Das Magazin der IHK Berlin

Schwer­punkt

Wo die Kuh auf KI trifft

Win-win-Situation: Wenn in Berlin Wissenschaft und Wirtschaft zusammenfinden, nützt das beiden Partnern. Erleichtert werden Kooperationen durch Technologietransfer-Einrichtungen.
von Eli Hamacher Ausgabe 06/2020

Praxisnahe Forschung zum Nutzen von Unternehmen in Berlin: Künstliche Intelligenz für Dialoge im Kundenservice, Viehfutter gegen ­Krankheitserreger, sparsamere Waschmaschinen und Laserdioden etwa für die Medizintechnik sind derzeit laufende Projekte
Praxisnahe Forschung zum Nutzen von Unternehmen in Berlin: Künstliche Intelligenz für Dialoge im Kundenservice, Viehfutter gegen ­Krankheitserreger, sparsamere Waschmaschinen und Laserdioden etwa für die Medizintechnik sind derzeit laufende Projekte. Foto: Jens Bonnke
Lesenswert

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Innovative Technologie ist der Schlüssel zum Fortschritt – in der Wissenschaft und in der Wirtschaft.
  • Um gemeinsam erfolgreich zu sein, muss Know-how ausgetauscht werden. Dafür braucht es Vermittler.

Bekommt die Kuh Milch­fie­ber, schril­len beim Land­wirt die Alarm­glo­cken. Blei­ben erkrank­te Tie­re sei­ner Her­de län­ger lie­gen, geben sie weni­ger oder gar kei­ne Milch, die Frucht­bar­keit lei­det, und die Vier­bei­ner kön­nen im schlimms­ten Fall ver­en­den. Gegen die­se häu­fi­ge Stoff­wech­sel­er­kran­kung hat die Ber­li­ner Per­form­a­Nat GmbH zusam­men mit Wis­sen­schaft­lern der Frei­en Uni­ver­si­tät (FU) Ber­lin einen Fut­ter­mit­tel­zu­satz ent­wi­ckelt. Zehn Zen­ti­me­ter lan­ge Tablet­ten, die Cal­ci­um und pflanz­li­che Wirk­stof­fe ent­hal­ten, sen­ken das Risi­ko der lebens­be­droh­li­chen Krank­heit und sor­gen gleich­zei­tig für eine ver­bes­ser­te Fut­ter­auf­nah­me.

Ser­vice

Down­loads & Links

„Ohne das Know-how der FU-For­scher und den Zugang zu deren Labo­ren hät­ten wir unser Pro­dukt gar nicht auf den Markt brin­gen kön­nen“, sagt die Vete­ri­när­me­di­zi­ne­rin Julia Rosen­dahl, die vor fünf Jah­ren mit der Bio­lo­gin Katha­ri­na Schra­pers ihr Start-up am Insti­tut für Vete­ri­när-Phy­sio­lo­gie der FU aus­grün­de­te und heu­te zehn Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt. In einem 18 Mona­te dau­ern­den Tech­no­lo­gie­trans­fer-Pro­jekt wol­len die Unter­neh­me­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler ihre Ergeb­nis­se jetzt auf Schwei­ne über­tra­gen. „Wenn die Fer­kel nach der Geburt von der Mut­ter getrennt wer­den, löst dies häu­fig Stress und Krank­hei­ten aus. Wir wol­len des­halb einen Fut­ter­mit­tel­zu­satz ent­wi­ckeln, mit dem wir das Immun­sys­tem auch die­ser Tie­re stär­ken.“

