Gesundheitswirtschaft

Longevity in Berlin: Wer zahlt bis zu 16.900 Euro für mehr gesunde Jahre?

Ganzkörper-MRT, Biomarker, biologisches Alter: Die Berliner Longevity-Klinik YEARS hat ihre Buchungen binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Auch Start-ups bauen Geschäftsmodelle rund um gesunde Lebensjahre. Doch lässt sich damit schon Geld verdienen?

Von: Jana Illhardt
Frau, die während eines kardiopulmonalen Stresstests auf dem Laufband-Ergometer läuft.

Ausdauertest auf dem Laufband-Ergometer: Leistungsdiagnostik zählt zu den besonders gefragten Bausteinen von Longevity-Check-ups.

Joachimsthaler Straße, Charlottenburg. Wer hier zum Check-up kommt, plant einen ganzen Tag ein: Blutabnahme, Belastungstest auf dem Ergometer, Ultraschall von Herz und Gefäßen, je nach Programm ein Ganzkörper-MRT. Am Ende stehen bis zu 230 Laborwerte und eine Einschätzung des biologischen Alters.

Die Longevity-Klinik YEARS  verlangt dafür zwischen 1.900 und 16.900 Euro – und kommt mit der Nachfrage kaum hinterher. „Im Juni haben wir unsere Kapazitäten in der Berliner Klinik um 50 Prozent erweitert, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Zuvor waren wir bereits nah an unserem Kapazitätslimit“, sagt Jürgen Mehrtens, Mitgründer & CEO von YEARS. Die Buchungen seien im Vergleich zum Vorjahr um etwa das 2,5-Fache gestiegen.

Was lange als Nische für Biohacker galt, wird zum Geschäftsfeld, in dem Medizin, Fitness, Ernährung und Beauty zusammenwachsen. Doch tragen die Geschäftsmodelle schon?

Was bedeutet Longevity – und was unterscheidet sie von Anti-Aging?

Longevity heißt Langlebigkeit. Gemeint ist weniger, möglichst alt zu werden, als möglichst lange gesund und leistungsfähig zu bleiben. Fachleute sprechen von Healthspan statt Lifespan.

Bekannt gemacht haben den Trend Figuren wie der US-Unternehmer Bryan Johnson, der laut Bloomberg rund zwei Millionen Dollar im Jahr für sein Programm „Blueprint“ ausgibt. Mit dem Berliner Markt hat diese Extremform wenig zu tun. Hier geht es um Diagnostik, Supplements, Training und Hautpflege – und um die Frage, wofür Kundinnen und Kunden dauerhaft zahlen.

Die Nachfrage ist messbar: In der McKinsey-Studie „Future of Wellness“ 2025  nannten bis zu 60 Prozent der mehr als 9.000 Befragten aus Deutschland, Großbritannien, den USA und China gesundes Altern eine Top- oder sehr wichtige Priorität. In der Vorschau auf den Report 2026 führt McKinsey Longevity als erstes von sieben Wachstumsfeldern.

Vier Longevity-Geschäftsmodelle in Berlin

  • Klinik und Diagnostik: ärztliche Check-ups, bezahlt von Privatkunden oder Arbeitgebern 
  • Produkte direkt an Verbraucher: Supplements, Hautpflege und Labortests im Onlineshop, oft im Abo 
  • Digitale Screenings: smartphonebasierte Vorsorge, vertrieben über Kliniken und Krankenversicherer 
  • Arbeitgeberangebote: Firmen-Check-ups als betriebliche Gesundheitsleistung im Wettbewerb um Fachkräfte

Longevity-Check-up bei YEARS in Berlin: Wer bucht und warum

YEARS positioniert sich als ärztlich geführte Klinik, nicht als Wellnessangebot. Besonders gefragt sind laut Unternehmen umfassende Blutanalysen, Herz-Kreislauf-Diagnostik, Spiroergometrie und die ärztliche Gesamtbewertung der Ergebnisse.

„Unser CORE-Programm für 1.900 Euro ist bewusst so konzipiert, dass umfassende Präventionsmedizin breiter zugänglich wird“, sagt Mehrtens. Ein wichtiger Teil der Kundschaft seien Unternehmen, die den Check-up für ihre Mitarbeitenden finanzieren. Die teureren Programme buchen vor allem Unternehmerinnen und Unternehmer, Führungskräfte und vermögende Privatkunden.

