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Schwer­punkt

Nachhaltige Rezepte gegen Ladehemmung

Die Hauptstadt wächst und mit ihr der Wirtschaftsverkehr, weil mehr Waren zu mehr Menschen transportiert werden müssen. Damit Berlin auch künftig mobil bleibt, entwickeln Logistik-Experten vielfältige Strategien.
von Eli Hamacher Ausgabe 03/2020

Mehr Menschen bedeuten auch mehr Logistik
Mehr Menschen bedeuten auch mehr Logistik. Foto: Getty Images/Anil Yanik
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  • Logistik-Leistungen sind immer stärker nachgefragt. Digitale Lösungen helfen, das Aufkommen zu bewältigen.
  • Kreative neue Wege für den Wirtschaftsverkehr von morgen sind gefragt – und werden bereits entwickelt.

Mar­tin Schmidt zieht noch schnell die letz­ten Schrau­ben an, dann kön­nen auch sei­ne neu­en E-Las­ten­rä­der los­dü­sen. Am Stau vor­bei bis vor die Haus­tür, ohne läs­ti­ge Park­platz­su­che und völ­lig emis­si­ons­frei. Mit 25 Cargo­bikes belie­fert der Geschäfts­füh­rer der Cycle Logistics CL GmbH sei­ne Kun­den im Ber­li­ner Stadt­ver­kehr, bringt Blu­men und Bet­ten, Kopier­pa­pier und Kar­tons, deren Inhalt er gar nicht kennt. Denn auch für Kurier-Express-Paket-Diens­te sind die Mit­ar­bei­ter des umwelt­freund­li­chen Logis­ti­kers unter­wegs. Über Man­gel an Auf­trä­gen kann Schmidt nicht kla­gen. „Unse­re Mit­ar­bei­te­rin des Jah­res war 2019 Gre­ta Thun­berg“, wit­zelt der Chef. „Das The­ma Rad­lo­gis­tik ist jetzt in der Gesell­schaft end­gül­tig ange­kom­men.“

Befeu­ert wird es auch von Poli­ti­kern wie Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er, der ver­gan­ge­nes Jahr vor­rech­ne­te: „Zwan­zig Pro­zent der Lie­fer­ver­keh­re kön­nen in den Städ­ten von Las­ten­rä­dern über­nom­men wer­den.“ Damit die Bikes in der mobi­len Zukunft ihre Vor­tei­le auf der letz­ten Mei­le voll aus­spie­len kön­nen, brau­che man aller­dings eine bes­se­re Infra­struk­tur mit brei­te­ren Rad­we­gen, Park­plät­zen und mehr Frei­flä­chen in den engen Innen­städ­ten, unter­streicht Schmidt. Und da fängt das Pro­blem an.

2035 wer­den in der Haupt­stadt nach Pro­gno­sen des Ber­lin-Insti­tuts für Bevöl­ke­rung und Ent­wick­lung gut vier Mil­lio­nen Men­schen leben, knapp elf Pro­zent mehr als heu­te. Sie kau­fen Lebens­mit­tel, Klei­dung, Fahr­zeu­ge, ver­brau­chen Strom, bau­en Häu­ser. Täg­lich müs­sen des­halb Vor­pro­duk­te in die Fabri­ken und fer­ti­ge Waren zum Händ­ler und von dort zum Kun­den gelan­gen. Die Kehr­sei­te der Medail­le: Mit den grö­ße­ren Trans­port­men­gen stei­gen Ver­kehrs­dich­te und Umwelt­be­las­tung. Die Kapa­zi­tä­ten aber sind begrenzt. Soll die Wirt­schaft mobil blei­ben, sind alle Logis­tik­dienst­leis­ter glei­cher­ma­ßen gefor­dert, unter ihnen Spe­di­tio­nen, Häfen und Güter­ver­kehrs­zen­tren.