Im Dickicht der Wis­sen­schaft

Um die enge Ver­flech­tung von inno­va­ti­ver Wirt­schaft und exzel­len­ter Wis­sen­schaft am Stand­ort Ber­lin effi­zi­ent zu nut­zen, ist die Koope­ra­ti­on der poten­zi­el­len Part­ner essen­zi­ell. Doch genau da beginnt für die Wirt­schaft das Pro­blem. Hei­ke Schö­ning von der IHK Ber­lin nennt den Knack­punkt: „Die Unter­neh­men fin­den sich schlecht im Dickicht Wis­sen­schaft zurecht. Es fehlt an Trans­pa­renz zu For­schungs­schwer­punk­ten und -ergeb­nis­sen sowie rele­van­ten Ansprech­part­nern für Anwen­dun­gen auf Basis neu­er Tech­no­lo­gi­en an den Hoch­schu­len.“ Die Wis­sen­schaft brau­che aber drin­gend Part­ner aus der Wirt­schaft, um For­schungs­er­geb­nis­se anzu­wen­den bzw. um ihre For­schung gezielt auf unter­neh­me­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen aus­zu­rich­ten. Wie kön­nen Unter­neh­men und Hoch­schu­len erfolg­reich koope­rie­ren, um Inno­va­tio­nen zu för­dern? Die Ber­li­ner Wirt­schaft hat mit Fir­men­chefs und Wis­sen­schaft­lern gespro­chen. 

Für Julia Rosen­dahl hat sich die bis­he­ri­ge Koope­ra­ti­on mit der Uni­ver­si­tät in Dah­lem aus­ge­zahlt. „Wir haben immer frucht­ba­re Ergeb­nis­se erzielt. Ein Selbst­läu­fer ist das jedoch kei­nes­falls“, räumt die 35-jäh­ri­ge Tier­ärz­tin ein. Man müs­se ganz klar ein Ziel for­mu­lie­ren und dazu einer kon­kre­ten Fra­ge­stel­lung nach­ge­hen, dabei den­noch ergeb­nis­of­fen sein. „Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung ist es auch, erst ein­mal den rich­ti­gen Ansprech­part­ner an der Hoch­schu­le zu fin­den.“ Hier­bei hel­fe zum Bei­spiel eine Tech­no­lo­gie­trans­fer-Ein­rich­tung wie Pro­fund Inno­va­ti­on, die inner­halb der For­schungs­ab­tei­lung der FU Ber­lin sowohl Unter­stüt­zung für Wis­sen­schaft­ler als auch für Unter­neh­men bie­tet. Last but not least müss­ten die Par­tei­en schon im Pro­jekt­ver­trag kon­kre­ti­sie­ren, wer spä­ter die Rech­te an mög­li­chen Paten­ten hal­ten wird.  

Die Rah­men­be­din­gun­gen für Indus­trie­ko­ope­ra­tio­nen sei­en an der Frei­en Uni­ver­si­tät gut gere­gelt, sodass bereits in frü­hen Pha­sen der Pro­jekt­ge­stal­tung auf dem Boden der Rea­li­tä­ten geplant wer­den kann, ergänzt Jörg Aschen­bach, Pro­fes­sor am FU-Fach­be­reich Vete­ri­när­me­di­zin. „Die Refe­ren­ten für For­schungs­för­de­rung und unse­re Juris­ten arbei­ten sehr enga­giert an der Aus­ge­stal­tung der Pro­jekt­be­din­gun­gen mit. Her­aus­for­de­run­gen sind regel­mä­ßig das Abglei­chen von unter­schied­li­chen Ver­trags­vor­la­gen der betei­lig­ten Part­ner und die Abklä­rung der Rech­te an mög­li­cher­wei­se gene­rier­tem geis­ti­gem Eigen­tum.“ Für ­Aschen­bach haben Koope­ra­tio­nen mit Unter­neh­men den Reiz, „dass man sich vom ers­ten Tag an sicher sein kann, an einer prak­tisch rele­van­ten Fra­ge­stel­lung zu for­schen. Gera­de in der Tier­me­di­zin ist das sehr wich­tig, da die Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gung, Unter­brin­gung und Gesund­heit unse­rer Tie­re ein hohes Gut ist, wel­ches als Tier­schutz sogar im Grund­ge­setz ver­an­kert ist.“

Ulrike Winterwerber ist Wissenschaftlerin am Ferdinand-Braun- ­Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik. Dirk Schumann ist CTO bei der eagleyard­Photonics GmbH
Ulri­ke Win­ter­wer­ber ist Wis­sen­schaft­le­rin am Fer­di­nand-Braun- ­Insti­tut, Leib­niz-Insti­tut für Höchst­fre­quenz­tech­nik. Dirk Schu­mann ist CTO bei der eagleyard­Photonics GmbH. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

