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100 Jahre Meister der Prothetik

Ottobock, Weltmarktführer auf seinem Gebiet, feiert Jubiläum. Das Unternehmen schaut auf ein Jahrhundert Innovationen in der Medizintechnik – und derzeit auch auf das Gedeihen einer Hauptstadtrepräsentanz mit Zukunftslabor, Büros und Biergarten.
von Almut Kaspar Ausgabe 04/2019

Haupteigentümer und Vorsitzender des Verwaltungsrats, Hans Georg Näder, lenkt die Geschicke von Ottobock in dritter Generation
Haupteigentümer und Vorsitzender des Verwaltungsrats, Hans Georg Näder, lenkt die Geschicke von Ottobock in dritter Generation. Foto: Ottobock
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  • Ottobock blickt auf 100 Jahre Erfolg – aber richtet den Block vor allem auf morgen.
  • Ein Co-working-space lockt junge Talente.

Ber­lin, 10. Febru­ar 1919. An der Köpe­ni­cker Stra­ße 147 grün­det der Ortho­pä­die­tech­ni­ker Otto Bock die Ortho­pä­di­sche Indus­trie GmbH, weil er mit seri­ell gefer­tig­ten Pro­the­sen­pas­s­tei­len Zehn­tau­sen­de von Kriegs­ver­sehr­ten ver­sor­gen will. Nach der Ermor­dung der kom­mu­nis­ti­schen Spar­ta­kis­ten Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg kommt es zu Stra­ßen­kämp­fen, in denen weit über 1.000 Auf­stän­di­sche getö­tet wer­den. Auch auf Otto Bock wird geschos­sen – die Kugel fängt aber eine Pro­the­se ab, die er bei sich trägt. Weil die Unru­hen andau­ern, ver­legt er sein Unter­neh­men nach König­see in Thü­rin­gen.

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Dort beginnt 1935 der damals 20-jäh­ri­ge Max Näder eine Aus­bil­dung und hei­ra­tet 1943 Bocks Toch­ter Maria. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wird das Unter­neh­men von den sowje­ti­schen Besat­zern ent­eig­net, und Max Näder baut im nie­der­säch­si­schen Duder­stadt aus dem Nichts eine neue Pro­the­sen-Pro­duk­ti­on auf. Als Bock 1953 stirbt, über­nimmt Max Näder die Lei­tung. Das Jüpa-Knie, ein Brems­knie­ge­lenk mit hoher Stand­si­cher­heit, wird zum Export­schla­ger. 1961 wird Hans Georg gebo­ren – 1990, gera­de mal 28 Jah­re alt, löst er sei­nen Vater als Unter­neh­mens­len­ker ab.

Vom Show­room zum Böt­zow-Are­al

Heu­te, 100 Jah­re nach der Fir­men­grün­dung, ist Hans Georg Näder Vor­sit­zen­der des Ver­wal­tungs­rats der Otto­bock SE & Co KGaA mit über 7.000 Mit­ar­bei­tern und Toch­ter­ge­sell­schaf­ten in mehr als 50 Län­dern. Als Welt­markt­füh­rer ent­wi­ckelt und pro­du­ziert Otto­bock für Men­schen mit ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät medi­zin­tech­ni­sche Pro­duk­te und Ver­sor­gungs­kon­zep­te in den Berei­chen Pro­the­tik, Orthe­tik, Human Mobi­li­ty und ver­sorgt Pati­en­ten im Bereich Medi­cal­Ca­re.

Sei­nen Geburts­ort Duder­stadt, wo sich der Sitz der Fir­men­zen­tra­le befin­det, bezeich­net er als sei­nen Hei­mat­ha­fen, Ber­lin aber, wo er 2009 das Otto­bock Sci­ence Cen­ter am Pots­da­mer Platz eröff­ne­te, ist zu sei­nem Zuhau­se gewor­den. „In Ber­lin neh­men wir Strö­mun­gen auf, nicht zuletzt aus der Grün­der­sze­ne, und ver­stär­ken sie mit digi­tal ver­sier­ten Mit­ar­bei­tern“, sagt Mark C. Schnei­der, Lei­ter der Haupt­stadt­re­prä­sen­tanz. Das Otto­bock Sci­ence Cen­ter, bis 2018 Ber­lin-Reprä­sen­tanz und mit rund einer Mil­li­on Besu­chern das tech­no­lo­gi­sche Schau­fens­ter des Med­Tech-Unter­neh­mens, soll dem­nächst fremd­ver­mie­tet wer­den. Neu­er Stand­ort ist nun das mehr als 23.000 Qua­drat­me­ter gro­ße Are­al der ehe­ma­li­gen Böt­zow-Braue­rei in Prenz­lau­er Berg, das Hans Georg Näder 2010 mit­samt den denk­mal­ge­schütz­ten Braue­rei-Gebäu­den von der Metro AG gekauft hat­te und das seit­dem nach einem Mas­ter­plan von Star­ar­chi­tekt Sir David Chip­per­field kon­ti­nu­ier­lich revi­ta­li­siert wird.

