Strafabgabe für alle Berliner Unternehmen droht!

Ab 2027 droht die Ausbildungsplatzabgabe.

Das Gesetz würde jedes Unternehmen zusätzlich belasten ohne die eigentlichen Probleme auf dem Ausbildungsmarkt zu lösen. Statt mehr Ausbildung drohen mehr Bürokratie, Klagen und Unsicherheit.

Der Long Read zum Wochenende

EXPO 2035: Eine Zukunftsvision für Berlin

3D-Visualisierung des Konzepts des EXPO-Satellit Funkhaus an der Spree als einer von vielen möglichen dezentralen Standorten für die Expo 2035.

Visualisierungen zeigen, wie die EXPO 2035 in Berlin aussehen könnten

Berlin in weniger als einem Jahrzehnt: Statt einer abgesperrten Messewelt wirkt die ganze Stadt wie ein begehbarer Zukunftsentwurf – an Uferwegen, auf Plätzen, in Kiezen. Henning Wehmeyer fasst dieses Bild so: „Wenn ich mir das Frühjahr 2035 vorstelle, dann fühlt sich Berlin anders an – nicht lauter oder hektischer, sondern offener, verbundener und zutiefst zuversichtlich. Die Menschen erleben keine klassische Weltausstellung, die man besucht und wieder verlässt“, so der CEO der Expo 2035 Berlin GmbH. „Sie erleben eine Stadt, die sich selbst zeigt. Überall wird spürbar, dass zehn Jahre gemeinschaftlicher Arbeit sichtbar geworden sind: in Kiezen und Nachbarschaften, die sich neu entwickelt haben, in Projekten, die aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden sind, und in einer Atmosphäre von gemeinsamer Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Vertrauen in das eigene Gestaltungsvermögen.“

Daniel-Jan Girl vor dem Schriftzug EXPO 2035
Interview mit Daniel-Jan Girl Wie stehen die Chancen auf eine Expo 2035 in Berlin - das sagt der Initiator
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Michael Gneuss
 Sebastian Stietzel, Präsident der IHK Berlin
Gastbeitrag des IHK-Präsidenten Berlin braucht den Mut zur Expo 2035
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Sebastian Stietzel

Der Ursprung der EXPO-Idee

Ausgangspunkt dieser Erzählung ist eine Expo-Idee für die deutsche Hauptstadt, die Daniel-Jan Girl, damals Präsident der IHK Berlin, im Jahr 2022 im „Tagesspiegel“ skizzierte. Aus der Idee ist mittlerweile eine Bewegung geworden: Immer mehr Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft sind davon überzeugt, dass sich Berlin neu erfinden muss. Henning Wehmeyer formuliert es als Auftrag an die Gegenwart: „Unsere Stadt braucht ein neues Zukunftsnarrativ – für die Generationen, die heute hier leben, und für diejenigen, die noch kommen werden.“

 Sebastian Stietzel, Präsident der IHK Berlin
Die Expo in Osaka hat eindrucksvoll gezeigt, welches Potenzial eine Weltausstellung für eine Metropole entfalten kann: Sie ist nicht nur ein internationales Schaufenster für Innovationen, sondern ein Motor für Stadtentwicklung, Infrastruktur, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt“
Sebastian Stietzel Präsident der IHK Berlin

Zukunftsdekade als strategischer Rahmen

Und er macht klar, warum die Expo dafür mehr sein kann als ein Etikett: „Die Expo 2035 ist der Rahmen, in dem dieses Narrativ entstehen kann.“ Wie viel Wucht so ein Rahmen entfalten kann, zeigte zuletzt Osaka. Die Expo 2025 kam laut den japanischen Veranstaltern auf mehr als 29 Millionen Besuche, finanziell rechnet die zuständige Organisation mit einem Überschuss von bis zu 201 Mio. Euro. Sebastian Stietzel zieht daraus eine klare Schlussfolgerung. „Die Expo in Osaka hat eindrucksvoll gezeigt, welches Potenzial eine Weltausstellung für eine Metropole entfalten kann: Sie ist nicht nur ein internationales Schaufenster für Innovationen, sondern ein Motor für Stadtentwicklung, Infrastruktur, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betont der Präsident der IHK Berlin. „Genau das braucht Berlin.“ 

Der Berliner Ansatz setzt deshalb nicht nur auf ein Jahr, sondern auf eine ganze Zukunftsdekade. In dieser Logik wird die Expo zum Fixpunkt in einer Serie von Anlässen, die Investitionen, Bauvorhaben und internationale Aufmerksamkeit bündeln: IBA 2034–2037, Expo 2035, 800-Jahr-Feier Berlins (2037) und nicht zuletzt Olympische und Paralympische Spiele 2040 oder 2044. Stietzel beschreibt den Nutzen dieses Langlaufs so: „Eine Zukunftsdekade setzt einen strategischen Rahmen, der Investitionen bündelt, Planungssicherheit schafft und nachhaltige Wertschöpfung ermöglicht.“ Und ergänzt: „Internationale Großveranstaltungen können Fixpunkte einer solchen Dekade sein – als Zielmarken, auf die Infrastrukturprojekte, Innovationsprogramme, Fachkräfteentwicklung und internationale Partnerschaften ausgerichtet werden.“ Für Unternehmen bedeutet so ein Szenario verlässliche Perspektiven, bessere Wachstumsbedingungen und für die Stadt insgesamt eine klare wirtschaftspolitische Vision. „Statt punktueller Leuchttürme braucht Berlin einen langfristigen Entwicklungspfad“, ist der IHK-Präsident überzeugt.