So gut wie im Fall von Per­fom­a­Nat funk­tio­niert der Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer nicht immer. Ber­lin ver­fü­ge ins­ge­samt zwar über gute Vor­aus­set­zun­gen, dass die breit auf­ge­stell­te Wis­sen­schaft und die mit­tel­stän­disch gepräg­te Wirt­schaft eine star­ke Ver­bin­dung ein­ge­hen könn­ten. Nach Ansicht der IHK Ber­lin fehlt jedoch eine sys­te­ma­ti­sche Steue­rung für einen stra­te­gi­schen Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer. Sie hat im ver­gan­ge­nen Jahr des­halb in einem Papier acht The­sen für einen koope­ra­ti­ons­star­ken Wirt­schafts- und Wis­sen­schafts­stand­ort ver­fasst, um Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zur Stär­kung des Trans­fers an die Lan­des­re­gie­rung zu adres­sie­ren. 

Schwie­ri­ge Part­ner­wahl 

„Ein ers­ter und schwie­ri­ger Schritt zur Koope­ra­ti­on ist die Wahl des Part­ners. Hier man­gelt es in Wirt­schaft und Wis­sen­schaft an Trans­pa­renz zu Ange­bot und Nach­fra­ge“, sagt IHK-Exper­tin Hei­ke Schö­ning. Des­halb müs­se es sich Ber­lin zur Auf­ga­be machen, über unter­schied­li­che For­ma­te Kon­tak­te sys­te­ma­tisch und nach­hal­tig zu för­dern, Kol­la­bo­ra­ti­on auf den Weg zu brin­gen, den Trans­fer über Köp­fe und dar­über die Dif­fu­si­on neu­er Tech­no­lo­gi­en und deren Anwen­dung im Mit­tel­stand zu beschleu­ni­gen. 

Leicht fällt die Wahl des Part­ners, wenn Mit­ar­bei­ter eine For­schungs­in­sti­tu­ti­on ver­las­sen, um ihr eige­nes Unter­neh­men zu grün­den, aber mit ihrem vor­he­ri­gen Arbeit­ge­ber wei­ter­hin koope­rie­ren. Wie das erfolg­reich seit fast 20 Jah­ren funk­tio­niert, macht die eagley­ard Pho­to­nics GmbH vor, die als Spin-off aus dem Fer­di­nand-Braun-Insti­tut, Leib­niz-Insti­tut für Höchst­fre­quenz­tech­nik (FBH) her­vor­ging. Das mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men mit sei­nen heu­te gut 40 Mit­ar­bei­tern fer­tigt und ver­mark­tet Laser­di­oden, etwa für die Wis­sen­schaft, Medi­zin­tech­nik oder auch Satel­li­ten­mis­sio­nen im Welt­all. „Das Herz­stück unse­res Pro­dukts, die Laser­chips, bezie­hen wir vom FBH“, erklärt CTO Dirk ­Schu­mann. Neben eta­blier­ten Anwen­dun­gen wür­den dar­über hin­aus im Rah­men von For­schungs­auf­trä­gen des FBH Laser­di­oden mit kun­den- und anwen­dungs­spe­zi­fi­schen Eigen­schaf­ten ent­wi­ckelt. Vor­teil sei, dass man neben der eige­nen Fer­ti­gung auch die Anla­gen in den Rein­räu­men des Leib­niz-Insti­tuts nut­zen kön­ne, so ­Schu­mann. „Ein klei­nes Unter­neh­men könn­te sol­che Inves­ti­tio­nen gar nicht allein stem­men.“  

