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Tanz am Abgrund

Soloselbstständige sind die Verlierer der Corona-Krise. Nun gilt es zu unterstützen – materiell, aber auch psychisch.
von Julian Algner, Julian Evans Ausgabe 11/2020

Soloselbstständige trifft die Corona-Krise besonders hart und bedroht ihre Existenz
Soloselbstständige trifft die Corona-Krise besonders hart und bedroht ihre Existenz. Foto: Getty Images/Klaus Vedfelt
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Durch Corona spitzt sich die Lage für Soloselbstständige dramatisch zu, bei vielen sind die Reserven aufgebraucht.
  • Berlin hat besonders viele Soloselbstständige. Die IHK bietet Beratung und Hilfe an.

Zu Jah­res­an­fang ver­öf­fent­lich­te der Ver­si­che­rer HDI eine Stu­die, nach der Selbst­stän­di­ge zufrie­de­ner sei­en und im Job mehr Freu­de emp­fän­den als Ange­stell­te. Die Coro­na-Pan­de­mie hat die Welt für vie­le auf den Kopf gestellt: „Ich den­ke, die wenigs­ten Selbst­stän­di­gen ver­die­nen die­ses Jahr wirk­lich Geld“, so Fan­ny Leich­mann, Gas­tro­no­min aus Mahls­dorf. Schon Anfang März gin­gen bei ihr Stor­nie­run­gen ein: „Mir war schnell klar, wenn ich jetzt Schul­den mache, dann war’s das.

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Dar­ja Sam­dan, Psy­cho­lo­gin und selbst­stän­di­ge Mas­sa­ge- und Kör­per­the­ra­peu­tin, hat­te sich viel für 2020 vor­ge­nom­men: „Im März woll­te ich in die Voll­selbst­stän­dig­keit gehen, dann kam das Arbeits­ver­bot. Mein vor­her bean­trag­ter Grün­dungs­zu­schuss wur­de abge­lehnt.“ Bei der Arbeits­agen­tur sag­te man ihr, es wären genug Stel­len für Psy­cho­lo­gen auf dem Markt. Die Sofort­hil­fe des Lan­des habe sie erhal­ten, von der Über­brü­ckungs­hil­fe sei sie ent­täuscht: „Die Bemes­sungs­grund­la­ge passt nicht. Ich war im letz­ten Som­mer im Aus­land zur Fort­bil­dung und habe kei­ne Ein­nah­men ver­zeich­net. Jetzt kann ich kei­ne Ver­lus­te auf­zei­gen.“ Trotz aktu­ell bes­se­rer Auf­trags­la­ge sucht Sam­dan nach Finan­zie­rungs­we­gen: „Mei­ne Kre­di­te belas­ten mich am meis­ten. Geht es gar nicht anders, wird mei­ne Fami­lie ein­sprin­gen.“

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Alters­vor­sor­ge ist auf­ge­braucht

Auch der Medi­en­be­ra­ter Frank Stra­ess­ner muss­te Coro­na-Hil­fen bean­tra­gen: „Die ers­ten Mona­te des Jah­res lie­fen super. Dann kam der März, und das Geschäft ging von 100 auf 0, mit Umsatz­ein­bu­ßen von 90 Pro­zent. So ist es nach wie vor.“ Mit der Sofort­hil­fe habe die IBB schnell und unkom­pli­ziert gehol­fen. Auch die Über­brü­ckungs­hil­fe der Bun­des­re­gie­rung wur­de ihm bewil­ligt. Der­zeit war­te er noch auf Bewil­li­gung eines KfW-Kre­di­tes. „Ich habe zwar Glück, dass ich kei­ne gro­ßen Fix­kos­ten habe. Aber die Rück­la­gen aus der Ver­gan­gen­heit zeh­re ich aktu­ell kom­plett auf. Das soll­te mei­ne Alters­vor­sor­ge sein. Die ist weg“, erzählt Stra­ess­ner.