Impulse für viele Branchen

Auch die Medien-, Kreativ- und Digitalwirtschaft sieht den Reiz in der Kette der Ereignisse. Jeannine Koch vom Medianet Berlinbrandenburg sagt: „All die Veranstaltungen im Zeitraum dieser Zukunftsdekade wirken in ihrer Gesamtheit wie Meilensteine für unsere Hauptstadt. Ich betrachte sie als Einladung, das Morgen dieser Stadt bewusst zu gestalten, die Region nachhaltig weiterzuentwickeln und ein neues Berlin-Wir-Gefühl zu kreieren.“ Und sie bringt den Vorteil für Branchen wie ihre auf eine praktische Formel: „Für die Wirtschaft, insbesondere für kreative, digitale und mediale Branchen, bedeutet das planbare Auftragsvolumen, langfristige Netzwerke und Innovationsimpulse über viele Jahre hinweg.“

Für die Wirtschaft, insbesondere für kreative, digitale und mediale Branchen, bedeutet das planbare Auftragsvolumen, langfristige Netzwerke und Innovationsimpulse über viele Jahre hinweg.“
Jeannine Koch Vorstandsvorsitzende Medianet Berlinbrandenburg

Für Rudi Scheuermann, Berliner Büroleiter des internationalen Planungsbüros Arup, ist klar: „Es muss immer das Ziel sein, dass die Bevölkerung am Ende einen Nutzen hat.“ Fachleute von Arup befassen sich seit Langem intensiv mit der Infrastruktur Olympischer Spiele und ihrer Nachnutzung, unter anderem bei den Sommerspielen 2012 in London. Auch für die Spiele 2032 im australischen Brisbane sind die Planer beauftragt. Gerade auf dem rund 500 Hektar großen Areal in Tegel mit der seit fast 15 Jahren geplanten Urban Tech Republic, dem Schumacher-Quartier und einem Landschaftsschutzgebiet sieht Scheuermann eine hervorragende Grundlage für ein Expo-Hauptgelände, inklusive Plaza und zentralen Länderpavillons, weil es schon eine Menge Vorarbeit gibt. „Auch die Synergieeffekte für weitere Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele sind auf dem Tegel-Areal im Norden Berlins sehr, sehr groß.“

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Einnahmen und Investitionen

Und der Business Case? Eine eigens für die Expo 2035 erstellte PwC-Kalkulation geht von 30 Millionen Besuchern in sechs Monaten aus, einem Tagesticket für 39 Euro (ermäßigt 10) und einer Saisonkarte für zehn Besuche für 174 Euro. Allein über Tickets wird eine Milliarde Euro an Einnahmen erwartet. Insgesamt liegen Einnahmen und direkte Ausgaben laut der Kalkulation von PwC jeweils bei rund 2,1 Milliarden Euro. Für Berlin ergibt sich aus einer Expo ein Plus bei der Wirtschaftskraft von fast zehn Milliarden Euro. Genannt werden zudem Wachstumseffekte von 22 Milliarden Euro für Deutschland, mehr als drei Milliarden Euro für den ÖPNV-Ausbau, aber auch ein Vorfinanzierungsbedarf von fast 1,2 Mrd. Euro. PwC orientiert sich bei der Kalkulation an früheren Expo-Ausgaben in Shanghai (2010), Mailand (2015) und Dubai (2020). 

EXPO in Berlin
10
Milliarden Euro
zusätzliche Wirtschaftskraft für Berlin durch eine Weltausstellung errechnete PwC
EXPO in Berlin
30
Millionen
Besucherinnen und Besucher der EXPO in sechs Monaten wurden prognostiziert, in Osaka waren es 29 Millionen

Expo nach internationalen Spielregeln

Ob daraus eine Bewerbung wird, entscheidet am Ende aber nicht nur der finanzielle Vorteil oder die Begeisterung, sondern auch die internationalen Spielregeln. Zuständig dafür ist das Bureau International des Expositions (BIE). Dimitri Kerkentzes, Generalsekretär des BIE, macht deutlich, worauf es ankommt: „Deutschland mit seiner unverwechselbaren Geschichte, Kultur, Wissenschaft und künstlerischen Exzellenz ist immer ein natürlicher und ernst zu nehmender Partner, um sich für eine Expo zu bewerben.“ Fest steht für ihn: Eine Bewerbung ist dann stark, wenn sie eine gemeinsame Vision formuliert, die von der Begeisterung der Stadtgesellschaft getragen wird. „Kurz gesagt: Die Berliner Bürger müssen auch eine Expo wollen“, so Kerkentzes. „Alles andere wird sich finden.“ Dass eine Kandidatur formal nur von einer nationalen Regierung eingereicht werden kann, und im Berliner Fall frühestens ab Sommer 2026, setzt dem Zeitplan eine klare Klammer.