Ulri­ke Win­ter­wer­ber vom Pro­to­ty­pe Engi­nee­ring Lab des FBH nennt als Vor­teil für das Leib­niz-Insti­tut, dass durch den Schul­ter­schluss mit Unter­neh­men eine anwen­dungs­na­he For­schung mög­lich wird. Um den Erfolg sicher­zu­stel­len, sei es uner­läss­lich, die F&E-Aufgabe klar zu defi­nie­ren und sich mit fes­ten Ansprech­part­nern regel­mä­ßig abzu­stim­men. „Als Unter­neh­men muss man sich dabei auch in die Kar­ten schau­en las­sen. Nur wenn die Wis­sen­schaft­ler die gesam­te Anwen­dung ver­ste­hen, zu der sie ja nur einen Teil bei­steu­ern, kommt es zu opti­ma­len Ergeb­nis­sen“, unter­streicht Schu­mann. Hät­ten sich Koope­ra­tio­nen zwi­schen Wirt­schaft und Wis­sen­schaft bereits bewährt, sei es auch leich­ter, För­der­mit­tel ein­zu­wer­ben, ergänzt Win­ter­wer­ber.  

Hilf­reich, wenn­gleich kei­ne unbe­ding­te Vor­aus­set­zung für den Erfolg sei zudem die regio­na­le Nähe. FBH und eagley­ard etwa sit­zen bei­de in Adlers­hof, das macht Abstim­mun­gen leich­ter. Tech­no­lo­gie­trans­fer eig­net sich aus Sicht von Win­ter­wer­ber kei­nes­falls nur für gro­ße Ent­wick­lungs­pro­jek­te oder für Part­ner, die sich bereits ken­nen. „Wir sind sehr fle­xi­bel bei der Zusam­men­ar­beit und kön­nen zum Bei­spiel auch im Vor­feld Pro­to­ty­pen erstel­len, um etwa die Funk­ti­ons­fä­hig­keit eines Lasers in der kon­kre­ten Anwen­dung eines Unter­neh­mens zu tes­ten.“

Julia Rosendahl (r.) und Katharina Schrapers sind die Gründerinnen der PerformaNat GmbH
Julia Rosen­dahl (r.) und Katha­ri­na Schra­pers sind die Grün­de­rin­nen der Per­form­a­Nat GmbH. Foto: Per­form­a­nat GmbH

Sei­ten­wech­sel in die Wirt­schaft 

Wie viel­fäl­tig Tech­no­lo­gie- und Wis­sens­trans­fer sein kann, beschreibt Hei­ke Schö­ning von der IHK: „Das Spek­trum reicht von gemein­sa­men For­schungs- und Ent­wick­lungs­ar­bei­ten, Auf­trags­for­schung, Wei­ter­bil­dung von Mit­ar­bei­tern über Vor­trä­ge oder Semi­na­re bis hin zu ,Sei­ten­wech­seln‘ von wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­tern in die Wirt­schaft eben­so wie Aus­grün­dun­gen aus der Wis­sen­schaft.“ Als wei­te­res Bei­spiel für kom­ple­men­tä­re Koope­ra­tio­nen von Wirt­schaft sowie Leh­re und For­schung nennt Dr. Olga ­Will­ner von der Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft (HTW) Ber­lin regel­mä­ßi­ge Gast­vor­trä­ge von Unter­neh­mern in ihren Vor­le­sun­gen. „Für unse­re Stu­die­ren­den ist es extrem berei­chernd, bereits wäh­rend des Stu­di­ums die rea­len Her­aus­for­de­run­gen, mit wel­chen Mana­ger regel­mä­ßig kon­fron­tiert wer­den, ken­nen­zu­ler­nen und teils sogar schon zu deren Bewäl­ti­gung bei­zu­tra­gen“, sagt die Pro­fes­so­rin für Wirt­schafts­in­for­ma­tik mit Schwer­punkt Intel­li­gen­te Sys­te­me.  

Lyn Sören Mat­ten, CTO bei der Ber­li­ner Wire­less IoT Solu­ti­ons GmbH, bringt den Stu­die­ren­den zum Bei­spiel näher, wel­che Pha­sen von der Umset­zung des ers­ten Pro­to­ty­pen bis hin zur Indus­tria­li­sie­rung bei der Ent­wick­lung eines IoT-Pro­dukts durch­lau­fen wer­den. „Ein regel­mä­ßi­ger Aus­tausch mit der Ber­li­ner Wirt­schaft ist uner­läss­lich, um bedarfs­ge­recht aus­zu­bil­den“, ist Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ke­rin Olga ­Will­ner von der HTW über­zeugt. 