Martin Schmidt, Geschäftsführer von Cycle Logistics
Mar­tin Schmidt, Geschäfts­füh­rer von Cycle Logistics, setzt mit sei­ner 2017 gegrün­de­ten GmbH auf Cargo­bikes. 2019 über­nahm das Unter­neh­men die Mar­ke Velo­gis­ta. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Der Haken: „Die ver­kehrs­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on wird oft domi­niert von Fahr­rä­dern, Rol­lern, Sam­mel­ta­xis und dem Umstei­gen auf den ÖPNV. Der Wirt­schafts­ver­kehr, ohne den die Stadt nicht funk­tio­nie­ren kann, wird dage­gen kaum ernst genom­men“, mahnt Dr. Lutz Kaden, Ver­kehrs­ex­per­te der IHK Ber­lin. Nir­gend­wo zeigt sich dies deut­li­cher als auf der poli­ti­schen Ebe­ne. Jochen Brück­mann, IHK-Bereichs­lei­ter Stadt­ent­wick­lung & Infra­struk­tur, kri­ti­siert: „Nichts weni­ger als eine Mobi­li­täts­wen­de hat sich die aktu­el­le Ber­li­ner Koali­ti­on vor drei Jah­ren vor­ge­nom­men. An den grund­le­gen­den Mas­ter­plä­nen dafür hat die IHK Ber­lin inten­siv mit­ge­ar­bei­tet. Aber seit andert­halb Jah­ren liegt der Stadt­ent­wick­lungs­plan Mobi­li­tät und Ver­kehr genau­so auf Eis wie das Inte­grier­te Wirt­schafts­ver­kehrs­kon­zept.“ Und auch das Mobi­li­täts­ge­setz habe noch immer kein Kapi­tel mit kon­kre­ten Regeln zur Unter­stüt­zung des Wirt­schafts­ver­kehrs, wäh­rend der Rad- und Fuß­ver­kehr bereits aus­dis­ku­tiert sei­en. Mehr Effi­zi­enz soll künf­tig unter ande­rem die Digi­ta­li­sie­rung brin­gen. Neue Tech­no­lo­gi­en wie E-Mobi­li­tät und auto­no­mes Fah­ren, eine bes­se­re Ver­net­zung der Ver­kehrs­trä­ger eben­so wie Smart Data und Advan­ced Ana­ly­tics kön­nen die Mobi­li­tät öko­no­mi­scher und öko­lo­gi­scher gestal­ten.

Mit­ten in der Stadt sitzt Klaus-Gün­ter Licht­fuß, Pro­ku­rist Logis­tik bei der Ber­li­ner Hafen- und Lager­haus­ge­sell­schaft mbH (Beha­la), die von ihren drei Häfen in Mit­te, Span­dau und Neu­kölln die Ber­li­ner ver­sorgt, etwa mit Lebens­mit­teln, Haus­halts­ge­rä­ten oder Klei­dung. Für Sie­mens trans­por­tiert das Unter­neh­men mit einem Spe­zi­al­schiff Gas­tur­bi­nen. Für das in Ber­lin brum­men­de Bau­ge­schäft ver­ar­bei­ten Misch­wer­ke auf dem Hafen­ge­län­de Bau­stof­fe zu Beton und Asphalt, Tank­la­ger bun­kern Brenn­stof­fe, Silo­an­la­gen Roh­kaf­fee für Rös­te­rei­en, Recy­cling­un­ter­neh­men sam­meln auf dem Hafen­ge­län­de Alt­glas und Metal­le und brin­gen sie von dort in die Recy­cling­wer­ke. Doch Licht­fuß hat ein Pro­blem: „Die Trans­port­men­gen stei­gen, wir brau­chen mehr Platz.“ Die Häfen wür­den künf­tig noch wich­ti­ger.

