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Unternehmer in der Hauptstadt setzen große Erwartungen in den Flughafen BER. Er soll das internationale Geschäft beflügeln – und die Vermarktung des Wirtschaftsstandorts.
von Eli Hamacher Ausgabe 10/2020

Neue Visitenkarte der Hauptstadtregion: So empfängt das Terminal des BER die Passagiere
Neue Visitenkarte der Hauptstadtregion: So empfängt das Terminal des BER die Passagiere. Foto: Günter Wicker
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  • Der BER bringt Wachstum, aber auch neue Herausforderungen.
  • Die IHK fürchtet den Verkehrskollaps und fordert ein umfassendes Konzept.

Für den Taxi­fah­rer war es die ers­te Fahrt von Ber­lin nach Schö­ne­feld seit April. Natür­lich habe er sich über den lukra­ti­ven Auf­trag gefreut, sagt der Ber­li­ner, der dem neu­en Groß­flug­ha­fen aller­dings so gar nichts abge­win­nen kann: „Ich hof­fe, dass es nicht klappt.“ Tegel sei per­fekt erreich­bar, bei Stau kön­ne man über diver­se Rou­ten aus­wei­chen. „Zum BER führt nur die A100. Ist die voll, haben Sie Pech.“ Auch um sei­ne Umsät­ze fürch­tet der Taxi­fah­rer. 25 Euro nach Tegel könn­ten sich vie­le leis­ten, 45 Euro nach Schö­ne­feld schon deut­lich weni­ger. Ein­zi­ger Licht­blick: Nach acht Jah­ren Streit wur­de Mit­te Sep­tem­ber ver­ein­bart, dass auch Ber­li­ner Taxen am BER Fahr­gäs­te auf­neh­men dür­fen.

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Air­lines und natür­lich die Flug­ha­fen­ge­sell­schaft, allen vor­an ihr Chef Engel­bert Lüt­ke ­Dal­drup, seit 2017 im Amt, kön­nen es hin­ge­gen kaum erwar­ten. „Nach mensch­li­chem Ermes­sen dürf­te jetzt nichts mehr schief­ge­hen“, sagt Lüt­ke Dal­drup im Inter­view mit der Ber­li­ner Wirt­schaft (sie­he Sei­te 30). Nach fast 14 Jah­ren tur­bu­len­ter Bau­zeit mit Pla­nungs­feh­lern, Bau­män­geln, lang­wie­ri­gen Sanie­run­gen und Chef­wech­seln soll der neue Groß­flug­ha­fen – offi­zi­ell: Flug­ha­fen ­Ber­lin Bran­den­burg Wil­ly Brandt, bes­ser bekannt unter sei­nem offi­zi­el­len IATA-Code BER – an den Start gehen.

Bis zuletzt bleibt es span­nend. Im April 2020 ließ Lüt­ke Dal­drup zwar wis­sen: „Die Inbe­trieb­nah­me des BER war noch nie so sicher.“ Schon da hat­te aber der Coro­na-Lock­down die Stadt fest im Griff. Man blieb zu Hau­se, nie­mand flog. Ob Ber­lins neu­er Air­port tat­säch­lich mit fast neun Jah­ren Ver­spä­tung und ins­ge­samt sie­ben Ver­schie­bun­gen von Eröff­nungs­ter­mi­nen aus­ge­rech­net in der seit dem Zwei­ten Welt­krieg schlimms­ten Kri­se der Luft­fahrt an den Start geht, dar­über wur­de bis zuletzt hef­tig spe­ku­liert. 

Trotz Plei­ten, Pech und Pan­nen, resü­mier­te die „Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung“ nach einer ers­ten Besich­ti­gung Ende Juli: „Es stimmt, dass in Chi­na oder Istan­bul weit grö­ße­re Air­ports in vier Jah­ren aus der Erde gestampft wur­den, aber die Ergeb­nis­se sind mit dem BER nicht zu ver­glei­chen. Bei allem Spott: Ber­lins neu­er Flug­ha­fen ist eine per­fekt kon­zi­pier­te, per­fekt kon­stru­ier­te Maschi­ne.“ Was bedeu­tet der neue Groß­flug­ha­fen für die Regi­on und die Unter­neh­men? Wo hakt es? Wel­che Poten­zia­le sehen Wirt­schaft, Wirt­schafts­för­de­rer und Wis­sen­schaft­ler? 

