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Schwer­punkt

Klicks gegen die Krise

Berlins Zeitungsverlage kämpfen seit Jahren mit sinkenden Auflagen. Jetzt, in Zeiten von Corona, hat Journalismus Hochkonjunktur – vor allem online. Wie geht es danach weiter?
von Eli Hamacher Ausgabe 05/2020

Für den Journalismus ist die Krise auch eine Chance, wieder präsenter im Leben der Menschen zu sein
Für den Journalismus ist die Krise auch eine Chance, wieder präsenter im Leben der Menschen zu sein. Foto: Daniel Stolle
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Immer weniger Berliner lesen gedruckte Zeitungen. Die Online-Angebote sind jetzt gefragt.
  • Nach der Krise gilt es für die Zeitungsverlage, diesen Schwung mitzunehmen.

Am 2. März mel­det die „Ber­li­ner Mor­gen­post“ den ers­ten Coro­na-Fall in der Haupt­stadt. Nur acht Tage spä­ter sor­gen die Zei­tun­gen selbst für Schlag­zei­len. Beim „Tages­spie­gel“ hat sich der ers­te Mit­ar­bei­ter infi­ziert, zwei Tage danach folgt Axel Sprin­ger. Die Ver­la­ge reagie­ren umge­hend, schi­cken ihre Beleg­schaf­ten ins Home­of­fice. Die Blät­ter erschei­nen trotz­dem, zunächst sogar in gewohn­tem Umfang. Doch die Pan­de­mie trifft die Bran­che mit vol­ler Wucht. „Das Anzei­gen­ge­schäft ist ein­ge­bro­chen, wir haben zudem sofort alle Ver­an­stal­tun­gen und Leser­rei­sen abge­sagt“, sagt Ulri­ke Teschke, Geschäfts­füh­re­rin des „Tages­spie­gel“. Der Bun­des­ver­band Digi­tal­pu­blisher und Zei­tungs­ver­le­ger fürch­tet, dass das Anzei­gen­ge­schäft um bis zu 80 Pro­zent abstür­zen könn­te. Kurz dar­auf mel­den ers­te Ver­la­ge Kurz­ar­beit an, ein wei­te­rer Stel­len­ab­bau kün­digt sich an.

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Mas­siv gestie­ge­nes Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis 

Die Zei­tun­gen nut­zen der­weil das mas­siv gestie­ge­ne Infor­ma­ti­ons- und auch Unter­hal­tungs­be­dürf­nis, um ver­stärkt mit län­ger­fris­ti­gen kos­ten­lo­sen Lese­pro­ben für ihre E-Paper zu wer­ben. Online-News­mar­ken mel­den Rekor­de bei den Reich­wei­ten und tun eini­ges dafür. Seit Aus­bruch der Kri­se ver­sor­gen vie­le Titel ihre Leser mit kos­ten­lo­sen News­let­tern zur Coro­na­vi­rus-Lage, die „Ber­li­ner Mor­gen­post“ hält Abon­nen­ten mit Mut­mach-Pod­cast, Koch­re­zep­ten, Kin­der­sei­ten und Rät­seln bei Lau­ne und glänzt mit einer mehr­mals täg­lich aktua­li­sier­ten Info­gra­fik über die welt­wei­ten Coro­na-Fäl­le. Der „Tages­spie­gel“ besucht – natür­lich vir­tu­ell – die Ber­li­ner Fir­men­chefs im Home­of­fice und schaut, wie es so läuft. Die „taz“ glänzt wie so oft mit der frechs­ten Schlag­zei­le: „Mein Enkel ist ’ne alte Coro­na-Sau“. 

