Gallery Weekend Berlin

Berliner Galerien setzen auf neue Strategien im internationalen Kunstmarkt

Das Gallery Weekend bringt Sammler und Künstler nach Berlin. Für die Hauptstadt ist das Kunstereignis mehr als Kulturprogramm: Es zeigt, wie wichtig Galerien, internationale Netzwerke und lokale Szenen für den Wirtschaftsstandort sind.

Von: Ronald Klein
Menschen in einer hellen Kunstgalerie

Gallery Weekend: Rund 50 Berliner Galerien präsentieren Arbeiten von mehr als 80 Künstlerinnen und Künstlern

Das Gallery Weekend Berlin ist nicht nur eines der wichtigsten Kunstereignisse der Hauptstadt, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Mehr als 20.000 Besucher werden erwartet – darunter internationale Sammlerinnen und Sammler, Kuratoren, Kunstinteressierte und Marktakteure.

Rund 50 Galerien präsentieren Arbeiten von mehr als 80 Künstlerinnen und Künstlern aus 20 Ländern. Für Berlin bedeutet das: Sichtbarkeit, internationale Kontakte und Geschäftsanbahnung in einem Markt, der sich zunehmend verändert.

Der Fokus auf lokale Szenen korrespondiert mit Veränderungen im Kunstmarkt. „Früher begaben sich Sammler auf die Grand Tour – von Miami über Basel bis Venedig“, sagt Lybke. „Seit einigen Jahren kann man nicht mehr darauf vertrauen, dass die Käufer vorbeikommen. Wir bewegen uns stattdessen auf sie zu.“

Berliner Galerien setzen auf neue Strategien im internationalen Kunstmarkt

Bei EIGEN + ART in der Auguststraße läuft der Umbau der Galerieräume bereits auf Hochtouren. Am 1. Mai eröffnet die nächste Einzelausstellung – mit Beginn des Gallery Weekend. „Das Gallery Weekend ist das wichtigste Datum für die zeitgenössische Kunst in Berlin“, betont Gerd Harry Lybke, der EIGEN + ART vor 43 Jahren in Leipzig gründete und seit 1992 auch in Berlin vertritt.

Porträtaufnahme von Gerd Harry Lybke, Gründer von EIGEN + ART.

Gerd Harry Lybke gründete EIGEN + ART 1983 in Leipzig

Gallery Weekend als Bühne für den Kunstmarkt

Das Gallery Weekend findet zum 22. Mal statt. Initiiert wurde es 2005 von den Galeristen Esther Schipper, Tim Neuger und Max Hetzler. Für Galerien ist das Wochenende weit mehr als ein Ausstellungstermin. Es bündelt Aufmerksamkeit, bringt internationale Gäste in die Stadt und macht sichtbar, welche Rolle Berlin im globalen Kunstmarkt einnimmt.

„Das ist ein enormes Potenzial“, betont Lybke, der den südafrikanischen Künstler Brett Charles Seiler für eine Einzelausstellung unter dem Motto „Occasional Lovers“ eingeladen hat.

Der wirtschaftliche Wert des Gallery Weekend liegt dabei nicht allein in unmittelbaren Verkäufen. Entscheidend sind Netzwerke, langfristige Beziehungen und die internationale Positionierung der Galerien. Gerade in einem Markt, in dem sich Kaufverhalten, Reisebewegungen und Messeformate verändern, müssen Galerien ihre Strategien anpassen.

Neue Märkte entstehen über lokale Netzwerke

Die Zusammenarbeit zwischen Galerie und Künstler ist charakteristisch für die Strategie von EIGEN + ART: „Wir nehmen seit fünf Jahren an der Cape Town Art Fair  teil. Dabei geht es nicht darum, kurz aufzutauchen, unsere mitgebrachten Bilder zu zeigen und wieder zu verschwinden“, erklärt Lybke. „Wir setzen uns mit Künstlerinnen und Künstlern vor Ort in Verbindung.“

Esther Schipper und Florian Wojnar an einem Tisch.