Das Motiv: „Viele möchten gesundheitliche Risiken erkennen, bevor Beschwerden entstehen, und fundierter verstehen, wo sie aktuell stehen.“ Weil YEARS nach der Gebührenordnung für Ärzte abrechnet, können private Versicherer je nach Tarif erstatten – ein Faktor für die Zahlungsbereitschaft der Kundschaft.

Jürgen Mehrtens, Mitgründer & CEO von YEARS, sitzt in einem weißen Sessel.

Im Juni hat die Charlottenburger Longevity-Klinik YEARS von Jürgen Mehrtens ihre Kapazitäten um 50 Prozent erweitert.

„Im Vergleich zum Vorjahr sind unsere Buchungen um etwa das 2,5-Fache gestiegen.“
Jürgen Mehrtens Mitgründer & CEO von YEARS

Verdient YEARS schon Geld mit Longevity?

Konkrete Umsatz- oder Gewinnzahlen nennt YEARS nicht. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, sagt Mehrtens. Eine Klinik mit diesem diagnostischen Umfang, Personal und technischer Infrastruktur sei kostenintensiver, als man zunächst vermuten könnte. Wirtschaftlich entwickle sich das Unternehmen jedoch sehr positiv. Wann der Breakeven erreicht sein soll, lässt YEARS offen.

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MoleQlar und YOU(th): Longevity als Konsumprodukt und als App

Niedrigschwelliger arbeitet MoleQlar. Das 2020 gegründete Unternehmen aus Mitte verkauft Nahrungsergänzung, Sportnahrung, Hautpflege und Labortests, etwa einen biologischen Alterstest ab 129,90 Euro, vieles im Abo. 2023 erhielt MoleQlar eine Seed-Finanzierung von Rheingau Founders und übernahm den Münchner Epigenetik-Spezialisten EpiQMAx. Nach eigenen Angaben zählt es mehr als 100.000 Kundinnen und Kunden.

YOU(th) Health Tech macht das Smartphone zum Screening-Instrument: Aus Gesichtsvideos, Sprachaufnahmen und Hautbildern sollen in unter zwei Minuten mehr als 50 digitale Biomarker entstehen. Im Februar 2026 sammelte das Start-up 4,5 Millionen US-Dollar ein und hat nach eigenen Angaben mehr als 20 Verträge mit Kliniken und Krankenversicherern. „Alle reden über Prävention, doch nur etwa acht Prozent lassen sich in der optimalen Häufigkeit untersuchen“, sagte Gründer Filippo Nigro.

Nachfrage
2,5-fach
So stark sind die Buchungen der Berliner Longevity-Klinik YEARS im Vergleich zum Vorjahr gestiegen (Unternehmensangabe).
Gesundheitswirtschaft
37 Mrd. Euro
So viel Umsatz erwirtschaften rund 24.000 Unternehmen der Gesundheitswirtschaft in der Hauptstadtregion (Quelle: Senatsverwaltung für Wirtschaft).
Fitnessmarkt
6,25 Mrd. Euro
Rekordumsatz der deutschen Fitness- und Gesundheitsanlagen 2025, ein Plus von 7,4 Prozent.

Was der Longevity-Trend für Berliner Unternehmen bedeutet

Für Arbeitgeber werden Präventions-Check-ups zum möglichen Benefit im Wettbewerb um Fachkräfte – ein Modell, auf das Anbieter wie YEARS gezielt setzen.

Auch angrenzende Branchen greifen den Trend auf. Die Berlin Food Week hat Longevity 2026 zum Fokusthema gemacht, die deutsche Fitnessbranche setzte 2025 laut DSSV und Deloitte den Rekordwert von 6,25 Milliarden Euro um. Die Gesundheitswirtschaft der Hauptstadtregion erzielt mit rund 24.000 Unternehmen laut Senatsverwaltung etwa 37 Milliarden Euro Umsatz.

Eine statistisch abgegrenzte Longevity-Branche gibt es allerdings nicht. Wie viel davon auf Longevity entfällt, lässt sich nicht seriös beziffern.