Das Virus trifft die Pres­se zu einem denk­bar schlech­ten Zeit­punkt. An gewal­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen man­gel­te es der Bran­che schon vor­her nicht. Wie es um die Zei­tungs­stadt Ber­lin steht, in der zahl­rei­che Top-Ver­la­ge zu Hau­se sind, ana­ly­sier­te der Krea­tiv­aus­schuss der IHK Ber­lin 2019 in einem Report, der die Stär­ken, Schwä­chen, Chan­cen und Risi­ken (SWOTs) der Krea­tiv­wirt­schaft unter die Lupe nahm, dar­un­ter auch die Ver­la­ge. Der stärks­te Wett­be­werbs­markt in Deutsch­land mit loka­len Abon­ne­ment­zei­tun­gen, loka­len Bou­le­vard­zei­tun­gen, Stadt­ma­ga­zi­nen und Wochen­blät­tern bie­te eine gro­ße jour­na­lis­ti­sche Viel­falt. Ver­la­ge sei­en ein wich­ti­ger und gro­ßer Arbeit­ge­ber, hät­ten mit den vie­len Neu-Ber­li­nern eine neue Ziel­grup­pe. Sie sei­en offen für inno­va­ti­ve Medi­en und wür­den in moder­ne Tech­ni­ken wie Redak­ti­ons­sys­te­me, News­rooms und digi­ta­le Stra­te­gi­en inves­tie­ren. Soweit die Stär­ken und Chan­cen. Die Kehr­sei­te des har­ten Wett­be­werbs: Preis­kämp­fe bei den Anzei­gen, gerin­ge Wirt­schaft­lich­keit der Ber­li­ner Print­me­di­en, Kon­kur­renz durch aus­schließ­lich digi­ta­le Medi­en, gefähr­de­te Arbeits­plät­ze, stei­gen­de Gewer­be­mie­ten, Ver­drän­gungs­wett­be­werb, und last but not least schließt die Lis­te der Schwä­chen und Risi­ken mit: Die Print­auf­la­gen sin­ken. Zwi­schen Ende 2000 und Ende 2019 sind die ver­kauf­ten Auf­la­gen (inklu­si­ve E-Paper) von „Bild Ber­lin-Bran­den­burg“, „B.Z.“, „Ber­li­ner Mor­gen­post“, „Tages­spie­gel“, „taz“, „Ber­li­ner Zei­tung“ und „Ber­li­ner Kurier“ um sat­te gut 634.000 auf nur noch gut 534.000 Exem­pla­re ein­ge­bro­chen. Im glei­chen Zeit­raum stieg aber die Zahl der Ein­woh­ner Ber­lins um fast 400.000 auf 3,38 Mil­lio­nen Men­schen. Mit wel­chen Geschäfts­mo­del­len ver­su­chen die Haupt­stadt­zei­tun­gen, in der Zukunft zu bestehen? Was waren die Mile­stones seit 2000? 

Am Abend des 11. März 2020 stuft die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on die Ver­brei­tung des ­Coro­na­vi­rus als Pan­de­mie ein. Seit­dem gilt: Die Lun­gen­krank­heit COVID-19 hat offi­zi­ell welt­wei­te Aus­wir­kun­gen. Am Mor­gen des­sel­ben Tages hat­te Mathi­as Döpf­ner, CEO der Axel Sprin­ger SE, in einer Tele­fon­kon­fe­renz mit Jour­na­lis­ten die 2019er-Zah­len erläu­tert und über sei­ne Plä­ne gespro­chen. Wie sich mit Jour­na­lis­mus online Umsatz machen lässt, das weiß kaum einer so gut wie der Mana­ger, der den Ver­lag seit 2002 als Vor­stands­vor­sit­zen­der durch die Zei­tungs­kri­se führt. Wäh­rend die regio­na­le Kon­kur­renz noch nach einer gewinn­brin­gen­den Digi­tal­stra­te­gie sucht, hat der heu­te 57-Jäh­ri­ge nicht lan­ge gefa­ckelt. Im Jahr 2013 kün­digt er den Ver­kauf der tra­di­ti­ons­rei­chen regio­na­len Tages­zei­tun­gen („Ber­li­ner Mor­gen­post“ und „Ham­bur­ger Abend­blatt“) an die Fun­ke Medi­en­grup­pe aus Essen an, weil sich der Kon­zern für die digi­ta­le Zukunft auf­stel­len wol­le.

