Start-up Exits

Wer kauft Berlins Start-ups? Was hinter den Übernahmen 2026 steckt

In Berlin endete der Sommer mit zwei großen Exit-Deals von KI-Start-ups. Ein Blick hinter die Erfolgsgeschichten von Empion und omni:us – und was Start-ups und Mittelstand zum Thema KI-Integration wissen sollten.

Von: Daniela Rattunde
Fünf Menschen sitzen an einem Konferenztisch in einem modernen Büro.

Viele Gründerinnen und Gründer müssen sich irgendwann die Frage stellen, ob sie ihr Start-up verkaufen möchten.

  • Der Exit ist für viele Berliner Start-ups ein strategischer Weg zum Erfolg. Für Mittelständler ist der Kauf eine Innovationsstrategie.
  • KI ist ein wichtiger Kaufgrund – das zeigen die jüngsten Übernahmen in der Hauptstadt.
  • Ein Exit muss kein Ende des Unternehmens sein, sondern kann ein neues

Der Verkauf des HR-Tech Empion an das Scale-up Factorial aus Barcelona ist einer der beiden großen Übernahmedeals der Berliner Start-up-Szene in diesem Sommer. Nur knapp fünf Jahre nach der Gründung entschied sich die Unternehmerin Dr. Annika von Mutius für den Exit. Eine von Anfang an geplante Strategie? „Bis vor etwa einem Jahr dachte ich gar nicht über einen Verkauf nach“, sagt die promovierte Mathematikerin.

Ende 2021 gründete sie gemeinsam mit Co-Founder Larissa Leitner das HR-Tech-Start-up Empion: ein KI-gestütztes Matching-Tool fürs Recruiting, das nicht nur die fachliche Passung von Talenten und Unternehmen berücksichtigt, sondern auch zentrale Faktoren von Persönlichkeit und Unternehmenskultur quantifiziert, um die richtigen Menschen in die richtigen Positionen zu bringen. 

Den wissenschaftlich fundierten Ansatz, der der Empion-Technologie zugrunde liegt, bezeichnet von Mutius als „doppelten Forschungstransfer“. Diesen konnte sie an der Otto Beisheim School of Management entwickeln und später bei einem Robotics-Start-up im Silicon Valley perfektionieren.

Berliner Start-ups: Warum Empion auf die Hauptstadt setzte

Mit der Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen, kehrte Annika von Mutius nach Deutschland zurück – eine bewusste Entscheidung: „Hier in Berlin ist die Start-up-Szene, hier ist das politische Netzwerk. Die Stadt hat uns sehr herzlich empfangen.“

Ein EXIST-Stipendium gab die Anschubfinanzierung, in zwei Finanzierungsrunden sammelte Empion in den vergangenen Jahren mehr als acht Millionen Euro ein. Zu den Investoren gehörten Cavalry Ventures, Redstone VC, Basinghall Partners sowie renommierte Angels aus der HR-Tech-Branche. 

Porträt von Dr. Annika von Mutius, Co-Gründerin Empion
„Wir wollen europäisch bleiben und die geistigen Eigentumsrechte für unsere Technologien hier in Europa halten.“
Dr. Annika von Mutius Co-Gründerin Empion

Mit dem Gedanken, dass sie selbst ihr Start-up verkaufen könnte, beschäftigte sich die Gründerin erstmals, als sie vor etwa einem Jahr ein Angebot von einem traditionellen Strategen aus den USA erhielt. Damals lehnte sie ab. „Kulturell passte das gar nicht zusammen. Uns war klar: Wir wollen europäisch bleiben und die geistigen Eigentumsrechte für unsere Technologien hier in Europa halten.“

Verkauf
18
Start-ups
vollzogen in diesem Jahr bereits einen Exit.
Kapital
95
Finanzierungsrunden
wurden von Start-ups in Berlin im ersten Halbjahr durchgeführt.

Wie die Start-up-Übernahme neues Wachstum ermöglicht

In den folgenden Monaten kamen zwei, drei weitere interessierte Unternehmen auf sie zu. Eines davon war Factorial. Das Scale-up aus Barcelona mit einer Bewertung von 2,5 Milliarden US-Dollar und laut eigenen Angaben mehr als 16.000 Kunden bietet Unternehmen eine Software-Plattform, die die verschiedenen Bereiche der Personalarbeit bündelt – von Zeiterfassung über Urlaubsplanung bis zur Lohnvorbereitung. 

Dieses Mal stimmte auch der Cultural Fit: Mit der Ambition, einen europäischen KI-Champion zu bauen, traf Factorial den Nerv der Empion-Gründerin. „Mit Factorial können wir unsere Technologie auf einen riesigen Kundensatz anwenden und auf einem ganz anderen Level ausrollen“, sagt von Mutius. Was hat den Käufer aus Spanien überzeugt? „Unsere Technologie und unser großer fester Kundenstamm. Wir haben viel Zeit in langfristige Kundenbeziehungen investiert.“ 

Exit, Übernahme, Acqui-Hire: Was ist was?

