Sicherheit und Resilienz als Standortfaktoren

Wie Berliner Innovationen die Zeitenwende unterstützen

Berlin baut ein DefTech-Ökosystem auf und kann Stärken bei Software, KI und Dual Use ausspielen. Regionale Unternehmen besetzen immer wichtigere Nischen und bringen Innovationen auf den Markt. Experten und Wirtschaft drängen darauf, politische Ankündigungen mit Leben zu füllen.

Christian Buck
Hand einer Person bedient ein schwarzes Panasonic-Laptop mit einer komplexen, farbigen Softwareoberfläche.

Ohne Software läuft im militärischen Bereich nichts mehr - hier das System "Minerva" des Berliner Herstellers Stark

Lange wurde in Berliner Wirtschaftskreisen eher hinter vorgehaltener Hand über das Thema Rüstungs- und Verteidigungsindustrie gesprochen. Angesichts der veränderten geopolitischen Weltlage vollzieht sich in der Hauptstadt nun jedoch ein Paradigmenwechsel: Der Senat hat Pläne vorgestellt, um die Stadt als Innovationsstandort für Sicherheitstechnologien zu positionieren. Der Aufbau des „Defence-Technology-Ökosystems“ (DefTech) soll nicht nur einen Beitrag zur nationalen und europäischen Sicherheit leisten, sondern auch wirtschaftliche Potenziale heben.

Bei der Umsetzung setzt die Landesregierung auf bewährte wirtschaftspolitische Akteure: Die landeseigene Fördergesellschaft Berlin Partner übernimmt die Vernetzung und Ansiedlungsförderung in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsverwaltung, unterstützt von der Wista Management GmbH in Adlershof und der Investitionsbank Berlin (IBB).

Positionspapier: Innovativ. Vernetzt. Verantwortungsvoll

Mit einem Positionspapier zum Defence-Standort legt die IHK Berlin 25 Handlungsempfehlungen vor, wie die Hauptstadt ihren Beitrag zu Deutschlands Resilienz und Verteidigungsfähigkeit stärken kann. Ein zentrales Element dafür ist der Aufbau eines „TechHub SVI Ost“. Darüber sollen Berlin und die ostdeutschen Bundesländer ihre technologische Stärke – etwa in KI, Robotik, Cyber-Security oder industrieller Fertigung – enger mit den Innovations‑, Bedarfs‑ und Beschaffungsstrukturen von Bundeswehr und Sicherheitsakteuren verzahnen. Das Papier wurde unter Federführung des IHK-Themenausschusses „Innovative und wissensgetriebene Stadt“ erarbeitet. Zudem wurden konkrete Bedarfe und Maßnahmen im Austausch mit Industrieunternehmen und Start-ups aus dem Defence-Bereich diskutiert.

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IHK-Veranstaltung zu Sicherheit und ­Verteidigung

Am 27. April bringt die IHK Berlin Unternehmen, Politik und Bundeswehr im Ludwig Erhard Haus zusammen. Bei der Veranstaltung wird diskutiert, wie die Hauptstadt ihre technologische Stärke noch gezielter für Resilienz und Verteidigungsfähigkeit einsetzen kann. Vorgestellt werden innovative Berliner Lösungen aus Bereichen wie KI, Cyber-Security und Raumfahrt.

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Die Transformation ist im Gange

Dass die Transformation der Industrie bereits in vollem Gange ist, zeigt sich unter anderem in Moabit. Die frühere Pierburg GmbH, eine Tochter des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall, produzierte dort bislang Autoteile – künftig werden es Patronenhülsen sein. Für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner ist dieser pragmatische Ansatz auch eine Frage der Beschäftigungssicherung: „Ohne diese Transformation wären die Arbeitsplätze weg“, so Wegner in der „Berliner Morgenpost“.