Görge Timmer ist Geschäftsführer der Berliner Morgenpost GmbH
Gör­ge Tim­mer ist Geschäfts­füh­rer der Ber­li­ner Mor­gen­post GmbH. Seit 1898 gibt es die Tra­di­ti­ons­zei­tung, nach der „B.Z.“ die zweit­äl­tes­te in Ber­lin. 120 Jah­re nach der Grün­dung, 2018, wur­de Gör­ge ­Tim­mer Geschäfts­füh­rer der GmbH mit ihren heu­te 94 Mit­ar­bei­tern. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Digi­ta­ler Jour­na­lis­mus wird gepusht 

Gepusht wer­den seit­dem vor allem digi­ta­ler Jour­na­lis­mus und digi­ta­le Rubrik­an­ge­bo­te, etwa mit dem Immo­bi­li­en­por­tal Immo­net und dem Job­por­tal Step­stone. Finan­zi­el­le Rücken­de­ckung holt sich eine der größ­ten Ver­lags­grup­pen Euro­pas beim US-Inves­tor KKR, der im Som­mer 2019 bei dem Tra­di­ti­ons­haus ein­steigt und mitt­ler­wei­le knapp die Hälf­te der Antei­le hält. Zuvor hat­te sich Axel Sprin­ger mit 36 Pro­zent am neu­en Ber­li­ner Medi­en­un­ter­neh­men Media Pioneer von Gabor Stein­gart betei­ligt, dem umtrie­bi­gen Ex-Chef­re­dak­teur und Ex-Geschäfts­füh­rer des „Han­dels­blatt“, bei dem die­ser im Streit über den rich­ti­gen Kurs Anfang 2018 aus­ge­schie­den war. Stein­garts Mis­si­on: ein Medi­en­un­ter­neh­men neu­en Typs, zu dem unter ande­rem das ers­te Redak­ti­ons­schiff Deutsch­lands gehört, die „Pioneer One“, die künf­tig über die Spree schip­pern soll. 

In den nächs­ten drei Jah­ren wol­le Axel Sprin­ger, so Döpf­ner bei der Pres­se­kon­fe­renz, 100 Mio. Euro in digi­ta­le Wachs­tums­pro­jek­te bei „Bild“ und „Welt“ pum­pen, vor allem in Live-Bericht­erstat­tung, Paid Con­tent und Sport. „Bild“ bean­trag­te jüngst eine Rund­funk­li­zenz. Die digi­ta­len Rubrik­an­ge­bo­te von Step­stone und der Aviv Group (Immo­bi­li­en), die den neu­en Inves­tor KKR am meis­ten inter­es­sie­ren dürf­ten, ver­stärk­ten sich zuletzt durch Zukäu­fe. Schon 2019 tru­gen die digi­ta­len Medi­en gut 73 Pro­zent zum Kon­zern­um­satz von 3,1 Mrd. Euro bei, wobei das um Son­der­ef­fek­te berei­nig­te EBITDA (vor Zin­sen, Steu­ern und Abschrei­bun­gen) auf­grund von Inves­ti­tio­nen und Restruk­tu­rie­rungs­auf­wän­den, etwa für den Stel­len­ab­bau bei „Bild“ und „Welt“, um 14,5 Pro­zent auf 630,6 Mio. Euro schrumpf­te. Ob der Kon­zern künf­tig die Berei­che Jour­na­lis­mus und Rubrik­ge­schäf­te auf­spal­tet und Inter­es­se an der Klein­an­zei­gen­spar­te des Online­markt­plat­zes Ebay hat, ließ der CEO offen. Fest steht, dass sich Axel Sprin­ger nach 35 Jah­ren vom Kapi­tal­markt ver­ab­schie­det hat und künf­tig unbe­ob­ach­tet von der Bör­se sei­ne Stra­te­gie umsetzt. 

Jour­na­lis­ten wie Döpf­ner haben ihre Zei­tungs­kar­rie­re zu einer Zeit begon­nen, als tags­über recher­chiert, spät­abends gedruckt und in den frü­hen Mor­gen­stun­den aus­ge­lie­fert wur­de. Für die Recher­che brach­ten Boten schwe­re Map­pen mit auf­ge­kleb­ten Arti­keln aus diver­sen Zei­tun­gen, die Redak­teu­re besuch­ten Pres­se­kon­fe­ren­zen, grif­fen zum Tele­fon und hat­ten bis 1997 – kein Goog­le. Und dann kam das Inter­net mit vol­ler Wucht. 1996 etwa star­te­te „Bild“ sein Online-Ange­bot, 2010 brach­te Axel Sprin­ger die ers­ten Mar­ken auf das iPad. Mit kos­ten­lo­sem Con­tent locken die Ver­la­ge seit­dem ihre Leser ins Netz, die begeis­tert kli­cken. Dass die Gra­tis­men­ta­li­tät dem Gewinn nicht gut­tut, die Erkennt­nis kam spät. 

