Köpfe der Berliner Wirtschaft

Vorgestellt: Astrid Schulze, Taube Med GmbH

Astrid Schulze, seit 30 Jahren in der Beratung für die Zulassung von Medizinprodukten tätig, hat im April 2025 gemeinsam mit einer langjährigen Kundin und KI-Expertin, Dr. Ella Kadas, die Taube_Med GmbH mit Sitz in Berlin gegründet. Heute sind sie zu viert. Mit uns spricht Astrid Schulze über ihre Mission, die Zulassungszeit für Medizinprodukte drastisch zu verkürzen – damit innovative Produkte nicht an der Bürokratie scheitern, sondern bei Patientinnen und Patienten ankommen.

Ulrike Menn
Drei Personen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Es ist ein Büro-Setup

Mit ihrer KI-gestützten Software unterstützt Astrid Schulze Unternehmen dabei, die komplexe Zulassung von Medizinprodukten deutlich schneller zu bewältigen.

Frau Schulze, was ist Ihr Business?

Wir entwickeln eine Software, mit der die Zulassung für Medizinprodukte vereinfacht werden kann. Medizinprodukte sind im Unterschied zu Arzneimitteln alle Software, Geräte, aber auch stoffliche Produkte, die nicht vom Körper aufgenommen werden. Die Zulassung solcher Produkte ist seit dem PIP-Skandal 2010 – bei dem ein französischer Hersteller Industriesilikon statt medizinisch zugelassenem Material in Brustimplantaten verwendet hatte – erheblich verschärft worden und immer komplizierter geworden. 

Mit unserer KI-gestützten Software lässt sich das Qualitätsmanagementsystem aufbauen, was besonders für Start-ups interessant ist, und die Produktdokumentation erstellen, bei der es um die Produktentwicklung, Risikomanagement, Gebrauchstauglichkeit und klinische Bewertung geht. Es muss gezeigt werden, warum das Produkt auch wirklich sicher ist. Es müssen Antworten auf die Fragen gegeben werden: Welche Risiken gibt es tatsächlich? Was haben wir getan, um diese Risiken zu begrenzen? Wie sieht die klinische Bewertung aus? Ist das Produkt schon am Patienten erprobt oder gibt es Studien, die einbezogen werden können? All das gehört zur Produktdokumentation, und die wird durch unsere Software automatisiert, vereinfacht und viel schneller.

Schnellere Zulassung von Medizinprodukten durch KI

Was ist der USP Ihrer Software?

Wir haben einen KI-Lotsen namens Tobi. Und der erklärt einem erstmal, manchmal auch mit humorvollen Geschichten, was man da überhaupt tut, was zum Beispiel das Risikomanagement oder die Klinische Bewertung eigentlich ist, sodass die Nutzenden sehr schnell den Kontext, die Zusammenhänge und den Ablauf verstehen. 

Oftmals sind Start-ups und Innovatoren regulatorische Laien, auch wenn sie ihr Produkt sehr gut kennen. Tobi führt sie Schritt für Schritt durch die Dokumentation. Dabei erstellt man die Dokumentation nicht selbst, sondern man beantwortet Fragen und die KI erstellt sie im Hintergrund. Ein Auditlog zeigt, wie die KI zu ihren Entscheidungen gekommen ist, sodass auch der Prüfer die Antworten nachvollziehen kann. 

Eine Medizinprodukte-Dokumentation ist ein unglaublich komplexes System mit sehr vielen Vernetzungen, auch zwischen den Dokumenten. Dadurch, dass alles automatisiert dokumentiert wird, ist es viel einfacher, als müsste man Word- oder Exceldateien erstellen. Mit unserer Software können wir die Dokumentationszeit auf nur sieben Wochen reduzieren. Dabei geht es uns um mehr als schnelle Dokumentation: Gerade die Menschen, die konkret an den einzelnen Aufgaben arbeiten, sollen den Prozess wirklich verstehen und ein Gefühl von Sicherheit entwickeln, statt sich von der Regulatorik überfordert zu fühlen. Tobi erklärt nicht nur, er befähigt – Regulatorik wird so zu etwas, das das Team selbst beherrscht, statt einer bürokratischen Parallelwelt neben der eigentlichen Arbeit.

Melag: 75 Jahre Medizintechnik und Innovation aus Berlin
Zu sehen sind zwei Männer im Anzug, die in einer Produktions-/Industriehalle stehen und freundlich in die Kamera schauen.
Health Tech Melag: 75 Jahre Medizintechnik und Innovation aus Berlin
Lesezeit: 3 Minuten
Lars Mölbitz

Unternehmensstart ohne zusätzliche Finanzierung

Was läuft gut, was macht Ihnen als Unternehmensgründerin Mut?

Wir haben das erste Jahr geschafft ohne zusätzliche Finanzierung. Wir haben uns parallel aus Beratungen finanziert. Überall da, wo wir unsere Software vorgestellt haben, sind die Rückmeldungen sehr gut. Es gibt zudem interessante Geschäftsanbahnungen. Das betrifft Schulungen im Bereich KI für Medizinprodukte, die global angeboten werden können und die wir auch über die Software anbieten und nutzen können. Dann haben wir den Gründungsbonus Plus, den Zuschuss von der IBB, gewährt bekommen. Unterm Strich sind wir sehr zufrieden mit der Entwicklung.

Peter Hegemann von der Humboldt-Universität gewinnt Nobelpreis für Medizin
Zu sehen sind die gezeichneten Portäist von drei Männern. Eine mit dunklen Haaren und Bart, einer zwei mit Brille. Es sind die Gewinner des Medizin-Nobelpreises 2026.
Auszeichnung für Berliner Medizinforschung Peter Hegemann von der Humboldt-Universität gewinnt Nobelpreis für Medizin
Lesezeit: 1 Minute

Regulatorische Hürden bremsen Innovation in Europa

Was läuft schlecht, was müsste sich ändern?

Die MDR (Medical Device Regulation) hat gerade die kleinen Unternehmen strukturell überfordert – und das sind in der Medizintechnik 90 Prozent des Marktes. Wir sehen rückläufige Innovation bei medizinischer Software in Europa und Abwanderung in den US-Markt, wo die Zulassungswege planbarer sind. 

Von der europäischen Politik würde ich mir wünschen, dass neue Bestimmungen künftig vorab mit denen abgestimmt werden, die den größten Marktanteil stellen. Gleichzeitig warten wir bei Taube Med nicht ab, sondern nutzen die Möglichkeiten, die neue Technologien bieten, um die MDR für kleine Unternehmen wieder handhabbar zu machen. Für Innovation in Europa und wertvolle Medizinprodukte, die schnell beim Patienten ankommen, statt jahrelang in der Zulassung zu hängen. Das ist es, wofür wir jeden Tag arbeiten.

Deutschland auf Rang 11 im internationalen Innovationsindex
Symbolbild mit Motiv aus dem Technologiepark Adlershof
UN-Innovationsindex Deutschland auf Rang 11 im internationalen Innovationsindex
Lesezeit: 1 Minute
Berlin und Brandenburg stellen Innovationsstrategie vor
Innovation Berlin und Brandenburg stellen Innovationsstrategie vor
Lesezeit: 1 Minute
Gesundheitsmetropole Berlin: Wirtschaft fordert bessere Rahmenbedingungen
Ein Auditorium mit Gästen des wahlpolitischen Dialogs und die Diskutanten vor einer Leinwand
Gesundheitswirtschaft Gesundheitsmetropole Berlin: Wirtschaft fordert bessere Rahmenbedingungen
Lesezeit: 1 Minute