Berliner Wirtschaft Juni 2026

Verteidigung IHK-Konferenz lotet das Potenzial des Berliner DefTech-Ökosystems aus Seite 10 Wettbewerb Klimaschutzpartner Berlin: Ausgezeichnete Projekte und 25-jähriges Jubiläum Seite 34 Wege durch den Förderdschungel Warum klare Ziele und enger Austausch bei der Finanzierung von Vorhaben so wichtig sind, erklären Unternehmer Fabian Ahlberg (r.) und Raphael Kube von der IBB Seite 16, Interview Seite 24 IHK Berlin IMAGE- KAMPAGNE Offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft Seite 14 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 06/2026 ihk.de/berlin

Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Wer trägt Verantwortung für 1,6 Millionen sozial- versicherungspflichtig Beschäftigte, produziert jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von 140 Milliarden Euro und sichert die Ausbildung von 35.000 jungen Menschen? Richtig, es sind wir, die Berliner Wirtschaft. Doch für Wohlstand und soziale Stabilität in unserer Stadt zu sorgen, reicht offenbar nicht, um im nahenden Wahlkampf-Getöse durchzudringen. Berlin braucht ein Bekenntnis zu seinen Unternehmen – und zwar deutlicher denn je mit Planungssicherheit, moderner Verwaltung und einer Fachkräfte-Strategie, die ihren Namen verdient. Sind Ihnen unsere IHK-Plakate mit Berliner Unternehmern in der Stadt aufgefallen? Wir zeigen die Menschen, die die Stadt voranbringen. Und als offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft fordern wir mit unserer Kampagne (S. 14) die Politik auf, gerade im Wahlkampf nicht zu vergessen, wer Berlin am Laufen hält: Sie – die Unternehmerinnen und Unternehmer! Ihr Resilienz Namhafte Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Wirtschaft haben bei einer IHK-Konferenz im Ludwig Erhard Haus die Initivative „TechHUB SVI Ost“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, effiziente Netzwerkstrukturen und Formate mit Bundeswehr, Sicherheitsbehörden, Wirtschaft und Wissenschaft zu schaffen. Seite 10 Berlin braucht ein Bekenntnis zu seinen Unternehmen berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 06 | 2026 Editorial | 03

Resilienz Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin, bei der Konferenz „Innovativ. Vernetzt. Verantwortungsvoll“ 10 16 Förderung & Finanzierung Orientierung ist wichtig, um Mittel und Wege für Aufbau oder Zukunfts- fähigkeit des Unternehmens zu finden BRANCHEN 28 Zukunftsort Im „Health Innovation Quarter Berlin-Mitte“ wird die Medizin von morgen entwickelt 34 Klimaschutz „Klimaschutzpartner Berlin“ zeichnet innovative Projekte aus und feiert Jubiläum 36 Gründungen Neue Unternehmen in Berlin kurz vorgestellt 38 Start-up Genetikerin Juanjiangmeng Du über Molecular Garden 40 Lebensmittelhandel Die Feddersen Gastro GmbH sieht in den Veränderungen des Marktes auch Chancen 42 Finanzen Frankfurter Bankhaus Metzler bündelt am neuen Berliner Standort Zukunftsthemen wie Nachfolge und Innovation AGENDA 10 Resilienz IHK-Konferenz lotet Potenzial für Verteidigung aus 12 Wasserkongress Am 1. Juli in Dresden geht es um realisierbare Projekte für eine sichere Versorgung 13 Kolumne Thomas Groth mahnt mehr Engagement für Neubau an 14 Kampagne Mit originellen Plakaten rückt die IHK Berlin die Belange der Wirtschaft in der Stadt stärker ins Blickfeld FOKUS 16 Förderung & Finanzierung Für fast jedes Vorhaben von Unternehmen gibt es Unterstützung – die IHK Berlin bietet Orientierung 22 Unternehmenspraxis Geyer Umformtechnik, Delta Engineering & Chemistry und Food Embassy erläutern ihre Strategien bei der Förderung 24 Interview Geschäftsführer Fabian Ahlberg und Raphael Kube, IBB-Abteilungsleiter, erklären, wie Förderung funktioniert Raphael Kube Abteilungsleiter bei der IBB 24 Der klassische GRW-FörderCase besteht in der Investition in neue Maschinen. Inhalt | 04

Kampagne Mit ungewöhnlichen Motiven wirbt die IHK für mehr Sichtbarkeit der Unternehmen 14 FACHKRÄFTE 46 Recruiting Wertschätzung der Fachkräfte ist für die Physiopark Berlin GmbH ein zentraler Aspekt 48 Bildung Stiftung Kinder forschen lädt zum fröhlichen Aktionstag ein 50 Internationale Talente Jobmesse für Geflüchtete bot interessante Begegnungen 51 Digitale Bildung Olga Aktas, Gründerin von Open Deutsch, im Interview 52 Berufsorientierung Wie Praktika zielgerichtet und erfolgreich genutzt werden 53 Kongress Beim Treffen zur Beruflichen Bildung ging es um die Zukunft dualer Ausbildung 54 Ausbildungsrecht IHK berät Unternehmen zu Rechten und Pflichten 56 Verbundausbildung Neue Lösungsansätze bestimmten Netzwerktreffen SERVICE 58 Transformation Index vom Fraunhofer IAO bietet Unternehmen Chance zur Selbsteinschätzung 61 Beratung Welche steuerrechtlichen Regeln bei der Verwendung von Kryptowerten im Unternehmen gelten 62 Künstliche Intelligenz Unternehmen entwickeln beim Hackathon Lösungen für den Berliner Mittelstand 63 Ländersprechtage Im Juni bietet die IHK Beratung zu internationalen Geschäften mit Italien, der Türkei und der Schweiz an 03 Editorial | 06 Entdeckt | 55 Impressum | 57 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de ILLUSTRATION: GETTY IMAGES; FOTOS: AMIN AKHTAR, IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN, IHK BERLIN Berliner Wirtschaft 06 | 2026 Inhalt | 05

FOTO: GENE GLOVER Berliner Wirtschaft 06 | 2026 Entdeckt | 06

Ein besetztes Haus, Selbstverwaltung und Idealismus im alternativen Milieu statt Businessplan: Ein wenig spiegelt sich der Geist West-Berlins in der Unternehmenshistorie der Velophil Fahrradhandel GmbH. Aber anders als andere Traditionen der alten Mauerstadt gibt es das Zweiradgeschäft noch – 40 Jahre genau. Nicht der ursprüngliche Laden, der Standort Berlin-Moabit aber ist geblieben. Gründer Rolf Wietzer, von Haus aus Pädagoge, hat die Geschicke inzwischen in die Hände von Annette Blum und Reiner Probst (Foto) gelegt. Die Philosophie, aus Überzeugung nur wertige Räder zu verkaufen, hat sich bei Velophil gehalten. Ein gutes Dutzend Voll- und Teilzeitkräfte zählt das Geschäftsführerduo in Verkauf und Werkstatt, die meisten selbst ausgebildet und langjährig beschäftigt. Mehr als 40.000 Namen umfasst die Kundendatei, nicht wenige davon Familien in x-ter Generation. Noch eine lebendige Tradition. Rad der Zeit Berliner Wirtschaft 06 | 2026 Entdeckt | 07