Schon zuvor hat­ten zwei his­to­ri­sche Ereig­nis­se in Ber­lin Hoff­nun­gen geweckt und nicht erfüllt: der Mau­er­fall 1989 und der Regie­rungs­um­zug zehn Jah­re spä­ter. Hat­ten die West-Ber­li­ner Ver­la­ge nach dem Mau­er­fall zunächst auf ein auto­ma­tisch ver­grö­ßer­tes Ver­brei­tungs­ge­biet gehofft und vor allem die „Ber­li­ner Mor­gen­post“ und die „B.Z.“ vor­über­ge­hend von stei­gen­den Ver­käu­fen pro­fi­tiert, zeig­te sich schnell: Die West-Ber­li­ner Pres­se lasen vor allem West-Ber­li­ner, und die Ost-Ber­li­ner Titel ver­kauf­ten sich über­wie­gend im Osten. Mit der Tal­fahrt der Auf­la­gen setz­ten die Her­aus­ge­ber auf ähn­li­che Stra­te­gi­en: Sie leg­ten Redak­tio­nen zusam­men, bau­ten Stel­len ab, unter­zo­gen die Blät­ter immer wie­der einem Relaunch des Relaun­ches, star­te­ten teu­re Mar­ke­ting­ak­tio­nen, lie­fer­ten sich Preis­krie­ge um Anzei­gen­kun­den - und wech­sel­ten die Eigen­tü­mer, der Ber­li­ner Ver­lag gleich mehr­fach. 

Ulri­ke Teschke, Geschäfts­füh­re­rin beim „Tages­spie­gel“ und zur­zeit wie so vie­le im Home­of­fice, erstellt Not­fall­plä­ne für Dru­cke­rei, Ver­trieb, IT, Redak­ti­on und hofft, so lan­ge wie mög­lich dru­cken zu kön­nen. Auch ohne Kri­se hät­te die Ver­lags­ma­na­ge­rin genug zu tun. Anders als Axel Sprin­ger, wo man nicht weni­ger als „Welt­markt­füh­rer im digi­ta­len Jour­na­lis­mus und digi­ta­len Rubri­ken­ge­schäft“ wer­den möch­te, beschrän­ken sich zwar die Ambi­tio­nen des „Tages­spie­gel“ auf die Markt­füh­rer­schaft als Regio­nal­zei­tung, wenn­gleich mit über­re­gio­na­lem Anspruch. Aber im wett­be­werbs­in­ten­si­ven Ber­li­ner Markt muss man Tem­po machen, um Ers­ter zu blei­ben.

Mathias Döpfner ist Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE
Mathi­as Döpf­ner ist Vor­stands­vor­sit­zen­der der Axel Sprin­ger SE. Seit 2002 lei­tet er das Medi­en­un­ter­neh­men, zu des­sen Port­fo­lio die Tages­zei­tun­gen „Bild“, „Welt“ und „B.Z.“ gehö­ren. Rund 5.600 der ins­ge­samt 16.000 ­Mit­ar­bei­ter sind am Kon­zern­sitz Ber­lin tätig. Foto: Bloom­berg via Get­ty Images

Ber­lins füh­ren­de Abon­ne­ment­zei­tung, die wie „Die Zeit“ und das „Han­dels­blatt“ zur Hol­ding der Die­ter von Holtz­brinck Medi­en in Stutt­gart gehört, ergänz­te den Zei­tungs­ti­tel um tagesspiegel.de, Ver­an­stal­tun­gen, Leser­rei­sen mit Redak­teu­ren, kos­ten­freie Bezirks-News­let­ter, kos­ten­pflich­ti­ge Bran­chen­diens­te (Tages­spie­gel Back­ground) zu den The­men Ener­gie & Kli­ma, Digi­ta­li­sie­rung & KI, Mobi­li­tät & Trans­port sowie seit die­sem Jahr Gesund­heit & E-Health, einen gro­ßen Online-Shop und die Check­point-Welt. Die star­te­te 2014 mit einem kos­ten­frei­en News­let­ter und wuchs nach und nach um einen Comic, eine Lauf- und eine Kino­grup­pe sowie Band und Live-Ver­an­stal­tun­gen. Wie die Kon­kur­renz ver­sucht sich auch der „Tages­spie­gel“ an der Pay­wall, etwa für die Voll­ver­si­on des Check­points.. 