IoT-Lösung auf dem Tem­pel­ho­fer Feld 

Im Früh­jahr die­ses Jah­res star­te­te die HTW mit zehn Part­nern, dar­un­ter der WISTA Manage­ment GmbH, der Tech­no­lo­gie­stif­tung Ber­lin und Ber­lin Part­ner, das neue vom Insti­tut für Ange­wand­te For­schung und Ent­wick­lung Ber­lin (IFAF Ber­lin) geför­der­te Pro­jekt „Edge­Ci­ty“. Ziel ist es laut Will­ner, mit extrem ener­gie­ef­fi­zi­en­ten Mikro­con­trol­lern Daten über Umwelt­fak­to­ren, Ver­kehrs- und Per­so­nen­strö­me zu erfas­sen. Aktu­ell wer­de zum Bei­spiel dis­ku­tiert, eine IoT-Lösung auf dem Tem­pel­ho­fer Feld umzu­set­zen, um in Echt­zeit zu ermit­teln, wie vie­le Per­so­nen sich dort auf­hal­ten. Am Pro­jekt betei­ligt ist auch die 2015 gegrün­de­te Wire­less IoT Solu­ti­ons, die heu­te zwölf Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt. „Wir kön­nen bei Smart-City-Pro­jek­ten auf­grund unse­res Geschäfts­mo­dells und unse­rer Kom­pe­ten­zen nur einen Teil der Wert­schöp­fung bei­steu­ern. Des­halb sind Koope­ra­tio­nen ent­schei­dend“, sagt CTO Mat­ten. Sein Ziel sei es, am Ende des Pro­jek­tes für Smart City kla­re Anwen­dungs­fäl­le her­aus­ge­ar­bei­tet und in der Pro­to­ty­pen-Pha­se erprobt zu haben. „Dar­auf auf­bau­end kön­nen wir dann Pro­duk­te und Lösun­gen für den Markt ent­wi­ckeln und anbie­ten.“ 

Vor allem bei klei­nen Unter­neh­men mit beschränk­ten finan­zi­el­len Mit­teln hängt ein erfolg­rei­cher Tech­no­lo­gie­trans­fer auch von einer unkom­pli­zier­ten För­de­rung ab. Bei einer Ver­an­stal­tung des Grün­dungs­ser­vice der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät (HU) wur­de Tobi­as ­Wagen­füh­rer, CEO der 2015 gegrün­de­ten Aaron GmbH, auf die Trans­fer-BONUS-För­de­rung der Inves­ti­ti­ons­bank Ber­lin (IBB) auf­merk­sam. Mit 15.000 Euro unter­stütz­te die IBB schließ­lich Aaron dabei, einen For­schungs­auf­trag an die HU ver­ge­ben zu kön­nen. Das Ber­li­ner Start-up hat ein ler­nen­des Sys­tem ent­wi­ckelt, das mit­hil­fe von künst­li­cher Intel­li­genz (KI) dyna­mi­sche Dia­lo­ge zwi­schen Mensch und Maschi­ne füh­ren und aus­wer­ten kann. Kun­den sind Arzt­pra­xen, aber auch Kon­zer­ne wie die Deut­sche Bahn und EON. Wenn etwa Pati­en­ten wäh­rend der Stoß­zei­ten anru­fen, wird der Anru­fer an einen Sprach­bot wei­ter­ge­lei­tet, der zum Bei­spiel Rezept- oder Ter­min­an­fra­gen bear­bei­ten kann. „Die HU hat für uns einen Pro­to­typ ent­wi­ckelt, mit dem Ent­wick­ler und Kun­den das Ler­nen der KI effi­zi­ent unter­stüt­zen kön­nen“, sagt Wagen­füh­rer, der das Pro­jekt als vol­len Erfolg wer­tet. Glei­cher­ma­ßen posi­tiv ist aus sei­ner Sicht, dass von der Bean­tra­gung des Trans­fer BONUS bis zum Start der For­schung nur gut vier Wochen ver­gan­gen sei­en.