50 Mio. Euro will die Beha­la des­halb von 2022 an in den Süd­ha­fen in Span­dau unter ande­rem in neue Kai- und Ver­kehrs­an­la­gen pum­pen, um grö­ße­re Schif­fe und mehr Züge ein­set­zen zu kön­nen. Prompt kam Kri­tik aus dem Bezirk: zu dre­ckig, zu laut, so die Ein­wän­de. Für den Diplom- inge­nieur steht hin­ge­gen fest: „Die Stra­ßen wer­den immer vol­ler, bei Schif­fen gibt es aber noch gro­ße freie Kapa­zi­tä­ten.“ Und per Schiff könn­ten die Güter umwelt­freund­li­cher trans­por­tiert wer­den, auch weil der Süd­ha­fen an die Bahn ange­bun­den sei. Vor­aus­set­zung für den Ein­satz grö­ße­rer Schif­fe ist laut Licht­fuß der Aus­bau der Was­ser­stra­ßen, wie jetzt zum Bei­spiel in Span­dau, wo das Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren abge­schlos­sen wur­de. Auch die bes­se­re Zusam­men­ar­beit aller Akteu­re sei uner­läss­lich. So müs­se zum Bei­spiel die DB Netz die Güter­bahn­hö­fe in Ruh­le­ben und Moa­bit für die neu­en Züge mit mehr als 700 Metern Län­ge aus­bau­en.

Neben dem Tages­ge­schäft hat das The­ma Öko­lo­gie obers­te Prio­ri­tät. Im vier­ten Quar­tal 2020 wird die Beha­la das von ihr, der TU Ber­lin und wei­te­ren Unter­neh­men ent­wi­ckel­te welt­weit ers­te emis­si­ons­freie Schub­boot „Elek­tra“ fer­tig­stel­len und mit Ver­suchs­fahr­ten zwi­schen Ber­lin und Ham­burg sowie inner­halb der Haupt­stadt begin­nen. „Das auch vom Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um geför­der­te Pro­jekt wird eine Vor­bild­funk­ti­on für den öko­lo­gi­schen Ein­satz von Schif­fen in Bal­lungs­ge­bie­ten über­neh­men“, ist Licht­fuß über­zeugt.

Ingenieur Klaus-Günter Lichtfuß, Prokurist bei Logistik Behala
Inge­nieur Klaus-Gün­ter Licht­fuß, Pro­ku­rist bei Logis­tik Beha­la, lei­tet seit 1999 den Bereich bei der Ber­li­ner Hafen- und Lager­haus­ge­sell­schaft mit ihren drei Stadt­hä­fen in Mit­te, Span­dau und Neu­kölln. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Die Beha­la als Depot-Betrei­ber und Rad­lo­gis­ti­ker Schmidt – im Auf­trag von Her­mes und DHL – waren auch beim Pilot­pro­jekt KoMo­Do dabei. Die Abkür­zung steht für: „Koope­ra­ti­ve Nut­zung von Mikro­de­pots durch die Kurier-, Express-, Paket-Bran­che für den nach­hal­ti­gen Ein­satz von Las­ten­rä­dern in Ber­lin“. Geför­dert von Bund und Senat, wur­de KoMo­Do ein Jahr lang getes­tet und nach Abschluss im Mai 2019 für gut befun­den. Von einem Mikro­de­pot in Pan­kow ström­ten täg­lich die Fah­rer der fünf größ­ten natio­na­len Paket­dienst­leis­ter in die Ber­li­ner Bezir­ke aus und lie­fer­ten in die­sem Jahr rund 160.000 Pake­te. Der Ein­satz loh­ne sich vor allem in Gebie­ten mit vie­len Emp­fän­gern, zudem wür­den knap­pe öffent­li­che Flä­chen von den KEP-Diens­te-Anbie­tern koope­ra­tiv und effi­zi­ent genutzt, so das Fazit. Jetzt soll die Beha­la wei­te­re Flä­chen suchen, um neue Mikro­de­pots errich­ten zu kön­nen.