Ber­lin weist mit 11 Pro­zent bun­des­weit den höchs­ten Anteil an Solo­selbst­stän­di­gen in der Erwerbs­be­völ­ke­rung auf. 2018 waren laut Amt für Sta­tis­tik Ber­lin-Bran­den­burg in der Haupt­stadt 277.400 Per­so­nen selbst­stän­dig, davon 207.800 selbst­stän­dig ohne Beschäf­tig­te. Das Ifo-Insti­tut konn­te nach­wei­sen, dass Selbst­stän­di­ge bun­des­weit im Schnitt höhe­re Ein­bu­ßen wäh­rend Coro­na in Kauf neh­men muss­ten als abhän­gi­ge Beschäf­tig­te, die sich z. B. in Kurz­ar­beit befan­den. Dem­nach konn­ten 61 Pro­zent der Selbst­stän­di­gen wäh­rend der Pan­de­mie nicht oder nur ein­ge­schränkt arbei­ten. Zah­len der Bun­des­agen­tur für Arbeit bele­gen sogar, dass in Ber­lin zwi­schen April und Sep­tem­ber 9.300 Selbst­stän­di­ge in die sozia­le Grund­si­che­rung des ALG II auf­ge­nom­men wur­den. Das ent­spricht einem Plus von über 500 Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum.

Frank Wie­den­haupt, Schuld­ner- und Insol­venz­be­ra­ter sowie Mit­glied im Vor­stand der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Schuld­ner­be­ra­tung e. V., berich­tet, dass rund die Hälf­te sei­ner aktu­el­len Man­dan­ten Solo­selbst­stän­di­ge sind. Die Sofort­hil­fen des Lan­des sei­en genau rich­tig gewe­sen, bestä­tigt er. Im Früh­jahr hat­te die IBB über 1,1 Mil­li­ar­den Euro im Eil­tem­po an 154.366 bean­tra­gen­de Solo­selbst­stän­di­ge aus­ge­zahlt. Die meis­ten kamen aus der Krea­tiv­bran­che, dem Dienst­leis­tungs­sek­tor und dem Gast­ge­wer­be. Hin­ge­gen sind nur 1.684 Anträ­ge von Solo­selbst­stän­di­gen für die Über­brü­ckungs­hil­fe ein­ge­gan­gen, wonach 15,9 Mil­lio­nen Euro aus­ge­zahlt wur­den. „Hier hät­te man die Hil­fen bes­ser auf Basis ent­fal­len­der Hono­ra­re gestal­ten sol­len“, so Wie­den­haupt. Dass bei der Über­brü­ckungs­hil­fe der Bun­des­re­gie­rung zwi­schen Betriebs- und Lebens­hal­tungs­kos­ten unter­schie­den wer­de, sei unpas­send. Vie­le sei­ner Man­dan­ten ver­su­chen der­zeit fie­ber­haft, ihr Unter­neh­men zu ret­ten: „Schaf­fen sie das nicht oder bleibt ihre Tätig­keit wei­ter­hin unter­sagt, wird bei vie­len erst Resi­gna­ti­on, dann Wut und auch mög­li­cher­wei­se Krank­heit fol­gen“, erklärt er aus lang­jäh­ri­ger Erfah­rung.

„Wir wis­sen, dass Pan­de­mi­en ins­be­son­de­re zu mehr Depres­sio­nen, Angst­stö­run­gen und Such­ter­kran­kun­gen füh­ren“, sagt Dr. Diet­rich Munz, Prä­si­dent der Bun­des­psy­cho­the­ra­peu­ten­kam­mer. Ver­gan­ge­ne wirt­schaft­li­che Kri­sen hät­ten gezeigt, dass Men­schen, deren Arbeits­platz bedroht war oder die ihre Arbeit ver­lo­ren haben, ver­stärkt unter psy­chi­schen Erkran­kun­gen lit­ten. „Gera­de bei Selbst­stän­di­gen, die im Krank­heits­fall gro­ße finan­zi­el­le Ein­bu­ßen haben, ist die Wahr­schein­lich­keit hoch, dass sie ihre psy­chi­schen Belas­tun­gen kaum wahr­neh­men und sich erst spät in Behand­lung bege­ben“, so Munz. Dabei kön­ne eine früh­zei­ti­ge Abklä­rung und Behand­lung der Chro­ni­fi­zie­rung von Beschwer­den ent­ge­gen­wir­ken und hel­fen, Arbeits­un­fä­hig­keit zu ver­mei­den.

