahmen zur Energieversorgung 57 37 29 25 18 8 Abschluss von Direktstromlieferverträgen Kurzfristigere Beschaffung Aufbau eigener Energieerzeugungskapazitäten Langfristige Lieferverträge abschließen Absicherung gegen Stromausfälle/-unterbrechungen Steigerung der Energieeffizienz MEHRFACHNENNUNGEN MÖGLICH; ALLE ANGABEN IN PROZENT; QUELLE: IHK BERLIN Berliner Wirtschaft 09 | 2026 agenda
zent sehen langsame Genehmigungsverfahren beziehungsweise fehlende Infrastruktur als Problem. Hohe Energiepreise (30 Prozent) sowie schwierige Finanzierungsmöglichkeiten (22 Prozent) verstärken den Druck. Dementsprechend haben für die Wirtschaft ein stärkeres staatliches Engagement für zukunftsorientierte Infrastruktur (72 Prozent) sowie die Priorisierung des verlässlichen Ausbaus der Energieinfrastruktur (71 Prozent) oberste politische Priorität. Ebenfalls hohe Zustimmung findet die Forderung, Steuern und Abgaben auf den Strompreis zu senken (69 Prozent). Angesichts der hohen Energiekosten sehen viele Unternehmen darin eine wichtige Voraussetzung, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und Investitionen wieder anzukurbeln. 62 Prozent sprechen sich zudem für mehr Technologieoffenheit als Leitprinzip der Energiewende aus. Unternehmen wünschen sich damit mehr Flexibilität bei der Wahl der wirtschaftlich sinnvollsten Lösungen. Die Ergebnisse zeigen insgesamt ein klares Bild: Die Wirtschaft fordert keine Abkehr von der Energiewende, sondern bessere Rahmenbedingungen für ihre Umsetzung. Infrastruktur, Planungssicherheit und wettbewerbsfähige Energiekosten stehen dabei deutlich vor neuen Regulierungen oder zusätzlichen Vorgaben. ■ Larissa Scheu, IHK-Public-Affairs-Managerin Energie- und Klimaschutzpolitik Tel.: 0171 / 353 78 84 larissa.scheu@berlin.ihk.de Umfrage Alle Ergebnisse des Energiewendebarometers 2026 unter: ihk.de/ berlin/energiewendebarometer chen Belastungen strategische Entscheidungen beeinflussen. Werden Investitionen verlagert oder unterbleiben sie, geraten Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung zunehmend unter Druck. Es fehlen verlässliche Bedingungen Gleichzeitig wird deutlich: Die Bereitschaft zur Transformation ist bei den Berliner Unternehmen vorhanden – sie investieren in Energieeffizienz, sichern ihre Energieversorgung ab, stellen Wärmeprozesse um und entwickeln neue Geschäftsmodelle. Was fehlt, sind verlässliche Bedingungen für die Umsetzung. In staatlich beeinflussbaren Rahmenbedingungen sehen die Unternehmen die größten Hindernisse der Transformation. 58 Prozent nennen zu viel Bürokratie als wesentliches Hemmnis, 57 Prozent beklagen fehlende Planbarkeit und Verlässlichkeit in der Energiepolitik, und 44 Pro38 % der Unternehmen sehen negative Folgen für ihre Wettbewerbsfähigkeit. 72 71 69 62 Technologieoffenheit bei Effizienz Steuern / Abgaben auf Strompreis senken Energieinfrastruktur priorisieren Staatliche Infrastruktur / Engagement Top-Zustimmung zu politischen Maßnahmen 58 57 44 30 22 10 37 29 25 18 8 Fachkräftemangel Schwierige Finanzierung bzw. fehlendes Kapital Hohe Energiepreise Langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren bzw. fehlende Infrastruktur Fehlende Information bzw. Planbarkeit und Verlässlichkeit in der Energiepolitik Zu viel Bürokratie Die größten Hemmnisse der Transformation FOTO: ADOBE STOCK/SANDRA.HÖFER Energiewendebarometer | 11
Keine Freiheit ohne Sicherheit Berlin steht weltweit für Vielfalt und Offenheit. Doch damit das so bleibt, sind Politik und Wirtschaft gefragt. Denn: Sicherheit ist die Voraussetzung für einen attraktiven Wirtschaftsstandort B erlin ist die internationale Stadt der Freiheit, Kreativität und Offenheit. Hier treffen über 170 Nationen, viele Kulturen und Ideen aufeinander. Als gebürtiger Berliner macht mich diese Vielfalt stolz. Sie ist eine unserer größten Stärken und zugleich ein Auftrag: Freiheit braucht Sicherheit. Das eine ist ohne das andere nicht viel wert. Sicherheit ist die Voraussetzung für Freiheit, Wohlstand und gesellschaftliches Zusammenleben. Der jüngste Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day hat uns schmerzlich vor Augen geführt, wie verwundbar unsere tolerante Metropole ist. Der Angriff galt nicht einzelnen Menschen, sondern der Freiheit, für die Berlin steht. Anschläge sind in Berlin zum Glück selten. Gewalt allerdings geschieht jeden einzelnen Tag – mit steigender Tendenz. 