Branche in Krisenstimmung

Gastro-Krise in Berlin: Wie Regen, Kosten und Bürokratie die Wirtshäuser unter Druck setzen

Umsatzrückgänge von mehr als 20 Prozent verschärfen die Gastro-Krise. Auch prominente Gastronomen wie Björn Swanson aus dem „Faelt“ geben Restaurants auf. Nicht nur die Bürokratie macht ihnen das Leben schwer. Könnte die Mehrwertsteuersenkung die Branche retten?

Ulrike Menn
Foto von Jörn Peter Brinkmann, Geschäftsführer der Ständigen Vertretung

Jörn Peter Brinkman über die Gasto-Krise

„Gefühlt ist dieser Sommer der schlechteste der letzten zwei Jahrzehnte" – ein Sinnbild der aktuellen Gastro-Krise. So bilanziert Andreas Gandzior, der seit 21 Jahren den Biergarten „CapRivi“ direkt am Charlottenburger Spreeufer betreibt. Er untermauert seine Einschätzung mit Zahlen: „Ich habe von April bis Ende Oktober etwa 210 Saisontage. Davon fallen im Schnitt rund 30 Tage wegen Regenwetters aus, an denen ich gar nicht erst öffne, weil ich ausschließlich Außensitzplätze habe.“ In diesem Jahr jedoch zählt Gandzior bereits Ende August 66 Schließtage – ein Negativ-Rekord und deutlicher Ausdruck der Gastro-Krise.

Rekordsommer der Schließtage: Biergarten „CapRivi“ als Beispiel der Berliner Gastro-Krise

Regenschirme und Überdachungen helfen nur bedingt – auch vor der „Ständigen Vertretung“ nicht. „Nieselregen ist kein Problem. Wir haben Schirme mit extra Regenrinnen. Doch wir hatten es in den letzten Wochen oft mit Starkregen zu tun. Und den können die auch nicht völlig abwehren. Außerdem: Wer geht bei strömendem Regen schon freiwillig vor die Haustür?“, so Jörn Peter Brinkmann, Inhaber der „Ständigen Vertretung“ und Vizepräsident sowie Vorsitzender der Fachgruppe Gastronomie der Dehoga Berlin. Jörn Peter Brinkmann ist in dieser Situation sehr froh, dass er das angrenzende Lokal ab Mitte September mit übernehmen kann. Ein Durchbruch durch die Wand ermöglicht ihm, die Anzahl der Sitzplätze im Innenbereich zu verdoppeln. 

Foto von Business Coach Jessica Lackner

Ex-Gastronomin Jessica Lackner arbeitet heute als Business Coach

Der verregnete Juli macht Berliner Gastronomen zu schaffen

Auch logistisch ist der verregnete Sommer für die Gastronomen eine enorme Herausforderung. Unberechenbare Wetterumschwünge erschweren die Personalplanung und das Kalkulieren bei der Bestellung frischer Lebensmittel. Allein im Juli, so schildern es Berliner Gastronomen, haben sie Umsatzverluste von 20 bis 25 Prozent erlitten, verglichen mit dem Juli des Vorjahres.

Der verregnete Sommer trifft auf eine Gastronomie-Szene, die durch die anhaltende Konsumzurückhaltung seit der Pandemie und durch Inflation sowieso schon stark gebeutelt ist. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass die Umsatzentwicklung im deutschen Gastgewerbe insgesamt rückläufig ist. Im Zeitraum Januar bis Mai 2025 verzeichnet sie im Vergleich zum selben Zeitraum des Vor-Corona-Jahres 2019 einen Rückgang um 11,4 Prozent und real sogar um 14,8 Prozent. 

Unsere Stammgäste und Berlin-Besucher kommen zwar wie gewohnt. Aber sie lassen die Vorspeise weg, das dritte Bier oder das zweite Glas Wein.“
Dirk Zander Gastronom

Weniger Konsum, mehr Schließtage: Restaurant „Oderquelle“ kämpft in der Gastro-Krise

„Unsere Stammgäste und Berlin-Besucher kommen zwar wie gewohnt. Aber sie lassen die Vorspeise weg, das dritte Bier oder das zweite Glas Wein“, beobachtet Dirk Zander, der zusammen mit Sören Günther die „Oderquelle“ in Prenzlauer Berg betreibt. Erstmals seit über 20 Jahren, in denen die beiden Gastronomen ihr Restaurant mit großer Außenterrasse führen, haben sie nun seit Mitte August einen wöchentlichen Schließtag eingeführt. „Wir mussten handeln. Wir haben uns angeschaut, welcher Tag der umsatzschwächste ist, und lassen dienstags jetzt bis auf weiteres zu. Wir zahlen unseren Mitarbeitenden mehr als Mindestlohn. Die Krankenkassen- und Sozialabgaben schießen einfach durch die Decke. Wir hoffen, dass wir durch den Schließtag Personalkosten sparen und uns somit bis in den Januar retten können“. 

