IHK Berlin. Offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft.

Nach einer aufmerksamkeitsstarken Teaserphase geht die Kampagne der IHK Berlin in die nächste Stufe. Mit „WTF is IHK?“ wurde bewusst Neugier geweckt und Gespräche angestoßen.

Jetzt löst die Kammer diese Frage auf – klar, sichtbar und mit Haltung. 

Die Unternehmer stehen stellvertretend für die Vielfalt der Berliner Wirtschaft. 

Durch ihre Perspektiven wird deutlich, was der Claim konkret bedeutet – und wie die IHK Berlin Unternehmen tatsächlich unterstützt. 

IHK Berlin. Offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft.

Fokus Digital Health

Lindera: Wie KI die Sturzprävention digitalisiert

30 Sekunden Video reichen Lindera, um Sturzrisiken per KI zu analysieren. Inzwischen entwickelt das Berliner Digital-Health-Unternehmen seine Technologie weit über die Pflege hinaus – doch gerade die Regulierung bleibt eine Hürde.

Christian Buck
Foto von Lindera-Gründerin Diana Heinrichs

Lindera-Gründerin Diana Heinrichs

Ein Sturz im Alter kann das Leben komplett verändern: Knochenbrüche, Operationen, Reha – und am Ende oft den Verlust der Selbstständigkeit bedeuten. „Dabei wäre das Problem durchaus lösbar“, sagt Diana Heinrichs, Gründerin des Berliner Unternehmens Lindera. „Allerdings hat keiner Zeit dafür.“

Genau hier setzt das Digital-Health-Unternehmen aus Friedrichshain an. Lindera will Sturzprävention mit künstlicher Intelligenz schneller und objektiver machen – und hat seine Technologie inzwischen von der Pflege auf weitere Bereiche der Medizin ausgeweitet.

Lindera analysiert Sturzrisiken per Smartphone und KI

Für die Mobilitätsanalyse wird eine kurze Gehsequenz mit dem Smartphone aufgenommen. Rund 30 Sekunden Video reichen aus. Die KI analysiert anschließend unter anderem Gangparameter und verbindet die Ergebnisse mit einem digitalen Fragebogen zu individuellen Risikofaktoren.

Pflegekräfte erhalten daraus ein Sturzrisikoprofil und Empfehlungen für geeignete Maßnahmen. Zusätzliche Sensoren oder Kamerasysteme sind dafür nicht erforderlich. Die Anwendung richtet sich laut aktueller Zweckbestimmung an pflegebedürftige Menschen ab 60 Jahren mit erhöhtem Sturzrisiko oder eingeschränkter Mobilität.

Unsere App erkennt, wer in den nächsten 6, 12 oder 24 Monaten stürzen wird. Außerdem können wir die Gründe dafür benennen und auf dieser Basis eine Maßnahmenplanung machen.“
Diana Heinrichs Gründerin

Studie untersucht Sturzrisiko bei 617 älteren Menschen

Wie belastbar die digitale Analyse ist, wurde inzwischen weiter untersucht. Eine 2024 veröffentlichte Real-World-Studie wertete Daten von 617 Bewohnerinnen und Bewohnern deutscher Pflegeeinrichtungen aus. Ein höherer von Lindera berechneter Risikoscore ging demnach deutlich mit einer höheren Zahl späterer Stürze einher.

Die Ergebnisse stützen damit den Einsatz der App zur individuellen Risikobewertung. Wichtig ist allerdings die Abgrenzung: In seiner aktuellen Produktkennzeichnung weist Lindera ausdrücklich darauf hin, dass die Mobilitätsanalyse Sturzrisiken identifiziert, aber keinen konkreten Sturz vorhersagen kann.

Die Idee zu Lindera entstand aus einer persönlichen Erfahrung. Diana Heinrichs Familie pflegte ihre Großmutter viele Jahre und versuchte durch kontinuierliches Training und Prävention Stürze zu vermeiden. „Ich sagte mir: Was meiner Familie gelungen ist, können auch andere erreichen – per App auf dem Smartphone, ohne zusätzliche Hardware.“

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Vom Pflege-Startup zum Digital-Health-Anbieter

Anfang 2017 gründete Heinrichs Lindera mit Unterstützung eines EXIST-Gründerstipendiums. Ausgangspunkt war die Sturzprävention. Heute nutzt das Unternehmen seine Computer-Vision-KI für verschiedene Anwendungen in Pflege und Medizin.