Anett Greiner-Bäuerle ist Geschäftsführerin des Restaurants Georgbräu
Anett Grei­ner-Bäu­er­le ist Geschäfts­füh­re­rin des Restau­rants Georg­bräu. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Koope­ra­ti­ons­hemm­nis­se abbau­en 

Der Trans­fer BONUS habe dazu bei­getra­gen, dass die Nach­fra­ge nach Tech­no­lo­gie­trans­fer-Pro­jek­ten bei klei­nen und mit­tel­gro­ßen Ber­li­ner Unter­neh­men steigt, sagt Vol­ker ­Hof­mann, Geschäfts­füh­rer der Hum­boldt-Inno­va­ti­on GmbH, Toch­ter­ge­sell­schaft der HU und Ser­vice­ein­heit für alle Anfra­gen von Unter­neh­men. Mit Work­shops, Net­work-Ver­an­stal­tun­gen und Online-Tools, wie einer Exper­ti­se-Land­kar­te der indus­trie­na­hen For­schung, baut die größ­te Hoch­schu­le der Stadt die Koope­ra­ti­ons­hemm­nis­se zwi­schen der Wirt­schaft und der Wis­sen­schaft ab. Denn anders als die Aaron GmbH, die als Start-up an der HU gegrün­det wur­de, Per­form­a­Nat oder eagley­ard haben vie­le Unter­neh­men noch gar kei­nen Kon­takt zu den wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen der Stadt. „Ent­spre­chend müs­sen Wege der Ver­net­zung und Kon­takt­auf­nah­me ver­ein­facht und beschleu­nigt wer­den“, so Hof­mann. 

Mög­lichst nied­rig­schwel­lig sol­len auch die Ange­bo­te der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin (TU) sein. Anfang 2019 hat die dritt­größ­te Ber­li­ner Uni­ver­si­tät den neu­en Cowor­king-Space „EINS“ eröff­net, wobei EINS für Entre­pre­neurship, Inno­va­ti­on, Net­wor­king und Sustai­na­bi­li­ty steht. „EINS ist ein idea­ler Ort, um Ver­tre­ter aus Wirt­schaft, Wis­sen­schaft, Poli­tik, aka­de­mi­schen Start-ups und Zivil­ge­sell­schaft zusam­men­zu­brin­gen“, sagt Caro Noemi Sto­ecker­mann, Inno­va­ti­ons­ma­na­ge­rin am Cent­re for Entre­pre­neurship (CfE) der TU Ber­lin, das als zen­tra­ler Anlauf­punkt für alle grün­dungs­in­ter­es­sier­ten Mit­glie­der der Uni­ver­si­tät und als Schnitt­stel­le zwi­schen Wirt­schaft und Wis­sen­schaft fun­giert. Seit der Grün­dung im Jahr 2008 sind am CfE rund 150 High­tech-Start-ups auf den Weg gebracht wor­den.  

Die star­ke Ber­li­ner Grün­der­sze­ne zieht auch Unter­neh­mer aus Bay­ern an. Mit gleich 30 Füh­rungs­kräf­ten reis­te etwa der Tech­no­lo­gie­kon­zern Kurtz Ersa Ende 2019 in die Haupt­stadt, um sich im Cowor­king-Space EINS mit aus­ge­wähl­ten Start-ups der TU dar­über aus­zu­tau­schen, was zum Bei­spiel ein welt­weit täti­ges Unter­neh­men von den agi­len Ent­wick­lungs­pro­zes­sen einer noch jun­gen Fir­ma ler­nen kann. „Der ko-krea­ti­ve Work­shop am CfE war für Kurtz Ersa beson­ders inspi­rie­rend. Die Arbeit an den Geschäfts­mo­del­lin­no­va­tio­nen der aka­de­mi­schen Start-ups der TU Ber­lin hat uns gezeigt, wel­ches Inno­va­ti­ons­po­ten­zi­al in Start-ups und in ihrer Arbeits- und Denk­wei­se steckt“, sagt Vere­na Frankl, Per­so­nal­lei­te­rin bei Kurtz Ersa. Dies habe neue Impul­se für die Zukunft des Unter­neh­mens gege­ben.“ Zu den eta­blier­ten For­ma­ten des CfE gehört u. a. die Unter­neh­mens­sprech­stun­de, bei der Unter­neh­men mit Start-ups ver­netzt wer­den, über die Grün­der dann im Ide­al­fall Koope­ra­ti­ons­part­ner oder Pilot­kun­den fin­den.  

