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Nelly Solutions – wie ein Berliner Start-up Arztpraxen digitalisiert

Nelly Solutions automatisiert die Rechnungsstellung in Arztpraxen – und erleichtert so den Alltag von Ärztinnen & Ärzten und Praxisteams. CEO Niklas Radner erzählt, welche Hürden das Team auf seinem Weg überwinden musste und welche bereichernden Seiten das Unternehmertum mit sich bringt.

Von: Katrin Lohse
Nelly-Solutions-CEO Niklas Radner im Büro.

Niklas Radner ist Mitgründer und CEO von Nelly Solutions und treibt die Digitalisierung hierzulande voran

Administration und Bürokratie sind noch immer enorme Zeitfresser in deutschen Arztpraxen. Nelly Solutions hat eine Lösung entwickelt, die den Praxisalltag erleichtert und die Rechnungsstellung digital und automatisiert abwickelt: „Wir sind das erste Unternehmen, das es hierzulande geschafft hat, die Rechnung für Patientinnen und Patienten zu digitalisieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese per Klick zu bezahlen“, so Co-Founder und Geschäftsführer Niklas Radner.

Nelly Solutions – wenn aus Zettelwirtschaft eine Geschäftsidee wird

Niklas startete Nelly Solutions 2021 gemeinsam mit vier Mitgründern. Alle vier kannten sich aus Jobs in der Berliner Fintech-Branche und hatten zuvor einen städtischen Steuerprozess digitalisiert. Die Idee zu Nelly entstand während der Corona-Zeit: Das Klatschen fürs Gesundheitswesen reichte ihm nicht. „Ich dachte: Können wir da auch ein bisschen mehr tun?“, erzählt er.

Eine „brutale Zeit“ in einer Praxis und eine vierseitige Papierrechnung für eine einzelne Zahnreinigung gaben letztendlich den entscheidenden Impuls zur Gründung. Im Interview erzählt er, welche Hürden und Höhen er bisher im Unternehmerdasein erlebt hat.

Mitarbeitende von Nelly Solutions im Meeting.

Nelly Solutions beschäftigt mittlerweile 140 Mitarbeitende an sechs Standorten – mehr als vier Millionen Patientinnen und Patienten nutzen die Plattform

Die 3 größten Belastungsproben für Nelly Solutions

Welche bürokratischen Aufgaben haben euch am meisten zu schaffen gemacht?
Als reguliertes Finanzunternehmen mussten wir bei der BaFin einen Antrag auf unsere Factoring-Lizenz stellen und sämtliche Anmeldeunterlagen einreichen. Dafür mussten wir sage und schreibe 18 Aktenordner an Dokumenten ausdrucken und einsenden. Das war ein unfassbarer Papieraufwand, der uns wirklich schockiert hat. Auch Notartermine können zur Geduldsprobe werden: Beim Termin zu unserer Series-B-Finanzierungsrunde wurden uns über zwölf Stunden lang die ausgedruckten Dokumente vorgelesen – ein Vorgehen, das in anderen Ländern absolut nicht üblich ist.

Hinzu kam: Wir hatten einen Gründerzuschuss beantragt, doch während der langen Bearbeitungszeit wuchsen wir durch eine Finanzierungsrunde so stark, dass wir uns schließlich nicht mehr dafür qualifizierten.

Wir waren wirklich fasziniert darüber, wie wenig digitalisiert Arztpraxen arbeiten.“
Niklas Radner CEO Nelly Solutions

Was war bisher eure größte Herausforderung?
Die lag in der Interoperabilität im Gesundheitswesen, also in der Standardisierung von technologischen Schnittstellen, den APIs. Es ist enorm schwer – gerade für Start-ups – APIs in die Praxisverwaltungssysteme zu erhalten. Denn diese sind aus Datenschutzgründen sehr in sich geschlossen. Wir haben viele Ressourcen investiert, um zu verstehen, wie wir eigene APIs bauen können. Und wir mussten viel Druck aus dem Markt, also eine starke Nachfrage über Kundinnen und Kunden, erzeugen, damit bestehende Software-Anbieterinnen und -Anbieter sich für die Technologien öffnen.

Produkte im regulierten Finanz- und Gesundheitsmarkt zu entwickeln, ist natürlich immer eine Challenge. Man muss sich intensiv einarbeiten, um Compliance sicherzustellen – und natürlich auch, um zu vermeiden, dass das gesamte Kapital in Anwaltshonorare fließt.

Wo seid ihr noch auf Schwierigkeiten gestoßen?
In unserem Bereich ist es wichtig, Fachkräfte zu finden, die sowohl das Gesundheitswesen kennen als auch mit neuen Technologien umgehen können. Da Nelly Solutions an der Schnittstelle von Fintech und Healthtech arbeitet, brauchen wir sehr speziell ausgebildetes Personal – das zu finden ist gar nicht so einfach.

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Was lief bei Nelly Solutions leichter als erwartet?
Wir waren wirklich fasziniert darüber, wie wenig digitalisiert Arztpraxen arbeiten. Umso überraschender war für uns die hohe Nachfrage nach digitalen Lösungen und Automatisierungen von Seiten der Praxen. Anfangs hieß es oft, Praxisteams und Ärztinnen und Ärzte würden sich damit schwertun. Unsere Erfahrung ist jedoch das Gegenteil: Die Bereitschaft ist hoch! Rund 70 Prozent unserer Neukundinnen und Neukunden kommen aktiv auf uns zu.

Team Nelly Solutions in einer Besprechung

Ziel des Start-up-Teams: einen großen, stark nachgefragten Markt erschließen und digitalisieren

Was ist für dich persönlich der größte Gewinn am Gründen?
Ein prägender Moment war ganz am Anfang. Ich richtete gerade in einer Zahnarztpraxis unser Nelly-System ein und musste schnell in einen Pitch-Call mit einem potenziellen Investor. Als ich aus dem Telefonat zurückkam, hörte ich aus dem Behandlungsraum, wie sich das Praxisteam darüber freute, dass Patientinnen und Patienten Formulare schon vorab digital ausgefüllt hatten. Da wurde mir klar, wie sehr wir den Arbeitsalltag von Menschen erleichtern, die wirklich am Limit arbeiten. Genau das ist für mich der größte Gewinn: zu sehen, dass unsere Lösung Menschen in einem sehr anspruchsvollen, systemrelevanten Beruf unterstützt

Und natürlich das Arbeiten im Gründerteam: Gründen ist intensiv, aber ein großes Privileg ist, dass man sich aussuchen kann, mit wem man diese Reise geht. Genauso schön ist es, zu sehen, dass wir eine Plattform geschaffen haben für Menschen: Talente, die sich stark weiterentwickelt haben. Wir sind bei Nelly Solutions als Team sehr gewachsen!

Inwiefern profitiert Nelly Solutions von Berlin als Standort?
Berlin bietet uns ein starkes Ökosystem: hohe Talentdichte, Offenheit für Innovation sowie Zugang zu Venture Capital, internationalen Fachkräften und Menschen, die etwas verändern wollen. Das ist in anderen Städten schon anders.