„Fast zwei Drittel der Berlinerinnen und Berliner sind für eine Expo-Bewerbung. Sie erkennen die immensen Chancen, die die Weltausstellung mit sich bringt. Das ist ein starkes Signal und großer Rückhalt für die Gespräche der Senatskanzlei mit dem Land Brandenburg für eine gemeinsame Ausrichtung. Noch ist es nicht zu spät, um den Innovations- und Investitionsbooster Expo in die Metropolraum- region zu holen. Dafür muss der Bewerbungsprozess aber jetzt endlich eingeleitet werden.“ Eine repräsentative IHK-Umfrage zeigt die breite Unterstützung der Bürger für eine Expo-Bewerbung Bewerbungsprozess jetzt starten gesagt Sebastian Stietzel, Präsident IHK Berlin 1,015 Mio. Kfz-Fahrten pro Tag wurden im Jahr 2024 zwischen Berlin und Brandenburg gezählt. Das geht aus einer Antwort von Verkehrsstaatssekretär Arne Herz auf eine Anfrage der Grünen zu den Pendlerbewegungen hervor. 2018 lag die Zahl noch bei 994.000 Fahrten. kopf oder zahl Jörn Peter Brinkmann Petra Meiser wurde zum neuen ehrenamtlichen Präsidenten des Berliner Hotel- und Gastro- nomieverbands Dehoga gewählt. Mit dem Inhaber des Lokals „Ständige Vertretung“ steht nach fast 30 Jahren erstmals wieder ein Gastronom an der Verbandsspitze. Zuvor waren Hoteliers im Amt. Brinkmann startete seine Karriere mit einer Ausbildung zum Hotelfachmann. ist neue CFO der IVU Traffic Technologies AG. Die studierte Wirtschaftsjuristin begann ihre Karriere im Finanz- und Strategiebereich der damaligen DaimlerChrysler AG. Danach übernahm sie Führungspositionen bei der damaligen Daimler AG und später als CFO bei Here Technologies. Zuletzt war sie Equity- Partnerin bei der Strategieberatung EY-Parthenon. FOTOS: STEPHANIE TRENZ, PRIVAT, GETTY IMAGES; ILLUSTRATION: EXPO 2035 BERLIN GMBH Berliner Wirtschaft 06 | 2026 Kompakt | 08

Veränderung zum Vorjahr in Prozent -0,3 -1 0 1 2 3 4 5 Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 2026 2008 4,8 (Mai 2022) 4,7 (Juli 2017) 2,8 (Januar) 0,0 (Februar 2021) 1,1 (Februar 2010) (Februar) Trendwende am Arbeitsmarkt Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist seit April 2025 in Berlin tendenziell rückläufig berliner wirtschaft in zahlen Ronja Pilz, IHK-Expertin für Fachkräfte Tel.: 030 / 315 10-462 ronja.pilz@berlin.ihk.de weniger Menschen in Berlin waren im Februar im Vorjahresvergleich sozialversicherungspflichtig beschäftigt. -0,3 % Berlin buddelt – Baken, Engstellen, Umleitungen allerorten. Schon vor 116 Jahren formulierte Publizist Karl Scheffler, die Stadt sei verdammt, „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Daran hat sich nichts geändert, und Bauen ist notwendig. Sieht es lange nur so als ob, spricht man von „Schlafbaustelle“, was nach Kosewort klingt – aber Leidtragende um den Schlaf bringt. Baustellenkoordination soll es richten, Anläufe hat es wiederholt gegeben, passiert ist wenig. Nun sollen große Helfer ins Spiel kommen: die Busse der BVG. Ihre Kameras sehen viel. Rollt nicht noch der Datenschutz ins Bild, erwacht die Stadt mancherorts aus dem Dornröschenschlaf. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Busse gegen Bauschlaf typisch berlin Grafiken: BW Quelle: Bundesagentur für Arbeit Kompakt | 09

IHK-Konferenz zum Aufbau eines „TechHUB SVI Ost“ lotete das Potenzial des Berliner DefTech-Ökosystems für die Verteidigung aus von Henrik Holst Innovative Sicherheit 1 2 3 agenda

Wie gelingt der Aufbau eines leistungsstarken DefTech-Ökosystems in Berlin, und welche Chancen ergeben sich daraus für Start-ups, Mittelstand und Industrie? Diese Fragen standen im Fokus der IHK-Konferenz „Innovativ. Vernetzt. Verantwortungsvoll“ Ende April. Mit rund 30 Speakerinnen und Speakern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und gut 250 Gästen wurde im Ludwig Erhard Haus diskutiert, wie die Hauptstadtregion ihre Innovationskraft künftig noch stärker für gesellschaftliche Resilienz und Verteidigungsfähigkeit einsetzen kann. Ausgangspunkt dieser notwendigen Diskussionen ist die veränderte geopolitische Lage und die wachsende Bedeutung von Innovationen, technologischer Souveränität und zivil-militärischer Zusammenarbeit. „Sicherheit, Resilienz und Verteidigungsfähigkeit sind keine abstrakten Kategorien mehr. Sie sind Voraussetzung für Freiheit, Wohlstand und wirtschaftliche Stabilität“, betonte Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin, zu Beginn der Konferenz. Dies sei auch längst nicht mehr lediglich Sache von Außen- und Verteidigungspolitik, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die ohne die Wirtschaft, ohne starke und innovative Unternehmen nicht zu leisten sei. „Berlin trägt hierbei eine besondere Verantwortung – als Hauptstadt und als politisches und wirtschaftliches Zentrum“, so Manja Schreiner weiter. Beste Voraussetzungen für DefTech Gleichzeitig – darüber gab es große Einigkeit unter den Experten und Gästen – verfügt Berlin mit seiner dichten Forschungslandschaft, einem starken Start-up‑Ökosystem und spezialisierten Industrieunternehmen über beste Voraussetzungen, um ein starkes DefTech-Ökosystem aufzubauen. Daraus ergeben sich wiederum große Potenziale für neue Partnerschaften und Wertschöpfung im Sicherheits- und Verteidigungsbereich für Berlin und Ostdeutschland insgesamt. Diese Innovationskraft soll fortan über die Initiative „TechHUB SVI Ost“ gebündelt und koordiniert werden, die der Regierende Bürgermeister Kai Wegner gemeinsam mit den landeseigenen Wirtschaftsförderungen, der IHK Berlin und den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg bei der Konferenz ins Leben rief. Unter dem Arbeitstitel „TechHUB SVI Ost“ sollen Netzwerkstrukturen und Formate mit Bundeswehr, Sicherheitsbehörden, Wirtschaft und Wissenschaft geschaffen werden, die Innovationen schneller in die Anwendung bringen. Ziel ist es, mithilfe des technischen Know-hows und der Berliner Expertise in Schlüsseltechnologie innovative Lösungen für konkrete Bedarfe von Bundeswehr, Blaulichtorganisationen und zum Schutz kritischer Infrastrukturen zu entwickeln. Entscheidend ist dabei die enge Einbindung des Bundesverteidigungsministeriums (BMVg) und der Beschaffungs- und Kommandostrukturen der Bundeswehr. Der stellvertretende Abteilungsleiter Innovation und Cyber aus dem BMVg, Eckart Meyer-Höper, gab dazu einen Einblick, wie sich Innovations- und Beschaffungsprozesse der Bundeswehr zunehmend für Start-ups, KMU und Forschungsakteure öffnen. In der Ukraine zeige sich die enorme Bedeutung von Agilität, technologischer Stärke und Entwicklungsdynamik für die Verteidigungsfähigkeit. Von Drohnen bis Mondrovern Wie leistungsstark der Standort Berlin bereits heute im Defence- und Dual-Use-Bereich ist, zeigten bei der Konferenz konkrete Praxis- beispiele von Berliner Unternehmen. So stellte das Unternehmen Germandrones vor, wie in Berlin entwickelte Drohnensysteme über die Jahre weiter spezialisiert wurden, in großer Stückzahl produziert werden und mittlerweile auch international im Einsatz sind. Das Start-up LiveEO gab Einblicke in KI‑basierte Satellitendatenanalyse zur Überwachung kritischer Infrastrukturen, und der Marienpark Berlin präsentierte den neuen Resilience Technology Campus in Tempelhof, auf dem spezielle Forschungs-, Test- und Produktionsflächen für sicherheits- und verteidigungsrelevante Technologien geschaffen werden. Und auch im AI-Berlin-Showroom vor dem Konferenzsaal gab es Defence- und Dual-Use Innovationen „made in Berlin“ im wahrsten Sinne des Wortes zum Anfassen: von KI-gestützter additiver Produktion komplexer Metallteile (Neoforge.ai) bis hin zu einem Rover, den das Berliner Start-up Neurospace gerade erst als Teil der Mondmission der Nasa ins All geschickt hat. ■ Manja Schreiner IHK-Hauptgeschäftsführerin Sicherheit, Resilienz und Verteidigungsfähigkeit sind keine abstrakten Kategorien mehr. Position Weitere Informationen auf der IHK-Website unter: ihk.de/berlin/position-defence 1 Staatssekretär Florian Hauer und IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner mit dem Mondrover, den Neurospace um Mission Managerin Heylen Polo und CEO Irene Selvanathan (v. r.) entwickelt hat 2 Eckart Meyer-Höper aus dem Bundesverteidigungsministerium (M.), auf dem Podium mit Staatssekretär Dr. Severin Fischer 3 Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner rief im Ludwig Erhard Haus die Initiative „TechHUB SVI Ost“ mit ins Leben FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN Resilienz | 11 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