2025 wurden in Berlin 3.600 Messerangriffe erfasst. In 515 Fällen wurde geschossen – mehr als im Jahr zuvor. Hinzu kommen Diebstähle, Einbrüche und Betrugsdelikte. Es wäre falsch, Berlin pauschal als unsichere Stadt darzustellen. Ebenso falsch wäre es, gefährliche Entwicklungen kleinzureden, denn sie beeinträchtigen unser aller Lebensqualität. Ein sinkendes Sicherheitsgefühl hemmt Investitionen, vertreibt Fach- und Führungskräfte und schwächt Berlin im internationalen Wettbewerb. Als internationale Metropole steht Berlin in Konkurrenz zu Städten wie Paris und London. Die britische Hauptstadt setzt seit Jahren auf KI-basierte Videounterstützung und zeigt: Die Analyse mit künstlicher Intelligenz kann helfen, Gefahren schneller zu erkennen. Auch Berlin sollte neue Technologien nicht aus ideologischen Gründen ausschließen. Voraussetzung sind klare Regeln, Transparenz, Datenschutz und rechtsstaatliche Kontrolle. Sowohl aus der Gesellschaft als auch aus der Wirtschaft wird der Unmut über die aktuelle Situation und insbesondere über das Thema Sicherheit immer lauter. Unternehmen wollen weiterhin darauf vertrauen können, dass ihre Mitarbeitenden sicher zur Arbeit und nach Hause kommen. Unsere Aufgabe ist es, erfolgreiche internationale Erfahrungen klug auf unsere Stadt zu übertragen. Wir müssen Sicherheit so gestalten, dass Freiheit, Vielfalt und Rechtsstaatlichkeit erhalten bleiben. Die Politik ist gefragter denn je. Sie hat keine Zeit, die aktuellen Entwicklungen einfach hinzunehmen, und muss gemeinsam mit der Wirtschaft zügig nachhaltige Lösungen finden. Denn die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit und Sicherheit des anderen bedroht werden. Nur wer sich sicher fühlt, kann Freiheit wirklich leben. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Birol Becer ist Präsidiumsmitglied der IHK Berlin und geschäfts- führender Inhaber der Ferdinand Dameris GmbH & Co. Strumpf- warenproduktion und -handel KG FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR AGENDA | Auf den Punkt | 12
Sprechen Sie uns an. Wir stärken Unternehmen aus der Region mit unserer Expertise und innovativen Finanzierungslösungen – als verlässlicher Partner an Ihrer Seite begleiten wir Sie langfristig und sind immer persönlich für Sie vor Ort. Denn wir sind eine Gemeinschaft. Und eine Bank. Mehr Infos unter vr.de/firmenkunden Wir begrüßen Fortschritt. Persönlich mit Handschlag. W r
Der Wirtschaftsstandort muss wieder stärker in den Fokus der Landespolitik rücken – denn der Wohlstand kann nur in den Unternehmen der Stadt erwirtschaftet werden von Eike Paulun Berlin braucht einen Aufbruch „Die nächste Landesregierung muss Wirtschaftspolitik deshalb als Grundlage für eine funktionierende Stadt verstehen. Wer Arbeitsplätze, gute Bildung, soziale Sicherheit und Investitionen in die Infrastruktur will, muss den Unternehmen die Luft geben, diese Leistung auch zu erwirtschaften“, sagt IHK-Präsident Sebastian Stietzel. Reform muss in den Behörden ankommen Was Unternehmen von der Politik erwarten, zeigt auch eine aktuelle Befragung unter IHK-Mitgliedern. Die Verwaltungsreform ist mit Abstand das Vorhaben der vergangenen Legislaturperiode, das positiv bewertet wird. Das ist ein wichtiges Signal. Landesorganisationsgesetz, Aufgabenkatalog und Konnexitätsgesetz sind Meilensteine. Doch jetzt muss die Reform auch in den Behörden ankommen. Unternehmen dürfen nicht weiterhin an langen Bearbeitungszeiten, unklaren Zuständig- keiten und analogen Verfahren verzweifeln. Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt der Blick nach vorn. Bei der Frage, welche Maßnahme I m Frühjahr war die Botschaft der Berliner Wirtschaft an die Politik klar: Die nächste Landesregierung muss den Wirtschaftsstandort wieder stärker ins Zentrum ihres Handelns rücken. Wenige Wochen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September ist klarer denn je, was das bedeutet. Berlin braucht weniger Belastungen, mehr Investitionen und vor allem mehr Tempo bei der Umsetzung. Denn die wirtschaftliche Lage ist weniger komfortabel, als manche Erfolgsmeldungen vermuten lassen. Zwar wächst Berlin seit Jahren stärker als der Bundesdurchschnitt. Doch ein erheblicher Teil dieser Dynamik kommt aus der Informations- und Kommunikationstechnik sowie dem öffentlichen Bereich. Handel, Gastgewerbe, Verkehr oder Bauwirtschaft entwickeln sich deutlich schwächer. Gleichzeitig werden die finanziellen Spielräume des Landes enger. Dauerhaft lässt sich Wohlstand nicht mit Rücklagen und neuen Krediten finanzieren. Er muss in den Unternehmen dieser Stadt erwirtschaftet werden. Am 20. September entscheidet sich, wer künftig vom Roten Rathaus aus Berlin regiert FOTOS: GETTY IMAGES/REINHARD KRULL, IHK BERLIN/AMIN AKHTAR AGENDA | Abgeordnetenhauswahl | 14 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Eike Paulun, IHK-Politikmanager Tel.: 030 / 315 10-873 eike.paulun@berlin.ihk.de den größten positiven Effekt für das eigene Unternehmen oder die eigene Branche hätte, wird der weitere Bürokratieabbau am häufigsten genannt. Auch bezahlbarer Wohnraum, eine effiziente Verkehrspolitik und eine resiliente Infrastruktur stehen weit oben auf der Agenda. Gefragt nach nur einer Botschaft an die nächste Landesregierung, wünschen sich die Unternehmer vor allem eine wirtschaftsfreundliche Politik, weniger Bürokratie und mehr Umsetzungsstärke. Dass sich das lohnt, zeigen erste Ergebnisse einer von der IHK Berlin beauftragten Studie zur Zukunft der Wirtschaftsmetropole. Würden die Bürokratiekosten aus Berliner Regelungen und deren Umsetzung langfristig halbiert, könnte dies mehr als eine Mrd. Euro zusätzliche Wertschöpfung und rund 3.000 zusätzliche Arbeitsplätze ermöglichen. Für einen typischen Mittelständler mit 20 Beschäftigten entspräche die