Die BSH Haus­ge­rä­te GmbH, die in Ber­lin mit gut 900 Mit­ar­bei­tern ein Tech­no­lo­gie­zen­trum für Wäsche­pfle­ge betreibt, ver­traut auf die wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se von gleich drei Ber­li­ner Hoch­schu­len, um den Wäsche­pfle­ge­pro­zess zu erfor­schen. „Der Kun­de wünscht sich Trom­meln mit einem immer grö­ße­ren Fas­sungs­ver­mö­gen. Die Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, dass einer­seits die Wasch­lau­ge alle Tex­ti­li­en durch­feuch­tet und ande­rer­seits nicht zu viel Was­ser und Strom ver­braucht wer­den“, sagt Dr. Chris­ti­an ­Oer­tel, Hoch­schul­ko­or­di­na­tor bei dem Her­stel­ler von Haus­halts­ge­rä­ten.

Christian Oertel ist Hochschulkoordinator bei der BSH Hausgeräte GmbH.
Chris­ti­an Oer­tel ist Hoch­schul­ko­or­di­na­tor bei der BSH Haus­ge­rä­te GmbH. Foto: Wandt-Fotos/­Pe­ter C. Wandt

Bei­de Sei­ten pro­fi­tie­ren 

In mit Dritt­mit­teln geför­der­ten Pro­jek­ten eben­so wie in koope­ra­ti­ven For­schungs­pro­jek­ten, bei denen bei­de Sei­ten, also Hoch­schu­le und BSH, vom Trans­fer glei­cher­ma­ßen pro­fi­tie­ren, arbei­ten Beuth Hoch­schu­le für Tech­nik, HTW und TU Ber­lin mit dem Tech­no­lo­gie­kon­zern zusam­men. Wäh­rend die Beuth Hoch­schu­le ihre Exper­ti­se in der Simu­la­ti­ons­tech­nik ein­bringt, steu­ert die HTW Know-how in der Tex­til­wirt­schaft bei und die TU stellt die Ver­suchs­stän­de bereit. Als wei­te­ren Erfolgs­fak­tor bezeich­net Oer­tel den zwi­schen allen Par­tei­en aus­ge­han­del­ten Rah­men­ver­trag, der Details regelt. Da man sich über die Eck­punk­te einig sei, kön­ne man Ver­trä­ge für neue Pro­jek­te zügig und unkom­pli­ziert auf­set­zen. Prof. ­Joa­chim ­Vill­wock von der Beuth Hoch­schu­le, der das Pro­jekt auf der Wis­sen­schafts­sei­te beglei­tet, hebt die gestie­ge­ne Bedeu­tung von Dritt­mit­tel­pro­jek­ten für die Hoch­schu­len her­vor. „Wenn ein Indus­trie­part­ner beim Antrag dabei ist, ist das ein siche­res Indiz dafür, dass es sich um eine For­schung han­delt, die auch eine zeit­na­he Anwen­dung in Indus­trie und Wirt­schaft fin­det“, sagt der Pro­fes­sor für Mecha­nik. Wie wich­tig die Wirt­schaft für die Wis­sen­schaft sei, zei­ge sich auch dar­an, dass an der Beuth Hoch­schu­le bereits 90 Pro­zent der Bache­lor- und Mas­ter­ar­bei­ten im Maschi­nen­bau von den Stu­die­ren­den mit der Indus­trie abge­schlos­sen wür­den.  

