Start-ups in Berlin

Business Angel Jens Lapinski: „An den USA führt kaum ein Weg vorbei“

Für Jens Lapinski spielt Berlin in einer Start-up-Liga mit Paris und London. Doch der Investor warnt: Wenn sich die Standortbedingungen nicht verbessern, könnte die Hauptstadt an Anziehungskraft verlieren.

Von: Michael Gneuss
Foto von Jens Lapinski von Angel Invest

Jens Lapinski

Jens Lapinski hat viele Start-ups kommen und gehen sehen. Mit seinem Superangel-Fonds Angel Invest zählt er zu den aktivsten Frühphasen-Investoren Europas. Jährlich investiert das Team in 75 bis 100 Start-ups.

Was erfolgreiche Gründerinnen und Gründer brauchen, weiß er daher ziemlich genau. Doch selbst die beste Idee braucht ein Umfeld, in dem sie sich entwickeln kann. Und bei den Rahmenbedingungen sieht Lapinski in Berlin noch Luft nach oben.

Start-up-Finanzierung: Worauf Jens Lapinski bei Gründern achtet

Berliner Wirtschaft: Sie sichten mit Ihrem Netzwerk pro Jahr mehr als 10.000 Start-ups. Was muss ein Start-up heute mitbringen, um Sie als Investor wirklich zu überzeugen?

Jens Lapinksi: Wir sagen häufig zu, bevor es überhaupt eine Firma gibt. Wir suchen dort nach Ansätzen die enormes Wachstumspotential haben und wo die Gründer klar darstellen können, wie sie das realisieren wollen.

Was zeichnet erfolgreiche Gründer aus?

Es geht immer um drei Faktoren, die zusammenkommen müssen: Team, Markt und Produkt. Das heißt: Das Gründer-Team darf sich selbst durch interne Streitigkeiten nicht lähmen, sie müssen rausfinden, was die Kunden wollen und sie müssen schließlich dafür eine Lösung bauen können.

„Junge Leute fühlen sich immer noch angezogen, aber wenn Berlin relevant bleiben will, muss die Stadt sicherstellen, dass man hier nicht nur gut feiern, sondern auch gut mit Familie leben kann.“
Jens Lapinksi Investor

KI-Start-ups: Warum Angel Invest fast nur noch in Künstliche Intelligenz investiert

Vor allem Künstliche Intelligenz verändert die Startup-Szene. Wo sehen Sie durch KI die größten Chancen für neue Startups?

90 Prozent der Startups in die wir investieren sind KI Startups. Das beantwortet wohl die Frage. Software is heute KI. Wer keine KI verkauft, für den interessieren wir uns nur zu 10 Prozent der Fälle.

Start-up-Standort Berlin: Warum die Hauptstadt vor allem eine Software-Stadt ist

In welchem Bereich ist die Berliner Start-up-Szene besonders stark – E-Commerce, Fintechs, KI oder Deeptech?

Berlin kann man gut als Software-Stadt denken. Zuerst Software für E-Commerce, dann Software für Fintech, dann Software für Crypto, jetzt Software für Künstliche Intelligenz. Bei Deeptech ist zum Beispiel München stärker. Berlin fehlen die starken technischen Universitäten oder große Technologiefirmen. 

Hardware Technologie-Start-ups sind oft Universitäts-Ausgründungen oder die Leute kommen von großen Firmen, und die sitzen hauptsächlich aus Süddeutschland, insbesondere München, oder auch in der Schweiz. Berlin ist die Software-Stadt, es spielt keine Rolle, ob es um E-Commerce, Fintech, Krypto oder KI geht – am Ende ist das alles Software. 

Was die Stadt immer ausgezeichnet hat, war die Arbeitskultur: Junge Menschen kamen hierher, haben gut gelebt und einfach sehr hart gearbeitet. Die Stadt muss in Zukunft auch für ältere Entwickler mit Familie interessant sein, das kommt hauptsächlich durch weiche Standort Faktoren.

Berlin, München, Paris und London: Wie stark ist der Start-up-Standort Berlin?

Wie ordnen Sie die Berliner Start-up-Szene im nationalen und internationalen Vergleich ein? 

In Deutschland ist sie noch immer die Nummer eins, aber Berlin hat ein Problem: Die großen amerikanischen Tech-Giganten wie Microsoft, Meta oder Google haben ihre Deutschland-Zentralen in München und Hamburg angesiedelt, nicht in Berlin. Und dafür gibt es einen Grund: München beispielsweise empfinden viele Senior-Entwickler, die Familie haben, als attraktiver. 

Berlin zieht aber immer noch junge Leute an, deshalb gibt es hier viele gute Softwareentwickler. Aber sobald die Gründer oder Top-Leute etwas reifer sind und eine Familie gründen, ziehen Sie oft ins Umland oder in andere Städte, weil sie hier mit der Lebensqualität nicht zufrieden sind.

Welche Standortfaktoren Berlin für Gründer und Fachkräfte verbessern muss

Was fehlt Berlin denn?

Es ist kein Problem der Wirtschaftsförderung, es ist ein Problem der weichen Standortfaktoren. Berlin darf sich nicht auf den Erfolgen der 2010er-Jahre ausruhen. Damals war Berlin billig und zog schon deshalb junge Leute an. Heute sind die Mieten gestiegen und die Ansprüche der damaligen Gründer haben sich geändert.

Funktionierende Schulen, Sauberkeit, Sicherheit – das sind ganz, ganz wichtige Standortfaktoren. Junge Leute fühlen sich immer noch angezogen, aber wenn Berlin relevant bleiben will, muss die Stadt sicherstellen, dass man hier nicht nur gut feiern, sondern auch gut mit Familie leben kann.

Fällt Berlin aufgrund der steigenden Mieten als Start-up-Standort zurück?

Natürlich wäre es schön, mehr günstigen Wohnraum zu haben. Aber da München als der auf nationaler Ebene hauptsächlich konkurrierende Standort noch teurer ist, sehe ich in dieser Hinsicht kein großes Problem für Berlin.

Berlin im europäischen Start-up-Vergleich: Paris und London setzen den Maßstab

Und wie ordnen Sie Berlin im europäischen Vergleich ein?

Berlin misst sich mit Paris und London. London ist als Start-up-Standort noch immer stark, hat aber durch den Brexit verloren. Der wichtigste KI-Standort in Europa ist Paris, die Regierung hat die Start-up-Szene stark gefördert. Hinter diesen drei Hauptstädten kommen noch weitere wichtige Städte wie Stockholm, München, Zürich oder Barcelona hinzu.

Was müsste passieren, damit aus Berliner Start-ups häufiger Unternehmen von internationaler Bedeutung werden?

Ersten, ohne amerikanisches Geld ist es häufig nicht zu schaffen. Die Deutschen Kapitalsammelstellen müssten ihre Investitionen in Startup und KI verzehnfachen, damit das Geld nicht mehr aus dem Ausland kommen muss. 

Zweitens, für deutsche Startups, die an großen Firmen verkaufen, sind die USA der wichtigste Markt. Wir müssten sehr viele Gesetze in Deutschland kippen bzw. stark verändern oder vereinfachen, damit deutsche große Firmen schnell und einfach von Startups kaufen könnten. Das sehe ich allerdings nicht auf dem Horizont. 

Jede Firma kann in Berlin gestartet werden, aber wenn sie groß werden will, dann führt an den USA kaum ein Weg vorbei.