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BER ermög­licht Wachs­tum 

Gefahr im Ver­zug war alle­mal. „An den bis­he­ri­gen Stand­or­ten Tegel und Schö­ne­feld ist fak­tisch kein Wachs­tum und damit auch kei­ne Ver­bes­se­rung der inter­na­tio­na­len Mobi­li­tät mehr mög­lich“, heißt es in einer Stu­die des Leip­zi­ger For­schungs- und Bera­tungs­un­ter­neh­mens Cono­scope und des Kowid Kom­pe­tenz­zen­trums für öffent­li­che Wirt­schaft, Infra­struk­tur und Daseins­vor­sor­ge im Auf­trag der Flug­ha­fen­ge­sell­schaft, die 2019 vor­ge­legt wur­de. Im ver­gan­ge­nen Jahr waren 35,6 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re von TXL und SXF in die Feri­en oder auf Geschäfts­rei­sen geflo­gen bzw. hier gelan­det. Für das Jahr 2035 rech­ne­te man am BER, dem dann dritt­größ­ten deut­schen Flug­ha­fen, der zum Start eine Gesamt­ka­pa­zi­tät von 46 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­ren hat, mit bereits 50 Mil­lio­nen Flug­gäs­ten.  

„Pro­gno­sen sind aktu­ell wegen Covid-19 natür­lich sehr schwie­rig“, räumt Cono­scope-Geschäfts­füh­rer und Stu­di­en­au­tor Tho­mas Lehr ein. Grund­sätz­lich kön­ne man jedoch sagen, dass jede Stel­le am Flug­ha­fen, also allen vor­an bei den Air­lines sowie War­tung, Tech­nik, Sicher­heits­diens­ten, der FBB und Einzelhändlern/Gastronomen eine wei­te­re Stel­le in der Regi­on Ber­lin-Bran­den­burg schaf­fe, etwa bei Rei­ni­gungs­diens­ten, Bau­ge­wer­be, ver­ar­bei­ten­dem Gewer­be und Unter­neh­mens­dienst­leis­tern. „Die von den Flug­ha­fen-Mit­ar­bei­tern ver­dien­ten Ein­kom­men flie­ßen zudem in den regio­na­len Wirt­schafts­kreis­lauf, wovon Han­del, Gas­tro­no­mie und Immo­bi­li­en­wirt­schaft pro­fi­tie­ren“, ergänzt Oli­ver Rott­mann, Vor­stand des Kowid an der Uni­ver­si­tät Leip­zig und Mit­au­tor der Stu­die. Mit jedem Euro an Wert­schöp­fung, der am Flug­ha­fen erzielt wer­de, sei des­halb ein wei­te­rer Euro ver­bun­den.

