Berliner Wirtschaft September 2026

Die Papiertüte erfreut sich in Konkurrenz zur Plastiktüte wachsender Beliebtheit. Allerdings gab es seit jeher Waren, die in Papiertüten oder -beuteln verkauft wurden, gerade in Apotheken und Drogerien, in Tabakläden, im Gartenfachhandel und im Lebensmittelgeschäft. Die Lohntüte war ebenfalls aus Papier. Mehl und Zucker werden bis heute in Papier gepackt, es lässt den Inhalt „atmen“, ist preiswert und umweltfreundlich. Bis in die 1870er-Jahre wurden Papiertüten in Handarbeit hergestellt. Erst mit dem Rotationsdruck für Zeitungen wurde Papier in Rollen geliefert. Diese Papierrollen konnten in Spezialmaschinen zugeschnitten und in der Konfektionsmaschine gefaltet werden. Mit schnell trocknenden Anilinfarben konnte später das Endlospapier mit Mustern „dessiniert“ – also mit Design und Firmenlogo bedruckt – werden, um anschließend wieder fest auf eine Gegenrolle gespult zu werden. Ab 1903 kamen die ersten kombinierten Druck- und Konfektionsmaschinen auf den Markt. Von 1900 an bis zum Ersten Weltkrieg konkurrierten im Deutschen Reich mehr als ein Dutzend Fabriken zur Herstellung von Beutelmaschinen, darunter drei in Berlin. Eine davon war Kaul & Förster, 1913 vom 31-jährigen Schlosser Heinrich Kaul gegründet und in den 1920er-Jahren mit dem „Kaför Schnellläufer Modell B“ auch international sehr erfolgreich. Die Maschine konnte 150 Beutel pro Minute ausgeben! Im Schnitt zehn Mitarbeiter stellten in der Wiener Straße, später in der Waldemarstraße Kuvert-, Beutel- und Gummiermaschinen her. Kapital hatte nach dem Ersten Weltkrieg Leo Wolff zugeschossen, der aber 1927 bereits wieder ausschied. Seine Nachkommen erhielten die vereinbarten Zahlungen nur bis 1935 – als Juden wurden sie in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt. Gründer Heinrich Kaul starb 1943 und überließ seinen Söhnen Johann, ab 1933 Mitglied der NSDAP, und Heinrich das Geschäft, das allerdings in den gesamten 1930er-Jahren schon sehr schlecht gelaufen war. Die Brüder waren kriegsverpflichtet und hatten 1945 bis 1951 zaghafte Versuche zur Wiederbelebung der Fabrik unternommen, allerdings wurde das Gewerbe 1953 ganz abgemeldet. Der Innovationsdruck durch die internationale Konkurrenz in der Branche hatte in den 20 Jahren davor so erheblich zugenommen, dass Kaul & Förster schon länger nicht hatte mithalten können. Und wer war eigentlich der „Förster“ im Firmennamen? Ein Rätsel. ■ Ende des 19. Jahrhunderts revolutionierten neue Maschinen die Verpackungsproduktion. Das Unternehmen Kaul & Förster brachte Tempo in die Fabrikation von Björn Berghausen (BBWA) Erfolg in Tüten Das international erfolgreiche „Kaför Schnellläufer Modell B“ brachte es auf bis zu 150 bedruckte Papier- beutel pro Minute Zugang zum Wirtschaftsarchiv Die Bestände des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA) können nach Vereinbarung eingesehen werden. Kontakt und Infos: bb-wa.de FOTOS: BBWA Historie | 43 Berliner Wirtschaft 09 | 2026

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