Par­al­lel dazu trei­ben fin­di­ge Unter­neh­mer die Pro­duk­ti­on inno­va­ti­ver Fahr­zeu­ge für die letz­te Mei­le vor­an, unter ihnen das Ber­li­ner Start-up Ono Moti­on, das im Som­mer mit einem E-Las­ten­rad in Serie geht. Der „Pedal Assisted Trans­por­ter“ besteht aus Fah­rer­ka­bi­ne und abnehm­ba­rem Con­tai­ner, der fle­xi­bel über eine inte­grier­te Lade­ram­pe getauscht wer­den kann. Zwei Kubik­me­ter kann das Bike laden, bei einer maxi­ma­len Nutz­last von 300 Kilo­gramm – inklu­si­ve Fah­rer.

Wenn es um die gro­ßen Men­gen geht, kom­men die Güter­ver­kehrs­zen­tren ins Spiel. „Ohne unse­re Güter­ver­kehrs­zen­tren wür­de Ber­lin ver­hun­gern und ver­durs­ten“, bringt es Rüdi­ger Hage etwas flap­sig auf den Punkt. Seit 1992 hat er als lei­ten­der Mit­ar­bei­ter bei der Lan­des­ent­wick­lungs­ge­sell­schaft Bran­den­burg (LEG) und ab 2002 als Geschäfts­füh­rer der Pots­da­mer IPG Infra­struk­tur- und Pro­jekt­ent­wick­lungs­ge­sell­schaft mbH im bran­den­bur­gi­schen Groß­bee­ren, in Wus­ter­mark und Frei­en­brink drei Güter­ver­kehrs­zen­tren ent­wi­ckelt und ver­mark­tet.

Auf ins­ge­samt 700 Hekt­ar Brut­to­flä­che haben sich 149 Betrie­be aus der Logis­tik und dem Gewer­be mit 14.750 Beschäf­tig­ten nie­der­ge­las­sen. Zu den gro­ßen Play­ern zäh­len der bri­ti­sche Online-Mode­händ­ler Asos, Ede­ka, Lidl, Aldi, Pen­ny und der Geträn­ke­lie­fe­rant Trinks GmbH. Zudem haben sich Phar­ma­händ­ler, Stück­gut-Logis­ti­ker, aber auch Exo­ten wie die Carl Pabst Samen und Saa­ten GmbH ange­sie­delt, die in Groß­bee­ren säcke­wei­se Samen für Bau- und Super­märk­te abfüllt und für hie­si­ge Blu­men­freun­de auf den Weg bringt. Wie ­Beha­la-Pro­ku­rist Licht­fuß hat auch Hage ein Platz­pro­blem: „Groß­bee­ren und Wus­ter­mark sind fast zu 100 Pro­zent aus­ge­las­tet, in Frei­en­brink sind es etwa 80 Pro­zent“, sagt er. Wegen der geplan­ten Ansied­lung von Tes­la hal­te sich das Land bei der wei­te­ren Ver­mark­tung dort aber zur­zeit zurück.

Wirt­schafts­ver­kehr bleibt in den Pla­nun­gen zu oft außen vor. Das macht ihn unpro­duk­ti­ver.
Cars­ten Rut­kow­ski, DB Schen­ker