frei werdende Zeit rechnerisch rund 35 zusätzlichen produktiven Arbeitstagen pro Jahr. Bürokratieabbau ist deshalb kein Verwaltungsthema – er ist handfeste Wachstumspolitik. Gleichzeitig muss Berlin wieder Investitionssicherheit schaffen. Gut ein Drittel der Befragten warnt ausdrücklich vor einer Fortführung der Enteignungs- initiative. Die Sorge ist berechtigt: Berlin braucht bis 2040 rund 272.000 zusätzliche Wohnungen. Drei Viertel des Wohnungsbestands befinden sich außerhalb staatlicher Hand. Wer mehr Wohnungen will, kann deshalb private Investoren nicht gleichzeitig unter Generalverdacht stellen. Vergesellschaftungsdebatten schaffen keinen einzigen Quadratmeter neuen Wohnraum – sie schaffen Unsicherheit. Berlin braucht eine Koalition der Umsetzung Auch neue Steuern, Abgaben und Umlagen wären das falsche Signal. Die Hälfte der Befragten, die sich dazu geäußert haben, warnt vor weiteren Vorschriften und Belastungen. Schon die Ausbildungsplatzabgabe hat viel Vertrauen verspielt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Unternehmen trotz schwieriger Konjunktur zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen haben, werden sie mit neuer Bürokratie und finanziellen Belastungen konfrontiert. Die nächste Regierung sollte diesen Fehler korrigieren und stattdessen gemeinsam mit Schulen und Unternehmen dafür sorgen, dass Basiskompetenzen und berufliche Orientierung gestärkt werden. „Berlin braucht nach der Wahl keine neue Runde von Ankündigungen, sondern eine Koalition der Umsetzung. Verwaltungsreform, Wohnungsbau, Infrastruktur und Fachkräftesicherung sind keine Erkenntnisprobleme. Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Entscheidend ist, dass sie konsequent umgesetzt werden“, sagt IHK-Haupt- geschäftsführerin Manja Schreiner. Dazu gehört auch der Mut zu einem größeren Zielbild. Berlin sollte sich nicht damit zufriedengeben, im Vergleich der deutschen Metropolen gut abzuschneiden. Die Hauptstadt muss den Anspruch haben, international mit London, Paris oder New York zu konkurrieren – um Talente, Investitionen, Innovationen und Unternehmen. Am 20. September wird deshalb nicht nur über Parteien und Koalitionen entschieden. Es geht auch um die wirtschaftspolitische Richtung der kommenden Jahre. Die Berliner Wirtschaft hat ihre Erwartungen klar formuliert: weniger Bürokratie, weniger Stillstand, mehr Investitions- sicherheit und mehr Vertrauen in diejenigen, die ausbilden, investieren und Arbeitsplätze schaffen. Nach der Wahl muss daraus Regierungshandeln werden. ■ Positionen Die IHK hat Kernforderungen der Wirtschaft sowie wichtige Informationen für Unternehmen auf ihrer Website gebündelt unter: ihk.de/ berlin/agh-wahl-bw Sebastian Stietzel Präsident der IHK Berlin Die nächste Landesregierung muss Wirtschaftspolitik als Grundlage für eine funktionierende Stadt verstehen. Abgeordnetenhauswahl | 15 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Ende September entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund, welcher deutsche Kandidat ins Rennen geschickt wird von Holger Lunau Wirft Berlin seinen Hut in die Ringe? den ist, schwelt nach wie vor ein Streit um die Machbarkeit der drei Projekte. Für die IHK Berlin und ihren Präsidenten Sebastian Stietzel ist die Sachlage klar. „Wir können mit den drei Projekten Expo 2035, Olympische Spiele und Internationale Bauausstellung in eine Zukunftsdekade starten, die Berlin im Weltmaßstab weiter nach vorn bringt.“ Insbesondere die Expo wäre ein Booster für die Transformation der Stadt in Sachen Innovation, Infrastruktur und Nachhaltigkeit. Seitens des Berliner Senats wurde dieser Ansatz lange nicht und später nur halbherzig geteilt. Bis heute räumt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner der Mega-Sportveranstaltung Priorität ein. Die Spiele könnten der Stadt einen Innovationsschub verleihen, der sonst so nicht möglich wäre, so sein Plan. Ob der aufgeht, wird sich zeigen. Mit München und der Region Köln-Rhein-Ruhr gibt es zwei schwergewichtige Mitbewerber. Und die haben gegenüber der Bundeshauptstadt einen dicken Pluspunkt: Dort hat die Bevölkerung mit einer Zweidrittelmehrheit für eine Olympia-Bewerbung votiert. In Berlin stimmte das Abgeordnetenhaus mehrheitlich für die Spiele, woraufhin die Gegner erklärten, 2027 einen Volksentscheid gegen die Spiele anzustreben. Das könnte dazu führen, dass Berlin zwar als Bewerber nominiert wird, dann aber die Nominierung ablehnt. Vor diesem Hintergrund steckt die Weltausstellung Expo 2035 sozusagen als Trumpfkarte im Ärmel. Bislang hat der Berliner Senat signalisiert, er könne sich das Projekt bestenfalls gemeinsam mit den Brandenburgern vorstellen. Allerdings nicht auf Berliner Stadtgebiet. Die Brandenburger Politik hat sich nicht wirklich euphorisch dazu geäußert. Ob nach einer möglichen DOSB-Entscheidung „gegen“ Berlin die Karten neu gemischt werden, bleibt abzuwarten. Das hängt auch mit dem Ausgang der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus zusammen. Ein neuer Regierungschef oder eine neue Regierungschefin wird möglicherweise ganz andere