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Guter Rahmen für Internationalität

Seit 15 Jahren gibt es die Europäische Aktiengesellschaft (SE). Die Erfahrung zeigt, dass sie sich gerade in Deutschland als Rechtsform für Wachstums- und Mittelstandsunternehmen etabliert hat – ob börsennotiert oder nicht.
von Dr. Martin Schaper Ausgabe 03/2020

Gerade für Unternehmen mit internationaler Ausrichtung ist die SE eine Rechtsform mit vielen Vorteilen
Gerade für Unternehmen mit internationaler Ausrichtung ist die SE eine Rechtsform mit vielen Vorteilen. Foto: Getty Images/bgblue
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Neben einem positiven Image hat die SE als Rechtsform eine hohe Attraktivität für potenzielle internationale Partner.
  • Die Flexibilität für die Unternehmensleitung ist bei einer SE deutlich größer als in einer klassischen Aktiengesellschaft.

Seit mitt­ler­wei­le mehr als 15 Jah­ren kön­nen Unter­neh­men in Deutsch­land die Euro­päi­sche Akti­en­ge­sell­schaft (SE, kurz für Socie­tas Euro­paea) grün­den – Zeit für eine Bilanz und für einen Aus­blick, für wel­che Unter­neh­men die­se Rechts­form auch in Zukunft von Inter­es­se sein wird.

Die SE ist – wie der Name schon sagt – eine durch den euro­päi­schen Gesetz­ge­ber ins Leben geru­fe­ne Rechts­form. Auf euro­päi­scher Ebe­ne steht mit der SE-Ver­ord­nung jedoch nur ein recht­li­ches Grund­ge­rüst zur Ver­fü­gung, das auf natio­na­ler Ebe­ne durch SE-spe­zi­fi­sche Vor­schrif­ten sowie das all­ge­mei­ne Akti­en­ge­setz ver­voll­stän­digt wird. Es gibt daher nicht die eine euro­pa­weit ein­heit­li­che SE.  Wäh­rend die Grün­dungs­zah­len in den ers­ten Jah­ren nach Ein­füh­rung der SE nur lang­sam anstie­gen, ist sie mitt­ler­wei­le eine eta­blier­te Rechts­form für Wirt­schafts­un­ter­neh­men. Deutsch­land ist mit über 630 SEs im euro­päi­schen Ver­gleich Spit­zen­rei­ter. Dabei ist die Rechts­form der SE sowohl bei bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men (z. B. Axel Sprin­ger SE oder SAP SE) als auch bei nicht bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men (z. B. Mast-Jäger­meis­ter SE oder Licht­Blick SE) glei­cher­ma­ßen beliebt. In den letz­ten Jah­ren haben auch zahl­rei­che Growth Com­pa­nies und E-Com­mer­ce-Unter­neh­men auf die SE zurück­ge­grif­fen (z. B. Deli­very Hero SE oder fla­schen­post SE).

Gute Grün­de für die Wahl einer SE

Obwohl die SE in vie­len Berei­chen der AG ent­spricht und bei­de For­men bör­sen­fä­hig sind, gibt es eine Rei­he von Grün­den für die Wahl einer SE:

