Zu sehen ist die Frage "WTF is IHK", darauf die Antwort: Offizieller Partner der Berliner Wirtschaft.

WTF is IHK?

Informelles Heldenkollektiv? Interessengemeinschaft hervorragender Kaufleute? Oder doch: Industrie- und Handelskammer Berlin?

Mit der neuen Imagekampagne zeigt die IHK Berlin, wofür sie steht.

Berlins Unternehmen sind so vielfältig wie unsere Stadt selbst. Für sie alle ist die IHK da.

IHK Berlin. Offizieller Unterstützer der Berliner Wirtschaft.

Comeback-Storys

GetYourGuide und Idagio: Wie Berliner Unternehmen Krisen meistern

Berlin ist eine Stadt der Gründerinnen und Gründer, aber auch Schauplatz unternehmerischer Bewährungsproben. Finanzielle Probleme oder gar eine Insolvenz müssen dennoch nicht das Ende bedeuten, wie GetYourGuide und Idagio zeigen. Beide Unternehmen agieren weltweit und haben Krisen erfolgreich überwunden.

Von: Ulrike Schattenmann
Tao Tai und Johannes Reck von Get your Guide

Johannes Reck (CEO, r.) ist das Gesicht des Unternehmens und führt das Unternehmen seit der Gründung. Tao Tao ist als Mitgründer und COO maßgeblich am operativen Geschäft beteiligt.

Wer im Urlaub etwas erleben will, hat die GetYourGuide-App oft schon auf dem Handy. Über die Plattform lassen sich Touren und Aktivitäten buchen – von klassischen Stadtführungen bis zu außergewöhnlichen Erlebnissen. In Seoul durch Nachtmärkte schlemmen, in Paris Croissants backen oder in Perus Wüste sandboarden: GetYourGuide vermittelt vor allem Angebote kleiner Anbieter und Einzelunternehmer und verdient dabei über Provisionen, ähnlich wie Airbnb oder Expedia.

GetYourGuide: Vom Null-Umsatz zum Einhorn-Comeback

Key facts

  • Mitarbeiter: 1.000
  • 33 Millionen gebuchte Erlebnisse
  • Umsatz 2025: 1 Milliarde Euro
     

Gegründet wurde das Unternehmen 2009 von Johannes Reck, Tao Tao und weiteren. Nach schwierigen Anfangsjahren entwickelte sich GetYourGuide schnell zu einer führenden Buchungsplattform für Reiseerlebnisse. Dann kam Corona: Als das Reisen weltweit zum Stillstand kam, brach das Geschäft fast vollständig weg. Aus der Wachstumsstory wurde ein Überlebenskampf.

„2020 existiert für uns nicht“, beschrieb Mitgründer und CEO Johannes Reck die Lage später drastisch. Die Umsätze fielen innerhalb von vier Wochen auf null. „In den ersten Wochen der Pandemie riefen mich einige Investoren an und rieten mir: Leg das Unternehmen still, entlasse 80 Prozent der Belegschaft, stell den Betrieb ein“, sagte Reck. An diesem Punkt kam ihm sein Wissen als studierter Biochemiker zugute: „Es gibt einen Virus, möglicherweise Variationen, aber irgendwann werden die Menschen Immunität entwickeln, werden Impfstoffe entwickelt sein. Dann wird auch der Reisemarkt zurückkehren“, war Reck überzeugt.

Unternehmensbeteiligungen statt Entlassungswelle – so ist GetYourGuide vorgegangen

Statt aufzugeben, entschied er sich, durchzuhalten. Besonders die Entwicklungs- und Tech-Teams wurden bewusst vor Kürzungen geschützt und sogar weiter ausgebaut – ein mutiger Schritt. Um Kosten zu senken, bot das Unternehmen den Mitarbeitenden an, freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten und dafür Anteile zu erhalten. Laut Reck machten 95 Prozent mit, auch er selbst halbierte sein Gehalt.

„Rückblickend war das ein smarter Move: Zum einen, weil die Firma dadurch schnell Kosten sparen konnte, ohne Menschen vor die Tür zu setzen. Zum anderen, weil die Mitarbeiter dank der Beteiligung hoch motiviert waren, GetyourGuide nach der Pandemie wieder auf Kurs zu bringen.“

Transparenz, Finanzierung und langer Atem

Gleichzeitig setzte das Unternehmen auf maximale Transparenz. Reck informierte die Belegschaft regelmäßig per Mail über die wirtschaftliche Lage und legte sogar monatlich die Firmenkonten offen, damit alle den Effekt des Lohnverzichts nachvollziehen konnten. „Das hat die Belegschaft sehr zu schätzen gewusst.“ Ganz ohne Einschnitte ging es dennoch nicht: Rund 90 Mitarbeitende, etwa 1/6 der Belegschaft, mussten gehen.