Neben L.Care für die professionelle Pflege gehören inzwischen L.Home für die Anwendung zu Hause sowie L.Gait für Ganganalysen in Praxen, Kliniken und Wissenschaft zum Portfolio. Mit Lösungen für digitale Therapie und Orthopädie nutzt Lindera die Technologie außerdem für Trainings-, Bewegungs- und Verlaufsmessungen. Nach eigenen Angaben verarbeitet das Unternehmen mittlerweile mehr als 15.000 Bewegungsanalysen pro Monat.

Auch bei der Internationalisierung hat sich das Bild gegenüber früheren Unternehmensangaben verändert. Statt der früher genannten Verfügbarkeit in 24 Ländern weist Lindera derzeit vier Länder als aktive Märkte aus.

KI in der Pflege trifft auf neue Regeln

Wie schwer es für KI-Anwendungen in der Pflege sein kann, aus der Innovation in die Regelversorgung zu gelangen, zeigt Linderas Versuch, die Mobilitätsanalyse als Digitale Pflegeanwendung (DiPA) listen zu lassen. Das Unternehmen stellte 2024 einen Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte; dieser wurde im November 2024 abgelehnt. Lindera legte dagegen Widerspruch ein. Ein späterer Abschluss dieses Verfahrens ist öffentlich derzeit nicht dokumentiert.

Inzwischen hat der Gesetzgeber den Rahmen verändert. Seit Juli 2026 können Digitale Pflegeanwendungen unter bestimmten Voraussetzungen zunächst für bis zu zwölf Monate vorläufig in das DiPA-Verzeichnis aufgenommen werden. Außerdem wurde die Definition erweitert: Auch Anwendungen, die pflegende Angehörige unterstützen und die häusliche Versorgung stabilisieren oder Angehörige entlasten, können darunterfallen.

Was sind Digitale Pflegeanwendungen?

Digitale Pflegeanwendungen – kurz DiPA – sind Apps oder browserbasierte Anwendungen für pflegebedürftige Menschen und ihr Umfeld. Sie sollen dazu beitragen, Selbstständigkeit zu erhalten, einer Verschlechterung der Pflegebedürftigkeit entgegenzuwirken oder pflegende Angehörige zu unterstützen.

Pflegebedürftige in der häuslichen Versorgung können grundsätzlich Anspruch auf eine von der Pflegeversicherung finanzierte DiPA haben. Voraussetzung für die reguläre Erstattung ist die Aufnahme in das DiPA-Verzeichnis des BfArM.

Seit 1. Juli 2026 ist auch eine vorläufige Aufnahme für bis zu zwölf Monate möglich. Außerdem wurde der Anwendungsbereich auf digitale Lösungen erweitert, die pflegende Angehörige und ehrenamtlich Pflegende entlasten.

Digital Health in der Praxis
15.000+
Bewegungsanalysen führt Lindera nach eigenen Angaben inzwischen pro Monat mit seiner Technologie durch.
Studie zur Sturzprävention
617
ältere Menschen aus deutschen Pflegeeinrichtungen umfasste die 2024 veröffentlichte Real-World-Analyse zum Lindera-Risikoscore.
Internationalisierung
4 Länder
nennt Lindera aktuell als Märkte, in denen seine 3D-Bewegungsanalysen aktiv eingesetzt werden.

Warum Digital Health für die Pflege wichtiger wird

Parallel dazu wurde 2026 auch die Qualitätsprüfung ambulanter Pflegedienste neu ausgerichtet. Statt zahlreicher Einzelkriterien soll stärker die tatsächliche Ergebnisqualität der Versorgung bewertet werden. Für Anbieter digitaler Lösungen eröffnet das Möglichkeiten – etwa bei standardisierten Risikoanalysen und nachvollziehbarer Dokumentation.

Lindera ist damit zugleich ein Beispiel für eine größere Entwicklung am Standort Berlin. Nach Zahlen der Investitionsbank Berlin wurden seit 2014 281 Healthtech-Start-ups in der Hauptstadt gegründet. 162 davon – rund 59 Prozent – gehören zum Bereich Digital Health. KI, datenbasierte Prävention und digitale Versorgung zählen dabei zu den wichtigsten Wachstumsfeldern.

Was Lindera heute mit KI abdeckt

  • L.Care: Sturzrisikoanalyse für ambulante und stationäre Pflege
  • L.Home: Mobilitätsanalyse und Sturzprävention zu Hause
  • L.Gait: KI-gestützte Ganganalyse für Praxen, Kliniken und Forschung
  • L.Ortho: digitale Trainings, Bewegungskorrekturen und Fortschrittsmessungen
  • L.MotionLab: Bewegungs- und Ganganalyse für die Orthopädietechnik