Ambitionen haben. ■ Sebastian Stietzel Präsident IHK Berlin Wir können mit den drei Projekten in eine Zukunftsdekade starten, die Berlin im Weltmaßstab weiter nach vorn bringt. Kann Berlin Olympische Spiele, die Welt- ausstellung Expo 2035 und eine Internationale Bauausstellung innerhalb weniger Jahre stemmen? Zumindest für die Olympischen Spiele läuft der Countdown. Voraussichtlich am 26. September wird der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) darüber entscheiden, mit welcher Stadt sich Deutschland um die Austragung 2036, 2040 oder 2044 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bewerben wird. Auch wenn es in Berlin in den vergangenen Wochen um diese Themen ruhiger geworFOTO: SHUTTERSTOCK/MARCIOBNWS AGENDA | Großereignisse | 16 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Steigende Energiekosten, volatile Strompreise und wachsender Wettbewerbsdruck: Für viele Unternehmen wird die Energieversorgung zunehmend zum strategischen Thema. Als Photovoltaik-Experte bei EWE erklärt Christian Thaddey, warum immer mehr Betriebe auf selbst erzeugten Solarstrom setzen. Unabhängigkeit beginnt auf dem eigenen Dach Herr Thaddey, warum beschäftigt das Thema Energie aktuell so viele Unternehmen? Die Energiebeschaffung ist heute deutlich komplexer als früher. Die Marktpreise schwanken stärker, unter anderem durch zunehmende Elektrifizierung, geopolitische Spannungen und die Integration Erneuerbarer. Für Unternehmen wird es dadurch schwieriger, ihre Energiekosten zuverlässig zu planen und langfristig abzusichern. Wie können Unternehmen mehr Unabhängigkeit erreichen? Indem sie einen Teil ihres Stroms selbst erzeugen. Mit einer Photovoltaikanlage nutzen Unternehmen eine Fläche, die meist ohnehin vorhanden ist: das eigene Dach oder Unternehmensgelände. Der hier erzeugte Strom kostet oft deutlich weniger als Netzstrom. Viele Betriebe sind überrascht, dass sich eine Anlage häufig schon nach fünf bis sechs Jahren rentiert. Wovon hängt es ab, ob sich Photovoltaik lohnt? Eine wichtige Rolle spielen die verfügbare Fläche und der Anteil des Stroms, den das Unternehmen selbst nutzen kann. Deshalb zahlt sich ein genauer Blick auf die individuellen Rahmenbedingungen aus. Mit unserem PV-Rechner erhalten Unternehmen in wenigen Minuten eine erste Einschätzung zu Investition, Amortisationszeit und möglicher Rendite. Bei einer Beratung werden diese Werte von uns natürlich konkretisiert. Wir schauen dann beispielsweise auch, ob ein Speicher Sinn macht, um mehr selbst produzierten Strom zu nutzen. Wie unterstützt EWE Unternehmen, die sich für eine PV-Anlage interessieren? Wir sind Komplettanbieter. Von der ersten Beratung über die Analyse und Planung bis hin zu Bau und Betrieb erhalten Unternehmen bei uns alle Leistungen aus einer Hand. Das reduziert den Abstimmungsaufwand erheblich und bringt Beschaffung, Erzeugung und Verbrauch miteinander in Einklang. EWE VERTRIEB GmbH, Cloppenburger Straße 310, 26133 Oldenburg Anzeige Lohnt sich Ihr Unternehmensdach für Solarstrom? Finden Sie es mit dem PV-Rechner in zwei Minuten heraus – kostenlos: business.ewe.de/pv-berechnen Ihre Individuelle Lösung? Lassen Sie uns persönlich sprechen. Christian Thaddey Leiter Vertriebsregion Ost 0441 803-2044 energiewelt@ewe.de
INHALT 22 Vom Werk zur Verwertung Budde Music vertritt Künstlerrrechte 24 Geschichte zum Spielen Playing History vermittelt Wissen unterhaltsam 25 Marken digital aufbauen Rysm macht aus Botschaften Kampagnen 26 „Die Kreativszene zählt zu Berlins Schwerindustrie“ Christian Bräuer, Yorck Kinogruppe, im Interview 37 000 Unternehmen zählt Berlins Kreativwirtschaft. Zusammen haben sie 200.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Berliner Wirtschaft 09 | 2026 fokus
Neue Ideen, starke Impulse Vom Museum bis zur Digitalagentur: Die Berliner Kreativbranche ist vielfältig und gut vernetzt. Als bedeutender Player am Standort braucht sie auch künftig gute Rahmenbedingungen von Almut Kaspar E ine Art Leistungsschau der Berliner Kreativwirtschaft führt in diesem September quer durch alle Disziplinen und Kieze. Während die Berlin Art Week und die Positions Berlin Art Fair die Stadt zum Hotspot für zeitgenössische Kunst und den internationalen Kunstmarkt machen, rücken die DesignDays.Berlin innovative Formsprachen und neueste Gestaltungstrends ins Scheinwerferlicht. Für cineastische Entdeckungen und historische Einblicke sorgt das Film- erbe-Festival mit dem Thema Film Restored, das Fantasy Filmfest präsentiert mit Europa- und Weltpremieren Abgründiges, und bei FilmPolska, der größten Schau des polnischen Kinos im Ausland, zeigen Berliner Lichtspielhäuser aktuelle Produktionen aus dem Nachbarland. Historische Industrieorte und deren Geschichte gibt es beim Festival der Berliner Industriekultur zu entdecken. Das Musikfest Berlin – hervorgegangen aus den Berliner Festwochen – wartet mit orchestralen Klangwelten auf. Und das Internationale Literaturfestival holt hochkarätige Stimmen aus aller Welt in die Hauptstadt. Diese kulturellen Highlights repräsentieren diverse Teilmärkte der Berliner Kreativwirtschaft: den Kunstmarkt, die Filmwirtschaft, den Architekturmarkt, den Markt für darstellende Künste, die Musikwirtschaft, den Buchmarkt und die Designwirtschaft, zu der auch der weltweit geschätzte lokale Modemarkt gehört. Weitere Teilmärkte, die der Kreativwirtschaft zugerechnet werden, sind der Presse- und der Werbemarkt, die Games-Industrie sowie die Rundfunkwirtschaft mit dem größten und am härtesten umkämpften Radiomarkt Deutschlands. Mit mehr als 37.000 Unternehmen und fast 200.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kam die Kreativwirtschaft 2024 auf einen Gesamtumsatz von mehr » ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/BOEVTREE Kreativwirtschaft | 19