Auf das Are­al an der Lands­ber­ger Chaus­see war der Otto­bock-Chef damals zufäl­lig gesto­ßen. „Hans Georg Näder war von die­sem Gelän­de sofort fas­zi­niert“, weiß Mark C. Schnei­der, „er hat einen Plan ent­wi­ckelt: In die­sen alten Stei­nen soll sich das Unter­neh­men mit der Zukunft beschäf­ti­gen.“

1919 gründete Otto Bock in Berlin die Orthopädische Industrie, die heutige Ottobock SE & Co. KGaA mit Hauptsitz in Duderstadt
1919 grün­de­te Otto Bock in Ber­lin die Ortho­pä­di­sche Indus­trie, die heu­ti­ge Otto­bock SE & Co. KGaA mit Haupt­sitz in Duder­stadt. Otto­bock beschäf­tigt inzwi­schen welt­weit über 7.000 Mit­ar­bei­ter in mehr als 50 Län­dern Foto: Otto­bock

Eine Krea­tiv­platt­form für Digi­tal Nati­ves

Böt­zow-Eigen­tü­mer Näder ließ 2013 das vom Künst­ler­duo Eva & Ade­le in pin­ken Let­tern gestal­te­te Wort FUTURING auf dem 43 Meter hohen Braue­rei-Schorn­stein anbrin­gen und errich­te­te zwei Jah­re spä­ter einen rie­si­gen Zelt­bau als Open Inno­va­ti­on Space. Hier expe­ri­men­tier­ten jun­ge Talen­te neben Ent­wick­ler-Teams von Otto­bock in den Co-working-Offices des Fab Lab und tüf­tel­ten mit­hil­fe von 3D-Dru­ckern, Laser-Cut­tern oder Pla­ti­nen­frä­sen an Pro­the­sen-Pro­to­ty­pen und inno­va­ti­ven Mobi­li­täts­hil­fen. Umge­setzt wur­den mehr als 15 For­schungs- und Ent­wick­lungs­pro­jek­te – drei Mil­lio­nen Euro inves­tier­te Hans Georg Näder per­sön­lich in die­sen Kick-off, wei­te­re drei Mil­lio­nen sein Unter­neh­men, hin­zu kamen öffent­li­che For­schungs­gel­der in Höhe von elf Mil­lio­nen Euro.

In Ber­lin neh­men wir Strö­mun­gen auf, nicht zuletzt aus der Grün­der­sze­ne, und ver­stär­ken sie mit digi­tal ver­sier­ten Mit­ar­bei­tern.
Mark C. Schnei­der, Lei­ter der Haupt­stadt­re­prä­sen­tanz Otto­bock

Dem­nächst wird das Zelt wie­der abge­baut, weil die alten Braue­rei-Bau­ten, die auf­wen­dig und denk­mal­schutz­ge­recht saniert wur­den, weit­ge­hend fer­tig­ge­stellt sind. Die Otto­bock-Haupt­stadt­re­prä­sen­tanz ist bereits ein­ge­zo­gen, eben­so wie die Roll­stuhl-Ent­wick­lung des Geschäfts­be­reichs Human Mobi­li­ty und das Fami­ly Office der Inha­ber-Fami­lie Näder sowie das Start-up Lab-Twin des Göt­tin­ger Life-Sci­ence-Unter­neh­mens Sar­to­ri­us, das zudem als neu­er Anker­mie­ter auf Böt­zow gewon­nen wer­den konn­te. Vor­aus­sicht­lich im Mai wird die Otto­bock-Pati­en­ten­ver­sor­gung ein wei­te­res Haus mit dazu­ge­hö­ri­gem Park bezie­hen.

Ein his­to­ri­scher Kreis schließt sich

Böt­zow sei ein leben­des und atmen­des Pro­jekt, das sich im Lauf der Jah­re teil­wei­se anders ent­wi­ckelt habe, als es ursprüng­lich vor­ge­se­hen war. So wer­de die Tief­ga­ra­ge jetzt klei­ner, und statt eines Hotels wer­de es eine Neu­be­bau­ung mit Micro-Living-Apart­ments geben. „Hans Georg Näder möch­te das Are­al zu einem rich­ti­gen Kiez machen“, so Schnei­der. Auch ein Bier­gar­ten soll wie­der ent­ste­hen.

Damit schließt sich ein his­to­ri­scher Kreis. Denn im dama­li­gen Bier­gar­ten hat­te Anfang Janu­ar 1919, nur ein paar Tage vor sei­ner Ermor­dung, Karl Lieb­knecht sei­nen Revo­lu­ti­ons­aus­schuss gegrün­det. Auf einem Gedenk­stein am Böt­zow-Quar­tier heißt es, er habe „von hier aus die Kämp­fe der revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter und Sol­da­ten“ geführt.


Unternehmens-Profil

Otto Bock Health­Ca­re Deutsch­land GmbH

Medi­zin­tech­nik­un­ter­neh­men

7000

Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt Otto­bock.
Stand 04/2019

1919

grün­de­te Otto Bock die Ortho­pä­di­sche Indus­trie GmbH.
Stand 04/2019

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