Berliner Wirtschaft Juni 2026

dabei eine Schlüsselrolle. „Wir unterstützen Gründerteams mit Laborinfrastruktur wie dem Co.Lab, mit Know-how in der Medikamentenentwicklung und unserem weltweiten Netzwerk“, so von Streit. Auch die Signalwirkung des Namens ist wichtig: Start-ups im Bayer Co.Lab steigern ihre Attraktivität für Wagniskapitalgeberinnen und -geber. Potenzial zum Gamechanger Einer der neuesten Mieter im Co.Lab ist EpiBlok. „Wir haben einen Genvektor entwickelt, mit dessen Hilfe wir Temporallappenepilepsie behandeln können“, erklärt Prof. Regine Heilbronn, Co-Founder. Bei dieser Form der Epilepsie entstehen Anfälle im sogenannten Temporallappen des Gehirns, dem Bereich, der Geräusche, Sprache und Erinnerungen verarbeitet. Das Potenzial der Forschung ist gewaltig: Bis zu 80 Prozent der Patientinnen und Patienten sprechen auf vorhandene Medikamente nicht an; Ultima Ratio ist ein invasiver, aber nicht immer wirksamer, neurochirurgischer Eingriff. EpiBlok kann ein Gamechanger werden. „Der Vektor wird einmalig minimal- invasiv in den epileptischen Fokus eingebracht. Er bewirkt, dass in den Neuronen Dynorphine gebildet werden – ein Stoff, der fokale Anfälle unterdrückt“, führt Heilbronn aus. Es handelt sich um ein hochkomplexes Produkt, das nur durch die enge Kooperation mehrerer Forschungsfelder möglich wurde. Heilbronns Co-Founder Prof. Christoph Schwarzer von der Medizinischen Universität Innsbruck erforscht seit 30 Jahren die Rolle von Neuropeptiden bei Epilepsie. 2012 begann die Forschung, kurz darauf entstand ein funktionierender Vektor. „Dann wollten wir Patienten therapieren“, beschreibt Heilbronn den Schritt zur Gründung. Das Interesse etablierter Unternehmen an derart neuartigen Wirkstoffen sei gering; zunächst müssten Stabilität, Herstellbarkeit und Verträglichkeit nachgewiesen werden. Das könnten nur Forscherteams leisten, die jahrelang daran gearbeitet haben. Auch für EpiBlok war es ein langer Prozess. Sehr gute fachliche Unterstützung kam aus der Charité, finanziell half das „GO-Bio“-Programm des Bundes. Jetzt beginnt die nächste Phase, die Produktion. Die Chancen stehen gut, dass EpiBloks Wirkstoff ein neues Kapitel in der Epilepsiebehandlung eröffnet. An einem neuen Kapitel der Medizingeschichte schreibt auch Cellbricks. Die TU-Ausgründung entwickelte ein 3D-Druckverfahren, mit dem aus Zellen und Biomaterial lebensfähiges Gewebe hergestellt wird. „Wir arbeiten zunächst mit Fett- und Leberzellen“, erläutert Co-Founder Alexander Leutner. Fettzellen dienen der Wundheilung, Leberzellen dem Ersatz geschädigten Lebergewebes. Ganze Organe zu drucken, sei jedoch bisher zu komplex. DeepTech erfordert einen langen Atem. Das war bei Cellbricks nicht anders. 2016 legte Co-Founder Lutz Kloke mit seiner Promotion die Grundlagen, es folgten mehrere Jahre intensiver Forschung. Das Berliner Ökosystem spielte dabei eine wichtige Rolle: „In der Early Stage waren Forschungskonsortien mit großen Instituten Gold wert“, so Leutner. In dieser Phase habe man die eigene Technologie und deren Stärken erst richtig kennenlernen können. Danach wusste man, welches Produkt man auf den Markt bringen könne. Doch nicht allein Berlins Wissenschaftslandschaft ist wichtig für das Bio-Start-up: „Wir beschäftigen 26 Mitarbeiter aus 13 Nationen.“ Es wäre schwierig, diese für einen anderen Standort in Deutschland zu gewinnen. Leutner übt jedoch auch Kritik. Die Genehmigung von Tierversuchen dauere hierzulande Monate, während man in den USA nur sechs Wochen warte. Auch aus diesem Grund unterhält Cellbricks inzwischen eine Tochtergesellschaft in Boston. „Wir haben wirklich Bock, Cellbricks aus Berlin heraus groß zu machen“, sagt er. Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren müssten schneller werden. Zeit ist die knappste Währung im Start-up-System. Medizinische Exzellenz schaffen Dieses System für die Gesellschaft zu öffnen, ist eines der erklärten Ziele des neuen Zukunftsortes. „Wir wollen die Wissenschaft und ihre Ausgründungen ins Schaufenster stellen“, kündigt Bettina von Streit an. Die Stadt solle die bahnbrechende Forschung, die hier betrieben wird, stärker wahrnehmen als bislang. „Bei Zell- und Gentherapie agieren wir auf internationalem Spitzenniveau“, so von Streit. Damit daraus auch Spitzenunternehmen werden, müsse sich das Mindset nicht zuletzt innerhalb der Forschung ändern. Nicht allein Publikationen, sondern auch Ausgründungen müssten zum Maßstab akademischer Exzellenz werden. „Medizinischer Fortschritt soll beim Patienten ankommen. Dafür müssen Verfahren und Wirkstoffe skaliert werden“, appelliert von Streit. Infrastruktur und Expertise stehen dafür im „Health Innovation Quarter Berlin-Mitte“ bereit. ■ Dr. Bettina von Streit Standortleiterin Bayer AG, Berlin Bei Zell- und Gentherapie agieren wir auf internationalem Spitzenniveau. Wo Berlin Zukunft schmiedet Weitere Informationen zum „Health Innovation Quarter Berlin-Mitte“ und zu weiteren Berliner Zukunftsorten unterm QR-Code oder: zukunftsorte.berlin FOTOS: GETTY IMAGES, NICOLE SCHNITTFINCKE, HEALTH INNOVATION QUARTER BERLIN-MITTE Zukunftsort | 29 Berliner Wirtschaft 06 | 2026

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