Ein weiterer entscheidender Faktor war die Finanzierung: 2019 hatte der japanische Techinvestor SoftBank 500 Millionen Euro in GetYourGuide investiert. „Das war ein Glückstreffer. Sechs Monate später kam Corona. Ohne diese Finanzspritze hätten wir die Pandemie wohl kaum überstanden“, sagte Reck. 

Als 2022 die Reisemärke öffnete, waren nach den Lockdowns kuratierte Reiseerlebnisse gefragter denn je – und GetyourGuide war vorbereitet.  Im Juni 2023 sammelte das Unternehmen fast 200 Millionen US-Dollar ein und wurde erneut mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet. 2025 schrieb GetyourGuide erstmals schwarze Zahlen. Johannes Reck hatte die ganze Zeit daran geglaubt, dass sein Unternehmen die Krise überstehen würde – und behielt recht.

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Jana Illhardt

Idagio: Wie der Klassik-Streamer die Insolvenz überstand

Christoph Lange von Idagio steht vor einem Fenster.

Christoph Lange hat das Start-up mitgegründet, war zwischenzeitig woanders tätig und ist jetzt zurückgekehrt, um Idagio als CEO weiterzuentwickeln – eine „Herzensentscheidung“.

Keyfacts

  • Gegründet 2015 von Till Janczukowicz und Christoph Lange
  • 2 Millionen Musiktitel im Katalog
  • wird in 160 Ländern gehört

 

Der Berliner Klassik-Streamingdienst Idagio bietet den großen Anbietern seit 2015 die Stirn. 2025 geriet das ambitionierte Unternehmen trotz Pionierrolle und treuer Kundschaft ins Straucheln. Inzwischen ist Idagio jedoch wieder auf Kurs: Ende vergangenen Jahres wurde ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung nach rund vier Monaten erfolgreich abgeschlossen. 

Neue Investoren stiegen ein, einer der zwischenzeitig ausgeschiedenen Mitgründer – Christoph Lange – ist zurückgekehrt und führt das Unternehmen. Alle Arbeitsplätze blieben erhalten.

Spezialisierung als Wettbewerbsvorteil: So gelang Idagio der Aufstieg

Als Idagio 2015 startete, besetzte der Dienst eine klare Marktlücke. Einige Jahre zuvor hatte Spotify den Musikmarkt revolutioniert: Popmusik ließ sich plötzlich bequem und legal streamen. Für klassische Musik aber waren die gängigen Plattformen nur bedingt geeignet.

Genau hier setzt Idagio an. Der Dienst bietet Klassikfans, was sie bei der Konkurrenz oft vermissen: einen umfangreichen Katalog, hohe Audioqualität und vor allem eine spezialisierte Suchfunktion. Anders als bei Spotify und Co. lässt sich nicht nur nach Werk und Komponist suchen, sondern auch nach Dirigenten, Orchestern und Solisten. Zudem setzt Idagio auf eine vergleichsweise faire Vergütung, indem es beteiligte Musiker pro gehörter Sekunde statt pro Klick bezahlt.

Insolvenz 2025 – warum Wachstum allein nicht reichte

Das Berliner Unternehmen kooperierte mit renommierten Klassik-Labels und Orchestern weltweit – mit Erfolg. Die Reichweite wuchs stetig, besonders nach der Expansion in den US-Markt. Anfang 2019 überschritt die App die Marke von einer Million Downloads und erreichte Nutzer in mehr als 180 Ländern.

Trotz Pioniergeist und treuem Publikum blieb der wirtschaftliche Erfolg jedoch aus. Lizenzkosten, Technik und Infrastruktur waren hoch, der Aufbau der Plattform kapitalintensiv. Gleichzeitig entdeckte auch die Konkurrenz das Klassiksegment für sich, etwa Apple mit Apple Music Classical.

2025 wurde Idagio zahlungsunfähig. „Die Insolvenz war das Ergebnis einer angespannten Liquiditätslage und einer Kosten- beziehungsweise Finanzierungsstruktur, die in der damaligen Form nicht mehr tragfähig war“, sagt Christoph Lange, Mitgründer und seit Ende letzten Jahres CEO von Idagio. „Dazu gehörten auch Verpflichtungen aus dem Lizenzgeschäft und Zahlungen an Rechtepartner.“

Sanierung in Eigenverwaltung: So gelang Idagio der Neustart

Aufgeben wollte das Management dennoch nicht. Stattdessen entwickelte es mit neuen Partnern ein Sanierungskonzept und beantragte ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Dieses Instrument ermöglicht es Unternehmen, den Geschäftsbetrieb in Eigenregie weiterzuführen und sich finanziell neu aufzustellen.