als 41 Mrd. Euro. Umsatzstärkste Teilmärkte sind mit Abstand die Software- und Games-Industrie (14,1 Mrd. Euro) und die Designwirtschaft (13,8 Mrd. Euro). Weil die meisten künstlerischen und kreativen Leistungen inzwischen digital oder digital unterstützt erstellt werden und es somit immense Schnittmengen gibt, werden die Unternehmen der Kreativ- und Digitalwirtschaft in der Hauptstadtregion zum Cluster Informations- und Kommunikationstechnologe, Medien und Kreativwirtschaft zusammengefasst. Die Kreativ- und Digitalwirtschaft generiert mit einem geschätzten Umsatz von 56,4 Mrd. Euro 14,8 Prozent des Gesamtumsatzes der Berliner Wirtschaft und ist Innovationstreiber auch für andere Branchen. Während die Digitalwirtschaft den Wirtschaftsstandort Berlin maßgeblich als Zentrum für Technologie prägt, unterstützt die Kreativwirtschaft als internationaler Hotspot für Kultur und Kreativität vor allem die lokale Tourismuswirtschaft. Internationale Strahlkraft Berlin lockt Gäste mit rund 170 großen und kleinen Museen, dazu kommen mehr als 150 Theater und Bühnen aller Genres, die im vergangenen Jahr gut 3,3 Millionen zahlende Besucher registrierten. Fast 100 Kinos und damit die meisten in Deutschland gibt es in der Hauptstadt, und hier werden neben der Berlinale knapp 50 weitere Filmfestivals ausgerichtet. Rang und Namen hat auch die Clubszene Berlins mit ihren 280 Locations, darunter 70 größere Clubs wie Berghain, Tresor oder KitKat. Und mit etwa 290 Galerien für klassische Moderne und zeitgenössische Kunst – darunter die East Side Gallery, die längste Open-Air-Galerie der Welt – zählt Berlin zu den führenden Kunstmetropolen Europas. Die Kreativwirtschaft besitzt aber nicht nur internationale Strahlkraft, sondern ist auch wirtschaftlicher Wachstumsmotor und Impulsgeber für die gesamte Stadtgesellschaft. Sie prägt die Attraktivität der Hauptstadt, schafft Arbeitsplätze und beflügelt und inspiriert mit Einfallsreichtum und Produktivität auch andere Branchen der hiesigen Wirtschaft. „Berlin ist für die Kreativwirtschaft nicht einfach nur ein Standort, sondern ein Resonanzraum“, sagt Roman Kaupert, Mitglied des Präsidiums der IHK Berlin, „hier treffen unterschiedliche Szenen, Milieus, Branchen und Perspektiven aufeinander.“ Gleichzeitig sei Berlin offen für neue Ideen, Geschäftsmodelle und Formen der Zusammenarbeit. „Hier entsteht Innovation oft nicht im abgeschlossenen System, sondern an den Schnittstellen zwischen Kultur und Technologie, Design und Stadtentwicklung, Kommunikation und Politik, klassischer Agenturarbeit und digitalen Plattformen.“ Klar sei Berlin manchmal kompliziert, laut, unfertig und widersprüchlich – „daraus bildet sich aber auch Energie, und genau das unterscheidet Berlin von anderen Standorten“. Von diesen Effekten profitiert insbesondere die Games-Branche, für die mit der Standort-Marke GamesCapitalBerlin geworben wird. „Es gibt hier eine hohe Dichte an klugen, kreativen und interessierten Menschen sowie viele Events, Netzwerke, Hochschulen und Ausbildungsorte“, schwärmt Dr. Martin Thiele-Schwez, Geschäftsführer der Playing History GmbH (s. S. 24). „Damit haben wir ein Umfeld mit aktivem Austausch – man trifft Menschen aus Game-Design, Bildung, Kultur, Technologie, Kunst oder Kommunikation und merkt schnell, dass sich daraus neue Perspektiven ergeben können.“ Rund 180 Unternehmen umfasste allein der Games-Kernmarkt der Entwickler und Publisher im vergangenen Jahr, 21 Prozent aller Beschäftigten der deutschen Games-Industrie waren Mitte 2025 in Berlin beschäftigt. Noch in diesem Jahr soll als Leuchtturmprojekt der GamesCapitalBerlin das House of Games Berlin im historischen Lux-Gebäudekomplex in Friedrichshain eröffnet werden – mit Büro-, Co-Working- und Eventflächen sowie Produktionsstudios auf mehr als 10.000 Quadratmetern. „Wir sind dabei, den Um- und Ausbau erfolgreich abzuschließen, sodass in der zweiten Jahreshälfte mit der Innenausstattung begonnen werden kann“, sagt Roland Sillmann, Geschäftsführer der landeseigenen Wista Management GmbH, die seit Anfang des Jahres für Betrieb und Vermarktung verantwortlich ist. Ende 2026 sollen die ersten Mieter einziehen können – darunter große und zahlreiche kleine und mittelgroße Unternehmen. Aber auch Freelancer wie Games-Programmierer und -Designer sollen im House of Games Berlin vertreten sein. „Wir wollen unsere Mieter mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vernetzen und ihr Wachstum zu unserer Aufgabe machen.