Lungenfunktionskabine bei YEARS in Charlottenburg

In der Kabine misst YEARS per Bodyplethysmographie die Lungenfunktion – eine von mehr als 25 funktionellen Untersuchungen, die die Klinik an einem Tag bündelt.

Longevity zwischen Hype und Evidenz

Nicht jedes Konzept trägt: Das Berliner AIVA Institut, das Prävention und Ästhetik verband, stellt seinen Betrieb zum 31. Oktober 2026 ein. Andere Einrichtungen des Gesundheitscampus bleiben laut Unternehmen bestehen.

Hinzu kommt die Evidenzfrage. Selbst YEARS weist darauf hin, dass es für epigenetische Uhren, das Ganzkörper-MRT als Vorsorge und Bluttests zur Krebsfrüherkennung keine Endpunktdaten aus klinischen Studien gibt. Für Nahrungsergänzungsmittel erlaubt das EU-Recht nur zugelassene Gesundheitsversprechen.

XPRIZE Healthspan – der 101-Millionen-Dollar-Wettbewerb

Die US-Stiftung XPRIZE hat im November 2023 den Wettbewerb „XPRIZE Healthspan“ gestartet, dotiert mit 101 Millionen US-Dollar. Gesucht werden Therapien, die Muskelkraft, kognitive Fähigkeiten und Immunfunktion bei 50- bis 90-Jährigen um mindestens zehn Jahre verjüngen, innerhalb von höchstens einem Jahr Behandlung.

Im August 2026 benannte XPRIZE 20 Finalisten. Zehn Teams aus den USA, Japan, Südkorea und China erhielten je eine Million US-Dollar. Von 2026 bis 2029 laufen die klinischen Studien, 2030 wird ein Hauptpreis von bis zu 81 Millionen US-Dollar vergeben. Zu den Geldgebern zählen die Hevolution Foundation und der Pharmakonzern GSK.

Bleibt Longevity Luxus oder wird Prävention zum Massenmarkt?

„Aktuell ist umfassende Präventivmedizin teilweise noch ein Premiumangebot, vor allem wenn viele Untersuchungen gebündelt an einem Tag durchgeführt werden“, sagt Mehrtens. Das Potenzial für einen breiteren Markt sieht YEARS in Arbeitgebern, betrieblichen Gesundheitsleistungen und fokussierten Angeboten zu niedrigeren Preisen.

Klinik, Onlineshop oder App: Ob aus dem Trend ein tragfähiger Markt wird, entscheidet sich daran, wer am Ende zahlt – Kundschaft, Arbeitgeber oder Krankenversicherer.

Was bedeutet Longevity?

Longevity bedeutet Langlebigkeit. Im Mittelpunkt steht die Healthspan, also die Zahl der Lebensjahre in guter Gesundheit. Wirtschaftlich umfasst der Begriff Angebote aus Präventivmedizin, Diagnostik, Fitness, Ernährung und Hautpflege.

Welche Longevity-Geschäftsmodelle gibt es in Berlin?

In Berlin gibt es vier Typen: ärztliche Longevity-Kliniken mit Check-ups (YEARS), Onlineanbieter von Supplements und Labortests im Abo-Modell (MoleQlar), digitale Screening-Lösungen für Kliniken und Krankenversicherer (YOU(th) Health Tech) sowie Firmen-Check-ups für Beschäftigte.

Welche Rolle spielen Arbeitgeber im Longevity-Markt?

Arbeitgeber werden zu einer wichtigen Zielgruppe. Bei YEARS finanzieren Unternehmen einen wichtigen Teil der Check-ups für ihre Mitarbeitenden. Anbieter sehen in betrieblichen Gesundheitsleistungen das größte Potenzial, Prävention über das Premiumsegment hinaus zu verbreiten.

Wie groß ist der Longevity-Markt?

Eine verlässliche Marktgröße gibt es nicht, weil Longevity keine statistisch abgegrenzte Branche ist. Messbar sind angrenzende Märkte. Die deutsche Fitnessbranche setzte 2025 etwa 6,25 Milliarden Euro um, die Gesundheitswirtschaft der Hauptstadtregion rund 37 Milliarden Euro.