Dabei könn­te der IPG-Chef gut Gas geben. „Wir bekom­men pro Woche min­des­tens eine Anfra­ge und könn­ten 50 wei­te­re Hekt­ar Flä­che ent­wi­ckeln und ver­mark­ten.“ Glo­bal den­ken­de Inves­to­ren wür­den bereits nach Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Rich­tung Polen aus­wei­chen, weil sie nicht auf freie Flä­chen war­ten woll­ten. Der Köl­ner Pro­jekt­ent­wick­ler Alca­ro Invest GmbH etwa, der auch in Groß­bee­ren inves­tiert hat, kauf­te 2019 ein gut 34 Hekt­ar gro­ßes Grund­stück im Güter­ver­kehrs­zen­trum Frankfurt/Oder, um dort einen Logis­tik­park zu ent­wi­ckeln. „Wegen der Flä­chen­knapp­heit geht der Trend künf­tig zu einer Ver­dich­tung, sprich, Gebäu­de wer­den auf­ge­stockt oder noch ein­mal neu und höher gebaut“, weiß Hage. Für IHK-Bereichs­lei­ter Brück­mann wird gera­de bei der Logis­tik klar, wie eng Ber­lin und Bran­den­burg wirt­schaft­lich und funk­tio­nal mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. „Umso wich­ti­ger ist, dass bei­de Bun­des­län­der gemein­sam pla­nen und ent­schei­den, etwa bei der Aus­wei­sung von Gewer­be­flä­chen oder bei Sanie­rung und Aus­bau von Stra­ßen und Schie­nen. Schon die Fest­le­gung unter­schied­li­cher Fei­er­ta­ge sorgt für Pro­ble­me bei den Logis­ti­kern.“

Neben Flä­chen- und Arbeits­kräf­te­man­gel in der mit einem schlech­ten Image kämp­fen­den Bran­che sieht IPG-Chef Hage als drit­te Her­aus­for­de­rung und gleich­zei­tig als Chan­ce die Digi­ta­li­sie­rung. Wenn etwa die Dro­ge­rie­markt­ket­te dm vor­aus­sicht­lich im April 2020 ihr neu­es Logis­tik­zen­trum in Wus­ter­mark eröff­ne, kön­ne man gut sehen, wie Robo­ter immer stär­ker die Bewe­gung der Waren über­neh­men wür­den.

Carsten Rutkowski, Geschäftsleiter bei DB Schenker
Cars­ten Rut­kow­ski, Geschäfts­lei­ter bei DB Schen­ker, ver­ant­wor­tet in Ber­lin und Bran­den­burg den Land­ver­kehr und die Kon­trakt­lo­gis­tik. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Damit die Pro­duk­te beim Kun­den ankom­men, sind auch die Spe­di­tio­nen gefor­dert. Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung in Ber­lin sei die Unpaa­rig­keit der Güter­strö­me, sagt ­Cars­ten Rut­kow­ski, für Ber­lin und Bran­den­burg zustän­di­ger Geschäfts­lei­ter bei DB Schen­ker. Sprich: Es kommt deut­lich mehr Ware in die Stadt als her­aus­geht. Grund sei die ver­gleichs­wei­se schwa­che Indus­trie und die Fol­ge, dass Trans­por­te in die Haupt­stadt teu­er sei­en und viel Ver­kehr ver­ur­sach­ten, so der Mana­ger. Ein wei­te­rer Haken: „Wirt­schafts­ver­kehr bleibt in den Pla­nun­gen zu oft außen vor. ÖPNV, Rad­zo­nen und Grün­an­la­gen bekom­men zulas­ten von Lade­zo­nen immer mehr Raum. Das macht den Lie­fer­ver­kehr unpro­duk­ti­ver und führt dann zu mehr Ver­kehr und nicht wie gewollt zu weni­ger“, kri­ti­siert er.

Aus­ge­zahlt hat sich für die Bahn­toch­ter, dass sie neben ihrem Stand­ort im Güter­ver­kehrs­zen­trum Groß­bee­ren den City-Hub in Char­lot­ten­burg behal­ten hat. Nachts wird die­ser über freie Stra­ßen belie­fert, und tags­über sind die Fah­rer schnell bei den Kun­den aus Han­del und Indus­trie. „Je kür­zer die letz­te Mei­le, des­to weni­ger Lkws müs­sen wir fah­ren las­sen“, so Rut­kow­ski. Nur die kur­zen Stre­cken ermög­li­chen zudem den sinn­vol­len Ein­satz von emis­si­ons­ar­men Fahr­zeu­gen wie Elek­tro-Lkws und Las­ten­rä­dern. „Von Char­lot­ten­burg her­aus kön­nen wir die­se bes­ser ein­set­zen.“