Susanne Henckel ist Geschäftsführerin beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg GmbH (VBB)
Susan­ne Henckel ist Geschäfts­füh­re­rin beim Ver­kehrs­ver­bund Ber­lin-Bran­den­burg GmbH (VBB). Zu den rund 40 Unter­neh­men des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs im VBB gehö­ren die DB Regio Nord­ost, die S-Bahn Ber­lin und die BVG. Über die Gro­ßen im Ver­bund ist der BER ans Bahn- und Bus­netz ange­schlos­sen. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Burk­hard Kie­ker unter­streicht die Bedeu­tung für das Tou­ris­mus- und Tagungs­ge­schäft. „Für jede füh­ren­de MICE-Desti­na­ti­on ist eine mög­lichst viel­fäl­ti­ge inter­na­tio­na­le Anbin­dung per Flug in der Ver­mark­tung und für den Erfolg von zen­tra­ler Bedeu­tung. Glei­ches gilt natür­lich auch für tou­ris­ti­sche Ver­net­zung. Der neue BER ermög­licht erst­mals auch Tran­sit­ver­keh­re, die in der bis­he­ri­gen Flug­ha­fen­struk­tur mit den Flug­hä­fen Tegel und Schö­ne­feld lei­der nicht dar­stell­bar waren“, sagt der Geschäfts­füh­rer von Visit­Ber­lin. Mit dem BER wer­de zudem eine direk­te Ver­bin­dung zum Netz­werk der Deut­schen Bahn direkt unter dem Haupt­ter­mi­nal her­ge­stellt und damit die inner­eu­ro­päi­sche Anbin­dung Ber­lins in Kom­bi­na­ti­on mit Flug­ver­keh­ren ver­bes­sert. Zum Wirt­schafts- kommt der Stand­ort­fak­tor. „Empi­risch zeigt sich ein enger Zusam­men­hang zwi­schen Inno­va­ti­on und Export bzw. inter­na­tio­na­ler Mobi­li­tät. Flug­hä­fen tra­gen zur Stei­ge­rung der Stand­ort­qua­li­tät für Ansied­lun­gen und Inves­ti­tio­nen bei“, so Cono- scope-Chef Lehr, der als ein ent­schei­den­des Plus des neu­en Stand­orts die Erreich­bar­keit des BER nennt. 

Die sieht Susan­ne Henckel als gege­ben an, wenn Pas­sa­gie­re mit den „Öffis“ anrei­sen wol­len, was laut Flug­ha­fen­chef Lüt­ke Dal­drup schon heu­te das bevor­zug­te Ver­kehrs­mit­tel ist. „Der ÖPNV aus Ber­lin und Bran­den­burg zum BER funk­tio­niert. Der BER wird aus allen Rich­tun­gen für Flug­gäs­te wie auch die Beschäf­tig­ten gut mit Bus­sen und Bah­nen erreich­bar sein“, unter­streicht die Geschäfts­füh­re­rin der VBB Ver­kehrs­ver­bund Ber­lin-Bran­den­burg GmbH und hebt die gleich­zei­tig im natio­na­len und inter­na­tio­na­len Ver­gleich güns­ti­gen Tari­fe her­vor (sie­he Kas­ten Sei­te 22).  

Noch wer­den bestehen­de Dop­pel­stock­wa­gen zum neu­en Flug­ha­fen­ex­press (FEX) auf­ge­mö­belt und neu lackiert, doch zum 1. Novem­ber sol­len sie pünkt­lich auf die Schie­ne gehen. Neben dem FEX sei der BER auch mit IC-, Regio­nal­ver­kehrs-, S-Bahn- und viel­fäl­ti­gen Bus­ver­bin­dun­gen direkt über die Bahn­hö­fe an Ter­mi­nal 1–2 bzw. Ter­mi­nal 5 an Ber­lin und das Umland ange­bun­den, so Henckel. Suk­zes­si­ve kom­men wei­te­re Ver­bin­dun­gen hin­zu. Nach dem Wie­der­auf­bau der 1875 erst­mals gestar­te­ten Dresd­ner Bahn schließ­lich könn­te der FEX dann durch den Süden Ber­lins ver­gleichs­wei­se direkt zum BER fah­ren, statt den Umweg über die Ber­li­ner Ring­bahn zu neh­men. „Von 2025 an soll sich die Fahrt­zeit von 30 auf rund 20 Minu­ten ver­rin­gern“, sagt die VBB-Che­fin. 