Beim Kongress von Berlin, Brandenburg und Sachsen am 1. Juli in Dresden geht es um realisierbare gemeinsame Projekte von Larissa Scheu Ohne nötige Infrastruktur kein Wasser Der länderübergreifende Wasserkongress Berlin-Brandenburg-Sachsen hat deutlich an Kontur gewonnen: Aus der fachlichen Analyse ist die Frage hervorgegangen, wie große Infrastrukturprojekte tatsächlich umgesetzt und finanziert werden können. Die Komplexität der Herausforderungen wurde bereits beim Kongress 2025 in Berlin klar. Neben dem Schwammstadt‑Ansatz standen Themen wie die Wasserverfügbarkeit für Industrieansiedlungen, die Folgen des Kohleausstiegs in der Lausitz sowie der steigende Bedarf bei gleichzeitig sinkenden Grundwasserständen im Fokus. Ergebnis der Diskussionen war: Strategien und technische Ansätze sind vorhanden – entscheidend ist ihre Umsetzung im größeren Maßstab. In Berlin ist zu erkennen, wie anspruchsvoll dieser Schritt ist. Mit dem Masterplan Wasser verfügt die Stadt über eine umfassende Strategie zur Sicherung der Trinkwasserversorgung, zur Modernisierung von Netzen und Anlagen sowie zum besseren Gewässerschutz. Gleichzeitig wird das Geld knapp. Der Doppelhaushalt 2026/2027 sieht erhebliche Kürzungen im Umwelt- und Gewässerschutzbereich vor. In einer Sitzung des Umweltausschusses des Abgeordnetenhauses im Frühjahr 2026, bei der es um den Masterplan ging, zeigte die Diskussion zwar, dass Ziele und Maßnahmen viel Zustimmung finden – Finanzierung und Beschleunigung jedoch ungeklärt sind. Auch hängt die Wasserverfügbarkeit Berlins maßgeblich von überregionalen Zuflüssen ab. Nachhaltige Lösungen lassen sich daher nur im engen Schulterschluss mit Brandenburg und Sachsen entwickeln. Wasserpolitik wird zunehmend zu einer Frage der kritischen Infrastrukturpolitik. Vor diesem Hintergrund steht beim 4. Wasserkongress in Dresden die Frage im Mittelpunkt, wie die erforderlichen Investitionen in die Wasserinfrastruktur realisiert werden können. Der Handlungsdruck ist erheblich: Nach Schätzungen des Verbands kommunaler Unternehmen sind bundesweit Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe bis 2045 notwendig, etwa für den Ausbau von Leitungsnetzen, Speicherlösungen oder moderne Aufbereitungstechnologien. In der zentralen wirtschaftspolitischen Podiumsdiskussion des Kongresses in Dresden geht es um Finanzierungsmodelle, Förderinstrumente und die Rolle von Bund und Ländern. Ergänzend vertiefen Fachforen die Sachthemen, und Start-ups sowie Forschungseinrichtungen präsentieren Lösungen sowie neue Technologien zur Wasseraufbereitung. Der Kongress dürfte zeigen, ob aus Strategien tatsächlich Projekte werden. ■ Halb voll: Die Wasserversorgung ist nur zu gewährleisten, wenn die Länder der Region gemeinsam Lösungen finden Larissa Scheu, IHK-Public-Affairs-Managerin Energie- und Klimaschutzpolitik Tel.: 0171 / 353 78 84 larissa.scheu@berlin.ihk.de Anmeldung Wer am Wasserkongress in Dresden teilnehmen möchte, kann sich unter dem QR-Code anmelden. FOTO: GETTY IMAGES/YULIA REZNIKOV AGENDA | Wasserkongress | 12 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

Mehr bauen statt bremsen Neubau ist ein blinder Fleck im Berliner Wahlkampf. Für bezahlbare Mieten muss das Wohnungsangebot wachsen, nicht die Diskussion über neue Regulierungen Mieten und Wohnen sind das zentrale Wahlkampfthema 2026. Aber die politische Debatte fokussiert sich fast ausschließlich und mit zunehmender Schärfe auf zusätzliche Regulierung und teils massive Eingriffe in die unternehmerische Freiheit. Dabei ist und bleibt die entscheidende Stellschraube für bezahlbares Wohnen ein ausreichendes Angebot. Ohne neuen Wohnraum bleibt jede Regulierung ein zu kleines Pflaster auf einer immer weiter klaffenden Wunde. Der Berliner Senat hat in der zu Ende gehenden Legislatur gezeigt: Fortschritte sind möglich, wenn Politik, Verwaltung und Praxis zusammenarbeiten. Das Schneller-Bauen-Gesetz schafft wichtige Ansätze, um Verfahren zu straffen und zu beschleunigen. Der sogenannte Bauturbo wurde in Berlin mit Verwaltungsleitfäden erstaunlich zügig operationalisiert. Mit „Einfach Bauen Berlin“ sind jetzt die Baukosten im Blick – ein überfälliger und unerlässlicher Schritt, denn die Baupreise steigen weiter. In den Anfangsmonaten 2026 lagen sie in Berlin erneut rund fünf Prozent über dem Vorjahr. In Kombination mit hohen Zinsen und regulatorischen Anforderungen ist Wohnungsneubau für viele Akteure wirtschaftlich kaum noch darstellbar. Wer bezahlbar bauen will, muss an die Kosten ran – dann sinken am Ende die (Neubau-)Mieten. Das auf den Weg gebrachte Gesetz für einfaches Bauen setzt genau hier an: Weniger technische Anforderungen, flexible Standards und eine stärkere Ausrichtung am Gebäudetyp E sind richtig. Entscheidend wird die konsequente Umsetzung sein. Dafür braucht es die angekündigten untergesetzlichen Maßnahmen zur Flankierung des Gesetzes in der Praxis. Diese Legislaturperiode zeigt: Wenn alle an einem Strang ziehen, sind Verbesserungen möglich, auch wenn der eingeschlagene Weg noch nicht zu Ende ist. Die nächste Landesregierung wird sich daran messen lassen müssen, ob sie die begonnenen Reformen konsequent fortführt und die Umsetzung sicherstellt. Wer es ernst meint mit bezahlbarem Wohnen, muss die Rahmenbedingungen für den Neubau dauerhaft verbessern – verlässlich, wirtschaftlich tragfähig und frei von unnötiger Komplexität. Es bleibt zu hoffen, dass die zarten Pflänzchen „schnelles und einfaches Bauen“ des scheidenden Senats nicht in der Hitze der Debatten um Mietenbegrenzung und Vergesellschaftung vertrocknen und in Vergessenheit geraten. Am Ende gilt: Bezahlbare Mieten entstehen nicht durch mehr Regulierung, sondern durch ausreichendes Angebot. Dafür braucht es vor allem eines – den politischen Willen, den Wohnungsbau aus der Regulierungsspirale zu befreien und wieder Luft zum Atmen zu geben. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Thomas Groth ist Geschäftsführer der Groth Gruppe und Präsidiumsmitglied der IHK Berlin FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 13 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