  • Posi­ti­ve Außen­dar­stel­lung: Unter­neh­men wäh­len die SE viel­fach, um ihre euro­päi­sche bzw. inter­na­tio­na­le Aus­rich­tung zu unter­strei­chen.
  • Unter­neh­mens­lei­tung: Im Ver­gleich zur AG kann die Unter­neh­mens­or­ga­ni­sa­ti­on der SE fle­xi­bel aus­ge­stal­tet wer­den. Wäh­rend bei der AG ein dua­lis­ti­sches Sys­tem, bestehend aus Vor­stand und Auf­sichts­rat, vor­ge­schrie­ben ist, kann in der SE alter­na­tiv eine monis­ti­sche Board-Struk­tur gewählt wer­den. Hier­bei wer­den die Auf­ga­ben von Vor­stand und Auf­sichts­rat in einem Ver­wal­tungs­or­gan gebün­delt. Ins­be­son­de­re für inha­ber­ge­führ­te Unter­neh­men ist die monis­ti­sche Struk­tur mit einem „star­ken“ Ver­wal­tungs­rats­vor­sit­zen­den inter­es­sant. In Deutsch­land sind etwa ein Drit­tel der SEs monis­tisch struk­tu­riert.
  • Unter­neh­mens­mit­be­stim­mung: In der SE besteht die Mög­lich­keit, das Mit­be­stim­mungs­recht der Arbeit­neh­mer an die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se des Unter­neh­mens anzu­pas­sen. Mög­lich ist etwa der Abschluss einer soge­nann­ten Betei­li­gungs­ver­ein­ba­rung zwi­schen Unter­neh­mens­lei­tung und Arbeit­neh­mer­ver­tre­tern, in der Rege­lun­gen zur Zusam­men­set­zung des Auf­sichts­rats getrof­fen wer­den kön­nen. Nach Abschluss einer sol­chen Betei­li­gungs­ver­ein­ba­rung füh­ren Ände­run­gen der Arbeit­neh­mer­zah­len grund­sätz­lich nicht zu einer Ände­rung der Mit­be­stim­mungs­re­ge­lun­gen, wodurch Pla­nungs­si­cher­heit geschaf­fen wird.
  • Inter­na­tio­na­li­tät: Die SE kann als euro­päi­sche (und damit „neu­tra­le“) Rechts­form auch für inter­na­tio­na­le Joint Ven­tures inter­es­sant sein.

Schrit­te zur Grün­dung einer SE

Anders als eine AG kann die SE nur durch bereits bestehen­de Gesell­schaf­ten gegrün­det wer­den. In der Pra­xis erfolgt die Grün­dung einer SE in der Regel durch einen Form­wech­sel oder eine grenz­über­schrei­ten­de Ver­schmel­zung. In bei­den Fäl­len muss das bereits bestehen­de Unter­neh­men eine AG sein. Für Unter­neh­men in der Rechts­form der GmbH bedeu­tet dies, dass sie zunächst in eine AG umge­wan­delt wer­den müs­sen (was jedoch weit­ge­hend par­al­lel umge­setzt wer­den kann).

Im Rah­men der SE-Grün­dung ist zudem ein Mit­ar­bei­ter­be­tei­li­gungs­ver­fah­ren zwi­schen Unter­neh­mens­lei­tung und Arbeit­neh­mer­ver­tre­tern durch­zu­füh­ren. Ziel die­ses Ver­fah­rens ist der Abschluss einer Betei­li­gungs­ver­ein­ba­rung über die Mit­be­stim­mung in der SE. Das Min­dest­ka­pi­tal der SE beträgt 120.000 Euro und liegt damit deut­lich über dem der AG (50.000 Euro) und der GmbH (25.000 Euro). Auf­grund des ver­gleichs­wei­se auf­wen­di­gen Grün­dungs­ver­fah­rens wird die SE in ers­ter Linie von Unter­neh­men einer gewis­sen Grö­ßen­ord­nung gewählt, auch weil dann die Vor­zü­ge der SE erst voll­stän­dig zum Tra­gen kom­men.

Beson­de­re Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten erge­ben sich bei der SE & Co. KGaA. Hier las­sen sich die Vor­tei­le der SE mit der eben­falls bör­sen­fä­hi­gen KGaA kom­bi­nie­ren. Beliebt ist die­se Form bei Fami­li­en­un­ter­neh­men, da die Kom­man­ditak­tio­nä­re der KGaA zwar als Kapi­tal­ge­ber am Ver­mö­gen des Unter­neh­mens betei­ligt wer­den kön­nen, die Lei­tung der Gesell­schaft aber aus­schließ­lich über die Kom­ple­men­tär-SE erfolgt, deren Lei­tungs­or­gan unab­hän­gig von der Kapi­tal­mehr­heit in der Haupt­ver­samm­lung der KGaA besetzt wird. Bei­spie­le sind die Ber­tels­mann SE & Co. KGaA oder die Strö­er SE & Co. KGaA.

Dr. Mar­tin Scha­per, LL.M. (Cam­bridge), ist Rechts­an­walt und Part­ner der Kanz­lei Schnitt­ker Möll­mann Part­ners in Ber­lin.

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