Koope­ra­tio­nen im umkämpf­ten Markt 

Die „bes­te deut­sche Regio­nal­zei­tung“, wie der „Wirt­schafts­jour­na­list“ das Ber­li­ner Blatt kürz­lich lob­te, hält zwar tap­fer die Stel­lung, aber das Geld­ver­die­nen fällt auch ihr schwer. Und das zwingt zu unge­wöhn­li­chen Koope­ra­tio­nen. Im Janu­ar gaben „Tages­spie­gel“ und „Ber­li­ner Mor­gen­post“ bekannt, ab April bei Anzei­gen­ver­mark­tung und Ver­trieb gemein­sa­me Sache zu machen, um den Zei­tungs­markt zu sta­bi­li­sie­ren. Die Mor­gen­post-Ver­mark­tungs­toch­ter, die MCB Media Check­point Ber­lin GmbH, stellt den Ver­trieb ein. Seit 2017 sind sol­che ver­lags­wirt­schaft­li­chen Koope­ra­tio­nen mög­lich, ein Schritt, der für Teschke längst über­fäl­lig war, aber zuvor durch das Kar­tell­amt ver­hin­dert wur­de: „Das ist der rich­ti­ge Weg. Durch intel­li­gen­te Koope­ra­tio­nen kön­nen wir die redak­tio­nel­le Qua­li­tät und Unab­hän­gig­keit der Titel erhal­ten.“ 

Gör­ge Tim­mer, Geschäfts­füh­rer der Ber­li­ner Mor­gen­post GmbH, pen­delt seit Aus­bruch der Kri­se zwi­schen Home­of­fice und sei­nem Büro am Kur­fürs­ten­damm, wo das Tra­di­ti­ons­blatt seit dem Ver­kauf an die Fun­ke Medi­en­grup­pe im Jahr 2013 sitzt. Redak­ti­ons- und Kon­fe­renz­räu­me sind ver­waist. „Bin­nen drei Tagen arbei­te­ten fast alle Mit­ar­bei­ter von zu Hau­se aus. Die ,Ber­li­ner Mor­gen­post‘ erscheint trotz­dem. Auch die Zustel­lung läuft rei­bungs­los“, sagt der 54-Jäh­ri­ge, des­sen Zei­tung sich aktu­ell mit einer mehr­mals täg­lich aktua­li­sier­ten Info­gra­fik über die welt­wei­ten Coro­na-Fäl­le her­vor­tut. Mit 1,95 Mil­lio­nen Nut­zern in den ers­ten zehn März­ta­gen (plus 680 Pro­zent) kata­pul­tier­te sich morgenpost.de damit in die Top 20 der reich­wei­ten­stärks­ten Online-Nach­rich­ten­mar­ken. 

Sei­nen boden­stän­di­gen Anspruch hat der ehe­ma­li­ge Axel-Sprin­ger-Titel auch nach dem Eigen­tü­mer­wech­sel bei­be­hal­ten. „Wir kon­zen­trie­ren uns auf die zwölf Ber­li­ner Bezir­ke und die Regi­on. Das ist unser Feld“, beschreibt Tim­mer den Kern der Stra­te­gie. Ver­an­stal­tun­gen wie „Mor­gen­post vor Ort“, bei der sich Ent­schei­der aus Poli­tik und Wirt­schaft mit Lesern und Nicht-Lesern tref­fen, oder „Mor­gen­post Menü“ sol­len die Tra­di­ti­ons­mar­ke authen­tisch erleb­bar machen. Doch auch sie ver­liert bei Print immer stär­ker an Zug­kraft. Zwi­schen Ende 2000 und Ende 2019 schrumpf­te die ver­kauf­te Auf­la­ge um 60 Pro­zent auf gut 72.000 Exem­pla­re. Wäh­rend der „Tages­spie­gel“, der in der­sel­ben Zeit 22 Pro­zent bei der Auf­la­ge ein­büß­te, schon mehr als jede drit­te Zei­tung als E-Paper ver­kauft, sind es bei der „Ber­li­ner Mor­gen­post“ gera­de mal zwölf Pro­zent. „Wer heu­te Print liebt, tut sich sehr schwer, zum E-Paper zu wech­seln“, sagt Tim­mer. „Aber wir haben die­ses Pro­dukt mit sei­nem spe­zi­fi­schen, hohen Nutz­wert unver­än­dert im Fokus.“ 