Stun­dun­gen und Zah­lungs­auf­schü­be sind zwar wich­tig, lösen aller­dings nicht das Pro­blem.
Frank Wie­den­haupt, Schul­d­­ner- und Insol­venz­be­ra­ter

Dr. Domi­ni­ka Wach arbei­tet an der TU Dres­den an einer Stu­die zu den Aus­wir­kun­gen der Coro­na-Pan­de­mie auf Unter­neh­mer. In der säch­si­schen Stich­pro­be gaben rund 160 Solo­selbst­stän­di­ge Aus­kunft über ihren Gesund­heits­sta­tus: „Bis­lang haben wir fest­ge­stellt, dass sich Solo­selbst­stän­di­ge im Ver­gleich zu KMU-Inha­bern deut­lich ein­sa­mer wäh­rend der Kri­se fühl­ten. Bemer­kens­wert ist, dass knapp 43 Pro­zent der Solo­selbst­stän­di­gen aus Sach­sen in den letz­ten vier Wochen ‚ziem­lich schlecht‘ oder ‚sehr schlecht‘ schla­fen konn­ten.“

Res­sour­cen auf­bau­en und sta­bi­li­sie­ren

Zudem ver­deut­li­chen ers­te Ergeb­nis­se, dass Covid-19 von der Mehr­heit der Befrag­ten als Exis­tenz­be­dro­hung wahr­ge­nom­men wer­de. Unsi­cher­heit gehe in Coro­na-Zei­ten mit weni­ger Arbeits-, Lebens­zu­frie­den­heit, Wohl­be­fin­den und mehr Stres­ser­le­ben ein­her. Dar­ja Sam­dan berich­tet: „Irgend­wann hat­te mein Kör­per ver­lernt sich zu ent­span­nen. Ich hat­te Exis­tenz­ängs­te. Das geht an die Sub­stanz, sowohl kör­per­lich als auch psy­chisch.“ Wach bewer­tet Coa­ching zur men­ta­len Sta­bi­li­sie­rung und zum Auf­bau der per­sön­li­chen Res­sour­cen als hilf­rei­ches Instru­ment: „Dadurch haben sich nach­weis­lich die kogni­ti­ven Funk­tio­nen und das Wohl­be­fin­den der betrof­fe­nen Unter­neh­mer deut­lich ver­bes­sert.“ Auch Grup­pen­coa­ching wäre für Selbst­stän­di­ge sinn­voll, hier­für könn­ten bestehen­de Netz­wer­ke aus­ge­baut wer­den.

Laut Schuld­ner­be­ra­ter Wie­den­haupt muss es Betrof­fe­nen ermög­licht wer­den, wie­der Umsät­ze zu gene­rie­ren: „Stun­dun­gen und Zah­lungs­auf­schü­be sind zwar wich­tig, lösen aller­dings nicht das Pro­blem. Die bes­te Sanie­rung funk­tio­niert nicht ohne ent­spre­chen­de Kun­den.“ Es bedarf ber­lin­weit Ein­heit­lich­keit, fin­det Gas­tro­no­min Jes­si­ca Schmidt: „Ich hof­fe, dass es end­lich ein­heit­li­che Lösun­gen bei Coro­na-Rege­lun­gen gibt, bevor flä­chen­de­ckend ein gro­ßer Scha­den ent­steht.“ Zusätz­lich ner­ven sie fal­sche Vor­stel­lun­gen: „Mei­ne Kran­ken­kas­se fragt mich jedes Jahr, ob ich mehr als 4.650 Euro im Monat ver­die­ne. Für vie­le ist das nicht mal im Ansatz rea­lis­tisch.“

Pro­ble­ma­tisch ist für Medi­en­be­ra­ter Stra­ess­ner, dass Selbst­stän­di­ge bei Umsatz­aus­fall weni­ger För­de­rung erhal­ten kön­nen: „Das ist ein gro­ßes Pro­blem. Eine Alter­na­ti­ve zum Kurz­ar­bei­ter­geld für Solo­selbst­stän­di­ge wäre sinn­voll. Was auch hel­fen wür­de, wäre ein Grund­ge­halt anstel­le von Hartz IV.“ Eben­falls bedür­fe es mehr Aner­ken­nung: „Lei­der ver­kennt die Poli­tik hier, was wir für ein Wirt­schafts­fak­tor sind. Da fehlt die Wert­schät­zung für das Unter­neh­mer­tum.“

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