Der Exit bezeichnet den Ausstieg von Gründern und Investoren aus einem Start-up, bei dem sie ihre Anteile zu Geld machen – meist durch den Verkauf an ein anderes Unternehmen oder durch einen Börsengang (IPO).

Bei einer Übernahme kauft ein Unternehmen die Mehrheit der Anteile oder die gesamte Firma. Das übernommene Unternehmen kann als eigenständige Marke weiter bestehen oder integriert werden. 

Das Kunstwort Acqui-Hire, zusammengesetzt aus „acquisition“ und „hire“ bezeichnet eine Übernahme, bei der es dem Käufer vor allem um das Team und dessen Fähigkeiten geht und weniger um Kunden oder Produkt. Die Mitarbeitenden wechseln ins Unternehmen des Käufers; das ursprüngliche Produkt wird meist eingestellt.

omni:us und adesso: Strategische Übernahme eines Berliner KI-Start-ups

Künstliche Intelligenz war auch der Treiber beim zweiten großen Exit des Sommers: die Übernahme des Berliner Insurtechs omni:us durch den IT-Dienstleister adesso aus Dortmund. 2015 gegründet, hat sich omni:us in den vergangenen elf Jahren zu einer führenden KI-gestützten Schadenplattforme für Versicherer entwickelt. In acht Finanzierungsrunden sammelte das Start-up rund 56 Millionen US-Dollar von Investoren ein, im August 2026 erfolgte der Verkauf an adesso.

Ähnlich wie im Fall von Factorial ist auch für den IT-Dienstleister aus Dortmund die Übernahme in erster Linie ein strategischer Technologiezukauf: adesso erhält eine bereits im Markt erprobte KI-Plattform, die er in seine bestehenden Softwarelösungen integrieren kann. Das Start-up wiederum bekommt Zugang zu adessos Kundenstamm und damit die Skalierungsmöglichkeit über einen deutlich größeren Partner. Marke und Team von omni:us bleiben erhalten – ebenso die Arbeitsplätze in Berlin.

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Wie Käufer und Verkäufer gemeinsam vom Start-up Exit profitieren

Tobias Wagenführer weiß, worauf es bei einem Exit ankommt. 2015 war er Mitgründer des Start-ups Aaron.ai. Elf Jahre später verkaufte er den KI-gestützten Telefonassistenten für Arztpraxen an Doctolib. Seit Anfang Oktober ist er Co-CEO von One Thousand. Das Unternehmen versteht sich als Partner für die KI-Transformation von Europas Schlüsselindustrien.

Sein Tipp für Gründerinnen und Gründer, die über einen Exit nachdenken? „Klärt frühzeitig, was ihr mit eurem Unternehmen erreichen wollt und welche Rolle ihr selbst spielen möchtet. Für uns war entscheidend, wie wir mehr Menschen mit Aaron.ai erreichen können. Mit Doctolib ging das schneller, als wir es allein geschafft hätten – ein Partner, der unsere Technologie versteht und sie nutzen kann.“ 

Porträt von Tobias Wagenführer, Co-Gründer One Thousand
„Vom Mittelstand können Start-ups lernen, wie wertvoll Branchenwissen und lange Kundenbeziehungen sind.“
Tobias Wagenführer Co-CEO One Thousand

Wie geht es nach dem Start-up Exit weiter?

Die Frage „Was können beide gemeinsam besser als allein?“ ist für Wagenführer ein wichtiger Richtungsmesser bei der Frage, was genau ein Unternehmen für einen Käufer interessant macht. Ansonsten gelte: „Ein Produkt, das ein zentrales Problem löst, zahlende Kunden und ein gutes Team.“ 

Um als Mittelständler zu erkennen, ob ein Start-up als Partner oder Übernahmeziel infrage kommt, rät er, mit dessen Kunden zu sprechen: „Funktioniert das Produkt im Alltag? Welchen Mehrwert liefert es im täglichen Geschäft? Wird es tatsächlich angewandt? Dann sehe ich schnell, ob es auch in mein Kerngeschäft passt und sich integrieren lässt.“ Dass das Team die Branche versteht, ist eine weitere wichtige Voraussetzung für den ehemaligen Gründer: „Vom Mittelstand können Start-ups lernen, wie wertvoll Branchenwissen und lange Kundenbeziehungen sind. Wer Abläufe verändern will, sollte wissen, wie sie entstanden sind.“

Die Offenheit für Veränderungen jedenfalls sei da. „Im Mittelstand, der die europäische Wirtschaft trägt, erlebe ich gerade eine Aufbruchstimmung“, sagt Wagenführer. 

Ein Exit muss also kein Endpunkt sein. Vielmehr kann er eine neue Wachstumsphase einleiten – wenn Technologie, Team und Kultur zum Käufer passen. Für Mittelständler wiederum ist der Zukauf eines Start-ups einer von mehreren Wegen, KI ins Kerngeschäft zu bringen. Dass Berlin dafür ein reiches Angebot bereithält, belegen die Zahlen: Kapital fließt in die Hauptstadt, und die Übernahmen des laufenden Jahres kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen.