Fachkräfte

5 Learnings aus der Berliner Ausbildungsumfrage

Viele Jugendliche wollen eine Berufsausbildung antreten, trotzdem bleiben Tausende Stellen in Berlin offen. Neue IHK-Erhebungen zeigen, woran das Matching scheitert und warum Wohnraum für Unternehmen zunehmend zum Recruitingfaktor wird. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse.

Azubis im Handwerk.

Gute Nachrichten für Berliner Unternehmen: Die duale Ausbildung besitzt laut Studie weiterhin Attraktivität.

Berlins Ausbildungsmarkt hat ein paradoxes Problem: Die Unternehmen suchen Nachwuchs, die Jugendlichen einen Ausbildungsplatz – und trotzdem finden beide Seiten häufig nicht zueinander. 

Rund 80 Prozent der befragten Auszubildenden haben sich bewusst für eine duale Ausbildung entschieden. Gleichzeitig konnten 42 Prozent der Ausbildungsbetriebe nicht alle angebotenen Plätze besetzen.

Das zeigt eine aktuelle Umfrage der IHK Berlin sowie eine Wohnbedarfsstudie des Forschungsinstituts Empirica im Auftrag der IHK. An den Befragungen beteiligten sich jeweils mehr als 400 Berliner Auszubildende und Unternehmen. Welche Learnings ergeben sich aus den Ergebnissen für ausbildende Betriebe?

1. Das Interesse an Ausbildung ist größer, als die offenen Stellen vermuten lassen

Wer die vielen freien Ausbildungsplätze allein als Zeichen mangelnden Interesses junger Menschen deutet, greift zu kurz. Rund 80 Prozent der befragten Azubis haben sich bewusst für den dualen Ausbildungsweg entschieden. Und 85 Prozent würden ihren Betrieb weiterempfehlen.

Das ist eine gute Nachricht für Berliner Unternehmen: Die duale Ausbildung besitzt weiterhin Attraktivität. Die eigentliche Herausforderung liegt offenbar weniger darin, Jugendliche grundsätzlich von einer Ausbildung zu überzeugen, sondern darin, die passenden Bewerbenden und Betriebe zusammenzubringen.

Ausbildungsplätze
42
Prozent
der Ausbildungsbetriebe konnten nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen.
Qualifikation
95
Prozent
der befragten Betriebe stellen Mängel bei der Ausbildungsreife fest.

2. Das größte Problem ist das Matching

42 Prozent der Ausbildungsbetriebe konnten nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Besonders deutlich wird das Problem bei den Gründen: 52 Prozent der betroffenen Unternehmen geben an, keine geeigneten Bewerbungen erhalten zu haben. Bei 15 Prozent gingen überhaupt keine Bewerbungen ein.

Damit wird Recruiting für Ausbildungsbetriebe zunehmend zu einer eigenen Aufgabe. Sichtbarkeit, eine verständliche Ansprache und niedrigschwellige Bewerbungswege können wichtiger werden – ebenso wie Unterstützung beim Matching zwischen Schulen, Jugendlichen, Arbeitsagentur und Unternehmen.

3. Viele Ausbildungsplätze tauchen in der offiziellen Statistik gar nicht auf

Allein bei der Bundesagentur für Arbeit waren zum Zeitpunkt der Erhebung mehr als 5.000 Ausbildungsplätze in Berlin frei. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch höher liegen.

Denn nur 56 Prozent der befragten Betriebe melden ihre Ausbildungsstellen immer an die Arbeitsagentur. 44 Prozent tun dies nur gelegentlich oder gar nicht. Für Unternehmen bedeutet das zugleich: Wer nicht alle verfügbaren Kanäle nutzt, verkleinert möglicherweise unnötig die eigene Reichweite bei der Suche nach Nachwuchs.