IHK warnt vor Ver­kehrs­kol­laps 

Der IHK Ber­lin geht das nicht weit genug. Von einem „pro­gram­mier­ten Stau“ warnt die Kam­mer, aus deren Sicht die Ver­kehrs­an­bin­dun­gen so schlecht sind, dass sie nach einer Ver­kehrs- und Eng­pas­s­ana­ly­se zur Ver­kehrs­in­fra­struk­tur im Flug­ha­fen­um­feld gleich zwölf For­de­run­gen in einem Papier zusam­men­stell­te. Eine der Kern­aus­sa­gen: „Ohne die Aus­wei­tung und Ver­bes­se­rung des ÖPNV wird die Fahrt zum Flug­ha­fen für man­che Gäs­te län­ger dau­ern als der Flug selbst“, moniert Jan Eder, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der IHK Ber­lin. Die U7 ist daher nach Ansicht der IHK Ber­lin drin­gend erfor­der­lich. Der ÖPNV müs­se zudem zwi­schen 3 und 4 Uhr den BER bedie­nen.

Claus Biernoth ist Vice President Sales and Marketing der First Sensor AG
Claus Bier­noth ist Vice Pre­si­dent Sales and Mar­ke­ting der First Sen­sor AG. Der Sen­so­rik-­Spe­zia­list mit Haup­t­­sitz in Ober­schö­ne­wei­de beschäf­tigt ins­ge­samt 1.000 Mit­ar­bei­ter, die Hälf­te davon in Ber­lin. Anfang des Jah­res wur­de der Zusam­men­schluss mit dem US-Kon­zern TE Con­nec­tivi­ty bekannt gege­ben. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Wei­te­re For­de­run­gen: Attrak­ti­ve Tarif­op­tio­nen wie ein 365-Euro-Ticket oder ein Kom­bi­ti­cket aus Flug und ÖPNV könn­ten dazu bei­tra­gen, dass mehr Pas­sa­gie­re zum Umstieg auf die Bahn bereit sei­en. Die Betriebs­sta­bi­li­tät müs­se durch Fahr­zeug- und Fah­rer­re­ser­ve sowie zusätz­li­che Abstel­lan­al­gen und Ein­setz­punk­te gestei­gert wer­den. „Aber auch bei der Stra­ßen­an­bin­dung zeigt sich, dass es nicht nur reicht, die Bau­maß­nah­men wie die Tan­gen­tia­le Ver­bin­dung Ost oder die Süd-Ost-Ver­bin­dung im Stadt­ent­wick­lungs­plan Ver­kehr nie­der­zu­schrei­ben, es braucht auch einen deut­lich stär­ke­ren Umset­zungs­wil­len durch den Senat.“ 

Auch die Zahl der inter­na­tio­na­len Direkt­ver­bin­dun­gen nennt Wis­sen­schaft­ler Lehr als ein Erfolgs­kri­te­ri­um für den BER. Wie wich­tig die­se sind, zeigt ein Bei­spiel aus der Wirt­schaft. In Ober­schö­ne­wei­de arbei­tet Claus Bier­noth. Rund 17 Kilo­me­ter muss der Vice Pre­si­dent Sales and Mar­ke­ting der First Sen­sor AG künf­tig zurück­le­gen, um den BER zu errei­chen. Des­sen Eröff­nung treibt den Mana­ger zwar deut­lich weni­ger um als ein ande­res Top-Ereig­nis. Und doch hän­gen das eine und das ande­re Event eng zusam­men. Im März die­ses Jah­res gab der Spe­zia­list für Sen­so­rik bekannt, dass der Weg frei sei für den Zusam­men­schluss mit der ame­ri­ka­ni­schen TE Con­nec­tivi­ty Ltd. mit welt­weit rund 80.000 Beschäf­tig­ten. Bei First Sen­sor sind es aktu­ell knapp 1.000, von denen 450 am Haupt­sitz sowie der Halb­lei­ter­pro­duk­ti­on in Ober­schö­ne­wei­de und am Packa­ging-Stand­ort in Wei­ßen­see opti­sche Sen­so­ren und Druck­sen­so­ren für natio­na­le und inter­na­tio­na­le Kun­den ent­wi­ckeln und pro­du­zie­ren. 