Esther Schipper und Florian Wojnar fungieren beide als Geschäftsführende der Galerie Esther Schipper

Internationale Umsätze, Berliner Standortvorteile

Auch die Galerie Esther Schipper reagiert auf diese Verschiebungen. Die Galerie verfügt mittlerweile über Dependancen in Paris, New York und Seoul. Fast 40 Prozent des Umsatzes wird durch Sammler aus dem asiatischen Raum generiert. In Korea zeigt die Galerie außerhalb ihres regulären Programms Ausstellungen lokaler Künstler, um die dortige Szene einzubinden.

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Gemessen am globalen Umsatz ist die USA aber nach wie vor führend: 43 Prozent der Umsätze werden dort erzielt. „New York ist der wichtigste Ort für den internationalen Kunstmarkt und mit Berlin schlicht nicht zu vergleichen“, sagt Florian Wojnar, der neben Schipper als Geschäftsführer der Galerie fungiert. Deutschland teilt sich den weltweit fünften Rang mit etwa drei Prozent gemeinsam mit der Schweiz und liegt damit auch hinter Großbritannien, Frankreich und China.

Berlin bleibt Standortvorteil für internationale Galerien

Trotz dieser internationalen Ausrichtung bleibt Berlin für Esther Schipper der Hauptstandort. Mit inzwischen 54 Mitarbeitenden ist die Galerie seit fast 30 Jahren an der Spree präsent – und zwar ganz bewusst. 

Berlin biete trotz steigender Mieten nach wie vor wesentliche Freiheiten für die Kunstszene. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, kommerzielle Interessen nicht immer in den Vordergrund stellen zu müssen. „Ateliers und Off Spaces gibt es hier noch in einem Maße, das in New York beispielsweise kaum vorstellbar wäre. Weniger Druck, mehr Freiheit.“

Nicht alles, was die Galerie tue, müsse sofort rentabel sein – diesen Spielraum wolle man sich erhalten. „Gerade in Zeiten, in denen die öffentliche Förderung für große wie auch kleinere Institutionen zunehmend abnimmt“, so Schipper. 

Wenn Industrieunternehmen bei Messen im Ausland unterstützt werden, etwa durch Transportzuschüsse, sollte das auch für den Kunstbereich gelten.“
Gerd Harry Lybke EIGEN + ART

Förderbedarf für einen internationalen Standort

Die Dichte an Galerien ist in Berlin weiterhin hoch – zwischen 300 und 400. Damit zählt die Stadt zu den wichtigsten Kunstmetropolen Europas. Für die Hauptstadt ist diese Struktur ein Standortvorteil: Galerien schaffen Öffentlichkeit, ziehen internationales Publikum an und sichern Arbeit. Davon profitiert Berlin. 

„Viele Menschen arbeiten in diesem Feld – nicht nur Galerist und Künstler, sondern auch Fotograf und Buchdrucker, ohne die es keine Kataloge gäbe.“ Daraus ergibt sich für Lybke ein kulturpolitischer Impuls: „Wenn Industrieunternehmen bei Messen im Ausland unterstützt werden, etwa durch Transportzuschüsse, sollte das auch für den Kunstbereich gelten.“

Florian Wojnar sieht das ähnlich: „Uns bereitet vor allem Sorgen, dass immer weniger öffentliches Geld in Institutionen fließt, insbesondere in kleinere Häuser, Ausstellungsinitiativen und Off Spaces. Diese besondere Infrastruktur ist aber der Humus, auf dem die Kreativszene gedeiht. Wenn es keine Orte mehr für junge Künstler und zum Experimentieren gibt, trocknet das Ökosystem der Berliner Kunstszene aus, und das könnte den Charakter und die Attraktivität der Stadt nachhaltig beeinträchtigen.“