Azubi-Mangel in Berlin: Warum Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können
Azubi arbeitet an einem elektronischen Schaltkreis.
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Judith Hyams

4. Wohnraum wird zum Standortfaktor für Ausbildungsbetriebe

Ein Ausbildungsplatz allein reicht nicht, wenn sich junge Menschen das Leben in Berlin nicht leisten können. Laut der Wohnbedarfserhebung berichten rund drei von zehn Unternehmen, dass Jugendliche ihre Stelle wegen einer fehlenden Unterkunft gar nicht erst angetreten haben. Etwa jeder sechste Betrieb hat aus diesem Grund bereits Kündigungen erlebt.

Schon heute haben 65 Prozent der Ausbildungsanfänger Wohnraumbedarf. Bis 2040 werden nach der Untersuchung jährlich rund 3.400 zusätzliche Wohnplätze allein für Auszubildende benötigt, die von außerhalb nach Berlin ziehen.

Für Unternehmen wird bezahlbarer Wohnraum damit zu einem Faktor der Fachkräftesicherung. Wer überregional rekrutiert, muss zunehmend mitdenken, wie neue Azubis in Berlin tatsächlich ankommen können.

Match statt Mappe: Drei digitale Recruiting-Trends für die Azubi-Suche

Profil-Matching: Wer passt zu wem?
Bei Azubiyo werden die Profile von Ausbildungssuchenden mit den Anforderungen der ausgeschriebenen Stellen abgeglichen. Eine Rolle spielen unter anderem Stärken, schulische Voraussetzungen, gewünschte Arbeitsbedingungen und die Region. Daraus ergibt sich eine prozentuale Übereinstimmung. So können Jugendliche auch auf Ausbildungsplätze aufmerksam werden, nach denen sie selbst gar nicht gesucht hätten – interessant etwa für weniger bekannte Berufe oder Unternehmen.

Swipe-Matching: Erst wenn beide wollen
Bei AzubMe funktioniert die Kontaktaufnahme ähnlich wie bei einer Dating-App: Jugendliche swipen durch Ausbildungsangebote und signalisieren per Wischbewegung ihr Interesse. Der Betrieb sieht anschließend das Profil und entscheidet seinerseits. Nur wenn beide Seiten Interesse haben, entsteht ein Match und der direkte Chat wird freigeschaltet. Ein klassisches Anschreiben ist für diesen ersten Kontakt nicht nötig.

Video-First-Recruiting: Ausbildung im Feed erleben
WÖRK setzt stärker auf das Nutzungsverhalten sozialer Medien: Unternehmen präsentieren Ausbildungsplätze mit kurzen Videos; über das Creator-Programm können auch die eigenen Azubis Einblicke in ihren Arbeitsalltag geben. Die Plattform kombiniert diese Inhalte mit Matching und führt interessierte Jugendliche anschließend zur Bewerbung. Damit wird Arbeitgeberkommunikation weniger zur Stellenanzeige und stärker zum Content-Angebot.

5. Mit dem Ausbildungsvertrag ist das Problem nicht gelöst

Die Zahlen zeigen auch, dass erfolgreiche Nachwuchsgewinnung nicht mit dem Recruiting endet. 95 Prozent der befragten Betriebe stellen Mängel bei der Ausbildungsreife fest. Hinzu kommen Abbrüche während der Probezeit: Bei 34 Prozent der Betriebe wurden Ausbildungsverträge vom Unternehmen aufgelöst, bei 28 Prozent von den Auszubildenden.

Die Konsequenz: Onboarding, Betreuung und Unterstützung beim Übergang von der Schule in den Beruf gewinnen an Bedeutung. Zugleich sind die Unternehmen nicht allein gefragt. Die IHK fordert unter anderem eine stärkere Ausbildungsreife an Schulen und mehr Unterstützung beim Matching durch die Bundesagentur für Arbeit.

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Aaron Baumgart

Ausbildung wird zur Gemeinschaftsaufgabe

Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Berlin fehlt es nicht nur an Bewerbenden oder Ausbildungsplätzen, sondern an passenden Verbindungen zwischen beiden – und an den Rahmenbedingungen, damit eine Ausbildung überhaupt stattfinden kann. 

Neben Recruiting und Betreuung rücken damit Themen ins Zentrum, die Unternehmen kaum allein lösen können: bezahlbarer Wohnraum, schulische Vorbereitung, Bürokratie und eine bessere Vermittlung.