“ Musikverleger Benjamin Budde, der die von seinem Großvater Rolf Budde senior gegründete Budde Music Publishing GmbH führt (s. S. 22), schätzt Berlin als außergewöhnlich dynamischen Standort, der weniger hierarchisch und oft experimentierfreudiger als andere ist. „Weil 41 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaftete die Branche im Jahr 2024 insgesamt. Veranstaltungen der Kreativwirtschaft Der Branchenkalender ist voll – ein Überblick. Berlin Art Week 9. bis 13. September berlinartweek.de Positions Berlin Art Fair 10. bis 13. September, Flughafen Tempelhof, Hangar 5-6 positions.de DesignDays.Berlin 24. bis 26. September designdays.berlin Filmerbe-Festival Film Restored 21. bis 25. September deutsche-kinema- thek.de. Fantasy Filmfest 2. bis 9. September, Zoo Palast fantasyfilmfest.com FilmPolska 9. bis 16. September, Polnisches Institut Berlin und viele Kinos instytutpolski.pl Festival der Berliner Industriekultur 12. September bis 4. Oktober industriekultur.berlin Musikfest Berlin 28. August bis 23. September berlinerfestspiele.de/ musikfest-berlin Internationales Literaturfestival Berlin 3. bis 12. September literaturfestival.com ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/BOEVTREE; FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR FOKUS | Kreativwirtschaft | 20 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Jürgen Schepers, IHK-Key-Account- Manager Digital- und Kreativwirtschaft Tel.: 030 / 315 10-676 juergen.schepers@ berlin.ihk.de Berlin so international ist, kommen hier Talente, Producer und Unternehmer mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen, wodurch schnell neue Kollaborationen entstehen – zudem sind die Wege zwischen Kreativen und angrenzenden Branchen kurz.“ Dem stimmt auch Claudia Díaz Sánchez zu, Geschäftsführerin der Kommunikationsagentur Rysm (s. S. 25): „Wir schätzen die Nähe zu den vielen kreativen Branchen, die hier zusammenkommen.“ Nähe und Vernetzung In dieser Vernetzung macht IHK-Präsidiumsmitglied Kaupert die größte Stärke der Berliner Kreativwirtschaft aus: „Die einzelnen Branchen können voneinander profitieren, weil hier sehr viele kleine und mittlere Unternehmen, Selbstständige und hoch spezialisierte Teams arbeiten.“ Viele Teilmärkte der Kreativwirtschaft – vor allem die Designwirtschaft, der Markt für darstellende Künste sowie Buch- und Kunstmarkt – haben einen hohen Anteil an Soloselbstständigen, die bei Jahresumsätzen von bis zu 250.000 Euro in der Statistik als Unternehmen registriert werden. Eine gemeinsame Wertschöpfung entsteht, wenn Soloselbstständige mit einzelnen Firmen kollaborieren, wenn Ideen mit anderen Kompetenzen verbunden werden. Berlin, stellt Roman Kaupert fest, habe die Bedeutung der Kreativwirtschaft erkannt. Es gebe Förderprogramme, Beratungsangebote, Netzwerke, Projektförderungen, Finanzierungsinstrumente und Initiativen. „Kreative Unternehmen brauchen nicht nur Applaus, sondern auch gute Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, bezahlbare Räume, Zugang zu Finanzierung, Fachkräfte, bessere Verwaltung, digitale Infrastruktur, faire Vergabeprozesse und mehr Anerkennung als wirtschaftliche Leistungsträger – die IHK Berlin unterstützt sie dabei als Interessenvertretung.“ Das alles reiche aber nicht, wenn der Standort nicht mehr funktioniere. „Aktuell verschwinden Räume, die Verwaltung ist zu langsam, und Genehmigungen dauern zu lang“, so Kaupert. „Berlin soll die Kreativwirtschaft nicht nur feiern, sondern ernst nehmen: als einzigartigen Branchenmix, als Arbeitgeber, als Innovationstreiber und als Teil der Lösung für die Zukunft dieser Stadt.“ ■ Roman Kaupert Mitglied im IHK-Päsidium Berlin ist für die Kreativwirtschaft nicht einfach nur ein Standort, sondern ein Resonanzraum. 21 % der Beschäftigten der deutschen Games-Industrie arbeiten in Berlin. Es ist der wichtigste Teilmarkt der Kreativwirtschaft. Kreativwirtschaft | 21 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Budde Music vertritt die Rechte von Textern und Komponisten weltweit. Das Business verändert sich durch die digitale Transformation rapide Vom Werk zur Verwertung Mit dem Musikverlag, den sein Großvater Rolf Budde senior vor genau 79 Jahren gründete und der mit dem Schlager „Pack die Badehose ein“ den ersten kommerziellen Erfolg einfuhr, hat die international aufgestellte Unternehmensgruppe Budde Music, die Benjamin Budde heute in dritter Generation als CEO führt, kaum noch etwas zu tun. „Wir vertreten die Werke von Songtexterinnen und -textern und Komponistinnen und Komponisten und sorgen dafür, dass sie überall auf der Welt optimal genutzt, lizensiert und vergütet werden“, erläutert er, „dazu gehören kreative Arbeit, also das Repertoire entwickeln und passende Auswertungen anstoßen, sowie eine sehr präzise Rechte-, Daten- und Abrechnungslogistik.“ Songs, so Budde, entstünden heute meist in globalen Netzwerken, würden über unterschiedlichste Plattformen genutzt und könnten innerhalb kürzester Zeit ein Publikum in vielen LänMaximilian Paproth Streaming- und Social-MediaPlattformen geben uns wichtige Hinweise auf neue Entwicklungen. Benjamin Budde Was uns ausmacht, sind die Nähe zu den Menschen, mit denen wir arbeiten, und eine professionelle, optimierte Umsetzung. Berliner Wirtschaft 09 | 2026 FOKUS | Kreativwirtschaft | 22