Das Konzept umfasste zunächst operative Maßnahmen zur Stabilisierung des laufenden Geschäfts, wie etwa die Modernisierung interner Systeme. „Wir haben unsere interne Backend-Infrastruktur, die über die Jahre auf einer veralteten Architektur lief, durch schlankere, modernere Lösungen ersetzt. Das senkt nicht nur laufende Lizenz- und Wartungskosten, sondern macht das Team auch deutlich produktiver. Parallel haben wir Verträge und Zahlungsmodalitäten mit Partnern neu strukturiert“, sagt Christoph Lange.

Anschließend folgte die finanzwirtschaftliche Neuordnung über den Insolvenzplan. Wichtig sei gewesen, den Betrieb ohne Unterbrechung fortzuführen und alle Arbeitsplätze zu erhalten.

In der entscheidenden Phase begleitete der Musikmanager Erwin Stürzer das Verfahren als Interimsgeschäftsführer. Ausschlaggebend war schließlich der Einstieg neuer Investoren, die laut Lange „an das Geschäftsmodell glauben und die Weiterentwicklung des Unternehmens unterstützen“. Anfang des Jahres übernahmen der Berliner Musikunternehmer Ki Soo Lee und sein Geschäftspartner Jim Chang aus Singapur Idagio. 

Neue Investoren, neue Wachstumsfelder

Nun liegt der Fokus auf einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung, der Internationalisierung des Angebots und neuen Wachstumsfeldern. Schon heute bietet Idagio Live-Konzerte und von Künstlern kuratierte Playlists. Die Partnerschaften mit Künstlern und Institutionen der klassischen Musik werden nun weiter ausgebaut, geplant sind exklusive digitale Inhalte bis hin zu gemeinsamen Mitgliedschaftsangeboten mit renommierten Häusern und Ensembles. Für Klassikfans ist das eine gute Nachricht.

FAQ: Unternehmenskrise, Sanierung und Insolvenz

Was ist eine Unternehmenskrise?

Eine Unternehmenskrise ist ein ungeplanter und ungewollter Prozess, der den Fortbestand eines Unternehmens gefährden kann. Sie kann schleichend beginnen – etwa durch strategische Fehlentscheidungen, sinkende Erträge oder Liquiditätsprobleme – und im schlimmsten Fall in eine Insolvenz münden. Wichtig ist deshalb, Krisensignale früh zu erkennen und gegenzusteuern.

Hier geht's zur Übersichtsseite der IHK Berlin zum Thema

Was versteht man unter Sanierung eines Unternehmens?

Unter Sanierung versteht man organisatorische, operative und finanzielle Maßnahmen, mit denen ein kriselndes Unternehmen wieder leistungsfähig gemacht werden soll. Ziel ist es, Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung abzuwenden, das Geschäftsmodell zu stabilisieren und die Fortführung des Unternehmens zu ermöglichen. Sanierung kann außerhalb eines Insolvenzverfahrens oder innerhalb eines gerichtlichen Verfahrens stattfinden.

Welche Phasen der Unternehmenskrise gibt es?

In der Praxis wird häufig zwischen sechs Krisenstadien unterschieden: Stakeholderkrise, Strategiekrise, Produkt- und Absatzkrise, Erfolgskrise, Liquiditätskrise und Insolvenzreife. Je weiter die Krise fortgeschritten ist, desto höher wird der Handlungsdruck – und desto kleiner werden die Spielräume für eine Sanierung. Gerade deshalb ist Krisenfrüherkennung wirtschaftlich so wichtig.

Was ist ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung?

Bei einer Eigenverwaltung bleibt die Unternehmensleitung grundsätzlich handlungsfähig und führt das Unternehmen selbst weiter. Sie steht dabei unter Aufsicht eines Sachwalters; angeordnet wird die Eigenverwaltung vom Insolvenzgericht. Das Verfahren kann Unternehmen helfen, sich im Insolvenzrahmen neu aufzustellen, ohne die operative Kontrolle vollständig an einen Insolvenzverwalter abzugeben.

Was passiert bei einer Unternehmensinsolvenz?

Eine Unternehmensinsolvenz kommt vor allem bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung in Betracht. Zahlungsunfähig ist ein Unternehmen laut Insolvenzordnung, wenn es fällige Zahlungspflichten nicht mehr erfüllen kann; Überschuldung liegt vor, wenn das Vermögen die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Nach dem Insolvenzantrag prüft das Gericht, ob ein Verfahren eröffnet wird – danach kann es je nach Lage um Sanierung, Insolvenzplan, Verkauf von Unternehmensteilen oder Liquidation gehen.