Die IHK startet eine Image-Kampagne – für mehr Sichtbarkeit der Unternehmen. Sie und ihre Mitarbeiter sind es, deren Steuern für den Unterhalt der Metropole sorgen Eine lautere Stimme für Berlin größten Teil die Landeskasse füllen. Der Stadt geht es nur gut, wenn es auch der Wirtschaft gut geht“, erklärt IHK-Präsident Sebastian Stietzel. „Daran wollen wir mit unserer Kampagne laut und deutlich erinnern. Denn mit den Steuern der öffentlich Beschäftigten und einem Länderfinanz- ausgleich allein lässt sich eine Metropole schließlich nicht unterhalten.“ Als größtes Unternehmensnetzwerk der Hauptstadt mit mehr als 340.000 Mitgliedsunternehmen – vom charmanten Späti um die Ecke bis zum global agierenden Konzern, vom frischgebackenen Start-up bis zum traditionsreichen Mittelstand – vertritt die IHK eine riesige Bandbreite der Wirtschaft. Den Mitgliedern bietet die IHK ein ganzes Universum an Services, Angeboten und Dienstleistungen: von der Gründung bis zur Expansion, von Wachstum bis Nachfolge. Die IHK versteht sich als Beschleuniger, Gründungs-Coach, Rechtsberater, Sprachrohr, Ausbilder und noch vieles mehr – immer nah am Puls der Stadt, aufgeschlossen, partnerschaftlich, für unternehmerische Freiheit. Die Angebote reichen von kostenloser Rechtsberatung und Vernetzung über Aus- und Weiterbildung und Fachkräftegewinnung bis hin zu Finanzierung, Bürokratieabbau und Digitalisierung. Wir verstehen die individuellen Herausforderungen und Wünsche der Berliner Unternehmen und haben für jede und jeden den passenden Support parat. Der Claim „Offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft“ ist maßgeschneidert: Die IHK betont ihre relevante Grundaufgabe, jedem Unternehmen – egal ob groß oder klein – Unterstützung und Orientierung zu bieten. Denn erst wenn Berlins Unternehmen erfolgreich sind, ist es auch die Stadt Berlin. bw Plakativ: Die Kampagne ist gut sichtbar in der Stadt, zum Beispiel in der Rungestraße in Mitte oder in der Charlottenburger Wielandstraße (r.) Der Wirtschaftsverkehr steckt im Stau fest, die Bürokratie verhindert Wachstum, es gibt zu wenige Langstreckenflüge vom BER aus, fehlender Wohnraum schreckt internationale Fachkräfte ab – bei all diesen Problemen kämpft die IHK Berlin im Interesse der Unternehmen für Verbesserungen. Doch häufig fallen politische Entscheidungen, ohne die Folgen für die Berliner Wirtschaft zu bedenken. Stichwort Ausbildungsplatzabgabe oder die standortgefährdende Debatte um Vergesellschaftungen. Um noch lauter und eindringlicher für die Unternehmen der Stadt einzutreten, hat die IHK Berlin eine Image-Kampagne gestartet. Mit einem frischen Design und einer selbstbewussten Haltung in der Öffentlichkeit sollen unter dem Motto „Offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft“ die Forderungen klar formuliert werden. „Es sind die Unternehmen dieser Stadt und deren Mitarbeiter, die mit ihren Steuern zum Kampagne Weitere Informationen und Motive zur Kampagne gibt es auf der Website der „Berliner Wirtschaft“ unter: ihk.de/berlin/wtf-bw 340 000 Mitgliedsunternehmen zählt die IHK Berlin – vom Späti um die Ecke bis zum Konzern. FOTOS: IHK BERLIN AGENDA | Kampagne | 14

Der Überblick ist wichtig, um bei Förderung und Finanzierung ans Ziel zu kommen Berliner Wirtschaft 06 | 2026 fokus

INHALT 20 Programme mit Strategie Geyer Umformtechnik: Vision geht vor Förderung 22 Erfolg, nachhaltig gefördert Preiswürdig: Delta Engineering & Chemistry 23 Schnell finanziell flexibel Food Embassy setzt auf digitales Finanz-Tool 24 „Begeisterung füreinander schaffen“ Fabian Ahlberg, Ahlberg Metalltechnik, und Raphael Kube von der IBB im Doppelinterview Mittel und Wege finden Für jede Wachstumsphase und fast jedes Unternehmensvorhaben gibt es die passende Förderung oder Finanzierung. Die IHK Berlin und andere Lotsen geben Orientierung von Jens Bartels Am Geld sollte es nicht scheitern, wenn Unternehmen modernisieren, wachsen, gründen oder wichtige Maschinen anschaffen wollen. Land, Bund und EU unterstützen Firmen in vielen Phasen, angefangen von der Existenzgründung über Forschung und Entwicklung bis zum Firmenkauf oder zur Energieeffizienz. Doch wer sich zum ersten Mal mit Fördermitteln beschäftigt, merkt rasch: Aus der Fülle der Möglichkeiten wird ein regelrechtes Dickicht. Die gute Nachricht: Berlin verfügt über ein engmaschiges Netz aus Programmen, Beratungsstellen, Clustern, Inkubatoren und Finanzierungsangeboten. Entscheidend ist, diese Vielfalt nicht als Förderdschungel, sondern als Werkzeugkasten zu sehen. Wer diesen Werkzeugkasten nutzen will, braucht Klarheit über das eigene Vorhaben. Förderung beginnt nicht beim Antrag, sondern bei der Frage: Wofür genau wird sie gebraucht? In der Kultur- und Kreativwirtschaft zeigt sich, wie wichtig dieser erste Schritt ist. Kreativ Kultur Berlin ist dort für viele Akteure eine zentrale Anlaufstelle, das Beratungszentrum informiert, berät und vernetzt seit zehn Jahren sparten- und branchenübergreifend sowie kostenfrei. „Die Identifikation mit dem eigenen Produkt und der eigenen Arbeit ist in der Kreativwirtschaft sehr hoch“, sagt Melanie Seifart. „Wir Beraterinnen bei Kreativ Kultur Berlin sind immer wieder begeistert, mit welchem Ideenreichtum unsere Zielgruppe ausgestattet ist.“ Entsprechend breit gestreut sind die Anliegen. „Zu uns kommen sowohl Kreativschaffende vor der Gründung, aber auch Kreativunternehmerinnen und -unternehmer, die bereits erfolgreich gegründet haben und nun Unterstützung suchen, wie sie weiter wachsen können“, so Seifart. Andere » ILLUSTRATION: GETTY IMAGES Förderung & Finanzierung | 17