„Von neu­en Direkt­ver­bin­dun­gen wür­de der Wirt­schafts­stand­ort Ber­lin pro­fi­tie­ren, da bei Neu­an­sied­lun­gen oder Stand­orter­wei­te­run­gen künf­tig auch logis­ti­sche Grün­de für die Haupt­stadt spre­chen“, sagt Bier­noth. Gewin­nen wür­de dann auch der regio­na­le Arbeits­markt. Denn neben einem regel­mä­ßi­gen Kon­takt zu Kun­den sei für inter­na­tio­nal täti­ge Unter­neh­men wie First Sen­sor ein inten­si­ver Aus­tausch mit der welt­wei­ten Beleg­schaft uner­läss­lich. „Umso wich­ti­ger sind für uns Inter­kon­ti­nen­tal­flü­ge, mit denen uns unse­re Mit­ar­bei­ter, aber auch unse­re Kun­den und wir die High­tech-Hot­spots in Chi­na, Korea, Japan, aber auch Nord­ame­ri­ka direkt errei­chen kön­nen.“ Der Mana­ger ist über­zeugt: „Vie­le Beschäf­tig­te haben zwar gelernt, digi­tal bes­ser zusam­men­zu­ar­bei­ten, aber ohne den per­sön­li­chen Kon­takt geht es nicht, vor allem, wenn unter­schied­li­che Kul­tu­ren auf­ein­an­der tref­fen.“

Stephan Erler ist Deutschlandchef von Easyjet
Ste­phan Erler ist Deutsch­land­chef von Easy­jet. 35 Pro­zent Markt­an­teil ver­zeich­ne­te Easy­jet an den Flug­hä­fen Tegel und Schö­ne­feld zusam­men. Die Coro­na-Kri­se hat das Geschäft wie bei allen Air­lines mas­siv ein­bre­chen las­sen. Foto: Easy­jet

 Die Bedeu­tung von direk­ten Inter­kon­ti­nen­tal­flü­gen belegt auch eine im Mai 2019 ver­öf­fent­lich­te Umfra­ge der Initia­ti­ve für mehr Lang­stre­cken­ver­bin­dun­gen, die von den Top-Wirt­schafts­ver­bän­den und Ver­tre­tun­gen aus Ber­lin und Bran­den­burg getra­gen wird. Wich­tigs­tes Ergeb­nis: „Fast drei von vier befrag­ten Betrie­ben waren unzu­frie­den mit dem außer­eu­ro­päi­schen Flug­an­ge­bot ab Ber­lin-Bran­den­burg.“ Beson­ders gefragt: Ver­bin­dun­gen nach Asi­en und Nord­ame­ri­ka. 

Gate­way in Zen­tral­eu­ro­pa 

Doch solan­ge die Pan­de­mie die Welt in Atem hält, ist die Nach­fra­ge am Boden. „Es wer­den im Moment etwa 95 Pro­zent weni­ger Inter­kon­ti­nen­tal­stre­cken geflo­gen als vor Coro­na-Zei­ten“, sagt Lüt­ke Dal­drup. Für das Gesamt­jahr rech­net er an den Ber­li­ner Flug­hä­fen mit ins­ge­samt nur zehn Mil­lio­nen Pas­sa­gie­ren nach 35,6 Mil­lio­nen im Vor­jahr. Lang­fris­tig, glaubt Visit­Ber­lin-Chef Kie­ker jedoch, dass Ber­lin gute Chan­cen habe, sich mit dem BER als Gate­way in Zen­tral­eu­ro­pa neu zu posi­tio­nie­ren und auch neue, für das Tou­ris­mus-und Kon­gress­ge­schäft wich­ti­ge Lang­stre­cken­ver­bin­dun­gen zu akqui­rie­ren. 

Das Poten­zi­al des BER sieht auch Ste­fan Franz­ke, der Geschäfts­füh­rer von Ber­lin Part­ner. „Im Vor­feld sind bereits vie­le Immo­bi­li­en­pro­jek­te im soge­nann­ten Air­port-Kor­ri­dor zwi­schen BER und Ber­li­ner Haupt­bahn­hof ent­wi­ckelt wor­den. Zudem haben sich zahl­rei­che Unter­neh­men ange­sie­delt. Das wird nach der Eröff­nung noch zuneh­men“, ist der Ber­lin-Ver­mark­ter über­zeugt. Ins­be­son­de­re wer­den es Unter­neh­men der Gesund­heits­wirt­schaft, Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie, Verkehr/Mobilität/Logistik, Optik/Photonik, Indus­tri­el­ler Pro­duk­ti­on, Ener­gie­tech­nik und Dienst­leis­tungs­wirt­schaft sein.  