Gern wür­de Rut­kow­ski die nächt­li­che Belie­fe­rung aus­wei­ten, um die Tag­ver­keh­re zu ent­las­ten. Noch sei­en aber vie­le Emp­fän­ger nicht offen dafür, weil für sie die Kos­ten etwas stei­gen könn­ten. Auch aus der Bevöl­ke­rung kämen Ein­wän­de wegen der Lärm­be­läs­ti­gung. Spür­bar ent­las­ten könn­te die Stra­ßen auch eine wei­te­re Bün­de­lung von Trans­por­ten. „Dass jeder Logis­ti­ker jede Stra­ße in Ber­lin sel­ber belie­fert, ist doch nicht mehr zeit­ge­mäß“, fin­det der Schen­ker-Mana­ger.

„Und dass Spe­di­tio­nen heu­te noch viel­fach mit Fax, E-Mail und Tele­fon arbei­ten, ist weder zeit­ge­mäß noch effi­zi­ent“, ergänzt Phil­ipp Ort­wein. Aus die­sem Kern­pro­blem der Bran­che hat der Grün­der und Geschäfts­füh­rer der Inst­aFreight GmbH ein Geschäfts­mo­dell gemacht. „Jeder vier­te Lkw auf deut­schen Stra­ßen fährt leer.“ Das will die 2016 gegrün­de­te digi­ta­le Spe­di­ti­on ändern und bringt über eine Logis­tik-Platt­form Ver­sen­der und Fracht­füh­rer zusam­men. Will ein Unter­neh­men ad hoc Waren ver­schi­cken, erhält es sofort online von Inst­aFreight einen ver­bind­li­chen Preis ange­zeigt. Auf­trag­neh­mer ist die ­Inst­aFreight GmbH, die vom Ver­sen­der bezahlt wird, den Fuhr­un­ter­neh­mer beauf­tragt und auch ent­lohnt. Geschäfts­kun­den kön­nen zudem Trans­por­te für fes­te Rou­ten über län­ge­re Zeit­räu­me ver­ein­ba­ren. „Neben einer bes­se­ren Aus­las­tung pro­fi­tie­ren die Trans­port­fir­men auch von kür­ze­ren Zah­lungs­zie­len“, sagt der Geschäfts­füh­rer. 10.000 Fuhr­un­ter­neh­men sei­en auf der Platt­form bereits regis­triert, so Ort­wein. Er hofft auf eine erhöh­te Reich­wei­te durch Neu-Inves­tor Shell. Der zäh­le auch vie­le Fuhr­un­ter­neh­mer zu sei­nen Kun­den, die gleich­zei­tig als poten­zi­el­ler Trans­por­teur für ­Inst­aFreight inter­es­sant sei­en. Zu den wei­te­ren Geld­ge­bern des Start-ups gehört der Inter­net-Inku­ba­tor der Sam­wer-Brü­der, Rocket Inter­net.

Philipp Ortwein ist Geschäftsführer von InstaFreight
Phil­ipp Ort­wein ist Geschäfts­füh­rer von Inst­aFreight. Sei­ne Platt­form bringt Ver­sen­der und Fracht­füh­rer zusam­men, um Lkw bes­ser aus­zu­las­ten. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Wie Inst­aFreight nutzt die 2006 gegrün­de­te PLT Pla­nung für Trans­port & Logis­tik GmbH die Digi­ta­li­sie­rung, um inno­va­ti­ve Lösun­gen für mehr Effi­zi­enz auf der Stra­ße zu ent­wi­ckeln. Mit deren Trans­port­ma­nage­ment-Soft­ware Track­Pi­lot kön­nen Unter­neh­men, die Waren ver­sen­den, ihre Fahr­zeu­ge über ein GPS-Ortungs­por­tal in Echt­zeit tra­cken, Tou­ren pla­nen sowie fle­xi­bel anpas­sen und dadurch die Trans­por­te opti­mie­ren. Als wich­tigs­te Vor­tei­le der Tele­ma­tik nennt Geschäfts­füh­rer Marc Roth eine höhe­re Effi­zi­enz beim Ein­satz der Flot­te, weni­ger Ver­kehr und damit gerin­ge­re Emis­sio­nen sowie sin­ken­de Fuhr­park­kos­ten.

