KI-Strategie

Change Management bei Solaris: Vom Krisenmodus zur Zukunftsstrategie

Krisen und Katastrophen, kultureller Wandel und Fachkräftemangel: Die Arbeitswelt ist branchenübergreifend auf Berg- und Talfahrt. Das Berliner Fintech Solaris zeigt, wie Change Management wirklich funktionieren kann.

Von: Judith Hyams
Baha Jamous, Director of People and Corporate Affairs bei Solaris, steht in dunklem Pullover und beiger Hose lachend vor einem hellen Hintergrund

Für die Change-Management-Strategie von Solaris zuständig: Baha Jamous

Anfang dieses Jahres machte Solaris Schlagzeilen mit einem Führungswechsel und dem Abbau von rund 20 Prozent seiner Arbeitsplätze. Der Unternehmensumbau hat allerdings eine lange Vorgeschichte, sagt Baha Jamous, Director of People and Corporate Affairs bei Solaris: „Nach unserem Start vor 10 Jahren und unserer Strategie, das Banking neu zu erfinden, ging es zunächst nur steil nach oben. Dabei ging es weniger um Profitabilität, sondern um Umsatzwachstum und Innovation.” 

Das damals vollkommen neue Konzept von Solaris heißt Embedded Finance: Das Banking-as-a-Service-Plattform befähigt junge Finanzinstitute und Unternehmen, Bankdienstleistungen in ihre eigenen Angebote zu integrieren.

Der große Einschnitt erfolgte 2022 mit dem Ukraine-Krieg, der einen globalen Wirtschaftsschock auslöste und besonders die Fintech-Branche empfindlich traf. Über Nacht wurde das Kapital knapp, es fehlte an allen Ecken an Geld. Durch den Wirecard-Skandal 2020 waren außerdem neue, härtere Regeln hinzugekommen, sagt Baha Jamous: „Was die regulatorische Stabilität und die Compliance angeht, steckte Solaris damals immer noch in den Kinderschuhen, das wurde in dieser Zeit sehr deutlich sichtbar.” 

Erste Transformationsphase: Wie Solaris auf die Fintech-Krise reagierte

Auf diese Probleme reagierte Solaris 2022 mit einer ersten Transformationsphase. „Uns war klar: Wir müssen unser Geschäft deutlich risikoärmer aufstellen, wir müssen stabile, langfristige Partner haben, wir müssen einfach aufräumen. Das Problem: „Aufräumen muss man in guten wie in schlechten Zeiten. Aufräumen ist aber keine Strategie.”

Es hapert häufig an der Umsetzung. Deshalb muss man sich immer fragen: Was hält mich zurück? Wer sind die Blockierer? Und wie kriegen wir das gegen alle Widerstände auf den Weg?“
Baha Jamous Director of People and Corporate Affairs Solaris

Den damaligen Prozess beschreibt Baha Jamous als wenig effektiv: „Wir waren ständig auf der Suche nach Kapital, hatten gleichzeitig Druck vom Markt und den Kunden, sowie Einschränkungen von der Aufsicht – wir waren getrieben und nicht Treiber.”

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Change Management bei Solaris: Die neue Strategie im Detail

Seit Ende 2025 hat Solaris mit einem neuen Vorstand eine komplett neue Strategie ins Leben gerufen, die darauf abzielt, das Fintech neu zu entwickeln. Die Kernidee: „Die logische nächste Evolution der Solaris ist eine KI-native Bank. Und diese Strategie wird jetzt übersetzt in eine Unternehmenstransformation. Dabei müssen wir alles so herunterbrechen, dass alle Mitarbeitenden und Stakeholder verstehen, was das bedeutet.” 

Dafür haben die Verantwortlichen bei Solaris ein Fünf-Punkte-Programm kreiert, durch das die Strategie in die operative Tätigkeit überführt wird: 

  1. Vergangenheitsbewältigung: Prozesse und Produkte bereinigen, Risiken isolieren.
  2. Solaris neu denken: KI-native Bank neu definieren, Organisation schlanker aufstellen.
  3. Kultur: Mitarbeitende schulen, Risiko- und Compliance-Kultur stärken, Verantwortung fördern.
  4. Wachstum: Produkte und Strategien weiterentwickeln, Plattform standardisieren.
  5. KI: Daten besser nutzen, neue Services entwickeln, Kundenbeziehungen stärken. 

Die Umsetzung der Change-Management-Strategie hat höchste Priorität. So ist die neu eingesetzte Generalbevollmächtigte Christina Wendt eigens für Transformation und Organisation zuständig, was zeigt, dass die Prozesse von ganz oben gelenkt und umgesetzt werden. 

 Eine Fahne mit der Aufschrift „Solarisbank“ an einem modernen Gebäude in Berlin-Kreuzberg

Der Solaris-Hauptsitz in Berlin-Kreuzberg

Warum Change Management über Erfolg und Scheitern entscheidet

In der Umsetzung liegt die Kernfrage allen Change Managements, sagt Baha Jamous: „An der Umsetzung hapert es ja in vielen Bereichen, in der Wirtschaft ebenso wie in der Politik. Deshalb muss man sich immer fragen: Was hält mich zurück? Wer sind die Blockierer? Und wie kriegen wir das gegen alle Widerstände auf den Weg?”

Tatsächlich reagieren gerade Mitarbeitende oft mit Unsicherheit und Widerstand, wenn vertraute Abläufe infrage gestellt werden. Frühzeitige Kommunikation, transparente Erklärungen und die Einbindung der Mitarbeitenden können helfen, Blockaden zu lockern – manchmal geht es aber nicht ohne einschneidende, auch schmerzhafte Veränderungen.

Es ist einiges gefragt, um da unternehmerisch am Ball bleiben zu können, sagt Baha Jamous: „Es geht um Strategien, die im täglichen operativen Geschäft nicht untergehen. Um die Resilienz und Beweglichkeit der Geschäftsmodelle und Mitarbeitenden. Um Technologie, die dabei hilft, die Prozesse immer wieder schnell anzupassen und zu justieren. Und schließlich brauchen wir positive Geschichten. Visionen, die zeigen, wo die Reise hingeht.”