Die eigentliche Stärke des Berliner Standorts liegt jedoch weniger in der klassischen industriellen Fertigung als vielmehr in den Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts: künstliche Intelligenz, Cyber-Security, Drohnentechnologie, Photonik und Sensorik. Dieses Potenzial will der Senat für den Wirtschaftsstandort noch effektiver nutzen. Die Schnittmenge bildet der Dual-Use-Sektor. Mehr als 400 Unternehmen in der Region arbeiten bereits heute an Produkten und Softwarelösungen, die für zivile Zwecke entwickelt, aber zunehmend auch für militärische Aufgaben adaptiert werden können.

Zu sehen ist ein Laptop und eine Hand über der Tastatur. Hologramartig schwebt die Benachrichtigung "System Hacked" - also System gehackt über der Tastatur.

Cybersicherheit hat höchste Relevanz für Unternehmen

Schnittstelle zwischen Start-ups und Bundeswehr

Die Verfügbarkeit von innovativen Start-ups und KMU ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die weitaus größere Herausforderung besteht darin, diese zivilen Technologien schnell und effizient in die Streitkräfte zu bringen. Genau an dieser Nahtstelle arbeitet der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) in Berlin. Unter der Leitung von Sven Weizenegger fungiert er als agile Schnittstelle zwischen der Start-up-Szene und der Truppe.

Die Arbeitsweise unterscheidet sich fundamental von klassischen Rüstungsprojekten, die oft Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „Unsere Aufgabe ist es, konkrete militärische Herausforderungen mit kommerziell bereits verfügbaren Technologien zu lösen“, erklärt Weizenegger. Der Prozess beginnt stets beim Endanwender: Soldaten melden dem Hub ein spezifisches Problem aus ihrem Dienstalltag. Das Team des CIHBw scannt daraufhin den Markt nach Start-ups, die eine funktionierende Basisversion einer Lösung anbieten können. In einem engen Zeitfenster von maximal zwölf Monaten und mit Pilotbudgets zwischen 100.000 und 500.000 Euro wird die Technologie dann direkt in der militärischen Praxis validiert.

Unsere Aufgabe ist es, konkrete militärische Herausforderungen mit kommerziell bereits verfügbaren Technologien zu lösen“
Sven Weizenegger Leiter Cyber Innovation Hub der Bundeswehr

Software-Kompetenz ist besonders wichtig

Für Weizenegger bietet Berlin als Standort für diese Vermittlungsarbeit herausragende Voraussetzungen. Die Dichte an Entwicklern, die Nähe zum Bundesministerium der Verteidigung und die Präsenz spezialisierter IT-Firmen erleichterten den Austausch. „Wir sind hier extrem stark im Bereich der Software aufgestellt. Da kann uns keiner was vormachen“, betont Weizenegger. Software-Kompetenz ist besonders wichtig, weil sich innerhalb der Streitkräfte gerade ein wichtiger Technologiesprung vollzieht – Stichwort: „Software Defined Defence“. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass die Leistungsfähigkeit militärischer Systeme künftig maßgeblich durch Code statt durch Hardware bestimmt wird. So lässt sich ein klassischer Panzer beispielsweise schnell durch Software-Updates mit neuen autonomen Fahrfunktionen oder besserer Datenverarbeitung ausstatten. Gerade auf diesem Gebiet könne Berlin seine Trümpfe als Tech-Metropole voll ausspielen, glaubt Weizenegger.

Symbolbild mit Drohnen und Computercode

Hardware wie Drohnen und Software spielen eine immer wichtigere Rolle

Netzwerk als strategischer Vorteil

Wie wichtig es ist, diese technologischen Vorteile nun auch klug auszuspielen, weiß Martin Wolff. Als Leiter des Internationalen Clausewitz-Zentrums (ICZ) an der Führungsakademie der Bundeswehr und Vorsitzender des Clausewitz-Netzwerks blickt er aus einer „strategischen Vogelperspektive“ auf den Standort. Sein Netzwerk widmet sich dem Wissens- und Kompetenztransfer und bringt dafür zivile Führungskräfte mit militärischen Entscheidern an einen Tisch. Wolff sieht die Hauptstadt in einer herausragenden Ausgangslage. „Berlin verfügt als politisches Machtzentrum über einen extremen Standortvorteil. Hier bündeln sich die Ministerien, die internationalen Botschaften, die diplomatischen Vertretungen und eine herausragende Wissenschaftslandschaft.“ Zudem fungiere Berlin logistisch und sicherheitspolitisch längst als entscheidendes Drehkreuz in Richtung Nord- und Osteuropa. „Diese Verdichtung als Cluster ist phänomenal“, urteilt der Experte.