Übers Fre­mi­um-Modell zur Pay­wall 

Wie die Kon­kur­renz macht der Ver­lag mit News­let­tern, Pod­casts und einem Online-Nach­rich­ten­por­tal sei­nen Lesern ein üppi­ges digi­ta­les Ange­bot. Und die Nut­zer zah­len dafür kei­nen Cent. Noch. Der Hin­ter­ge­dan­ke: Über das freie Ange­bot tas­ten sich die Ver­la­ge lang­sam zum soge­nann­ten Fre­mi­um-Ange­bot vor, sprich über alle Kanä­le lau­fen­de Nach­rich­ten blei­ben kos­ten­los, bei Kolum­nen oder exklu­si­ven Berich­ten aus den Bezir­ken senkt sich aber die Bezahl­schran­ke. „Die Tech­no­lo­gie ist da und funk­tio­niert schon bei ande­ren Blät­tern von Fun­ke gut“, sagt Tim­mer. Noch in die­sem Jahr kom­me die Pay­wall. Tim­mer ist fest davon über­zeugt, „die hoch­wer­ti­gen und uni­quen Inhal­te in naher Zukunft auch digi­tal mone­ta­ri­sie­ren und so unser Geschäfts­mo­dell erfolg­reich trans­for­mie­ren zu kön­nen“.

Ulrike Teschke ist Geschäftsführerin des Verlags der Tagesspiegel GmbH
Ulri­ke Teschke ist Geschäfts­füh­re­rin des Ver­lags der Tages­spie­gel GmbH. 2017 trat sie ihren Pos­ten in Ber­lin an, zuvor war sie 19 Jah­re lang Kauf­män­ni­sche ­Lei­te­rin bei der Wochen­zei­tung „Die Zeit“ in Ham­burg. 500 Mit­ar­bei­ter zählt der Ver­lag, davon 180 Redak­teu­re. Foto: Andre­as Labes

Andre­as Bull, Geschäfts­füh­ren­der Vor­stand bei der taz, die tages­zei­tung Ver­lags­ge­nos­sen­schaft eG, hält mit weni­gen Kol­le­gen im Ver­lags­haus an der Fried­rich­stra­ße die Stel­lung. Das Inter­view muss wegen COVID-19 im Frei­en statt­fin­den. Wäh­rend die Haupt­stadt-Kon­kur­renz noch mit dem Abschied von Print hadert, treibt die links-alter­na­ti­ve Tages­zei­tung die Digi­ta­li­sie­rung vor­an. „Vor zehn Jah­ren haben wir vor­her­ge­sagt, dass es 2020 kei­ne Print­aus­ga­be mehr gibt“, erin­nert sich Bull. Noch lau­fen zwar die Pres­sen in den bun­des­weit drei Dru­cke­rei­en. In zwei Jah­ren wer­de unter der Woche aber wahr­schein­lich nur noch ein E-Paper ver­schickt und ledig­lich am Wochen­en­de auch eine Print­aus­ga­be. Bei der Trans­for­ma­ti­on von Print zu Digi­tal setzt die „taz“ ähn­lich wie der bri­ti­sche „Guar­di­an“ auf ein frei­wil­li­ges Bezahl­mo­dell mit dem Namen „taz zahl ich“. Gut 20.000 Nut­zer zah­len regel­mä­ßig min­des­tens fünf Euro für das digi­ta­le Ange­bot. 

Um die Digi­ta­li­sie­rung vor­an­zu­trei­ben, hol­te der als Genos­sen­schaft geführ­te Ver­lag die IT-Mana­ge­rin Ali­ne Lüll­mann zurück, die schon frü­her die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on beglei­tet hat und im Juni in die Geschäfts­füh­rung auf­rü­cken wird. „Wir müs­sen gleich­zei­tig unse­re Leser-Com­mu­ni­ty erwei­tern“, unter­streicht Bull. Die „taz“ habe des­halb Ende 2019 einen Kli­ma-Hub mit jün­ge­ren Autoren gegrün­det, die eine Brü­cke zu der jün­ge­ren Ziel­grup­pe schla­gen sol­len, die sich zum Bei­spiel bei Fri­days for Future for­miert hat. 

