Berliner Fintech

Wie Billie um internationale Fachkräfte wirbt und mit der Bürokratie hadert

Internationale Fachkräfte sind für das Berliner Fintech Billie unverzichtbar – doch bürokratische Hürden bremsen den Start oft monatelang. Geschäftsführerin Aiga Senftleben erklärt, warum globale Rekrutierung notwendig ist, wo Behördenprozesse versagen und was Politik und Verwaltung ändern müssen, damit Berlin im Wettbewerb um Talente bestehen kann.

Von: Michael Gneuss
Das Bild zeigt eine blonde Frau im blauen Jackett in einem Büro, es ist Aiga Senftleben

Aiga Senftleben ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Billie GmbH aus Berlin

Die Billie GmbH ist ein europäischer Anbieter für den B2B-Rechnungseinkauf. Dafür ist das Fintech auf Spezialisten aus dem Ausland angewiesen. Bis eine internationale Fachkraft nach der Vertragsunterzeichnung aber in der Firma eingesetzt werden kann, vergehen oft viele Monate. 

Warum finden Sie in Berlin nicht genügend Fachkräfte?

Es ist in Berlin, aber auch in ganz Deutschland sehr schwer, Talente zu finden, die bereits über eine ausreichende Spezialisierung für unser Geschäft verfügen. Deshalb rekrutieren wir in sehr vielen Ländern. Ich kann es auch in Zahlen ausdrücken: Von unseren rund 130 Mitarbeitern kommen knapp 80 aus dem Ausland – 30 aus EU- und 50 aus sonstigen Staaten. Derzeit arbeiten Menschen aus 33 Nationen für uns.

Ist die Ausbildung denn in den anderen Staaten besser?

Wir brauchen vor allem Software-Architekten und Data Scientists, die ihren Fokus auf Finanztechnologien gerichtet haben. Dafür gibt es an Berlins Hochschulen keine ausgeprägte Spezialisierung. Noch wichtiger ist aber, dass wir Kandidaten suchen, die schon Berufserfahrung mitbringen. Diese Qualifikationen sind generell schwer zu finden. Im Ausland wird aber ein bisschen praxisnäher ausgebildet.

Gibt es Länder, aus denen Sie besonders viele Talente holen?

Eigentlich nicht, das ist sehr weitläufig. Wir stellen aber schon fest, dass wir oft sehr gute Leute aus Osteuropa sowie aus Indien und Pakistan holen.

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Wie lange dauert es, bis Sie neue Stellen besetzen?

Wir unterscheiden zwischen der Zeit bis zur Vertragsunterzeichnung und der Zeit, die danach noch verstreicht, bis wir die neuen Leute wirklich bei uns haben. Die erste Phase, die Time-to-hire, beträgt beispielsweise bei Data Scientists etwa zwei Monate. Die Zeit der Einwanderung danach schwankt je nach Land sehr stark. Bei Fachkräften aus den Philippinen, der Türkei oder Pakistan müssen wir mit mindestens vier Monaten rechnen.

Was genau verzögert die Einwanderung?

Der gesamte Prozess ist unglaublich langwierig. Die neuen Fachkräfte brauchen erst einen Termin in der jeweiligen deutschen Auslandsvertretung, dann ein Visum, dann müssen sie hier noch ein Anerkennungsverfahren durchlaufen. Für kleinere Firmen ist es sehr herausfordernd, sich mit diesen Prozessen in vielen Ländern auseinanderzusetzen.

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Warum spezialisieren Sie sich nicht auf die Rekrutierung in einem Land?

Weil es dieses eine Land, das uns alle benötigten Fachkräfte liefern kann, nicht gibt. Außerdem ist es besser, in heterogenen Teams zu arbeiten, andernfalls entwickeln sich Subkulturen einzelner Zuwanderergruppen. 

Rekrutieren Sie mithilfe von Dienstleistern?

Nein, das machen wir selbst. Wir haben ständig zwei Leute, Sourcer genannt, im Einsatz. Die suchen auf den großen internationalen Plattformen wie LinkedIn, wer zu uns passen könnte.

Aiga Senftleben sitzt an einem Büroschreibtisch und schaut in Richtung Interviewparter

Neben Personalentwicklung verantwortet Aiga Senftleben bei Billie den Bereich Finanzmarktregulierung

Warum geht die Einwanderung nicht schneller?

Es ist grundsätzlich nicht so richtig klar, wer was macht. Es gibt die Arbeitsagentur und das Landeseinwanderungsamt, in und zwischen den Behörden aber wenig geradlinige und belastbare Kommunikation und erst recht keine überzeugende Digitalisierung. Außerdem gibt es Hilfsangebote und Verfahren wie den Business Immigration Service, das beschleunigte Fachkräfteverfahren und den Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit. Alle diese Behörden haben das gleiche Ziel, nämlich Fachkräfte schnell in Unternehmen zu platzieren. Unser Eindruck ist aber, dass es zwischen ihnen wenig oder gar keine Abstimmung gibt. Es gibt selten verbindliche Aussagen. Manchmal ist es wie in einem Labyrinth.

Also helfen die Hilfsangebote nicht wirklich?