dern erreichen. „Was uns ausmacht, ist die Kombination aus der Nähe zu den Menschen, mit denen wir arbeiten, und einer sehr professionellen und äußerst optimierten Umsetzung.“ Alle Songs, deren Urheberrechte Budde Music besitzt, werden zum Beispiel bei den entsprechenden Verwertungsgesellschaften – in Deutschland etwa bei der Gema mit Sitz in Berlin – gemeldet, die für die öffentliche Nutzung der Musik eine Vergütung eintreiben, mit denen Budde Music wiederum seine einzelnen Autoren bezahlt. „Die digitale Transformation“, sagt CEO Budde, „hat dazu geführt, dass wir Rechte, Metadaten und Abrechnungen zentral konsistent halten, ermöglicht aber gleichzeitig eine schnelle Zusammenarbeit mit unserer Autorenschaft und unseren Partnern.“ Neben dem Hauptsitz in Berlin, wo ein Großteil der rund 110 Budde-Beschäftigten arbeitet, ist das Unternehmen unter anderem in Paris und London präsent und arbeitet in weiteren Ländern mit lokalen Partnern und Sub-Publishern zusammen. Rechte, Metadaten und Abrechnungen müssen über Ländergrenzen hinweg zuverlässig funktionieren, zugleich benötigen die Teams vor Ort ein gutes Verständnis für die Besonderheiten ihrer Märkte. Denn Streaming, soziale Medien, Filme, Serien, Werbung und Games haben die Wege immens erweitert, auf denen Musik ihr Publikum erreicht. Aktuell vereint der Katalog von Budde Music ein umfangreiches Repertoire aus historischen Klassikern und aktuelle Musik im Katalog – darunter „Forever Young“ und „Big in Japan“ von Alphaville oder alle Hits der Elektropop-Band ClockClock und Künstler wie Alvaro Soler, Nico Santos, Lena Meyer-Landrut oder Aurora. „Eine Spannbreite von Werken, die Menschen jeder Zielgruppe berühren“, sagt Benjamin Budde, „von ,Always on my Mind‘ oder ,The Letter‘ bis ,No Roots‘ oder Helene Fischers ,Achterbahn‘.“ Neue Talente, starke Repertoires Während CEO Budde und COO Ender Atis die übergeordnete Verantwortung für die strategische Ausrichtung der gesamten Unternehmensgruppe tragen, leitet Maximilian Paproth als Managing Director von Budde Music Publishing die Musikverlagsgesellschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Führung und Weiterentwicklung der einzelnen Teams und Einheiten, die dort zusammenarbeiten. Zudem ist er für Artists and Repertoire (A&R) als Global President zuständig. „Ein A&R-Manager entdeckt und begleitet Künstlerinnen, Künstler und Songwriter“, erklärt Paproth, „hier verbinde ich diese Aufgaben mit einer übergeordneten internationalen Perspektive – ich möchte neue Talente und starke Repertoires identifizieren, unsere Autoren und Künstler bestmöglich unterstützen und ihnen innerhalb der Budde Group die richtigen Möglichkeiten eröffnen, national wie international.“ Neue Künstlerinnen und Künstler, Songwriter und musikalische Trends finde man über persönliche Netzwerke sowie bei Konzerten, Showcases, Songwriting-Camps und Branchen-Events. „Auch Streaming- und Social-Media-Plattformen geben uns wichtige Hinweise auf neue Entwicklungen“, so A&R-President Paproth. „Unser Anspruch ist es, langfristige Beziehungen aufzubauen und kreative Karrieren nachhaltig zu fördern.“ Mit CEO Benjamin Budde stimme er sich insbesondere bei strategischen Themen und größeren Verpflichtungen eng ab – „uns beide verbindet schließlich grundsätzlich die Leidenschaft für Musik“. ■ Gut vernetzt Der QR-Code führt zu Benjamin Budde auf LinkedIn: Maximilian Paproth auf LinkedIn unter dem QR-Code: Benjamin Budde (l.) ist CEO der Unternehmensgruppe Budde Music, Maximilian Paproth Managing Director von Budde Music Publishing 110 Beschäftigte hat Budde Music, die meisten arbeiten am Hauptsitz Berlin. FOTOS: BUDDE MUSIC, IHK BERLIN/AMIN AKHTAR; ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/BOEVTREE Kreativwirtschaft | 23 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
E ines der ersten Spiele, die sie herausbrachten, war das Brettspiel „Bürokratopoly“. Die Game-Designer Dr. Martin Thiele- Schwez und Michael Geithner, beide 1985 in der DDR geboren, stießen bei Recherchen zur Spielkultur der DDR auf das Original dieses Spiels, das in den 1980er-Jahren im politischen Untergrund kursierte. „Wir fanden dieses Fundstück so inspirierend, dass wir beschlossen haben, es neu aufzulegen, zu komprimieren und als Bildungsmaterial in Schulen zu bringen“, sagt Thiele- Schwez, Co-Geschäftsführer der 2015 gegründeten Playing History GmbH. „Damit haben wir angefangen, Spiel und Geschichtsvermittlung miteinander zu verbinden – ein Geschäftsfeld, das es damals in dieser Form noch kaum gab.