Ruhig ist es seit Aus­bruch der Coro­na­kri­se um den Ber­li­ner Ver­lag gewor­den. Zuvor hat­te der Her­aus­ge­ber von „Ber­li­ner Zei­tung“ und dem Bou­le­vard­blatt „Ber­li­ner Kurier“ bei­na­he täg­lich Schlag­zei­len gelie­fert. Mit­te Sep­tem­ber 2019 stell­ten sich Hol­ger und Sil­ke Fried­rich in einer Betriebs­ver­samm­lung der Redak­ti­on über­ra­schend als neue Eigen­tü­mer vor. In der Medi­en­bran­che kann­te das Ehe­paar nie­mand. Bei­de stam­men wie ihr neu­er Ver­lag aus Ost-Ber­lin, er ist gelern­ter Werk­zeug­ma­cher, sie gelern­te Büro­kauf­frau. Er stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und Infor­ma­tik, grün­de­te ein High-Tech-Unter­neh­men, mach­te mit des­sen Ver­kauf an SAP Kas­se, arbei­te­te schließ­lich als Bera­ter bei McK­in­sey, sie lei­tet die Ber­lin Metro­po­li­tan School, an der das Ehe­paar betei­ligt ist.  

Nach jah­re­lan­gen Spar­run­den durch den vor­he­ri­gen Eigen­tü­mer, die Ver­lags­grup­pe DuMont, kamen die New­co­mer erst mal gut an. Die bei­den sei­en genau, was man sich gewünscht habe, sag­te Betriebs­rats­vor­sit­zen­der Fre­de­rik ­Bom­bosch nach der Betriebs­ver­samm­lung und lobt das tie­fe Tech­no­lo­gie­ver­ständ­nis des Ehe­paa­res. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Im Novem­ber wur­de bekannt, dass die neu­en Eigen­tü­mer Ein­fluss auf die redak­tio­nel­le Bericht­erstat­tung der „Ber­li­ner Zei­tung“ neh­men. Es erschien ein posi­ti­ver Bericht über eine Bio­tech­fir­ma, an der Hol­ger Fried­rich betei­ligt ist. Kurz dar­auf wur­de öffent­lich, dass Fried­rich in der End­pha­se der DDR als „IM Bern­stein“ für die Sta­si gear­bei­tet hat­te.  

Im Febru­ar ver­kün­de­te der Ver­lag, dass die bis­he­ri­gen Chef­re­dak­teu­re Jochen Arntz und Elmar Jehn das Unter­neh­men ver­las­sen wür­den. Den neu­en Chef­re­dak­teur, ­Mat­thi­as Thie­me, hielt es gera­de mal drei Wochen auf sei­nem Pos­ten, dann kün­dig­te er. Anfang März ließ ­Hol­ger Fried­rich auf einem Exper­ten­fo­rum in Ber­lin wis­sen: „Ich mache den Ber­li­ner Ver­lag als Hob­by“ und kri­ti­sier­te über­al­te­te Denk­struk­tu­ren in der Bran­che. Bei dem Ver­lag will Fried­rich eine neue IT-Archi­tek­tur auf­bau­en und sämt­li­che Pro­jek­te mit Cloud-Diens­ten ver­net­zen, um so lau­fen­de IT-Kos­ten kurz­fris­tig um gut 70 Pro­zent zu sen­ken. Zwi­schen Ende 2000 und Ende 2019 war die ver­kauf­te Auf­la­ge von „Ber­li­ner Zei­tung“ und „Ber­li­ner Kurier“ um je 60 Pro­zent abge­stürzt. . 

Für die Ver­la­ge wird es jetzt noch schwie­ri­ger. Ent­schei­dend in den nächs­ten Jah­ren wird sein, ob es ihnen gelingt, die zusätz­li­chen Leser, die sich wäh­rend der Coro­na-Kri­se lie­ber auf die eta­blier­ten Medi­en ver­las­sen, auch in den Zei­ten danach zu hal­ten und – bes­ser noch – sie zu zah­len­den Abon­nen­ten zu machen. 

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