Pro­mi­nen­tes­tes jüngs­tes Bei­spiel ist die Ansied­lung des US-Auto­kon­zerns Tes­la, der in Grün­hei­de, rund 30 Kilo­me­ter öst­lich vom BER, auf einem 300 Hekt­ar gro­ßen Gelän­de für gut eine Mil­li­ar­de Euro sei­ne ers­te Fabrik in Euro­pa baut und 12.000 Men­schen beschäf­ti­gen will. Schon im Som­mer 2021 sol­len die ers­ten Elek­tro­fahr­zeu­ge vom Band rol­len. Eine Groß­in­ves­ti­ti­on, die wei­te­re nach sich zieht wie den US-Bat­te­rie­sys­tem­her­stel­ler Micro­vast, der in Lud­wigs­fel­de eine neue Fabrik baut und sei­ne Euro­pa­zen­tra­le von Frank­furt am Main nach Bran­den­burg ver­legt. Aber auch die Ankün­di­gung etwa des Immo­bi­li­en­un­ter­neh­mens Eye­ma­xx Real Esta­te Group zeigt, dass trotz Pan­de­mie wei­ter­hin gesucht und gebaut wird. Mit­te Juli hat­te das Unter­neh­men bekannt gege­ben, in Schö­ne­feld unweit des BER vom zwei­ten Quar­tal 2021 an 28.000 Qua­drat­me­ter Büro­flä­che errich­ten zu wol­len.  

Ansied­lun­gen, von denen auch Ber­lin pro­fi­tie­ren wird, etwa weil vie­le Beschäf­tig­te aus der Stadt kom­men wer­den. Klar ist aber auch: „Kein Unter­neh­men sie­delt sich nur wegen des Air­ports hier an“, räumt Franz­ke ein. Neben der Erreich­bar­keit des Flug­ha­fens zähl­ten auch die moder­ne Infra­struk­tur, die Nähe zu urba­nen Struk­tu­ren, Ver­füg­bar­keit von Talen­ten sowie die enge Ver­net­zung von Wirt­schaft und Wis­sen­schaft.

Volker Greiner ist Vice President North & Central Europe bei Emirates
Vol­ker Grei­ner ist Vice Pre­si­dent North & Cen­tral Euro­pe bei Emi­ra­tes. Die Air­line aus Dubai möch­te am BER star­ten und lan­den. Für vier Flug­hä­fen in Deutsch­land hat sie die Rech­te, um Ber­lin bemüht sie sich. Und das trotz Coro­na-Flau­te auch wei­ter­hin. Foto: Emi­ra­tes

Anders als vie­le Ber­li­ner, die Tegel gern als Air­port behal­ten hät­ten, sehen die von der Kri­se extrem gebeu­tel­ten Air­lines die vie­len Vor­zü­ge. Ste­phan Erler, Deutsch­land­chef von Easy­jet, will sei­ne Air­line auch am BER als Num­mer eins in Ber­lin und Bran­den­burg eta­blie­ren. Als der BER 2012 eröff­net wer­den soll­te, war der 34-Jäh­ri­ge schon dabei und hat „die­ses Mal ein signi­fi­kant bes­se­res Gefühl bei der all­ge­mei­nen Per­for­mance“. Der neue Flug­ha­fen bie­te deut­lich mehr Platz und damit mehr Kom­fort. Das Zusam­men­le­gen zwei­er Air­ports an einem neu­en Stand­ort erleich­te­re zudem enorm die Flug­plan­ge­stal­tung und den Ein­satz der Flug­zeu­ge. Hin­zu kom­me die deut­lich bes­se­re Ver­kehrs­an­bin­dung als in Tegel. „Das ist auf jeden Fall sehr gut für unse­ren Ver­trieb, sowohl bei Ankünf­ten als auch bei Abflü­gen.“ Deut­lich mehr Effi­zi­enz als bis­her erhofft sich die Air­line bei der Abfer­ti­gung und dem Be- und Ent­la­den des Gepäcks sowie an der Sicher­heits­kon­trol­le. „Das schau­en wir uns sehr genau an.“ 