Wirt­schaft trifft Wis­sen­schaft – last but not least auch an ganz unge­wöhn­li­chen Orten, zum Bei­spiel im Niko­lai­vier­tel, Ber­lins ers­tem und damit ältes­tem Wohn­ge­biet. Hier kamen im Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res Wis­sen­schaft­ler von sechs Ber­li­ner Hoch­schu­len mit Ver­tre­tern der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Niko­lai­vier­tel (IGNV) zusam­men, die sich für die Belan­ge von 30 Gas­tro­no­men, 40 Ein­zel­händ­lern und Anwoh­nern ein­setzt. Gemein­sam woll­ten bei­de Sei­ten eine Digi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gie für das his­to­ri­sche Vier­tel ent­wi­ckeln. „Ziel ist es, mit digi­ta­len Tools einer­seits die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Anwoh­nern, Gewer­be­trei­ben­den, Gas­tro­no­men und ­Kul­tur­be­trie­ben zu ver­bes­sern, aber auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach außen mit den Besu­chern des Vier­tels“, sagt Anett Grei­ner-Bäu­er­le, Geschäfts­füh­re­rin des Restau­rants Georg­bräu und Vor­sit­zen­de der IGNV.  

Ava­tare im Niko­lai­vier­tel 

Was mög­lich ist, haben die Wis­sen­schaft­ler der Hoch­schu­len in einer Doku­men­ta­ti­on fest­ge­hal­ten, sei es der Ein­satz von Ava­taren, von Tech­no­lo­gi­en für Smart Cities oder die Erwei­te­rung der Web­site um neue Funk­tio­nen. Noch ste­hen die Ergeb­nis­se nur auf dem Papier. „Im Rah­men eines neu­en För­der­pro­jekts hof­fen wir aber auch auf Mit­tel für das Mar­ke­ting. Dann könn­ten wir die Ide­en in die Pra­xis umset­zen“, hofft ­Grei­ner-Bäu­er­le. Dass am Ende des Pro­jekts vor­zeig­ba­re Resul­ta­te stan­den, ist auch der Offen­heit der Betei­lig­ten zu ver­dan­ken. Denn wenn Wirt­schaft auf Wis­sen­schaft trifft, gibt es nicht sel­ten Berüh­rungs­ängs­te. Bei­de Sei­ten müs­sen erst mal ler­nen, die Spra­che des ande­ren über­haupt zu ver­ste­hen. So fehl­te den Händ­lern im Niko­lai­vier­tel das Tech­no­lo­gie-Know-how, den Wis­sen­schaft­lern man­gel­te es am Ver­ständ­nis für die wirt­schaft­li­che Mach­bar­keit. Auch das waren Les­sons Learnt aus dem mehr­mo­na­ti­gen Pro­jekt.  

Für Dr. Sil­ke Lach­nit, Koope­ra­ti­ons­ma­na­ge­rin bei BIT6 – Ber­lin Inno­va­ti­on Trans­fer, ist ein wei­te­res Erfolgs­kri­te­ri­um, dass beim Wis­sens-, For­schungs- und Tech­no­lo­gie­trans­fer ver­schie­de­ne Hoch­schu­len ihre Kapa­zi­tä­ten bün­deln und inter­dis­zi­pli­när zusam­men­ar­bei­ten. BIT6 unter­stützt des­halb im Auf­trag des Lan­des und sechs Ber­li­ner Hoch­schu­len (Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft, Ali­ce Salo­mon Hoch­schu­le, Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Recht, Beuth Hoch­schu­le, Katho­li­sche Hoch­schu­le und Evan­ge­li­sche Hoch­schu­le) seit Mit­te 2018 Koope­ra­tio­nen bei Pro­jek­ten, um so Inno­va­tio­nen zu för­dern. „Wir wol­len als Brü­cken­bau­er zwi­schen Wis­sen­schaft, Wirt­schaft und Gesell­schaft fun­gie­ren“, unter­streicht Lach­nit.  

Das könnte Sie auch interessieren – weitere Artikel dieser Kategorie


Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren und informiert bleiben!