Track­Pi­lot unter­stützt zudem die Digi­ta­li­sie­rung im Ver­kehrs­we­ge­bau, dar­un­ter das Mil­li­ar­den­pro­jekt Havel­land­au­to­bahn A 10/A 24. Künf­tig wer­den alle Groß­bau­vor­ha­ben nach dem digi­ta­len BIM-Ver­fah­ren (Buil­ding Infor­ma­ti­on Mode­ling) geplant und rea­li­siert. Track­Pi­lot lie­fert dafür über eine Daten­schnitt­stel­le prä­zi­se Posi­ti­ons­da­ten in die digi­ta­li­sier­te Lie­fer­ket­te zwi­schen Misch­wer­ken, Trans­port­fahr­zeu­gen und den Arbeits­ko­lon­nen. „Die Trans­port­op­ti­mie­rung führt auch im Stra­ßen­bau zu gro­ßen Ein­spa­run­gen“, sagt Roth, des­sen PLT 25 Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt. So könn­ten die beim Beton- und Asphalt­ein­bau erfor­der­li­chen Mate­ri­al­men­gen über­all prä­zi­se gemes­sen und auto­ma­ti­siert bestellt wer­den. Das spart laut Roth Lkw-Fahr­ten, erhöht die Ein­bau­qua­li­tät und die Bau­ge­schwin­dig­keit.

Zu den logis­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen gehört in dicht besie­del­ten Städ­ten wie Ber­lin das Mana­gen der letz­ten Mei­le. Wol­len Lie­fe­ran­ten ihre Waren pünkt­lich und zügig zum Kun­den brin­gen, brau­chen sie Park­raum. Wie die­ser effi­zi­ent gema­nagt wer­den kann, stell­te jüngst die spa­ni­sche Fir­ma ­Par­kun­load auch der IHK Ber­lin vor. Über eine App kön­nen die Fah­rer Slots in Lade­zo­nen, die mit intel­li­gen­ten Ver­kehrs­zei­chen aus­ge­stat­tet sind, reser­vie­ren. Über die­sel­be App kön­nen Park­raum­über­wa­cher die Lade­ge­ne­h­mi­gun­gen kon­trol­lie­ren. Dadurch erhal­ten die Städ­te zugleich gro­ße Daten­men­gen, anhand derer sie Eng­päs­se ana­ly­sie­ren kön­nen.

IHK-Ver­kehrs­ex­per­te Kaden sieht neue Belas­tun­gen kom­men: „Ber­lin steht vor einem Jahr­zehnt der Bau­stel­len. Vie­le Auto­bah­nen müs­sen kom­plett ersetzt wer­den, von Tegel über das Drei­eck Char­lot­ten­burg, die Rudolf-Wis­sell-Brü­cke bis zum Drei­eck Funk­turm wird alles erneu­ert und dafür über Jah­re der Ver­kehr ein­ge­schränkt. Wie die Logis­tik und die nöti­gen Bau­maß­nah­men ver­eint wer­den kön­nen, ist eine Kern­fra­ge für den Stadt­ver­kehr.“ Es wer­de nun dar­auf ankom­men, die Ver­kehrs- und Güter­strö­me so effi­zi­ent wie mög­lich zu steu­ern und durch geschick­te über­grei­fen­de Orga­ni­sa­ti­on alles Unnö­ti­ge zu ver­mei­den. „Dazu braucht es mög­lichst gute Daten bei den Dis­po­nen­ten genau­so wie bei den Ver­wal­tun­gen.“

Soll die Wirt­schaft auch in Zukunft mobil blei­ben, sind krea­ti­ve Lösun­gen gefragt – zeit­nah.

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