Berliner Wirtschaft Juni 2026

T echnologischer Wandel, geopolitische Verschiebungen, veränderte Kundenbedürfnisse: Unternehmen stehen unter zunehmendem Transformationsdruck. Doch wie lässt sich messen, ob ein Unternehmen für diesen Wandel gerüstet ist? Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO hat mit dem Fraunhofer-Transformationsindex ein wissenschaftlich fundiertes Diagnosewerkzeug entwickelt, das genau hier ansetzt. Grundlage ist das sogenannte FORTE-Modell, abgeleitet aus der Auswertung von mehr als 250.000 wissenschaftlichen Publikationen der vergangenen 35 Jahre. Es identifiziert fünf Erfolgsdimensionen: Führung und Governance, Organisationskultur und Zusammenarbeit, Ressourcen und geistiges Eigentum, Technologie und Daten sowie Ecosystems und Markt. Anhand von 64 Fragen erhalten Unternehmen ein individuelles Stärken-Schwächen-Profil mit klaren Ansatzpunkten. In einer Befragung von 500 Geschäftsführenden wurde der Index erstmals großflächig eingesetzt, um zu erheben, wie transformationsfähig deutsche Unternehmen sind. Unter den fünf Dimensionen nimmt Führung und Governance eine besondere Rolle ein. Beide Faktoren sind die Voraussetzung dafür, dass alle anderen greifen können. Eine klare Transformationsvision und ein geschlossen agierendes Management schaffen erst den Rahmen, in dem Innovationskultur entstehen, Technologieinvestitionen wirken und externe Partnerschaften Früchte tragen können. Ohne diese Orientierung laufen Maßnahmen ins Leere: Kulturinitiativen verpuffen, digitale Tools werden nicht genutzt, Ressourcen falsch eingesetzt. Die Befragungsdaten zeigen Handlungs- bedarf: Knapp 40 Prozent der Unternehmen verfügen über keine klare Vision für ihre Transformation. Und obwohl 84 Prozent angeben, dass inspirierende Führung großgeschrieben wird, klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine erhebliche Lücke. Führungskräfte neigen dazu, die eigene Lage positiver einzuschätzen als die Belegschaft. Ein blinder Fleck, der Frühwarnsignale übersehen lässt. Hinzu kommt: Nur 38 Prozent verfügen über ein Topmanagement mit breiter internationaler Erfahrung, und 25 Prozent der Unternehmen haben keinerlei Frauen in Führungspositionen. Dabei zeigt die Forschung klar: Diverse Führungsteams treffen bessere Entscheidungen und gestalten Wandel erfolgreicher. Insgesamt zeigen die Ergebnisse mehr Licht als Schatten. So düster wie oft skizziert ist es um die Veränderungsfähigkeit der Unternehmen nicht bestellt. Drei Viertel zeigen sich laut Studie offen gegenüber Neuerungen: Rund 70 Prozent suchen systematisch nach Trends und Marktsignalen. 83 Prozent investieren regelmäßig in Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden, und 88 Prozent nutzen vorhandene Daten als Grundlage für Geschäftsentscheidungen. An der Spitze herrscht meist Geschlossenheit: Nur sechs Prozent berichten, dass strategische Entscheidungen im Topmanagement nicht gemeinsam getragen werden. Der Transformationsindex hilft Unternehmen, blinde Flecken zu erkennen, Zielkonflikte sichtbar zu machen und Prioritäten zu setzen. Ein mittelständisches Familienunternehmen muss andere Stellschrauben drehen als ein skalierendes Tech-Unternehmen. Der Prozess beginnt mit einer kontextbezogenen Einordnung, gefolgt von einer gemeinsamen Auswertung und der Ableitung konkreter Maßnahmen. Besonders wertvoll sind Abweichungen vom Erwarteten: Wo zeigt der Index Schwächen, die intern als Stärken galten? Dort liegen häufig die entscheidenden Hebel. Die Ergebnisse der Benchmarkstudie zeigen: Transformationsfähigkeit ist in deutschen Unternehmen vorhanden – aber ungleich verteilt und oft nicht strategisch gelenkt. Wer den Wandel steuern will, braucht zunächst ein ehrliches Bild der eigenen Ausgangslage. ■ ➜ Innovationskultur: Unternehmen mit offener Einstellung gegenüber Neuerungen erzielen höhere Anpassungsfähigkeit. ➜ Innovationsfähigkeit: Strukturierte und aktive Innovationsentwicklung ist zentral. ➜ Zugang: Zugang zu künstlicher Intelligenz (KI), zu qualitativ hochwertigen digitalen Tools und strategisch eingesetzten IT-Tools ist entscheidend. ➜ Verantwortungsübernahme: Erfolgskritisch ist, dass das Topmanagement sich persönlich für die Transformation verantwortlich fühlt und das Topmanagement-Team geschlossen die Transformation verfolgt. ➜ Wissen: Kenntnisse über digitale Technologien und Zukunftstechnologien erhöhen die Transformationsfähigkeit. Die stärksten Treiber der Transformationsfähigkeit Katharina Hochfeld Die Autorin ist Bereichsleiterin am Fraunhofer IAO und entwickelt wissenschaftlich fundierte, praxiserprobte Lösungen für Organisationen im Wandel – mit Fokus auf Digitalkultur, Innovationsfähigkeit und Transformationsprozesse. Björn Barutzki, IHK-Fachkoordinator Nachhaltigkeit Tel.: 030 / 315 10-657 bjoern.barutzki@ berlin.ihk.de Studie Die Ergebnisse zur Transformationsfähigkeit deutscher Unternehmen unter folgendem QR-Code: ILLUSTRATION: IRYNA AUHUSTSINOVICH/STOCKSY; FOTO: FRAUNHOFER IAO Transformation | 59 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

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