Am liebs­ten wür­de Erler jetzt mit der Ver­mark­tung so rich­tig durch­star­ten. Doch wie vie­le Exper­ten glaubt auch der Easy­jet-Mana­ger nicht, dass sich Luft­fahrt und Tou­ris­mus vor 2023 oder 2024 voll erho­len. Zwölf Mil­lio­nen Flug­gäs­te flo­gen und lan­de­ten mit der bri­ti­schen Air­line 2019 in Tegel und Schö­ne­feld, was einem Markt­an­teil von rund 35 Pro­zent ent­spricht. 100 Desti­na­tio­nen in Euro­pa, Nord­afri­ka und Midd­le East hat­te der Low-cost-Car­ri­er, der vor drei Jah­ren einen gro­ßen Teil der insol­ven­ten Air Ber­lin über­nahm, vor Coro­na ange­flo­gen. „Vom 1. Novem­ber an wol­len wir 50 bis 75 Pro­zent davon wie­der bedie­nen“, sagt der Deutsch­land­chef, des­sen Flot­te drei Mona­te am Boden stand. Inwie­weit das gelingt, hängt nicht zuletzt von den meist extrem kurz­fris­ti­gen Rei­se­war­nun­gen ab, wie zuletzt für ganz Spa­ni­en. Fest steht: Das Rei­se­jahr wird ein schwar­zes, wor­auf auch die Bri­ten reagie­ren. Ein Teil der mehr als 1.500 Arbeits­plät­ze am Stand­ort Ber­lin-Bran­den­burg wer­de abge­baut, die Flot­te von 34 Jets deut­lich ver­klei­nert. 

Wie Erler ist Vol­ker Grei­ner vom gro­ßen Poten­zi­al des neu­en Flug­ha­fens fest über­zeugt. „Mit dem BER erhält Ber­lin die rich­ti­ge Flug­ha­fen­in­fra­struk­tur, die Ber­lin als Welt­stadt und Haupt­stadt Deutsch­lands braucht“, sagt der Emi­ra­tes Vice Pre­si­dent North & Cen­tral Euro­pe. Noch hofft die Air­line aus Dubai auf Start- und Lan­de­rech­te am BER. „Nach wir vor sind wir dar­an inter­es­siert, nach Ber­lin zu flie­gen, zusätz­lich zu den vier bestehen­den deut­schen Abflug­hä­fen. Wir glau­ben fest an das star­ke Poten­zi­al von Ber­lin als pro­fi­ta­bler inter­kon­ti­nen­ta­ler Markt, sobald sich die Luft­ver­kehrs­nach­fra­ge wie­der erholt hat.“ Vor allem für die Flug­gäs­te aus den Nahen und Mitt­le­ren Osten, aus Asi­en sowie Aus­tra­li­en sei Ber­lin ein beson­ders attrak­ti­ves Rei­se­ziel. Für die nähe­re Zukunft ist Erler vor­sich­tig opti­mis­tisch. Emi­ra­tes ver­zeich­ne bereits einen kon­ti­nu­ier­li­chen Anstieg an Buchun­gen. Im August habe man 50 Pro­zent der Stre­cken ange­flo­gen, die vor der Pan­de­mie im Flug­plan stan­den. Mit einem Nach­fra­ge­ni­veau wie vor der Kri­se rech­net er aller­dings frü­hes­tens im Jahr 2022. Bis dahin dürf­ten sich die Abläu­fe am BER ein­ge­spielt haben.  

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