“ Diese Arbeit an der Schnittstelle zwischen Bildungsarbeit und Game-Design ist offenbar gefragt: Die schon mehrfach preisgekrönte Firma hat aktuell 13 Beschäftigte, macht einen Jahresumsatz von etwa 1,3 Mio. Euro und realisiert analoge, digitale oder performative Spielideen für Museen, Gedenkstätten, Bildungseinrichtungen oder öffentliche Institutionen. Zum Beispiel „Tribunal 45“, ein digitales Spiel über die Kriegsverbrecherprozesse von Nürnberg, oder das Brettspiel „Friedrich Ebert – Der Weg zur Demokratie“ über Leben und Wirken des ersten Reichspräsidenten. Seit der Gründung hat Playing History knapp 40 Spiele und museale Installationen entwickelt, jedes Jahr entstehen mehrere neue Spieleprojekte. „Die meisten unserer bisherigen Veröffentlichungen wurden mittelbar oder unmittelbar aus öffentlichen Geldern finanziert“, sagt Thiele-Schwez, „deshalb sind viele dieser Spiele für die Nutzerinnen und Nutzer kostenlos zugänglich.“ Während die Auftraggeber ihre fachliche, historische oder pädagogische Expertise einbringen, steuert Playing History seine Game-Design- und Produktionskompetenz bei, um aus komplexen Inhalten ein spielerisches Format zu erstellen, das nicht nur korrekt ist, sondern auch inhaltlich trägt und spielerisch überzeugt. „In einem solchen Arbeitsprozess braucht es viel Kommunikation, Behutsamkeit und gegenseitiges Vertrauen.“ Jetzt will das Unternehmen – mit bereits erhaltenen Mitteln aus der Games-Bundesförderung und vom Medienboard – auch Spiele realisieren, die nicht als Auftragsarbeit entstehen, sondern als eigene Produkte für den freien Markt. „Unserem Markenkern wollen wir dabei treu bleiben“, so Thiele-Schwez, „auch die eigenen Titel werden anspruchsvoll sein, Themen ernst nehmen und trotzdem als Spiele wirklich Spaß machen.“ ■ Martin Thiele- Schwez ist Mit- gründer und Co-Geschäfts- führer der Playing History GmbH Gut vernetzt Der Unternehmer auf LinkedIn unter dem QR-Code: Playing History hilft, Wissen unterhaltsam zu vermitteln. Nach öffentlichen Aufträgen geht das Unternehmen nun an Produkte für den freien Markt Geschichte zum Spielen Dr. Martin Thiele-Schwez Es braucht viel Kommunikation, Behutsamkeit und gegenseitiges Vertrauen. FOTOS: IHK BERLON/AMIN AKHTAR, RYSM; ILLUSTRATION: GETTY IMAGES/BOEVTREE FOKUS | Kreativwirtschaft | 24 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
Claudia Díaz Sánchez ist eine der Geschäftsführerinnen der Agentur Rysm S eit ihrer Gründung im Jahr 2004 firmierte die Kommunikationsagentur unter dem etwas sperrigen Namen Ressourcenmangel, bis sie sich im Februar dieses Jahres in Rysm umbenannte. Weil die interne Abkürzung RSM für Ressourcenmangel als Label bereits belegt war, fügte man noch ein Y hinzu. „Rysm steht für Rhythmus, Bewegung und Entwicklung“, sagt Co-Geschäftsführerin Claudia Díaz Sánchez, „das passt heute deutlich besser zu dem, was wir sind und wie wir arbeiten.“ Der Name als Programm: Die Rysm GmbH versteht sich als Impulsgeber, der Strategie, Kreation und Technologie in Einklang bringt, der komplexe Markenbotschaften in digitale Erlebnisse und maßgeschneiderte Kampagnen übersetzt. Das Portfolio der Agentur deckt die gesamte Klaviatur moderner Markenführung ab. Von der Entwicklung und dem Ausbau von Brands und Corporate Designs über die Konzeption nutzerzentrierter Webauftritte bis zu Social-Media-Kampagnen und Content-Produktionen bedient Rysm alle Facetten der digitalen Kommunikation. „Dabei suchen wie immer nach dem wirksamsten Weg zum Ziel“, erklärt Claudia Díaz Sánchez, „wir verstehen Probleme, bevor wir Lösungen produzieren, richten uns nicht nach Kanälen, sondern nach dem von der Kundschaft gewünschten Ergebnis.“ Zu den Kunden zählen Konzerne wie DHL, etablierte Mittelständler wie ECE oder Subway, innovative Start-ups sowie Organisationen und Verbände. Für das Deutsche Institut für Normung (DIN) erstellte Rysm zum Beispiel „DIN – Das Magazin in allen Formaten“, das gerade vom Art Directors Club ausgezeichnet wurde, und für die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Kampagne „Lass dich nieder in Praxenland“, in der junge Ärztinnen und Ärzte ermutigt werden, sich in medizinisch unterversorgten Regionen niederzulassen. Team zählt mehr als Standort Neben der Zentrale in Berlin ist die Agentur, die seit 2009 zur Hirschen Group gehört, auch in Hamburg. Dresden, Düsseldorf, Stuttgart und Gütersloh vertreten und beschäftigt insgesamt rund 250 Mitarbeitende, 130 davon allein in Berlin. „Natürlich profitieren wir von unterschiedlichen Netzwerken vor Ort, aber arbeiten längst nicht mehr in Standort-Logiken“, so Geschäftsführerin Díaz Sánchez, „die wichtigste Einheit ist für uns nicht der Standort, sondern das Team.“ Und mit diesem Team will Rysm demonstrieren, dass datengetriebenes Digitalmarketing und emotionale Markenführung kein Widerspruch sind, sondern das Fundament für nachhaltigen Erfolg in einer vernetzten Welt. ■ Gut vernetzt Der QR-Code führt zur Managerin auf LinkedIn: Die Kommunikationsagentur Rysm übersetzt Botschaften ihrer Kunden in kreative Kampagnen – über alle technischen Kanäle hinweg Marken digital aufbauen Claudia Díaz Sánchez Wir verstehen Probleme, bevor wir Lösungen produzieren. Kreativwirtschaft | 25 Berliner Wirtschaft 09 | 2026
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