Gastronomie hofft auf die Mehrwertsteuersenkung

Im Januar, und darauf ruht für viele Gastronomen die Hoffnung, soll der Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie auf Speisen wieder von jetzt 19 auf 7 Prozent abgesenkt werden. So steht es im Koalitionsvertrag. Doch noch ist die Umsetzung der Steuersenkung durch den Bundestag nicht erfolgt. Und danach muss diese Gesetzesänderung auch noch durch den Bundesrat. 

Gastronom Björn Swanson, der Ende August die Schließung seines führeren Sterne-Restaurants „Faelt“ in Schöneberg bekanntgab, glaubt nicht, dass die Reform kommt. Er ist schwer enttäuscht von den Rahmenbedingungen, die die Politik setzt und befürchtet, dass eine große Welle an Schließungen in der Gastronomie bevorsteht – da mittlerweile allen Gastronomen das Wasser bis zum Kinn stehe. 

Berlin will doch sexy sein und junge Leute anziehen. Aber um 22 Uhr sollen wir im Außenbereich den letzten Gast abkassieren.“
Jörn Peter Brinkmann Gastronom

Bürokratie erschwert die Außengastronomie

Zu den Widrigkeiten, mit denen die Branchen zu kämpfen hat, zählt auch die Bürokratie. „Wir wünschen uns prinzipiell mehr Spielraum für die Außengastronomie. Die zähe Genehmigungspraxis erschwert ein lebendiges Stadtbild. Wir brauchen digitale und zügige Regelungen, damit Gastfreundschaft nicht an Formularen scheitert. Auch zusätzliche verkaufsoffene Sonntage wären ein echter Impuls für belebte Kieze, für deren Handel und Gastronomie“, fordert Gerrit Buchhorn, Hauptgeschäftsführer Hotel- und Gastronomieverband e.V. (Dehoga) Berlin. 

Gastronom Jörn Peter Brinkmann von der „Ständigen Vertretung“ wünscht sich zudem flexiblere Öffnungszeiten: „Berlin will doch sexy sein und junge Leute anziehen. Aber um 22 Uhr sollen wir im Außenbereich den letzten Gast abkassieren. Ich bin in touristischen Lagen für 23 Uhr in der Woche und Null Uhr am Wochenende“. 

Foto von Beraterin Carolin Gennburg

Carolin Gennburg ist Beraterin für Nachhaltigkeitsmanagement in der Gastronomie

Gastronomie-Expertin empfiehlt mehr Social-Media-Aktiviäten

Jessica Lackner, ehemalige Berliner Gastronomin, arbeitet heute als Business Coach für Sichtbarkeit & Wirkung. Sie sieht Social Media als einen wichtigen Hebel für die Gastronomie, der noch viel zu wenig genutzt würde. „Es ist ein sehr wichtiges und kostenloses Marketing-Tool mit dem Gastronomen organisch wachsen können. Ich habe doch jeden Morgen die Wahl: Lasse ich mich von Social Media berieseln, oder kreiere ich selbst Content, der Mut macht, in mein Restaurant zu kommen. Gute Energie ist ansteckend. Menschen folgen der Freude. Jammern ist keine Option“. 

Restaurant-Sterben ist kulturgeschichtlicher Verlust

Carolin Gennburg, Beraterin für Nachhaltigkeitsmanagement in der Gastronomie, sieht angesichts der Gastro-Krise die Existenz der Einzelgastronomie ernsthaft bedroht. Im Zeitalter der Multikrisen – und nicht zuletzt durch die Pandemie – seien die Probleme für viele Betriebe kaum noch zu bewältigen. „Die Individualgastronomie wird sterben. Übrig bleiben große Franchise-Konzepte“, befürchtet Gennburg. Damit ginge ein großer kulturgeschichtlicher Verlust einher. Sie betont die gesellschaftliche Bedeutung von Kneipen und Restaurants in der Nachbarschaft: „Es ist doch das ausgelagerte Wohnzimmer. Wenn diese Orte sterben, wird das zu einer Vereinsamung führen.“ Schon jetzt seien durch die allgemeine Verteuerung viele Menschen vom Essengehen ausgeschlossen – und das sei kein Randgruppenphänomen, sondern reiche bis in die Mitte der Gesellschaft. Für Gennburg zeigt die Gastro-Krise, dass es einen Roundtable braucht, an dem alle großen Verbände gemeinsam Lösungen erarbeiten: „Aus Eigeninitiative kann diese Krise nicht mehr gelöst werden. Es braucht die Stimme der Branche in der Politik!“