stehen an einem Wendepunkt: Ein großer Kunde ist weggebrochen, Digitalisierung und KI verändern Arbeitsfelder. „Unser Förderfinder bietet eine erste Orientierung, was für Förderprogramme für unsere Zielgruppe Kultur- und Kreativschaffende relevant sein könnten“, erklärt die Beraterin. Ausschlaggebend sei eine eindeutige Zielsetzung: „Es braucht eine klare Vorstellung, warum brauche ich zum jetzigen Zeitpunkt eine Förderung, wofür genau setze ich dieses Geld ein, und was will ich am Ende damit erreichen?“ Erst dann wird aus einem Zuschuss ein strategisches Instrument, das den nachhaltigen Aufbau und die langfristige Etablierung unterstützt. Erste Orientierung und Einordnung Erste Orientierung über die Programme liefern weitere Angebote wie etwa die IBB-Förderfibel oder die Förderdatenbank des Bundes. Ist das Ziel geklärt, folgt die richtige Einordnung: Geht es um Forschung und Entwicklung, um Markteintritt, Wachstum, Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Qualifizierung? Für technologieorientierte Vorhaben ist in Berlin Pro FIT ein zentraler Baustein, für junge Tech-Unternehmen gibt es im Rahmen des Programms auch eine Frühphasenfinanzierung. Wer noch früher ansetzt, findet über das Berliner Startup-Stipendium Luft zum Atmen. Für wissenschaftsnahe Ausgründungen bleibt EXIST ein Klassiker, für etablierte KMU auf Bundesebene das technologieoffene ZIM-Programm. So entsteht eine Förderlogik: Je genauer Phase, Ziel und Bedarf definiert sind, desto leichter lässt sich das passende Instrument finden. Nicht jedes Förderinstrument funktioniert aber gleich. Zuschüsse sind attraktiv, weil sie nicht zurückgezahlt werden müssen. Allerdings sind sie meist eng an Zwecke, Fristen und Nachweise gebunden. Daneben stehen Förderdarlehen, häufig zu besseren Konditionen als klassische Bankkredite. Doch auch ein gutes Darlehen braucht oft Sicherheiten. Genau hier kommen Bürgschaften ins Spiel. „In der Praxis schließen Bürgschaften eine sehr konkrete Lücke“, sagt Marwin Meißner von der Bürgschaftsbank Berlin. „Viele Vorhaben im Mittelstand scheitern nicht an ihrer wirtschaftlichen Tragfähigkeit, sondern daran, dass die vorhandenen Sicherheiten aus Sicht der Hausbank nicht ausreichen.“ Die Bürgschaftsbank übernimmt einen Großteil des Ausfallrisikos – möglich sind bis zu 80 Prozent – und verändert damit die Risikostruktur. Gerade in Berlin gebe es viele technologiegetriebene und dienstleistungsorientierte Geschäftsmodelle mit wenig klassischen Sicherheiten. „Unsere Bürgschaften wirken dann wie ein Katalysator: Sie ersetzen keine wirtschaftliche Substanz, aber sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Banken diese Substanz auch finanzieren können.“ Relevant wird das vor allem bei Zukunftsinvestitionen. „Bei Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Innovation sehen wir eine klare Verschiebung der Risikoprofile“, sagt Meißner. Investitionen amortisierten sich oft erst später, Cashflows seien schwerer belastbar, Sicherheiten fehlten. „In diesem Spannungsfeld sind Bürgschaften besonders relevant: Sie ermöglichen es Banken, auch solche Vorhaben zu begleiten, die zwar strategisch notwendig und wirtschaftlich sinnvoll sind, aber nicht in das klassische Sicherheitenraster passen.“ Unternehmen sollten Bürgschaften entsprechend früh mitdenken. Der Bedarf dürfte hoch bleiben: Banken agierten selektiver, zugleich stünden Unternehmen vor großen Investitions- und Transformationsaufgaben. „Hinzu kommt die demografische Entwicklung, und das Thema Unternehmensnachfolge gewinnt spürbar an Dynamik“, so Meißner. Für den weiteren Verlauf des Jahres erwartet er ein anspruchsvolles Umfeld: „Die Märkte sind von Unsicherheiten geprägt.“ Das dämpfe Investitionen und mache Banken bei ihren Kreditentscheidungen zurückhaltender. Umso wichtiger werde Risikoteilung. „Für uns bedeutet das, noch stärker als verbindendes Element zwischen Unternehmen und Hausbanken zu agieren.“ Zentrale Fragen vorab klären Doch Fördermittel wirken erst dann, wenn sie mit Netzwerken, guter Vorbereitung und realistischen Erwartungen zusammenkommen. An dieser Stelle hilft die IHK Berlin interessierten Unternehmen, viel Zeit zu sparen. Als Lotsin setzt sie nicht erst an, wenn ein Antrag geschrieben wird, sondern klärt zentrale Fragen vorab: Worum geht es, welche Fördermöglichkeiten passen, und was wird erwartet? Damit wird aus einer unübersichtlichen Auswahl ein strukturierter Plan. „Wir geben Orientierung, bereiten auf Bankgespräche vor und zeigen passende Wege sowie Ansprechpartner auf“, erläutert IHK-Vizepräsidentin Sonja Jost. Hilfreich ist dabei auch immer der Blick hinter die Kulissen „Durch unsere Arbeit in Gremien kennen wir zudem die Perspektive der Förderinstitute.“ Praktisch werde die Lotsenrolle durch Beratungen, Workshops und Formate wie die Videoreihe „Durchblick im Förderdschungel“ oder den vor Kurzem erstmalig von der IHK Berlin ausgeMarwin Meißner Bürgschaftsbank Berlin Viele Vorhaben im Mittelstand scheitern daran, dass vorhandene Sicherheiten aus Sicht der Hausbank nicht ausreichen. Melanie Seifart Kreativ Kultur Berlin Es braucht eine klare Vorstellung, warum brauche ich zum jetzigen Zeitpunkt eine Förderung. FOTOS: OLIVER LANG, MARCELINA WELLMER, IHK BERLIN/AMIN AKHTAR; ILLUSTRATION: GETTY IMAGES FOKUS | Förderung & Finanzierung | 18 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

