Strafabgabe für alle Berliner Unternehmen droht!

Ab 2027 droht die Ausbildungsplatzabgabe.

Das Gesetz würde jedes Unternehmen zusätzlich belasten ohne die eigentlichen Probleme auf dem Ausbildungsmarkt zu lösen. Statt mehr Ausbildung drohen mehr Bürokratie, Klagen und Unsicherheit.

Nein zur Ausbildungsplatzabgabe

Azubi-Mangel in Berlin: Warum Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können

Unbesetzte Ausbildungsplätze trotz Bewerbungen: Patrick Behrends, Geschäftsführer der Brasst EDL erklärt, warum Azubis fehlen und was sich bei Schule, Politik und Betrieben ändern muss.

Azubi arbeitet an einem elektronischen Schaltkreis.

Immer mehr Betriebe erhalten keine oder nur unzureichende Bewerbungen für ihre Ausbildungsplätze

Während in Berlin über eine Ausbildungsplatzabgabe diskutiert wird, zeigt sich auf dem Ausbildungsmarkt ein anderes Problem: Viele Betriebe finden keine Azubis, weil passende Bewerbungen fehlen oder gar keine eingehen. Unternehmen berichten seit Jahren von einem zunehmenden Azubi-Mangel.

Gleichzeitig bleibt die politische Debatte häufig bei der Frage stehen, ob Betriebe mehr Ausbildungsplätze schaffen müssten. Dabei zeigen Zahlen und Stimmen aus der Wirtschaft, dass die Realität komplexer ist. 

Laut einer aktuellen Umfrage der IHK Berlin konnten 39 Prozent der Berliner Betriebe nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Zwei Drittel der betroffenen Unternehmen gaben an, keine passenden Bewerbungen erhalten zu haben.

Mit mehr Berufsorientierung gegen den Azubi-Mangel

Um dem Problem entgegenzuwirken, wünschen sich viele Berliner Unternehmen eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben. Ein Beispiel ist der Energiedienstleister Brasst EDL, der vom Sozialwissenschaftlichen Institut Schad (SWI) zu den „Besten Arbeitgebern und Ausbildungsunternehmen 2025“ in Berlin gewählt wurde. Der 40 Mitarbeiter starke Betrieb bildet derzeit sieben Azubis aus. 

Die Gleichwertigkeit von Ausbildung und Studium sollte stärker hervorgehoben werden. Gerade im Zeitalter der KI werden handwerkliche und praktische Berufe jedoch weiterhin dringend gebraucht.“
Patrick Behrends Geschäftsführer Brasst EDL

Geschäftsführer Patrick Behrends ist überzeugt, dass ein Umdenken bereits in der Schule beginnen müsse. Zudem plädiert er für viele Betriebspraktika und Projekttage in Unternehmen: „Statt lediglich ein oder zwei Praktika könnten Jugendliche auch fünf oder sechs Praktika in verschiedenen Betrieben absolvieren“, sagt Behrends. 

Wichtig sei dabei auch die Vielfalt der Berufe: „Praktika bei großen Firmen wie BMW oder Berlin Chemie sind zwar interessant, aber auch kleinere Betriebe oder der frühe Arbeitsalltag in einer Bäckerei können wichtige Einblicke geben.“

Ein lächelnder jüngerer Mann mit Brille und dunklem Oberhemd vor einem grauen Hintergrund.

Engagiert in der Ausbildung – trotz Azubi-Mangel: Patrick Behrends ist der Geschäftsführer von Brasst EDL

Der Ausbildungsmarkt soll attraktiver und sichtbarer werden

Ein weiteres Problem ist die Wahrnehmung von Ausbildungsberufen. Viele Menschen sehen ein Studium noch immer als den „normalen“ Weg im Anschluss an die Schulzeit.

„Die Gleichwertigkeit von Ausbildung und Studium sollte stärker hervorgehoben werden“, sagt Patrick Behrends. „Von vielen Jugendlichen wird selbstverständlich erwartet, das Abitur abzulegen und zu studieren, während eine Ausbildung häufig als zweite Wahl gilt. Gerade im Zeitalter der KI werden handwerkliche und praktische Berufe jedoch weiterhin dringend gebraucht.“

Belastbarkeit
46
Prozent
der ausbildenden Unternehmen stellen Mängel bei der Belastbarkeit von Azubis fest
Ausdrucksvermögen
41
Prozent
der ausbildenden Unternehmen berichten von Defiziten beim Ausdrucksvermögen

Hinzu kommt, dass die Karrierewege in vielen Ausbildungsberufen unterschätzt werden: „Eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bedeutet nicht, dass man über Jahrzehnte hinweg ausschließlich körperlich schwere Arbeiten ausführen muss“, so Behrends. 

