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Zukunft der Arbeit

Neue Rollenprofile durch KI: Qualifizierung statt Jobabbau

Künstliche Intelligenz ersetzt nicht einfach Jobs – vielmehr verändert sie bestehende Rollenprofile. Welche Fähigkeiten jetzt wirklich zählen und warum Qualifizierung wichtiger ist als Stellenabbau, zeigt ein Blick in die Praxis.

Von: Aaron Baumgart
Eine Frau sitzt in einem Büro am Schreibtisch und arbeitet mit KI

Die Zukunft der Arbeit: Künstliche Intelligenz schafft neue Rollenprofile

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt schneller, als viele Unternehmen Personalpläne schreiben können. Neue Jobtitel tauchen auf, alte Aufgaben verschwinden, und manches, was vor zwei Jahren noch als Spezialwissen galt, wird heute zur Grundkompetenz. 

Bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern schürt die rasante Entwicklung von KI die Angst vor einem massiven Arbeitsstellen-Abbau. Laut dem Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums werden bis 2030 zwar viele Tätigkeiten verdrängt, zugleich aber weltweit auch neue Rollen entstehen. Insgesamt erwartet das Forum eine positiven Beschäftigungsbilanz. 

Vor allem aber wird der Weiterbildungsbedarf groß: Auf eine modellhafte Belegschaft von 100 Personen gerechnet, brauchen laut Bericht 59 Beschäftigte bis 2030 zusätzliche Qualifizierung. 29 könnten in ihrer bestehenden Rolle weiterentwickelt werden, 19 in andere Aufgaben innerhalb des Unternehmens wechseln.

KI verändert die Art des Arbeitens

Hauptsächlich verändert Künstliche Intelligenz also die Art, wie Menschen arbeiten. Gerade für mittelständische Unternehmen liegt die eigentliche Herausforderung deshalb in der Frage, wie Mitarbeitende qualifiziert werden können, um mit KI produktiver zu arbeiten.

Wie das in der Praxis aussieht, beobachtet die Berliner Strategie- und Designberatung DAYONE. Das Unternehmen versteht sich als Strategie- und Umsetzungspartner für die digitale Transformation und arbeitet unter anderem für große Konzerne, Mittelständler und öffentliche Auftraggeber. Im Interview erklären Nico Wohlgemuth, Mitgründer und Managing Partner von DAYONE, und Alina Vennekötter, Lead People & Organisation Development bei DAYONE, warum KI nicht nur neue Rollen hervorbringt, sondern vor allem bestehende verändert.

Bevor man hektisch eine Stellenbeschreibung für ein neues KI-Profil schreibt, ist es oft sinnvoller, erst einmal intern Potenzial freizusetzen.“
Nico Wohlgemuth Mitgründer DAYONE

Neue Rollen entstehen – aus bestehenden Aufgaben heraus

„KI ist mit Sicherheit kein Hype“, stellt Nico Wohlgemuth fest. Der Fehler vieler Unternehmen liege derzeit eher darin, sofort in Rollenbezeichnungen zu denken, statt zuerst auf reale Probleme im Unternehmen zu schauen: Welche Prozesse sind schwerfällig? Wo frisst Wissensarbeit unnötig Zeit? Und welche Aufgaben würden Mitarbeitende gerne abgeben, wenn sie automatisiert werden könnten? 

„KI versetzt viele Mitarbeitenden in die Lage, das eigene Skillprofil zu erweitern und vor allem Aufgaben, auf die man keine Lust hat, die aber viel Zeit fressen, künftig anders zu lösen,“ sagt Alina Vennekötter.

Weiterbildungsangebote der IHK Berlin

Die IHK Berlin bietet zahlreiche Lehrgänge, Seminare und Workshops an. Die Multimedialen Kurse, Seminare und Vorträge umfassen unterschiedliche Bereiche und Branchen. Das Angebot reicht unter anderem von digitalen Kompetenzen, über Nachhaltigkeit bis zu gezielten Qualifikationen für Azubis, Gründerinnen und Gründer sowie Führungskräfte.

Mehr Informationen und eine Übersicht zu den Programmen gibt es hier.

Die Arbeit mit KI: Bewertung gehört dazu

Wer heute vor allem mit KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini arbeiten will, braucht dafür keine klassische IT-Expertise. „Jetzt sind goldene Zeiten für Autodidakten. Und viel wichtiger ist, dass man ein gutes Problemverständnis hat, Komplexität erkennt und die Ergebnisse, die die KI zurückgibt, kritisch hinterfragen kann“, so Vennekötter. 

Unternehmen seien besonders gut aufgestellt, wenn Mitarbeitende verstehen, welche Werte ein Unternehmen innehat. „Je mehr Mitarbeitende verstehen, wer eigentlich der Kunde ist, wie Zusammenhänge zwischen Tätigkeiten und wirtschaftlichen Effekten aussehen und worauf es im Ergebnis ankommt, desto besser ist man aufgestellt. Denn dann können sie auch beurteilen, ob das, was KI liefert, sinnvoll ist oder eben nicht“, erklärt Wohlgemuth. 

Nico Wohlgemuth und Alina Vennekötter lächeln souverän in die Kamera

Nico Wohlgemuth und Alina Vennekötter beraten Unternehmen unter anderem zu neuen KI-Rollenbildern

Neue Rollenbilder: Praxisbeispiel Product Owner

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel an Rollen, die es schon lange gibt, wie etwa dem Product Owner. Dessen Arbeit bestand bislang oft darin, Anforderungen aufzuschreiben, User Stories zu formulieren und viele Abstimmungsschleifen zwischen Fachseite und Entwicklung zu organisieren.

„Während Product Owner bis dato Business-Ziele in funktionale Anforderungen an digitale Produkte formuliert haben, die Arbeit von Designern gefeedbacked sowie die technische Umsetzung in ihrem Wertbeitrag bewertet haben, entstehen durch KI neue Fähigkeiten in der Rolle“, sagt Nico Wohlgemuth. 

„So können Product Owner ihre Anforderungen in Zusammenarbeit mit der KI ganzheitlich hinterfragen und direkt in ein anfassbaren Prototypen übersetzen.“

Wie ein realistischer Qualifizierungsweg aussehen kann, hat DAYONE im eigenen Unternehmen erprobt. Statt lange über ideale Rollenprofile zu diskutieren, bekamen die Mitarbeitenden einen klaren Auftrag: „Reinvent your job.“ 

In einem gemeinsamen Workshop wurden konkrete Herausforderungen identifiziert, Teams entwickelten darauf mithilfe von KI funktionierende Prototypen und testeten neue Arbeitsweisen direkt aus. 

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Profile mit Perspektive entstehen durch Neugier

Wohlgemuth rät Unternehmen deshalb, zunächst im eigenen Haus nach neugierigen Menschen zu suchen, statt sofort neue Spezialstellen auszuschreiben. „Am meisten profitiert man im positiven Sinne die drei bis vier ‚Verrückten‘, die neugierig sind und sich mit diesen Technologien auseinandersetzen wollen. Denen sollte man Zeit geben, Dinge auszuprobieren.“

Danach sei es sinnvoll, mit einfachen Anwendungsfällen zu starten: dort, wo Wissensarbeit beschleunigt, Dokumentation erleichtert oder interne Prozesse besser organisiert werden können. Erst im letzten Schritt sei es notwendig, die Veränderungen strukturell zu verankern – also in konkreten Rollen, Teamzuschnitten und Weiterbildung für andere Mitarbeitende. Expertise von außen kann dabei sinnvoll sein, um Klarheit in den eigenen KI-Fahrplan zu gewinnen.