Standortvorteile nutzen

Den jüngsten Beschluss des Berliner Senats bewertet Wolff grundsätzlich als dringend notwendigen Schritt. Gleichzeitig mahnt er jedoch an, dass die reine Willensbekundung nun zügig mit handfesten Strukturen unterlegt werden müsse. Es gelte, das „Delta“ zwischen politischer Absicht und operativer Umsetzung schnell zu schließen. Und statt viele Themenfelder gleichzeitig bespielen zu wollen, solle sich Berlin auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Resilienz, Open Source Intelligence (Datenauswertung) und den Schutz kritischer Infrastrukturen. Zudem drängt er zur Eile. Berlin bewege sich nicht im luftleeren Raum, sondern stehe im direkten europäischen Wettbewerb mit anderen Innovationsclustern wie München, Paris oder London. Und auch auf Nato-Ebene formieren sich derzeit europaweit neue Zentren zur Technologieentwicklung. „Wenn Berlin seinen einmaligen Standortvorteil als politisches Zentrum und Tech-Metropole nutzen will, muss das Ökosystem jetzt zügig und robust institutionalisiert werden, bevor sich Zeitfenster wieder schließen“, so Martin Wolff. „Andere Bundesländer wie Bayern oder Schleswig-Holstein sind bereits fertig. Um mitzuhalten, muss Berlin den Senatsbeschluss mit Leben füllen und konkrete personelle, finanzielle und rechtliche Taten folgen lassen. Einfach von sich überzeugt zu sein, reicht nicht mehr.“

Berlin muss Strukturen und Ressourcen bereitstellen

Dass Berlin mit dem Senatsbeschluss einen neuen Weg einschlägt, wird von der Berliner Wirtschaft begrüßt. Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin, bewertet die Initiative als „wichtige und notwendige Antwort auf die aktuelle geopolitische Lage“. Gleichzeitig verweist sie auf die enormen wirtschaftlichen Chancen für Innovation und Beschäftigung, die sich durch Landes-, Bundes- und EU-Investitionen in Dual-Use-Technologien ergeben.

Die IHK sieht dabei gerade in der Zusammenarbeit mit Brandenburg und den ostdeutschen Bundesländern großes Potenzial. Berlin könne als Hauptstadt eine koordinierende Rolle übernehmen und seine Nähe zu Bundesebene, Bundeswehr und internationalen Partnern gezielt nutzen. Dies sei jedoch nur dann glaubwürdig, wenn das Land selbst signifikante Strukturen und eigene Ressourcen für den Aufbau des DefTech-Ökosystems bereitstelle. „Entscheidend ist, dass wir unsere Vorteile als Hauptstadt ausspielen und die Bedarfsseite – Bundesebene, Verteidigungsministerium, Bundeswehr sowie internationale Partner – als institutionellen Eckpfeiler des DefTech-Ökosystems von vornherein einbinden“, fordert Schreiner. Nur durch diese enge Verknüpfung mit den realen Beschaffungsstrukturen der Streitkräfte entstehe die notwendige Attraktivität für Start-ups und andere Unternehmen im Sicherheitsbereich.

Wirtschaftsstandorte: Zieht Berlin bald an München vorbei?
Ein Foto der Städte Berlin und München.
Neustart-Berlin-Konferenz Wirtschaftsstandorte: Zieht Berlin bald an München vorbei?
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Axel Novak

Der Fahrplan für Berlin steht damit. Der politische Rahmen ist mit dem Senatsbeschluss gesteckt, und die wirtschaftliche sowie technologische Substanz ist in der Stadt unbestreitbar vorhanden. Die kommenden Monate werden zeigen, wie schnell es gelingt, die geschaffenen Schnittstellen zu aktivieren und die Berliner Innovationskraft fest in die Beschaffungsprozesse des Bundes und Europas zu integrieren.