Werber-Kooperative

Agenturen in Berlin unter Druck: Das Sterben der Werbeagenturen

Krisen, knappe Budgets und KI bringen klassische Agenturen in Berlin ins Wanken. Mit SideBySide starten vier Berliner Kreative jetzt ein Gegenmodell: eine transparente Kooperative aus Agenturen, Kreativen und Tech-Experten, in der Kunden Rosinen picken, KI-Einsatz offen gelegt wird und flexible Modelle wie Tagespässe oder „hop on, hop off“ neue Perspektiven schaffen sollen.

Von: Hilmar Poganatz
Foto von Kurt Georg Dieckert, Geschäftsführer der Kreativagentur DieckertJones

„SideBySide ist keine Agentur, sondern eine Kooperative aus Spezialisten, Agenturen und Technologieexperten", sagt Kurt Georg Dieckert

Die deutsche Werbebranche steckt im Wandel: Insolvenzen, Standortschließungen und Sparkurse bestimmen derzeit das Bild. Traditionsagenturen wie Shanghai Berlin oder Foundry Berlin mussten in diesem Jahr bereits Insolvenz anmelden. In der Szene ist sogar von einem „Artensterben der Agenturen“ die Rede, sagt Kurt Georg Dieckert, Geschäftsführer der Kreativagentur DieckertJones. Gemeinsam mit Berliner Kreativen hat er deshalb einen alternativen Ansatz erarbeitet: Sidebyside versteht sich nicht als klassische Agentur, sondern als Kooperative.

Laura Reinkens von Managing Partner CONNEX Berlin
SideBySide trennt zwischen kuratiertem Fundament und KI-basierter Produktion: Qualität bleibt in erfahrener Hand, Effizienz entsteht durch klug eingesetzte Technologie.“
Laura Reinkens Managing Partnerin bei Connex Berlin

Werbeagenturen unter Druck: KI, Sparzwang und neue Kooperative Sidebyside

Der Druck auf die Agenturen ist vielfältig: Für 2026 prognostizieren führende Ökonomen nur noch ein geringes Wachstum von einem Prozent, Insolvenzen häufen sich und Marketingbudgets werden gekürzt. Zudem verändere vor allem KI die Strukturen der Branche massiv, stellt Dieckert fest. Aufgaben, die früher Agenturen erledigten, übernimmt heute der Kunde selbst. Viel Werbung läuft über Social Media. Das übernehmen die Unternehmen oft selbst, wie prominente Berliner Beispiele  zeigen. Laut einer Studie des Berliner Strategieberaters Ricardo dos Santos Miquelino setzen bereits 57 Prozent der deutschen Unternehmen KI ein; 20 Prozent tun es aktiv. In der Folge vermuten immer mehr Auftraggeber, dass Kreativagenturen einen Großteil ihrer Arbeit verdeckt mit KI erstellen.

„Hier wollen wir das Vertrauen wieder herstellen“, sagt Laura Reinkens, Managing Partnerin bei Connex Berlin und Mitgründerin der neuen Kooperative. „Wir legen offen, welche Schritte wir mit KI machen und teilen unser Wissen über die neuesten Tools mit den Kunden“, beschreibt Reinkens den KI-Ansatz von Sidebyside.

Vier Agenturen arbeiten zusammen

Als Antwort auf diese Herausforderungen schließen sich vier Berliner Spezialisten zu einer Kooperative zusammen: DieckertJones, Connex Berlin, Attention Media und Laura Reinkens mit ihrer Eigenmarke „Laura“. Die Firmen fusionieren dazu nicht, sondern kooperieren. Reinkens und Dieckert beschreiben, wie sie für jedes Projekt ein spezialisiert zusammengestelltes Team bilden. „Unsere Auftraggeber sitzen dabei buchstäblich mit am Tisch und erhalten Transparenz über Prozesse, Entscheidungen und Kosten“, erläutert Reinkens. Dazu bietet Sidebyside seinen Kunden ein neues Preismodell: Um keinen umfangreichen Auftrag rausgeben zu müssen, können Kunden zum Beispiel einen „Strategie- und Planungs-Tagespass“ wählen oder „hop on, hop off“ vier Wochen buchen, danach inhouse weitermachen und erst für die eigentliche Werbekampagne wieder mit Sidebyside weiterarbeiten. 

Foto von Stephan Campioni Geschäftsführer von Connex Berlin
In Zeiten knapper Budgets braucht es Modelle, die Transparenz, Geschwindigkeit und Qualität verbinden. Mit KI lassen sich Prozesse beschleunigen – aber nur dort, wo sie sinnvoll ist.“
Stephan Campioni Geschäftsführer von Connex Berlin

Sidebyside: Senior-Expertise on demand statt 200 Seiten PowerPoint

„Mit dieser Senior Expertise on demand machen wir keine Rabattagentur auf, sondern verdichten die Möglichkeiten“, sagt Reinkens. „Streamlinen statt 200 Seiten Powerpoint“ sei die Devise. Derzeit laufen bereits drei Berliner Projekte. Erster Kunde war die Zugewanderten-Initiative Wahlheymat. „Es geht gar nicht anders, wir müssen etwas ändern“, ist Reinkens überzegt. „Wir sind bereit, diesen Weg zu gehen, und unsere ersten Kunden haben uns bestätigt, dass es ein guter Weg ist.“ 

Wachstum, Wandel und Wettbewerbsdruck

Die deutsche Werbewirtschaft erzielte 2025 rund 26,5 Mrd. € Umsatz, mit einem Branchenrekord von 23.800 Unternehmen und etwa 148.000 Beschäftigten. Wachstum wird prognostiziert – im Durchschnitt 2,1 % jährlich bis 2030 – aber der Wettbewerbsdruck ist enorm. Digitalisierung und Fachkräftemangel treiben neue Modelle und Formen der Zusammenarbeit voran.  

Quellen: ibisworld.com, www.anddossantos.com