„Durch Weiterbildungen, beispielsweise zum Meister oder Techniker, besteht die Möglichkeit, sich beruflich weiterzuentwickeln und Positionen wie Bauleiter oder Polier zu übernehmen. Wer engagiert und zielstrebig ist, kann in diesem Bereich große Fortschritte erzielen.“

Collage mit Personen, die Schilder mit Statements gegen die Ausbildungsplatzabgabe in den Händen halten
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Vier Personen sitzen an Tischen mit Laptops, im Hintergrund ist eine Präsentation mit einem Kreisdiagramm auf einem Bildschirm zu sehen.
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Viele Unternehmen finden keine geeigneten Azubis

Neben der Berufsorientierung sehen viele Betriebe Defizite bei grundlegenden Kompetenzen von Schulabgängern. Das zeigt etwa eine aktuelle Studie der DIHK. Wurden Unternehmen gefragt, warum sie die Ausbildungstätigkeit beendet haben, lautete mit 32 Prozent die große Mehrheit der Antworten: Unzureichende fachliche oder persönliche Eignung der Bewerber.

Das bestätigt auch Patrick Behrends: „Der Bildungsstand vieler Jugendlicher nimmt ab. Sowohl in Bewerbungen als auch im Unterricht der Berufsschulen zeigt sich, dass grundlegende Fähigkeiten wie Rechnen und Schreiben oft Schwierigkeiten bereiten. Daher liegt es in der Verantwortung von Politik und Schulen, eine solide Grundbildung zu gewährleisten und Jugendliche frühzeitig mit verschiedenen Berufsfeldern vertraut zu machen.“

Ja zur Ausbildung. Nein zur Ausbildungsplatzabgabe.

Die Berliner Politik sieht eine Ausbildungsplatzabgabe vor. Demnach sollen Unternehmen einen Fonds finanzieren, mit dem zusätzliche Ausbildungsplätze in Berlin entstehen sollen. Betroffen sind Betriebe ab zehn Beschäftigten, deren Ausbildungsquote bei unter 4,6 Prozent liegt. Die Berliner Wirtschaft lehnt das Gesetz zur Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe auch mit den kürzlich vorgestellten Änderungen ab.

Auch Berlins größte Arbeitgeber warnen vor negativen Folgen für den Standort. Mehr Infos dazu und wie Sie handeln können gibt es hier

Der Ausbildungsmarkt steht also vor einem paradoxen Problem: Gleichzeitig gibt es unbesetzte Ausbildungsplätze und Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Deutschlandweit konnten zuletzt mehr als 54.000 Ausbildungsstellen nicht besetzt werden, während viele Bewerber keinen passenden Platz fanden.

Um dieses Missverhältnis zu reduzieren, sind verschiedene Ansätze möglich, wie etwa:

  • digitale Matching-Plattformen
  • engere Zusammenarbeit mit Arbeitsagenturen
  • schnellere Nachvermittlung offener Ausbildungsplätze

Warum viele Betriebe die Ausbildungsplatzabgabe ablehnen

Vor diesem Hintergrund stößt die Idee einer Ausbildungsplatzabgabe bei vielen Unternehmen auf Kritik, das bestätigt auch Brasst-Geschäftsführer Patrick Behrends: „Ich kenne niemanden, der diese Regelung befürwortet. Viele Betriebe bemühen sich bereits intensiv, passende Auszubildende zu finden. Dennoch sollen sie ‚bestraft‘ werden, wenn sie keine geeigneten Bewerber finden. Vor allem: Diese Maßnahme führt ja nicht dazu, dass zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden.“

Fest steht: Der Azubi-Mangel in Berlin und Deutschland lässt sich nicht allein den Betrieben zuschreiben. Ohne ein stärkeres Zusammenspiel von Schulen, Politik und Wirtschaft dürfte es deshalb schwierig bleiben, die vielen unbesetzten Ausbildungsplätze zu besetzen.