richteten Finanzierungstag, bei dem Mitglieds- unternehmen sich in Vorträgen und im direkten Kontakt mit Experten informieren konnten. Für Jost liegt der Wert in der Praxisnähe: „Der Finanzierungstag bietet einen einfachen Einstieg in ein komplexes Thema. Er bündelt Informationen, zeigt passende Optionen auf und bringt Unternehmen direkt mit Finanzierern, Förderstellen und anderen Unternehmern ins Gespräch.“ Ziel ist, Orientierung zu schaffen und konkrete nächste Schritte zu ermöglichen. Die Botschaft der IHH-Vizepräsidentin an Unternehmen lautet: „Suchen Sie aktiv den Austausch und lernen Sie die Möglichkeiten kennen. Fördermittel können helfen, Projekte schneller und größer umzusetzen, mit dem richtigen Überblick und gegebenenfalls externer Unterstützung können tolle Chancen entstehen!“ Neben Zuschüssen, Förderdarlehen und Bürgschaften rücken alternative Kreditkanäle stärker in den Blick. Patrick Stäuble, Mitglied des Vorstands der Digital Lending Association, sieht dafür einen klaren Grund: „Der Zugang zu Bankkrediten ist für KMU in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden.“ Deshalb sollten Unternehmen ihren Finanzierungsmix breiter denken und sich mit unterschiedlichen Quellen auseinandersetzen. Non-Bank Digital Lender bieten einen zusätzlichen Finanzierungskanal neben dem klassischen Bankensektor. „Liquiditätsquelle ist nicht das Einlagengeschäft wie bei Banken, sondern sind private und institutionelle Investoren aus ganz Europa.“ Der Vorteil liegt in Geschwindigkeit und Flexibilität. „NonBank-Kredite stellen eine attraktive Alternative dar, da sie über digitale Kanäle zugänglich sind und deutlich schneller vergeben werden können“, sagt Stäuble. Angebote seien direkt bei Antragstellung möglich, Auszahlungen teilweise innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Geeignet sind solche Lösungen etwa für Betriebsmittel, Investitionen, Warenfinanzierungen, Factoring oder erneuerbare Energien. Allerdings ersetzt Tempo nicht die Substanz: Entscheidend bleiben transparente Finanzkennzahlen und ein tragfähiges Geschäftsmodell. Stäubles Empfehlung an KMU: „Schauen Sie sich möglichst breit nach Finanzierungsalternativen um und bleiben Sie offen für neue Wege.“ Das ist der rote Faden durch den Förderdschungel: Wer Ziele klar definiert, Programme klug kombiniert und Beratung früh nutzt, findet neben Geld oft auch den passenden Weg zur nächsten Entwicklungsstufe. ■ Sonja Jost Vizepräsidentin IHK Berlin Mit dem richtigen Überblick und externer Unterstützung können tolle Chancen entstehen. Tobias Rühmann, IHK-Key-Account- Manager Finanz- und Versicherungs- wirtschaft Tel.: 030 / 315 10-621 tobias.ruehmanne@ berlin.ihk.de IHK-Service Das Team Finanzierung der IHK Berlin informiert und berät. Überblick und Kontakt unter dem QR-Code: Christina Lüdtke, IHK-Fachreferentin Start-ups und Finanzierung Tel.: 030 / 315 10-405 christina.luedtke@ berlin.ihk.de Berliner Wirtschaft 06 | 2026 19

Die Geyer Umformtechnik setzt auf Nachhaltigkeit und Resilienz. Diese Ziele bestimmen auch die Auswahl passender Förderinstrumente mit Programme mit Strategie Christian Wolff ist Geschäftsführer der Geyer Umformtechnik GmbH in Berlin-Marienfelde B lech ist bei Geyer Umformtechnik Werkstoff und Wandel zugleich. Das Unternehmen aus dem Berliner Süden beweist, wie sich ein über 80 Jahre alter Industriebetrieb neu erfinden kann, ohne seine Herkunft zu verlieren. „Unser Geschäftsmodell haben wir vom klassischen Blechbearbeiter zum hochdigitalisierten, nachhaltigen Systemfertiger gewandelt“, sagt Geschäftsführer Dr. Christian Wolff. Heute vernetzt das Unternehmen Menschen, Maschinen, Roboter und Software, um vom Musterbau bis zur großen Losgröße flexibel reagieren zu können. Dabei reicht die Fertigungstiefe weit über reine Blechbearbeitung hinaus: Blechsysteme, Montagen, Beschichtungen, Druckverfahren sowie Lager- und Logistikkonzepte gehören mittlerweile zum Angebot. Der Anspruch dahinter ist strategisch: „Nachhaltigkeit ist für uns längst kein rein ethisches Thema mehr, sondern ein harter Wettbewerbsfaktor“, so Wolff. Damit wird Geyer Umformtechnik gleichzeitig zum Partner für die Dekarbonisierung der Kunden des Unternehmens. Dieser Anspruch ist eng mit Resilienz und mit der Frage verbunden, wie sich Investitionen beschleunigen lassen. Lieferketten, volatile Energiepreise und Fachkräftemangel sollen Geyer Umformtechnik nicht schwächen, sondern robuster machen. „Unser Ziel ist ein Geschäftsmodell, das äußeren Belastungen standhält“, sagt Wolff. Förderprogramme spielen dabei eine wichtige Rolle, allerdings nicht als Startpunkt, sondern als passender Verstärker. „Förderprogramme entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie zur eigenen Strategie passen“, weiß der Geschäftsführer der Geyer Umformtechnik. „Die Reihenfolge ist entscheidend: erst die unternehmerische Vision, dann die passende Förderung – nicht umgekehrt.“ Wer das Förderprogramm zum Ausgangspunkt macht, verliert nach Überzeugung von Wolff schnell den strategischen Fokus. Die Programmlandschaft ist komplex, viele Förderungen sind zeitlich befristet oder regional begrenzt. „Es lohnt sich, gezielt zu suchen, statt sich im Dschungel Dr. Christian Wolff Erst die unternehmerische Vision, dann die passende Förderung – nicht umgekehrt. FOTO: CHRISTIAN KIELMANN FOKUS | Förderung & Finanzierung | 20 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

der Möglichkeiten zu verlieren“, so der Geschäftsführer. Gute Erfahrungen hat das Unternehmen mit der IBB und der Hausbank gemacht. Beide hätten „solide Beratung und konkrete Orientierung“ gegeben. Zugleich warnt Wolff vor Nachlässigkeit: Förderbedingungen müssten sorgfältig geprüft und eingehalten werden, sonst drohten Rückforderungen oder Reputationsschäden. Sein Fazit: „Förderprogramme sind kein Selbstläufer, aber ein echter Hebel – wenn man sie richtig einsetzt.“ Der erste Schritt bleibt für Wolff deshalb die Klarheit über Ziele und Investitionsvorhaben. Erst dann wird Förderberatung vom Pflichttermin zum echten Partner auf dem Weg zur resilienten und nachhaltigen Transformation. Grüne Transformation Wie konkret dieser Hebel wirkt, zeigt der Transformationspfad der Berliner. Das Ziel des Unternehmens ist die klimaneutrale Fabrik bis 2030. „Unsere Klimabilanz, gemessen am CO2-Ausstoß, konnten wir in den letzten zehn Jahren bereits um 80 Prozent verbessern“, sagt Wolff. „Wir stellen jedoch fest, dass die verbleibenden 20 Prozent durch rein interne Maßnahmen kaum noch zu erreichen sind.“ Geyer Umformtechnik setzt deshalb auf Effizienzmaßnahmen und externe Projekte. Ein Tiny-Wald wurde bereits gepflanzt, außerdem beteiligt sich das Unternehmen an Kompensationsprojekten in Indonesien und Brasilien. Doch Transformation endet für Wolff nicht bei der eigenen Klimabilanz. Sie verändert auch die Rolle im Markt. „Beim Großteil unserer Kunden können wir unsere nachhaltigen Strukturen als echten Vorteil einbringen“, freut sich Wolff. Viele Kunden legen bereits Wert auf saubere Prozesse, Regionalität, faire Zusammenarbeit und grüne Produktionsstrategien. So wird aus grüner Transformation ein industrielles Zukunftsversprechen: effizienter produzieren, robuster wirtschaften und Kunden auf ihrem eigenen Weg zur Dekarbonisierung begleiten. ■ 80 % weniger CO2-Ausstoß hat das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren erreicht, Ziel ist die klimaneutrale Fabrik bis 2030. Förderung & Finanzierung | 21