Sie können durchaus hilfreich sein, wenn man damit umzugehen weiß und sich ein gutes Netzwerk aufbaut. Mittlerweile kommen wir über den Business Immigration Service in bestimmten Ländern ein bisschen schneller an den Hürden vorbei. Aber nach meinem Verständnis sollte man nicht gut darin sein müssen, die Dienste in Anspruch zu nehmen, sondern diese Hilfsangebote sollten auch für kleine Firmen schnell effektiv sein.

Wie weit sind Prozesse digitalisiert?

Das Verständnis von Digitalisierung besteht darin, dass die Möglichkeit zum Hochladen von PDF-Dateien angeboten wird. Also laden wir Aufenthaltstitel, den Arbeitsvertrag sowie diverse Erklärungen, Bescheinigungen und Anmeldungen hoch – das ist Papierkrieg per PDF. Dadurch wird nichts wirklich besser.

Wir erleben immer wieder, wie krass die Wohnungsproblematik ist. Das ist ein Riesenproblem, insbesondere wenn es um potenzielle neue Mieter mit einem fremdländisch klingenden Namen geht“
Aiga Senftleben Geschäftsführerin Billie GmbH
Was unternehmen Sie, um neue Mitarbeiter aus dem Ausland zu integrieren?

Wir stecken sehr, sehr viel Arbeit in die Integration. Das sind vielfältigste Aufgaben. Wir kümmern uns beispielsweise um Deutschkurse, geben Tipps für die Eröffnung eines Bankkontos. Wir haben Vereinbarungen mit Krankenkassen, von denen wir wissen, dass sie auch in Englisch kommunizieren können und schnell Anträge bearbeiten. Häufig wandern auch die Familien mit ein. Das heißt, wir helfen auch bei der Wahl der Schule, der Kita und so weiter. Es gibt in der Stadt für internationale Fachkräfte wenig sonstige Anlaufstellen. Die Hilfestellungen müssen Unternehmen leisten. Aber das größte Problem ist oft die Wohnungssuche.

Dabei helfen Sie auch?

Ja, das müssen wir in vielen Fällen tun. Die Suche ist einfacher, wenn man als Unternehmen auftritt. Wir erleben immer wieder, wie krass die Wohnungsproblematik ist. Das ist ein Riesenproblem, insbesondere wenn es um potenzielle neue Mieter mit einem fremdländisch klingenden Namen geht. Es geht so weit, dass wir für unsere Leute auch schon Wohnungen in Leipzig besorgt haben. Da gibt es wenigstens eine gute Zugverbindung.

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Wie beliebt ist es denn heute noch bei internationalen Fachkräften, in Berlin zu arbeiten?

Berlin hat immer noch eine enorme Strahlkraft, die ziemlich gut Talente anzieht. Es ist im Ausland bekannt, dass hier ein Ökosystem für innovative Unternehmen besteht. Für junge Menschen ist die Stadt cool. Allerdings wird der Rechtsruck in Deutschland auch sehr stark von ihnen wahrgenommen. Das ist glücklicherweise in Berlin insgesamt noch kein so großes Thema. Aber wir sollten uns nicht allzu sicher sein, dass unsere Stadt auch auf Dauer attraktiv genug für internationale Fachkräfte sein wird.

Warum haben Sie Bedenken?

Ich habe zunächst nicht das Gefühl, dass in der Berliner Politik überall verstanden wird, wie wichtig Fachkräfte aus dem Ausland für die Berliner Wirtschaft sind. Unser Wachstum ist nicht zuletzt deshalb höher als in vielen anderen Regionen Deutschlands, weil wir attraktiv für Einwanderer sind. Und es wird auch nicht verstanden, dass wir da in einem harten Wettbewerb mit Standorten wie München, London oder Stockholm stehen.

Was erwarten Sie von der Politik?

Ich wünsche mir, dass die Behördenkultur verbessert wird. Ich erlebe immer wieder, dass Fachkräfte wie Bittsteller und nicht wie Kunden behandelt werden. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, dass auf Englisch verfasste Zeugnisse teilweise nicht anerkannt werden. Die Leute registrieren sehr genau, wie sie in den Ämtern behandelt werden. Die Behörden sind ein wichtiger Bestandteil einer Willkommenskultur. Aber das ist es nicht allein.

Was kommt noch dazu?

Die Berliner Fachkräftestrategie ist eigentlich gar keine Strategie. Es gibt kein Zielbild und demzufolge keine zielgerichteten Maßnahmen, keinen Plan. Es werden einfach Maßnahmen aufgelistet. Das ist mir zu wenig. Es sind drei Phasen, in denen wir Fachkräfte integrieren: die Einwanderung, die Ankunft und die Bindung. In den ersten beiden Phasen können Unternehmen sehr viel selbst machen. Für die dritte Phase brauchen wir die Politik.

Warum?

Weil die Menschen in einer funktionierenden und sauberen Stadt wohnen wollen. Sie wollen attraktiven Wohnraum und gute Schulen und Kitas, einen gut angebundenen Flughafen. Und wir müssen darauf achten, dass die Neu-Berliner Deutsch lernen. Sonst misslingt die Integration, und tüchtige Fachkräfte ziehen zum Beispiel nach London weiter.