Studie zur Vergesellschaftung

Neubau würde Mieten stärker dämpfen als Vergesellschaftung

Enteignungen schaffen keine einzige neue Wohnung, aber wie viele könnten entstehen für die öffentlichen Mittel, die die Vergesellschaftung kostet? Das Kiel Institut für Weltwirtschaft hat jetzt genau nachgerechnet: Bis zu 71.000 neue Wohnungen könnten bis 2045 entstehen, was die Angebotsmieten effektiv bremsen würde.

Zu sehen ist ein Wohnungsneubau. Hinter dem Haus stehen zwei Baukräne.

Neue Wohnungen entlasten den Mietmarkt am wirksamsten

Die Befürworter der Vergesellschaftung argumentieren häufig damit, dass der Mietanstieg gebremst wird bzw. langfristig Bestandsmieten gesenkt werden, wenn eine öffentliche Anstalt die Wohnungsbestände übernimmt. Die Expertinnen und Experten vom Kiel Institut haben dazu ein wissenschaftliches Gutachten vorgelegt. Ihr Fazit: Neubau bremst den Mietanstieg effektiver.

Die Berechnung basiert auf einem Verkehrswert der betroffenen Objekte von 40,2 Milliarden Euro. Nach dem diskutierten Modell wären dafür 20,1 Milliarden Euro an Entschädigungen für die Immobilienunternehmen aufzubringen. Würde diese Summe stattdessen in den Neubau investiert, könnten laut Modellrechnung bis zu 71.000 Wohnungen entstehen. 

Auftraggeber der Studie ist die Wirtschaftsinitiative „Berlin denkt weiter“, zu der unter anderem die IHK Berlin, die Handwerkskammer Berlin, die UVB und der VBKI gehören.

Zudem würden laut der Studie zusätzliche Angebote  den Preisdruck im Markt reduzieren, wodurch die Angebotsmieten bis 2045 bis zu 8,7 Prozent niedriger ausfallen könnten als in der erwarteten Entwicklung. Die Wirkungskette erklärt die Studie so: Wer in eine neu gebaute Wohnung zieht, macht häufig eine andere Wohnung frei. Über solche Umzugsketten reduziere zusätzliches Angebot den Preisdruck im Markt. Baut Berlin gezielt im unteren Mietsegment neu, wäre die Mietdämpfung dort nach den Modellrechnungen des Kieler Instituts besonders ausgeprägt.

IHK-Präsident Sebastian Stietzel sieht die Position der IHK Berlin bestätigt: “Ein Eigentümerwechsel vergrößert nicht den Wohnungsbestand”. Enteignungen seien "die falscheste aller möglichen Antworten auf den Wohnungsmangel in Berlin.“

„Ein Eigentümerwechsel vergrößert nicht den Wohnungsbestand“
Sebastian Stietzel Präsident der IHK Berlin

Staatseingriffe schaden mehr, als sie nutzen

Das Institut hat zudem auf internationaler Ebene Maßnahmen gegen angespannte Wohnungsmärkte analysiert und kommt zum Ergebnis, dass strikte Regulierungen mittel- bis langfristig eher schaden als nützen. So erweist sich das häufig als Vorbild angeführte Wien bei genauerer Betrachtung als weniger überzeugendes Beispiel: Bei vergleichbaren Bruttokaltmieten lag das Mietniveau dort 2018 nur knapp unter Berlin, seither sind die Mieten um rund 30 Prozent gestiegen. Unbefristete Mietverträge sind bei Neuabschlüssen mittlerweile die Ausnahme, und Mieter tragen einen deutlich größeren Teil der Instandhaltungskosten selbst.

Auch Erfahrungen aus anderen Städten und Ländern – USA, Großbritannien oder Portugal – zeigen, dass strenge Mietregulierung Bestandsmieter zwar kurzfristig schützt, langfristig aber Investitionen, Neubau und die Qualität des Wohnungsbestands schwächt und damit das Angebot verknappt.