Wer in Berlin über Chemie spricht, denkt schnell an Forschungscampus, Uni-Labore oder Konzerne. Dass auch ein Mittelständler aus der Hauptstadt international Akzente setzen kann, zeigt Delta Engineering & Chemistry – mit nachhaltigen Produkten und Technologien. „Nachhaltigkeit spielt bei Delta eine ausschlaggebende, übergeordnete Rolle“, betont Geschäftsführerin Dr. Sarah Schmitz. „Nur durch die Weiterentwicklung in diesem Bereich sehen wir eine wettbewerbsfähige Zukunft.“ Wie ernst Delta diesen Anspruch nimmt, zeigt die Auszeichnung als „ZIM-Einzelprojekt des Jahres 2025“. ZIM steht für das Förderangebot „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Im Zentrum des Delta-Projekts steht ein Markt, der kaum sichtbar ist, aber in vielen Produkten steckt. „Viele Teile im Automobil-Leichtbau, in Sanitär- oder haushaltsnahen Anwendungen bestehen aus mit Chrom beschichtetem Kunststoff“, erklärt Schmitz. Heikel ist bisher die Vorbehandlung. „In diesem Beschichtungsprozess werden hoch mutagene, karzinogene und toxische Chemikalien sowie fluorierte Netzmittel, auch als Forever Chemicals bekannt, eingesetzt.“ Für Schmitz bedeutet das: „Da der Prozess für den Endkunden meist undurchsichtig ist, sollte sich die chemische Industrie in der Verantwortung sehen, nachhaltige Ansätze auch ohne Auflagen aktiv voranzutreiben.“ Der Anspruch an die Eigenentwicklung von Delta klingt selbstbewusst: „Wir glauben, mit unserer Technologie einen radikalen Umbruch in der Kunststoffbeschichtungsindustrie zu generieren und den europäischen Markt gegenüber dem ausländischen Wettbewerb nicht nur zu stärken, sondern diesen auch technologisch und nachhaltig weit zu überholen.“ Rückenwind gab es für das Unternehmen schon vor der ZIM-Auszeichnung: 2023 gewann es den Innovationspreis Berlin Brandenburg. „Um die Umsetzbarkeit einer chemischen Prozesstechnologie im Labormaßstab zu evaluieren, ist ZIM definitiv geeignet“, resümiert Schmitz. Richtung Industrialisierung werde es aufgrund der Langwierigkeit der Entwicklungsprozesse schwieriger. Hier stoßen Förderangebote wie ZIM an Grenzen. „Leider gibt es zudem viele Berater beziehungsweise Beratungsstellen, die KMU eine erleichterte Antragstellung als Dienstleistung versprechen, jedoch nicht auf Erfolgsbasis arbeiten und hohe Gebühren fordern“, weiß Sarah Schmitz. „Hier sollte man sich ausreichend informieren, um Fördergelder nicht indirekt zu verschwenden.“ ■ Sarah Schmitz ist die Geschäfts- führerin der Delta Engineering & Chemistry GmbH Gut vernetzt Der QR-Code führt zur Unternehmerin auf LinkedIn: Als Mittelständler aus der Hauptstadt beweist Delta Engineering & Chemistry, dass Internationalität und Chemie-Innovationen nicht nur etwas für Konzerne sind Erfolg, nachhaltig gefördert Dr. Sarah Schmitz Leider gibt es zu viele Berater, die KMU eine erleichterte Antragstellung als Dienstleistung versprechen. FOTOS: CHRISTIAN KIELMANN, GENE GLOVER Berliner Wirtschaft 06 | 2026 FOKUS | Förderung & Finanzierung | 22

Holger Böckner hat die Food Embassy als internationalen Dienstleister im Food-Sektor gegründet B eim Erschließen neuer Märkte entscheidet oft nicht nur der Geschmack, sondern auch die richtige Geschichte. Die Agentur Food Embassy hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Mit Fokus auf strategische Marktentwicklung, Kommunikation und internationale Positionierung im Food- und Agrifood-Sektor agieren die Berliner an der Schnittstelle von Ernährungswirtschaft, Markteintritt, Handelskommunikation und öffentlicher Sichtbarkeit. Wie breit dieser Ansatz angelegt ist, zeigt die Zusammenarbeit mit der kanadischen Regierung für die Kampagne „Taste of Canada“. Umgesetzt hat die Agentur auch Projekte für etliche weitere internationale öffentliche und private Auftraggeber, darunter Canada Beef, die Botschaft von Estland oder das finnische Außenministerium. Aktuell entwickelt die Food Embassy zudem mit der Berliner Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz Workshop-Formate für Berliner Food-Start-ups im Rahmen der Berliner Ernährungsstrategie. Solche Mandate erfordern Kreativität und Beweglichkeit, Alltag für Holger Böckner: „Insbesondere im Agenturgeschäft ist es häufig notwendig, kurzfristig auf neue Entwicklungen und Anforderungen von Kunden zu reagieren“, sagt der Gründer der Food Embassy. „Gerade unerwartete Situationen oder Projektanpassungen verlangten oft schnelle Entscheidungen und damit unmittelbare finanzielle Flexibilität.“ Dafür nutzt das Unternehmen eine Finanzierungsmöglichkeit, bei der private und institutionelle Investoren als Quelle dienen: nicht als großen Investitionskredit, sondern als operative Reserve für ein Geschäft, zu dem Vorleistungen, Eventformate, Dienstleister, Reisen, Medienarbeit oder kurzfristige Aktivierungen gehören. Grundsätzlich richtet sich das dahinterstehende Angebot an kleine und mittlere Unternehmen, die ihren Cashflow enger steuern und bei Bedarf kurzfristig Liquidität abrufen wollen. Statt langwieriger Kreditprozesse steht eine digitale Lösung im Mittelpunkt, die Geschäftskonten einbindet, Zahlungsströme auswertet und daraus Finanzierungsspielräume ableitet. Gerade im Vergleich zu klassischen Finanzierungsmodellen ist das nach Überzeugung des Unternehmers ein entscheidender Vorteil: „Finanzielle Engpässe können schnell und ohne große Hürden und umfangreiche Bürokratie überbrückt werden“, so Böckner. „Dadurch entsteht mehr Handlungsspielraum im operativen Tagesgeschäft und eine höhere Planungssicherheit bei dynamischen Kundenprojekten.“ Am Ende ist genau das der Kern des Geschäftsmodells: Food Embassy übersetzt Märkte, Marken und Esskulturen in neue Geschäftschancen. ■ Gut vernetzt Der Unternehmer auf LinkedIn unter dem QR-Code: Die Marketingagentur Food Embassy nutzt digitale Finanzierungsmöglichkeiten, um kurzfristige Bedarfe unbürokratisch zu decken Schnell finanziell flexibel Holger Böckner Im Agenturgeschäft ist es häufig notwendig, kurzfristig auf neue Anforderungen von Kunden zur reagieren. Förderung & Finanzierung | 23 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

Raphael Kube Abteilungsleiter Im Oktober 2011 begann Raphael Kube seine Karriere bei der IBB, zunächst als Kundenberater in der Wirtschaftsförderung, später als Key-Account-Manager für IKT/Medien/ Kreativwirtschaft. Seit Mai 2019 leitet er die Kundenberatung. Fabian Ahlberg Geschäftsführer Seit September 2021 ist Fabian Ahlberg für die Ahlberg Metalltechnik GmbH tätig. Bereits seit 2024 gehört er der Geschäftsleitung an; im Juli 2025 wurde er Mehrheitsgesellschafter und CEO der Ahlberg Gruppe. Zuvor war er bei Mercedes-Benz Produktionsleiter. Die Ahlberg Metalltechnik GmbH hat schon mehrfach Investitionsvorhaben mithilfe von Förderungen aus der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ realisiert. Dabei hat die Firma aus Adlershof eng mit der Investitionsbank Berlin (IBB) zusammengearbeitet. Geschäftsführer Fabian Ahlberg und Raphael Kube, der bei der IBB die Kundenberatung leitet, sprechen miteinander über die wichtigsten Faktoren in der Zusammenarbeit zwischen einem Mittelständler und einer Förderbank. Berliner Wirtschaft: Herr Ahlberg, wie wichtig sind öffentliche Förderungen für Sie? Was haben Sie für Ihr Unternehmen möglich gemacht? FAbian Ahlberg: Wir nehmen Förderungen in zwei Kernbereichen in Anspruch. Das sind einmal Investitionsförderungen, beispielsweise wenn wir neue Fertigungsbereiche erschließen und neue Maschinen anschaffen. Die Förderungen helfen uns, die Kapazitäten zu erhöhen sowie flexibel und modern und damit wettbewerbsfähig mit unserer Fertigung zu bleiben. Der zweite Bereich sind Förderungen über die Agentur für Arbeit, um Mitarbeitern einen Einstieg in unser Unternehmen zu ermöglichen, der sonst so nicht möglich wäre. Kümmern Sie sich als CEO um Förderungen? Fabian Ahlberg: Die Geschäftsführung ist involviert, es geht dabei ja auch um strategische Überlegungen. Wir haben eine Planung für die kommenden drei bis vier Jahre, und im Rahmen der Förderungen müssen wir auch Vorgaben erfüllen – zum Beispiel die Mitarbeiterzahl erhalten. Es geht ja darum, dass wir hier im Bezirk Arbeitsplätze schaffen, Umsätze generieren und auch Steuern zahlen wollen. Dafür werden wir öffentlich gefördert. Aber die Geschäftsführung macht es nicht allein. Die Investitionsförderungen laufen über die Finanzabteilung, die Förderungen für neue Mitarbeiter über die Personalabteilung. Herr Kube, ist Ahlberg Metalltechnik ein typisches Beispiel für den Umgang mit öffentlichen Förderungen? Raphael Kube: Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie Fördermittel in die strategische Planung integriert werden. Aber das wird nicht überall so vorbildlich umgesetzt. Mir ist wichtig, dass Folgendes verstanden wird: Es muss immer ein klar definiertes wirtschaftliches Vorhaben zur Unternehmensentwicklung vorhanden sein, wenn Förderungen vergeben werden. Das können Kapazitätserweiterungen sein, aber auch Investitionen zur Gestaltung effizienterer oder nachhaltigerer Prozesse. Die Förderprogramme entwickeln sich dahin gehend stetig weiter. Was meinen Sie damit? Raphael Kube: Der klassische GRW-Förder-Case besteht in der Investition in neue Maschinen, heute gibt es aber auch häufiger die Lohnkostenförderung, wenn zur Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle keine teuren Maschinen, sondern mehr hochqualifizierte Fachkräfte benötigt werden. Auch Transformationsthemen werden stärker adressiert, beispielsweise wenn Kosten mithilfe von selbst erzeugter Energie gesenkt werden sollen. „Begeisterung füreinander schaffen“ Fabian Ahlberg, Geschäftsführer der Ahlberg Metalltechnik GmbH, und Raphael Kube, Abteilungsleiter bei der IBB, erklären, wie Unternehmen am besten zu öffentlichen Förderungen kommen von Michael Gneuss » FOTO: AMIN AKHTAR FOKUS | Förderung & Finanzierung | 24 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

Fabian Ahlberg Förderungen helfen uns, die Kapazitäten zu erhöhen. Raphael Kube Es muss ein klar definiertes wirtschaftliches Vorhaben zur Unternehmens- entwicklung vorhanden sein. Förderung & Finanzierung | 25

Fabian Ahlberg: Aus Unternehmenssicht muss ich sagen: Am Anfang ist die Hürde schon recht hoch. Ohne Erfahrung ist es schwer einzuschätzen, welche Vorgaben erfüllt werden müssen, welche Dokumente erforderlich sind und wo die richtigen Ansprechpartner sitzen. Wir haben uns 2015 mit dem Umzug nach Adlershof in die Thematik eingearbeitet, als wir hier am Standort die neue Produktionshalle und das neue Verwaltungsgebäude gebaut haben. Seitdem haben wir Erfahrungen gesammelt, mit denen wir sehr viel schneller neue Fördermaßnahmen umsetzen können, um keine Aufträge aus Kapazitätsgründen ablehnen zu müssen. Herr Kube, ist es wirklich so kompliziert, Förderungen zu beantragen? Raphael Kube: Ich glaube schon, dass es am Anfang nicht ganz einfach ist. Für eine gewisse Zeit ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema nötig. Aber ich denke, dass es danach schnell ein Stück weit zur Routine wird. Man sieht am Beispiel Ahlberg, dass es sich am Ende lohnen kann. Wer ist denn in Berlin zentraler Ansprech- partner für Unternehmen, die sich für Fördergelder interessieren? Raphael Kube: Die Kundenberatung der IBB, also die Abteilung, der ich vorstehe, ist ein guter erster Ansprechpartner. Wir haben ein Team von zwölf Beraterinnen und Beratern, die sich in den verschiedenen Branchenclustern gut auskennen. Letztlich muss nur das Vorhaben klar formuliert werden, dann kommen wir mit den Unternehmen in gute Gespräche, um Fördermöglichkeiten zu identifizieren. Herr Ahlberg, haben Sie auch schon schlechte Erfahrungen mit Förderanträgen gemacht? Fabian Ahlberg: Eigentlich nicht. Aber ich vermisse Fördermöglichkeiten. Es gibt ein riesiges Potpourri an Förderprogrammen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Doch nirgendwo können wir den enormen Aufwand fördern lassen, der für branchenspezifische Zertifizierungen entsteht. Als ehemaliger reiner Autozulieferer reduzieren wir bewusst unsere Abhängigkeit von der Autoindustrie. Wenn wir Anfragen aus der Medizintechnik oder der Luft- und Raumfahrt erhalten, werden entsprechende Zertifizierungen und Qualitätsstandards vorausgesetzt. Dafür müssen wir unter anderem Mitarbeitende weiterqualifizieren und unser Qualitätsmanagement umfassend anpassen. Das bedeutet jedes Mal einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Ich wünsche mir deshalb gezielte Unterstützung für Unternehmen, die sich in solchen Transformationsphasen neue Branchen erschließen wollen. Herr Kube, gibt es typische Fehler, die Unternehmen bei Förderanträgen machen? Raphael Kube: Wir erleben immer wieder ärgerliche und unnötige formale Fehler – so zum Beispiel, wenn eine Maschine bereits angeschafft oder beauftragt wurde und erst danach der Förderantrag gestellt wird und somit die Voraussetzungen nicht mehr erfüllt sind. Ein anderes Problem ist, dass die Erwartungen, beispielsweise hinsichtlich der Schaffung von Arbeitsplätzen, in der Fördermittelbeantragung zu optmistisch – und somit nicht mehr glaubwürdig – dargestellt werden. Sie sollten so formuliert sein, dass auch konjunktureller Gegenwind das Projekt nicht auf den Kopf stellt und Fördergelder nicht zurückgezahlt werden müssen. Gut vernetzt Kontakt zu Fabian Ahlberg auf LinkedIn über den QR-Code: Es gibt ein riesiges Potpourri von Förderungen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Fabian Ahlberg FOTOS: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 06 | 2026

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